Kapitel 33: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Autotüren wurden zugeknallt.
Dann eine tiefe Männerstimme. »Bones. Wie geht’s, alter Knabe?« Bones’ Gebell wechselte zu aufgeregtem Winseln.
Simon hob zwei Finger und flüsterte ihr zu: »Zwei.« Er ging in die Hocke und zog sie mit sich. Vielleicht sollten sie sich hinter irgendetwas verstecken. Sie deutete auf einen Lehnsessel.
»Beweg dich nicht«, wisperte er, die Lippen dicht an ihrem Ohr.
Sie nickte und drückte ihre Stirn an die heiße Haut seiner Schulter. Ihre Beine fühlten sich weich und wackelig an, als hätten sich sämtliche Muskeln verflüssigt. Sie hielt das Gewehr mit dem Schaft auf dem Boden, damit sie mit seiner Hilfe das Gleichgewicht halten konnte. Simon schaute zur Tür.
Männerstimmen, die sich unterhielten. Die näher kamen. Schwere Schritte auf der Veranda. Bones’ Halsband klirrte, als er herumsprang und immer noch glücklich fiepte. Jenny zitterte inzwischen am ganzen Körper. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, die Muskeln anzuspannen.
Zweimaliges Klopfen an der Tür. Jenny zuckte zusammen und stieß gegen Simon.
»Ruth? William? Hier sind Constable Jack und Constable St. Pierre. Donna bat mich, bei euch vorbeizuschauen, um mich zu vergewissern, dass bei euch alles in Ordnung ist.«
Blut rauschte in Jennys Ohren. Jetzt war es so weit. Sie würden verhaftet werden.
»Ich sehe sie auch nicht draußen auf den Feldern.« Diese Stimme war jünger und hatte einen frankokanadischen Akzent. »Soll ich mich mal im Stall umschauen?«
»Gib ihnen noch etwas Zeit, um an die Tür zu kommen.«
Weiteres Klopfen, Schritte. Jenny konnte nicht sagen, wer sich bewegte.
»Siehst du jemanden?« Wieder die ältere Stimme. Spähte der jüngere Cop durchs Fenster? Er könnte ganz nah sein. Simon hatte den rechten Arm angewinkelt, mit der Pistole an der Wand. Jenny sah plötzlich ein Bild vor sich, wie er sich umdrehte, aufsprang und durch das Glas schoss.
»Durch die Vorhänge kann ich nichts erkennen.« Die Schritte entfernten sich.
»Donna reißt mir den Kopf ab, wenn ich mich nicht mit eigenen Augen davon überzeuge, dass es ihnen gut geht.«
»Deine Frau macht sich wohl große Sorgen?«
»Wir haben noch nie erlebt, dass Ruth einen Bauernmarkt ausfallen lässt. Sie gewinnt jedes Jahr den ersten Platz für ihren Kuchen.«
Jenny sah Simon an. Ruth hatte nicht erwähnt, dass Donna mit einem Cop verheiratet war. Sie hatte auch nichts davon erzählt, dass sie Auszeichnungen gewonnen hatte.
Erneutes Klopfen. Lauter diesmal.
Jenny bohrte die Fingernägel in ihren Handballen. Bitte, bitte, gehen Sie einfach weg.
»Wir sollten besser im Haus nachsehen. Irgendetwas stimmt hier nicht.« Es klapperte, als jemand am Türknauf drehte. »Hm. Abgeschlossen. Der Schlüssel liegt hier vermutlich irgendwo. Sieh mal unter den Blumentöpfen nach.«
Nein, nein, nein. Sie durften nicht hereinkommen.
Simon hechtete zum Lehnsessel und winkte Jenny, ihm zu folgen. Sie drängten sich hinter dem Sessel zusammen, aber er war nicht breit genug für sie beide. Sie hielt das Gewehr immer noch mit dem Schaft nach unten und klammerte sich am Lauf fest.
Simon schaute seitlich am Sessel vorbei und dann wieder zu Jenny. »Es ist zu eng. Ich gehe zum anderen Fenster«, flüsterte er.
Ehe sie die Chance hatte zu begreifen, was er meinte, kroch er davon. Sie rutschte an seinen Platz und beobachtete, wie er sich an der Haustür vorbeischob. Dann war er unter dem anderen Fenster.
Hinter dem Sessel fühlte sie sich ungeschützt. Selbst ohne Simon war er zu klein. Hatte sie noch Zeit, um sich hinter der Couch zu verstecken? Zwischen der Rückenlehne und dem Geschirrschrank gab es einen Spalt. Sie kroch darauf zu und hatte es gerade geschafft, als sie das metallische Klappern eines Schlüssels hörte.
Das Knarren einer Tür.
Jenny versuchte, sich zu einer winzigen Kugel zusammenzurollen. Sie konnte keinen Polizisten erschießen.
»William? Ruth? Hier ist Constable Jack.«
Die Stiefel schlurften über den Boden, als der Polizist sich bewegte.
Jenny leckte sich die Lippen und schmeckte Blut. Sie schaute zum Geschirrschrank hoch und stellte fest, dass sich an dessen Rückseite, hinter den Regalbrettern, ein Spiegel befand. Sie konnte den Polizisten darin sehen, als er durch das Wohnzimmer ging.
Schwarze Uniformmütze mit gelben Streifen. Dunkle Koteletten. Kräftige Nase. Dichte Augenbrauen. Schnurrbart. Sie konnte nicht erkennen, ob er seine Waffe gezogen hatte.
Bones war mittlerweile im Haus. Er hechelte vernehmlich und lief mit klirrendem Halsband herum.
»Wo sind Ruth und William, Bones? Kannst du mir zeigen, wo sie sind?«
O Gott, was, wenn Bones stattdessen sie oder Simon fand?
Der Officer schaute in ihre Richtung, und seine Augen weiteten sich. Es wirkte fast, als würde er sie direkt anblicken. Konnte er sie ebenfalls im Spiegel sehen?
Der Polizist zog seine Waffe und zielte damit auf die Couch. Er wich zurück und versuchte, zur Tür zu kommen. »Stehen Sie auf und zeigen Sie mir Ihre Hände!«
»Lassen Sie die Waffe fallen!« Simons Stimme.
Der Officer wirbelte herum. Sie konnte nur seinen Kopf sehen und das Abendlicht, das durch die offene Tür fiel.
Ein Schuss, unglaublich laut und nah. Jenny schrie auf und hielt sich die Ohren zu. Weitere Schüsse. Sie warf sich auf den Boden, rollte sich auf die Seite und kniff die Augen zu. Wo war Simon? Glas zersplitterte. Die Polizisten schrien etwas. Jenny weinte und zitterte, und sie wollte nur, dass das alles aufhörte.
Plötzlich war es still.
Sie hatte die Wange fest auf den Boden gepresst, ihr Gesicht war tränennass. Sie öffnete die Augen und starrte auf Glasscherben unter der Couch. Die Tür wurde zugeknallt, und sie zuckte zusammen, doch dann sah sie Simon über den Boden auf sich zukriechen.
Er hielt inne, kauerte sich neben dem Fenster an die Wand und blickte sie an.
»Alles in Ordnung?«
»Ja.«
Er spähte durch den Vorhang hinaus auf den Hof. Sein Atem ging schnell, er hatte sich die Knie an den Glasscherben aufgeschnitten, doch noch mehr Blut kam aus einer Schusswunde an seiner Schulter.
Sie kniete sich hin. »Simon! Dein Arm!«
»Bleib unten«, rief er leise.
Sie legte sich wieder flach hin, aber sie wollte näher bei ihm sein. Sie stützte sich auf die Ellenbogen und zog sich mit dem Gewehr zum Lehnsessel hinüber.
»Wo sind sie?« In ihren Ohren schrillte es immer noch, und ihre Stimme hörte sich an, als würde sie unter Wasser sprechen.
»Hinter dem Wagen. Ich habe nicht mehr viele Kugeln übrig. Die Schachtel mit den Ersatzpatronen ist in meinem Rucksack.« Er schob die Pistole in die Tasche seiner Shorts. »Gib mir das Gewehr.«
Sie schob es ihm hin. »Ist der Polizist verletzt?«
»Ich habe ihn irgendwo an der Brust oder an der Schulter erwischt. Es ging alles so schnell. Vielleicht habe ich ihn draußen noch einmal getroffen.« Die letzten Worte kamen keuchend heraus.
»Du blutest stark.« Ihr wurde schlecht von dem Anblick, und sie legte eine Hand auf ihren Bauch.
Er schaute auf seinen Arm und drehte ihn, sodass er die Wunde besser sehen konnte. Seine Augen glänzten. Tränen des Schmerzes oder der Angst? Sie wusste es nicht. Er wandte sich um und sah wieder nach draußen.
»Such Verbandszeug. Oder ein Handtuch. Irgendetwas, das ich da draufdrücken kann.«
»Okay.« Sie hielt sich dicht am Boden und huschte am Rand des Wohnzimmers entlang. Bones konnte sie nirgendwo sehen. Ob er vorne rausgerannt war? Oder versteckte er sich im Schlafzimmer? Sie hoffte, dass ihm nichts fehlte.
Rasch durchsuchte sie das Medizinschränkchen im Badezimmer und fand Verbandsmull, Pflaster und eine kleine Dose mit antibakterieller Salbe. Sie machte ein Tuch nass und eilte zurück zu Simon. Sie kniete sich neben ihn und betrachtete die Wunde. »Es ist nicht allzu schlimm«, sagte sie zu ihm und zu sich selbst. Die Kugel hatte seine Haut angeritzt, war aber nicht durch den Arm gegangen. Sie drückte das Tuch auf die Wunde.
Er zischte und zuckte zurück. »Verdammt, tut das weh.«
»Sorry, tut mir leid. Ich versuche, die Blutung zu stillen.«
»Deck es einfach ab.«
Sie verteilte einen Klecks Salbe auf einer der Kompressen, legte sie über die Wunde und klebte sie fest. Sie betrachtete sein Profil. Sein Blick sprang hin und her und suchte den Hof ab. Schweiß lief ihm von der Stirn über die Wange. Er wischte ihn mit dem Unterarm weg.
»Sind sie immer noch hinter dem Auto?«
»Ich glaube schon, aber sie könnten versuchen, in den Stall zu gelangen.«
»Was sollen wir jetzt machen?« Sie stopfte die Kompressen, die Salbe und das Klebeband in ihre Tasche.
»Wir verschwinden von hier.«
»Der Truck …«
»Ich wollte dir gerade sagen, dass er fertig ist.«
Wenn die Cops doch nur ein wenig später gekommen wären. Dann wären sie schon weg gewesen …
»Wir brauchen Alice. Ich kann nicht gleichzeitig fahren und schießen.«
»Ich könnte den Truck vielleicht fahren.«
»Durch das Garagentor, während die Cops auf dich schießen?«
Darauf wusste sie keine Antwort.
Er beugte sich vor und richtete das Visier des Gewehrs auf das Fenster.
»Komm her. Du musst das Gewehr auf sie gerichtet halten, während ich Alice hole. Wenn sie den Gewehrlauf aus dem Fenster ragen sehen, werden sie sich wahrscheinlich nicht rühren. Wenn doch, erschieß sie.«
»Ich kann nicht auf einen Cop schießen!«
»Dann schieß ganz dicht an ihnen vorbei. Oder über ihren Kopf. Hauptsache, sie bleiben, wo sie sind.« Geduckt lief er vom Fenster zur Wand und dann weiter in die Küche.
Durch das zerbrochene Fenster konnte sie die Farm riechen. Heu und Staub. Eines der Pferde – vielleicht auch beide – galoppierte am Zaun hin und her. Sie hörte das Donnern der Hufe und lautes Schnauben und Wiehern.
Sie hob den Vorhang an der Ecke leicht an. Das Pferd rannte eindeutig hin und her, aber sie konnte nicht erkennen, ob es verletzt war. Der schwarz-weiße Streifenwagen stand mitten in der Auffahrt. Die Fenster waren geborsten, und der hintere Reifen war platt.
In dem Moment sah sie die Schleifspur im Staub. Jemand war hinter den Wagen gezogen worden und hatte dabei eine Menge Blut verloren.