Kapitel 32: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Jennys Rücken schmerzte von dem Holzstuhl, und sie hatte rote Streifen auf ihren Beinen, dort, wo die Sonne durch das Geländer schien. Sie hatte das Buch fertig gelesen und die letzten Stunden damit verbracht, die Tiere zu beobachten und den Weg der Sonne über den Himmel zu verfolgen. Im Moment hing sie über den Bergen und tauchte alles in ein warmes Abendlicht. Die Farm war so ruhig. Die Pferde bewegten sich beim Grasen gemächlich vorwärts, und ein paar Kühe schliefen auf der Wiese. Selbst die Hühner gluckten nur leise vor sich hin.
Sie hatte die Hühner so lange beobachtet, dass sie sie nach den Figuren aus Happy Days benannt hatte. Sie konnte die männlichen nicht von den weiblichen Hühnern unterscheiden, also nannte sie sie nach dem Zufallsprinzip Fonzie, Joanie, Richie, Potsie und Chachi. Ihr Lieblingshuhn war Fonzie mit den glänzenden schwarzen Federn.
Irgendwann war sie ins Haus geschlüpft, um auf die Toilette zu gehen, sich etwas zu trinken zu holen und die eingelegten Gurken zu essen, die sie im Kühlschrank entdeckt hatte, zusammen mit ein paar Löffeln Erdnussbutter. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie wusste, dass Alice und die anderen ebenfalls hungrig sein würden, aber sie wagte es nicht, die Klappe allein zu öffnen.
Sie überlegte, ob sie nach Simon sehen und ihm etwas zu essen bringen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Sie wollte nicht, dass er sauer wurde, weil sie ihren Wachposten verlassen hatte.
Bones lag auf einem schattigen Flecken auf dem Rasen. Wenigstens er hatte es bequem. Sie seufzte, streifte ihre Sandalen ab und schaukelte mit dem Stuhl. Ihre Lider waren schwer.
Ein leises Flattern in ihrem Bauch. Das Baby bewegte sich. Sie legte die flache Hand auf ihre Haut. Wie konnte es sein, dass man jemanden so sehr liebte, den man noch gar nicht kannte?
Doch so hatte sie nicht immer empfunden.
* * *
Sie hatte gedacht, sie hätte so etwas wie Grippe. Eine, bei der sie jeden Morgen ins Badezimmer rennen und sich übergeben musste. Beim Geruch von parfümiertem Haarspray, Seife oder Fleisch musste sie würgen. Ihre Regelblutung war noch nie regelmäßig gekommen, sodass es ihr im ersten Monat gar nicht auffiel, dass sie ausblieb. Aber dann verstrich ein weiterer Monat und dann noch einer. Sie stand vor dem Spiegel und betrachtete ihren Bauch, diese leichte Rundung, die vorher nicht da gewesen war. Ihre Brüste waren voller – und schmerzten.
Was sollte sie tun? Sie konnte es Simon nicht sagen. Noch nicht.
Zu Hause und in der Schule trug sie weit geschnittene Klamotten. Sie ließ den Hosenknopf auf und zog ihre Blusen und Shirts über den Bauch. Aber ihre Turnanzüge waren eng. Im Unterricht trug sie ihr Tutu hoch über der Hüfte und spannte die Bauchmuskeln an. Sie band sich die Brüste ab.
Könnte sie es bis zum Sommer verbergen? Würde sie trotzdem noch auf die Tanzakademie gehen können? Nein. Natürlich nicht. Aber sie konnte wenigstens darauf hoffen, die Schule zu beenden. Und dann? Sie hatte keine Ahnung. Sie wusste überhaupt nichts über Schwangerschaften. Ihr war schleierhaft, wie sie ausrechnen sollte, in welchem Monat sie war. Wenn sie zum Arzt ginge, würde er ihrer Mutter davon erzählen. Sie hoffte immer noch, dass sie sich irrte. Vielleicht war sie gar nicht schwanger. Oder sie könnte das Baby verlieren. So etwas kam vor.
Mitte Mai war das Spiel aus. Es war einer dieser launischen Frühlingstage, wenn die Sonne und die Wolken am Himmel um die Vorherrschaft kämpften. Sie saß an ihrem Frisiertisch und polierte ein wunderschönes Stück grünes Meerglas, das Simon ihr geschenkt hatte. Als sie es ins Licht hielt, musste sie an die grüne Flasche aus Alice im Wunderland denken. Wenn sie doch nur ein Schlückchen daraus trinken und schrumpfen könnte!
Sie sollte eigentlich trainieren, also trug sie ihren schwarzen Turnanzug. Doch der Ganzkörperspiegel verhöhnte sie. Komm, zeig mir dein Geheimnis. Vor mir kannst du dich nicht verstecken. Ihre Spitzenschuhe auf dem Boden lachten sie aus. Deine Füße tun weh. Du kannst dich nicht mehr drehen. Für dich ist es aus, dummes Mädchen.
Ein Klopfen an der Tür. Sie ließ das Glas klappernd ins Schmuckkästchen fallen und drehte sich im selben Moment auf ihrem Stuhl um, als ihre Mutter ins Zimmer platzte. Warum hatte sie sie nicht gehört? Sie trug immer Schuhe mit hohen Absätzen. Jennys Blick wanderte zu den Füßen ihrer Mutter. Nylonstrümpfe. Hatte sie versucht, Jenny zu überrumpeln? Ihre Mutter begrüßte sie nicht. Sie ging zum Spiegel, seufzte und glättete ihr Wickelkleid mit dem aufgedruckten Schwarz-Weiß-Muster über den Hüften.
»Du siehst wunderschön aus«, sagte Jenny.
Ihre Mutter beugte sich dichter an den Spiegel und wischte sich eine imaginäre Strähne von den Augen. Sie war beim Friseur gewesen. Ihr Haar glänzte platinfarben, die Augenbrauen formten zwei perfekte Bögen.
»Wohin geht ihr zum Abendessen?« Jenny hatte bereits gehört, wie Robert einen Tisch reserviert hatte, aber ihrer Mutter würde es gefallen, ihr davon zu erzählen.
»Zum neuen Fischrestaurant ein Stück die Küste hoch. Ein paar Frauen in meinem Aerobic-Kurs haben davon erzählt. Sie servieren angeblich vorzügliche Bouillabaisse.«
Jenny wusste nicht, was das war, doch sie versuchte, beeindruckt auszusehen. »Das klingt lecker.«
Ihre Mutter musterte sie mit schmalen Augen. »Du warst heute nachlässig.«
»Mir war etwas schwindelig. Aber jetzt geht’s wieder.« Sie benutzte ihr Halb-und-Halb-Lächeln. Das schien ihre Mutter am wenigsten zu verärgern.
Ihre Mutter kam näher und bemerkte das Kästchen mit den Gegenständen auf dem Frisiertisch. Sie strich mit den Fingerkuppen darüber. Glasstücke. Hübsche Steine. Muscheln. Federn. Simon hatte Jenny etwas Angelschnur geschenkt, ein paar funkelnde Köder, eine kleine Zange. Er hatte abgebrochene Bronze- und Messingstückchen von Booten aufbewahrt, Splitter von Teakholz. Sie liebte jedes Stück. Jenny bohrte ihre Fingernägel in den Handballen.
»Dein Abendessen steht im Kühlschrank.«
»Danke.« Ihre Mutter würde ihre Bouillabaisse genießen, während Jenny mit Salat, gedämpftem Huhn und, wenn sie Glück hatte, einer Portion Reis vorliebnehmen musste. Inzwischen war ihr nicht mehr jeden Morgen schlecht, stattdessen könnte sie immerzu essen, und sie war so müde, dass sie im Unterricht fast einschlief.
Ihre Mutter neigte den Kopf und musterte Jennys Gesicht erneut, als würde sie einen Unterschied bemerken, könnte ihn aber nicht benennen. Ihre Mutter betrachtete noch einmal ihre Schätze. Ihr Finger blieb an den Ködern hängen.
»Woher hast du die?«
»Vom Strand. Sie werden ständig angespült.« Sie hielt den Atem an. Hatte jemand sie mit Simon zusammen gesehen? Seit ihrer ersten Bootstour zu seiner Hütte fürchtete sie diesen Moment. Sie hatten am Holzofen gesessen, Hühnersuppe aus dem Topf gelöffelt und sich stundenlang unterhalten. Dabei hätte sie es belassen können, aber warum sollte sie? Da war jemand, der ihr zuhörte, der sie verstand. Sie versuchte, vorsichtig zu sein. Sie rief ihn nur am Jachthafen an, wenn sie allein war, und wenn sie mit dem Boot irgendwohin fuhren, trug sie seinen Regenmantel und einen Fischerhut. Simon war zweimal in ihrem Haus gewesen, als ihre Mutter und Robert nicht da waren, doch normalerweise trafen sie sich in Simons Wohnung. Sie schlich durch den Wald und dann die Hintertreppe hinauf, voller Angst vor seinem Vater. O Gott. Vielleicht hatte er es ihrer Mutter erzählt.
»Hm.« Ihre Mutter zog die Hand weg und drehte sich um, als wollte sie das Zimmer verlassen, dann blieb sie stehen. Sie starrte auf die Vorderseite von Jennys Turnanzug. »Was ist das?«
Jenny schaute nach unten. Sie sah ihren Fehler sofort, ihren schrecklichen Fehler. Der Ausschnitt ihres Turnanzugs war zur Seite gerutscht, und die Bandage, mit der sie ihre Brüste abband, hatte sich gelockert, sodass ein kleines beigefarbenes Stück hervorlugte. Ehe Jenny ihre Brust bedecken konnte, hatte ihre Mutter einen Zipfel der Bandage in der Hand und zog daran, wobei sie gleichzeitig Jenny vom Stuhl riss.
»Hör auf!« Jenny schlug die Hand ihrer Mutter weg. Sie standen sich gegenüber und starrten sich schwer atmend an. Jenny hatte ihre Mutter noch nie auf diese Weise angefasst.
Ihre Mutter riss Jenny den Turnanzug an beiden Seiten von den Schultern und entblößte Jennys abgebundene Brüste. Sie versuchte, sie zu bedecken, doch ihre Mutter zerrte mit zusammengepressten Lippen an der Bandage. Sie drehte Jenny herum, als wäre sie eine Schaufensterpuppe.
Dann war der Verband ab, und Jenny war wie gelähmt. Halb nackt, die Arme vor den Brüsten, stand sie da, und ihre Mutter hielt den Verband hoch und schüttelte ihn.
»Was ist das?«
»Nichts.« Es war die schlimmste Antwort, die sie hätte geben können. Denn sie und ihre Mutter wussten, dass es absolut nicht nichts war, und jetzt schleuderte ihre Mutter den Verband auch schon zur Seite. Während Jenny zusah, wie er durch die Luft segelte und auf ihrem Bett landete, vergrub ihre Mutter ihre bösartigen, rot lackierten Fingernägel in Jennys Unterarmen und riss ihre Arme weg. Jenny versuchte, sich zu wehren, doch ihre Mutter war größer, stärker und gemeiner. Schließlich stand Jenny mit vollkommen nackten Brüsten vor ihr.
Mit einer brutalen Bewegung zog ihre Mutter ihr den Turnanzug bis zur Hüfte herunter. Jenny versuchte nicht einmal, sich zu widersetzen, und dann hing der Anzug irgendwo zwischen ihren Pobacken und den Oberschenkeln.
Ihre Mutter starrte Jennys Bauch an. Sie packte sie an den Hüften und drehte sie zur Seite. Jennys Gesicht war heiß, Tränen brannten in ihren Augen und liefen ihr über die Wangen.
Unvermittelt ließ ihre Mutter los. Sie stürmte in Jennys Badezimmer. Während ihre Mutter die Schränke durchsuchte, zog Jenny schnell ihren Turnanzug wieder hoch. Ihre Mutter kontrollierte ihre Monatsbinden. Es war lange her, seit Jenny nach neuen Binden gefragt hatte.
Ihre Mutter kam aus dem Badezimmer und zielte mit dem Finger auf Jenny.
»Du bist schwanger«, kreischte sie. In diesem Moment sah sie hässlich aus. Ihr Lippenstift war verschmiert. Der Mund und das ganze Gesicht waren verzerrt, ihr Blick wild. »Es ist dieser Junge, oder? Dieser Fischer.«
Sie lief zu Jennys Frisierkommode und deutete auf ihre Angelköder und Muscheln. »Was soll das? Du wirfst deine Zukunft für einen Jungen weg, der dir Müll schenkt?« Ihre Mom hob das Schmuckkästchen hoch.
»Nein! Tu das nicht!« Doch ihre Mutter hatte die Balkontür bereits geöffnet und ging hinaus.
Jenny rannte ihr nach und packte ihren Arm. Ihre Mutter riss sich los und schlug Jenny mit dem Unterarm ins Gesicht. Jenny schmeckte Blut. Ihre Lippe war aufgeplatzt. Sie saugte an ihrem schmerzenden Mund und weinte, als ihre Mutter ihre Schätze über das Geländer ins Unterholz darunter schleuderte.
Ihre Mutter wirbelte herum. Die Wolken hatten die Schlacht gewonnen, und Regen prasselte auf sie herab. Das Haar ihrer Mutter hing schlaff herunter, die Wimperntusche lief ihr in schwarzen Rinnsalen über die Wange.
»Wie konntest du mir das antun!«, schrie ihre Mutter.
»Es tut mir leid. Ich …«
»Raus hier.«
»Wie bitte?«
»Raus aus meinem Haus!« Ihre Mutter stieß Jenny energisch zurück in ihr Zimmer. Dann wandte sie sich ab und zog Jennys einzigen Koffer aus dem Schrank. Sie riss eine Handvoll Kleidung aus Jennys Schubladen und stopfte alles in den Koffer.
Jenny brachte kein Wort heraus. Sie konnte sich nicht bewegen, konnte nur zusehen. Würde ihre Mutter sie irgendwo hinbringen? Jenny stellte sich ein Heim für unverheiratete Mütter vor. Sie wurde verbannt. Jetzt war ihre Mutter im Badezimmer, raffte ihre Hygieneartikel zusammen und warf sie ebenfalls in den Koffer.
»Isabelle, was ist denn los?« Robert stand in der Tür und band seine Krawatte. Sein schwarzes, glatt gekämmtes Haar glänzte. Er schaute an ihnen vorbei zum Koffer auf dem Bett.
»Sie ist schwanger!«
Robert ließ seine Krawatte los. Er starrte Jenny an, musterte ihr Gesicht und ließ den Blick zu ihrem Bauch wandern.
Jenny konnte kaum atmen. Schluchzer schüttelten ihren Körper.
Ihre Mutter hatte Jennys Schubladen ausgeleert. Sie drückte auf den Kofferdeckel und zog den Reißverschluss zu.
»Isabelle, du handelst übereilt«, sagte Robert.
Ihre Mutter riss den Kopf hoch, ihr Haar flog in alle Richtungen. »Tue ich das? Meine undankbare Tochter hat klargemacht, dass sie dieses wunderschöne Leben nicht will.« Sie fuchtelte im Zimmer herum. »Sie möchte lieber am Hafen wohnen und Fische ausnehmen.« Sie drehte sich wieder zu Jenny um. »Du dummes, dummes Mädchen. Dieser Junge wird ein Trinker, genau wie sein Vater.«
Jenny dachte flüchtig, dass ihre Mutter nicht so wütend über ihre Schwangerschaft wäre, wenn sie den Vater für respektabler halten würde. Wenn er reich wäre.
Ihre Mutter zerrte den Koffer vom Bett und stieß Jenny zur Tür.
»Wo bringst du mich hin?«
Ihre Mutter lachte. »Dich hinbringen? O nein, Schätzchen. Ich setze dich vor die Tür.«
Robert wich in den Flur zurück. Er stand einfach nur da und sah zu.
Flehend schaute Jenny zu ihm hoch, doch sein Blick bat um Entschuldigung.
»Du kannst deine restlichen Sachen später abholen«, sagte er. »Oder wir können sie dir zuschicken.«
Er klang, als sei das alles geplant gewesen. Als würde sie eine Reise machen. Es klang so normal, dass sie einfach aus ihrem Zimmer ging und die Treppe hinunterstieg. Ihre Mutter war schon im Foyer und hielt die Haustür auf. Jennys Koffer stand bereits draußen im Regen.
»Mom, ich …«
»Ich will es nicht hören.« Mit hochgerecktem Kinn starrte ihre Mutter ins Wohnzimmer.
Jenny schaute auf ihre Schuhe, die aufgereiht unter der Bank im Foyer standen. Sie trug immer noch ihre Ballettstrumpfhose, sodass sie ihre regenbogenfarbenen Lieblingszehensandalen nicht anziehen konnte. Sie schlüpfte in ihre Adidas-Turnschuhe und nahm ihre Sandalen und ein Paar flache Schuhe in die Hand. Sie nahm ihre Häkeltasche von der Garderobe, jene Tasche, die Hannah für sie gemacht hatte, und dazu ihre Jeansjacke, aber mit den Schuhen in den Händen konnte sie sie nicht anziehen. Sie umklammerte alles mit beiden Armen.
»Herrgott noch mal, verschwinde endlich aus meinem Haus!« Ihre Mutter packte sie so fest am Handgelenk, dass sie einen blauen Fleck davon bekommen würde, zerrte Jenny zur Tür und stieß sie hinaus in den Regen.
Die Tür knallte hinter ihr zu.
Jenny suchte ihre Sachen zusammen, dann ging sie um das Haus herum, um nach ihren Schätzen zu suchen, doch in dem dichten Unterholz, das den Boden bedeckte, konnte sie nichts finden.
Sie nahm den Weg durch den Wald zum Jachthafen und stieg die Hintertreppe zu Simons Wohnung hoch, während sie den Koffer hinter sich her zog. Erst die eine, dann die andere Sandale fielen durch die Spalten zwischen den Stufen. Sie fiel, schrammte sich das Knie auf und zog sich wieder hoch.
Simon öffnete die Tür und schaltete das Licht an. Seine Augen wurden groß, als er Jenny sah, nass und zitternd in ihrem Turnanzug, den durchnässten Koffer zu ihren Füßen und mit einer blutenden Lippe.
»Scheiße, Jenny! Was ist passiert?« Er winkte sie herein und nahm ihren Koffer. Sie hatte überlegt, wie sie es ihm erzählen sollte. Sie wollte das Gespräch ganz behutsam darauf bringen. Vielleicht bis zum Morgen warten. Doch kaum sah sie in seine braunen Augen, die sie voller Sorge musterten, platzten die Worte aus ihr heraus.
»Ich bin schwanger.«
Er ließ den Koffer fallen und starrte sie an. Sie wartete auf Fragen, aber er blieb stumm. Sie überlegte, ob sie gehen sollte. Dann trat er vor und zog sie für eine Umarmung an sich.
»Alles wird gut«, flüsterte er. »Wir schaffen das.«
Lautes Gegacker riss Jenny aus ihren Erinnerungen. Zwei Hühner hackten flügelschlagend aufeinander ein. Ein größeres Huhn jagte sie auseinander.
Ihr Magen knurrte. Sie konnte nicht länger warten. Sie musste sich noch mehr zu essen holen. Sie stand auf, streckte die Arme über den Kopf und rieb sich den unteren Rücken.
Dann erstarrte sie.
Was war das für ein Krach? Sie sah sich um. Rasenmäher? Motorrad? Sie blickte zu Bones im Gras. Er hatte sich nicht bewegt. Der Krach wurde lauter.
Bones hob den Kopf und drehte sich auf die Seite. Er schaute in Richtung Straße. Vielleicht fuhr jemand vorbei. Sie hielt den Atem an.
Bones begann in dem Moment zu bellen, in dem sie die Staubwolke sah.
Die Nachbarin. Sie musste zurückgekommen sein. Jenny schnappte sich das Gewehr, rannte ins Haus und versperrte die Tür hinter sich. Bones draußen bellte immer lauter und hektischer.
Sie raste durch die Küche, riss die Hintertür auf und rannte fast in Simon hinein, der ihre Arme festhielt und verhinderte, dass sie beide umfielen.
»Die Nachbarin!«, schrie sie. »Sie ist zurückgekommen.«
»Scheiße.« Er lief zum rechten Wohnzimmerfenster, die Pistole in der Hand, und Jenny folgte ihm mit dem Gewehr. Er drückte seine Schulter an die Wand, schob einen Finger hinter den Vorhang und spähte durch den schmalen Spalt. Sie presste sich mit flachem Rücken neben ihm an die Wand.
Zu Bones’ Bellen hörte sie jetzt einen Motor näher kommen. Er klang anders an der vom Truck. Nicht so laut und so dröhnend.
Der Motor erstarb. Der Wagen parkte vor dem Haus.
Simon riss die Hand vom Vorhang zurück und drehte sich um, sodass sie Schulter an Schulter standen. Mit großen Augen sah er sie an, den Mund geöffnet.
»Es sind die Bullen«, flüsterte er.