Kapitel 36: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Die Glocke über der Tür klingelte, als Jenny das kleine Empfangsbüro betrat. Es war leer. War das Motel geschlossen? Aber als sie den Tresen erreichte, tauchte hinter einer Ecke eine ältere blonde Frau mit steifer Dauerwelle und einer Häkelweste mit Blumenmuster auf. Jenny hörte die fröhlichen Klänge einer TV-Spielshow aus dem Nebenzimmer.
Die Frau lächelte. »Was kann ich für dich tun?«
»Wir würden gern ein Zimmer mieten, bitte.« Sie verschob ihren Rucksack auf der Schulter und hoffte, dass sie dadurch mehr wie eine richtige Reisende aussah.
»Wer ist ›wir‹? Ich sehe nur eine von euch.«
»Oh, tut mir leid.« Was sollte sie sagen? Vielleicht sollte sie Simon nicht ihren Freund nennen. »Ich bin mit meiner Tante und meinem Cousin unterwegs. Sie holen gerade die Sachen aus unserem Auto.«
Die Frau schaute an ihr vorbei in die Dunkelheit, die Augen schmal, die Lippen geschürzt. Sie erinnerte Jenny an die Bibliothekarin an ihrer Schule, die immer über ihre Brille lugte, um sicherzustellen, dass sie nicht quatschten oder die Buchseiten knickten.
»Wo habt ihr geparkt? Ich sehe kein Auto.«
»Es hat den Geist aufgegeben. Sie haben mich vorgeschickt.« Jenny zog die Geldscheine aus der Hosentasche. »Ich kann bar bezahlen.«
»Das macht einen Zehner pro Nacht.«
Jenny legte ihr eine Zehn-Dollar-Note hin. »Können wir ein ruhiges Zimmer bekommen?«
»Sie sind alle ruhig. Wir haben heute Nacht nicht viele Gäste.« Die Frau drehte sich um, nahm einen Schlüssel von einem Haken an der Wand und schob ihn über den Tresen. Der orangefarbene Plastikanhänger hatte die Form eines Pfeils mit dem Namen des Motels darauf. Ihr Tipi war das mit der Nummer vier.
»Es ist das blaue. Es gibt nur zwei Betten. Extradecken liegen im Schrank.«
Jenny nickte. »Danke.«
»Ich wünsche einen schönen Aufenthalt.« Die Frau war bereits wieder um die Ecke verschwunden, zurück zu ihrer Fernsehshow. Erleichtert stieß Jenny den Atem aus. Sie würde sie nicht sehen, wenn sie mit den Kissenbezügen zu ihrem Tipi gingen. Hoffentlich schaute die Frau nicht die Spätnachrichten.
Jenny lief hinaus in die Dunkelheit und suchte Simon.
* * *
Motten flatterten um die Lampe über der Tür zu ihrem Tipi, als Simon den Schlüssel ins Schloss steckte. Bevor sie die Bahngleise verlassen hatten, hatte er Alice’ Fesseln gelöst. Jetzt im Licht bemerkte Jenny, dass ihr Kinn aufgeschürft war und blutete. Ihre Knie waren zerschrammt und voller Blutergüsse.
Stirnrunzelnd sah Alice sie an. Jenny wollte den Blick erwidern, doch dann wandte sie sich ab.
Auf dem Parkplatz befanden sich nur zwei Fahrzeuge. Ein bronzefarbenes Auto stand vor dem rosafarbenen Tipi auf der anderen Seite, und am Ende der Reihe parkte ein kleiner roter Toyota-Truck vor einem gelben Tipi. Am Truck hing ein mit Holz verkleideter Wohnwagen, der aussah, als sei er selbst gemacht. Auf dem Dach waren Gartenstühle und eine rote Kühltasche festgeschnallt.
Insgesamt gab es zehn Tipis. Fünf auf jeder Seite des gepflasterten Weges in der Mitte, mit Stellplätzen vor jedem Tipi. Die Tipis bestanden aus hartem Material – vielleicht Zement –, das um die Tür herum so modelliert war, dass es aussah wie zurückgeschlagene Zeltklappen. Die Pastelltöne gefielen Jenny. Sie erinnerten sie an Marshmallow-Eistüten.
Simon hielt die Tür auf und winkte erst Alice und dann Jenny hinein, die ihren Rucksack auf eines der Betten warf und sich umsah. Sie hatte noch nie zuvor in einem Motel übernachtet. Von außen waren die Tipis rund, doch im Inneren waren die Wände abgewinkelt, um gerade Flächen und Ecken zu erhalten.
Die Luft war dank der Klimaanlage unter dem Fenster kühler als draußen. Der orangefarbene Teppich passte zur Tagesdecke auf dem Bett, und die Kopfteile hatten die Form von Wagenrädern. Jedes Bett hatte einen Nachttisch und eine Lampe. Sie wurden durch die Tür ins Badezimmer getrennt.
Jenny spähte in den kleinen Raum. Es gab eine Badewanne und eine Dusche auf der einen Seite, das Waschbecken in der Mitte und die Toilette am anderen Ende. Es sah sauber aus, und es gab Handtücher.
Der Fernseher stand auf einem Rollwagen, daneben ein Stuhl und ein Schreibtisch mit Telefon, Telefonbuch, Eiskühler aus Plastik und Wassergläsern. Im Aschenbecher lag ein Streichholzheft mit dem Namen des Motels.
Alice setzte sich mit hängenden Schultern auf das andere Bett. Sie beobachtete Simon, der im Zimmer herumlief und alles überprüfte.
»Du kannst die Polizei jetzt anrufen und sagen, dass noch Menschen im Keller sind«, sagte Alice. »Wir sind ein paar Ortschaften weit weg.«
»Erst, wenn wir noch weiter weg sind.« Simon zog das Telefonkabel aus der Wand und zeigte Alice, dass der Stecker am Ende abgerissen war.
Alice verschränkte die Arme vor der Brust. Simon kramte in einem der Kissenbezüge herum. Er zog einen Schokoriegel für Jenny heraus. Alice warf er ebenfalls einen zu, aber sie fing ihn nicht auf, und er landete neben ihrem Bein auf der Matratze. Er nahm die Salzcracker und den Käse heraus, benutzte das Telefonbuch als Schneidebrett und teilte den Käse mit dem Jagdmesser.
»Ich muss ins Bad«, sagte Alice.
»Dann mal los.« Er spießte ein Stück Käse mit dem Messer auf und führte es an seinen Mund. Alice ging hinter ihm vorbei und schloss die Tür zum Bad. Bald darauf hörte Jenny Wasser rauschen.
Simon häufte Cracker und Käse übereinander und brachte sie Jenny. Sie war so hungrig, dass es ihr egal war, ob die dritte Mahlzeit des Tages schon wieder aus Crackern bestand.
Nach einer Weile kam Alice aus dem Badezimmer. Ihre Wangen waren rosig und das Haar nass, als hätte sie sich Wasser ins Gesicht gespritzt. Sie hatten nichts von Alice’ Sachen dabei. Keine Zahnbürste, keine Haarbürste. Keine saubere Kleidung. Sie musste sich sehr unbehaglich fühlen.
Simon saß am Schreibtisch und aß seinen eigenen Haufen Cracker und Käse. Jenny sah ihn an. Ihre Blicke trafen sich, und er gab einen frustrierten Laut von sich und brachte Alice den Rest.
Jenny nahm die Gläser und holte ihnen Wasser aus dem Badezimmer. Sie wünschte, sie hätten Eis. Das Essen hatte nicht gereicht, aber damit würde sie bis zum Morgen durchhalten, wenn sie hoffentlich irgendwo eine richtige Mahlzeit kaufen konnten. Sie duschte, froh, sich endlich den Schmutz und den Schweiß abwaschen zu können, während sie gleichzeitig ein schlechtes Gewissen hatte, weil Alice das nicht so einfach konnte. Jenny zog ihr Schlafzeug an – rosafarbene Satinshorts und ein verwaschenes Snoopy-T-Shirt –, ehe sie das Badezimmer verließ.
Simon saß immer noch am Schreibtisch. Die Packung Cracker war so gut wie leer. Er zog eine Zigarettenschachtel heraus und zündete sich eine an. Rauch zog durch das Motelzimmer. Alice hustete.
»Deine Zigarette stinkt.«
»Hör auf zu jammern.«
»Sie stinkt wirklich«, sagte Jenny. »Mir brennen davon die Augen.«
Mit einem verärgerten Zug um den Mund schaute Simon zwischen ihnen hin und her. Jenny wäre am liebsten auf dem Bett zurückgerutscht. Diesen Ausdruck hatte sie noch nie auf seinem Gesicht gesehen. Nicht ihr gegenüber. Simon musste gemerkt haben, dass er ihr Angst machte, denn seine Miene wurde weicher.
»Tut mir leid, Babe. Ich mache das Fenster auf.«
Er ging zur Seite des Tipis, schob das Fenster hoch und blieb daneben stehen, bis er seine Zigarette zu Ende geraucht hatte. Jenny lehnte sich auf dem Bett zurück und legte ihre Hand auf den Bauch. Sie war hundemüde, aber ihre Gedanken rasten. Zum Haus, zum Motel, zum Truck am Straßenrand.
Simon schloss das Fenster und drehte sich zu Jenny um. »Ich muss noch ein Auto klauen.«
»Wie denn?«
»Ich habe da ein paar Ideen. Wir können das morgen besprechen.«
Er trug den Stuhl zu Alice’ Bett, zog ihren Arm gerade und fesselte ihn am Handgelenk an eine Strebe der Stuhllehne.
Alice leistete keinen Widerstand. Sie hatte die Augen geschlossen, aber Jenny wusste, dass sie nicht schlief. Sie machte sich wahrscheinlich Sorgen um Tom. Sie würde sich auch um Ruth und William sorgen. So war sie. Machte sie sich auch jemals um Jenny Sorgen? Die Vorstellung gefiel ihr, doch sie wusste, dass es nicht so war.
Als Simon fertig war, nahm er seinen Rucksack mit ins Bad und ließ die Tür offen, während er duschte. Dampf quoll heraus. Alice lag still auf dem anderen Bett, bis Jenny ein Rascheln hörte und zu ihr hinüberschaute. Alice aß den Schokoriegel.
Simon kam in sauberen Shorts und Hemd heraus und warf seine dreckigen Klamotten auf den Boden. Der Verband war abgegangen und zeigte die offene Wunde am Arm.
»Ich habe die Kompressen mitgenommen«, sagte Jenny. »Ich kann dich neu verbinden.«
»Okay, cool.« Er wirkte erleichtert, und Jenny war froh, dass sie daran gedacht hatte, die Sachen einzupacken.
Nachdem sie Simons Arm frisch verbunden hatte, schaute sie zu Alice. »Möchtest du etwas Salbe?«
Alice schwieg eine ganze Weile, und Jenny dachte schon, sie würde sie womöglich ignorieren, doch dann sagte sie: »Ja. Danke.«
Jenny brachte ihr die Dose mit der Salbe. Mit einem Finger ihrer freien Hand holte Alice einen Klecks Salbe heraus und verteilte ihn auf Kinn, Knie und Handfläche.
Jenny wurde klar, dass Alice Probleme haben könnte, unter die Decke zu kommen. »Brauchst du Hilfe? Ich meine, mit der Decke?« Sie deutete auf das Bett.
Alice nickte. Jenny zerrte die Decke unter Alice hervor und zog sie bis zum Fußende, dann deckte sie Alice damit zu.
»Danke«, sagte Alice, aber es klang widerwillig.
»Schalt ihre Lampe aus, Babe«, verlangte Simon vom anderen Bett aus.
Jenny tat, was er gesagt hatte, und ging zurück zu ihrem Bett. Die Matratze sackte ab und quietschte, als sie hineinkletterte. Simon schaltete ihr Licht aus und tauchte sie alle in Dunkelheit.
»Gott, bin ich müde.« Er verschränkte seine Finger mit ihren. »Versuch, etwas zu schlafen.«
Jenny schloss die Augen, aber sie kam nicht zur Ruhe. Die Laken waren rau und juckten an ihren nackten Beinen. Ihr unterer Rücken und die Füße taten weh vom Laufen. Der Zigarettenrauch hing noch in der Luft und vermengte sich mit anderen abgestandenen Motelgerüchen. Als Simon schnarchte, löste sie ihre Finger aus seinen. Im schwachen Licht, das durch die Vorhänge ins Zimmer fiel, konnte sie Alice’ Umrisse erkennen.
»Er wird mich niemals freilassen«, flüsterte Alice.
Jenny erschrak – und schaute rasch zu Simon neben sich. Er schnarchte weiter.
»Das wird er«, flüsterte Jenny. »Er muss.«
»Nein. Er wird mich umbringen.«
»Das wird er nicht.«
»Du siehst ihn nicht so, wie ich ihn sehe.«
»Er will mich beschützen, und er hat Angst, aber es gefällt ihm nicht, jemandem wehzutun.«
»Glaubst du das wirklich?«
Jenny schwieg. Am Anfang hatte sie nicht daran gezweifelt, und später hatte sie sich das immer wieder vorgebetet. Er will mich nur beschützen. Aber jetzt? Jenny war sich nicht so sicher.
»Ich würde es nicht zulassen.«
»Bis jetzt hast du es noch nie geschafft, ihn von irgendetwas abzuhalten.«
Das konnte nicht stimmen. Jenny ging alles in Gedanken noch einmal durch. Jedes Mal, wenn sie ihm Einhalt geboten hatte, hatte er sich beruhigt, bis sich die Grenze dessen, was sie aufbrachte, immer weiter verschoben hatte.
Alice bewegte sich und rieb sich die Schulter mit der freien Hand. Jenny stand auf und tapste zu Alice. Sie schob den Stuhl dichter an die Matratze. Jetzt konnte Alice ihren Arm ablegen.
»Danke.«
Jenny wollte schon umkehren, doch Alice sprach weiter.
»Ich weiß, dass du nicht wolltest, dass irgendetwas von alldem passiert. Du wolltest nicht, dass jemand verletzt wird. Aber nicht gut finden, dass etwas passiert, ist nicht dasselbe, wie es zu verhindern.«
Jenny stockte der Atem. Das war nicht wahr. Oder? Aber vielleicht hatte Alice recht. Jenny saß mit Simon auf einem Floß, das immer schneller flussabwärts schoss, und sie hatte ihm kein einziges Mal das Paddel aus der Hand genommen. Sie hatte sich einfach treiben lassen.
»Du kannst mich gehen lassen«, sagte Alice. »Sag, dass ich entwischt bin.«
»Ich bekomme seine Knoten nicht auf.«
»Das Messer liegt auf dem Tisch.«
»Dann wird er wissen, dass ich dir geholfen habe.«
»Dir wird er nichts tun.«
Jenny wollte nicht zugeben, wie groß ihre Angst war, dass Simon sie verlassen könnte. Was sollte sie ohne ihn tun? Allein bei dem Gedanken wurde ihr schlecht.
»Wenn du jemanden anrufst, damit die anderen Hilfe bekommen, werde ich nicht länger versuchen zu fliehen«, sagte Alice. »Ich fahre euch, wohin ihr wollt und solange ihr wollt. Tom bedeutet mir alles. Die Vorstellung, dass er ganz allein stirbt …« Alice’ Stimme brach bei den letzten Worten, ein erstickter Laut. Sie weinte.
Jenny konnte es nicht ertragen. Die Tränen ihrer Mutter waren anders gewesen. Sie wollte damit manipulieren – Männer, Frauen, das spielte keine Rolle. Sie konnte ihre Tränen einsetzen, wie sie wollte. Aber Alice’ Schmerz war echt.
Sie schaute erneut auf Simons Umrisse im anderen Bett. Sein Atem ging schwer und gleichmäßig, als würde er tief und fest schlafen.
Sie brauchte den Zimmerschlüssel. Wo hatte er ihn hingelegt? Sie schlich zum Schreibtisch und strich mit den Fingern über die Oberfläche. Eine Plastikkante. Metall. Der Schlüssel.
Sie tastete auf dem Boden nach Simons Shorts, schob die Finger in die Hosentaschen, holte die Münzen heraus und umklammerte sie mit der Faust. Hoffentlich war ein Zehn-Cent-Stück darunter.
Sie wagte es nicht, ihre Sandalen anzuziehen. Sie würde barfuß zum Münztelefon gehen, das sie neben dem Büro gesehen hatte. Sie drehte sich um, damit Alice ihr Flüstern hören konnte.
»Ich versuche es.«
Die Tür würde schwierig werden.
Sie drehte am Knauf und spürte das Klicken. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ob es laut gewesen war, als sie hereingekommen waren. Hatte die Tür gequietscht? Sie drückte vorsichtig, und sie schwang leise auf. Simon schnarchte immer noch.
Sie trat über die Schwelle, zog die Tür hinter sich zu und hielt den Atem an, bis es klickte, dann geriet sie in Panik. Was tat sie da? Simon würde richtig sauer auf sie sein.
Jetzt war es zu spät. Sie musste weitergehen.
Das Pflaster unter ihren nackten Füßen war immer noch warm von der Hitze des Tages, als sie zum Büro lief. Sie hoffte, dass niemand sah, dass sie so spät abends noch draußen herumschlich. Sie sah sich um. In keinem der Tipifenster brannte noch Licht.
Die Leuchtreklame im Büro blinkte: ZIMMER FREI. Ob das Büro besetzt war? Von hier hinten konnte sie es nicht erkennen. Beim Münztelefon angekommen, schaute sie in ihre Hand. Im Neonlicht der Motelwerbung entdeckte sie eine Zehn-Cent-Münze und warf sie ein. Sie drückte die Null.
»Zentrale.«
»Hallo, können Sie mich bitte mit der Polizei in Fernie, British Columbia, verbinden?«
»Das ist ein Ferngespräch. Zehn Cent für jede weitere Minute.«
»Okay.«
Es klickte und rauschte in der Leitung.
»Polizei Fernie.« Die Stimme der Frau klang tief, schroff und wichtig. Jenny hatte Angst, dass sie vielleicht mit einer Polizistin sprach und nicht mit einer Empfangsdame. Vielleicht funktionierte das in kleinen Städten so. Sie wusste nur, was sie im Fernsehen gesehen hatte.
»Hallo, ich muss etwas melden …« Wie sollte sie das ausdrücken? »Äh. Da sind Leute in einem Keller eingeschlossen. Sie brauchen Hilfe.«
»In einem Keller?«
»In einem Farmhaus.«
»Haben Sie die Adresse?«
»Nein.« Sie versuchte nachzudenken. »Es ist eine alte Farm, außerhalb der Stadt. Es hat eine Schießerei gegeben …« Vielleicht wusste die Frau am Telefon schon Bescheid. Jenny stellte sich vor, wie der jüngere Officer verzweifelt über die Wiese rannte, um Hilfe zu holen.
»Eine Schießerei? Wann ist das passiert? Wurde jemand verletzt?« Die Fragen der Frau kamen so schnell. Sie war misstrauisch. Könnte sie herausfinden, von wo aus Jenny angerufen hatte? Das hatte sie nicht bedacht. Gut möglich, dass sie gerade einen Riesenfehler gemacht hatte.
»Ich muss auflegen.« Sie beendete das Gespräch und starrte das Telefon an. Fast erwartete sie, dass es klingelte und die Frau Antworten von ihr verlangte, doch der Apparat blieb stumm.
Sie lehnte den Kopf an die Glasscheibe der Telefonzelle. Sie hatte nicht genug für das Baby gegessen oder geschlafen. Ihr war schwindelig. Doch dann riss sie sich zusammen. Sie musste zurück in ihr Tipi.
An der Tür schob sie den Schlüssel ins Loch, doch sie öffnete sich, bevor sie auch nur den Knauf berührt hatte. Simon stand mit nackter Brust und wildem Blick hinter der Tür.
Er packte sie am Arm und zog sie ins Zimmer. »Wo zum Teufel warst du?«