Kapitel 37: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Er hatte sie noch nie so hart angefasst. Seine Finger bohrten sich in ihre Haut, und sie war erleichtert, als er sie losließ. Sie fiel aufs Bett, und er schaltete das Licht ein. Sie hob die Hand, um ihre Augen gegen die plötzliche Helligkeit abzuschirmen. Auf dem anderen Bett hatte Alice die Augen fest zusammengekniffen.
Simon stand vor Jenny. »Wolltest du mich anzeigen?« Seine Stimme verriet eine Mischung aus Wut und Schmerz. »Hast du die Bullen gerufen?«
»Nein!«
»Warum hast du dich dann weggeschlichen?« Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt, die Pistole ragte aus seiner Hosentasche, und einen schrecklichen Moment lang fragte sie sich, ob er auf sie schießen könnte. Sie wusste nicht, wie es sich anfühlte, dieses kalte Metall am Kopf zu spüren. Sie hatte, selbst als er Alice bedroht hatte, nicht geglaubt, dass er es wirklich tun würde. Aber vielleicht ja doch.
Sie wusste nicht, was sie Simon antworten sollte. Sie sah zu ihm hoch. Die Wahrheit. Wovor sollte sie sich fürchten? Er hatte aufgehört, ihr zuzuhören. Sie runzelte die Stirn. »Ich wollte die Polizei anrufen, damit die anderen gefunden werden.«
»Das ist nicht dein Ernst, oder?« Er sah so aufrichtig entsetzt aus, dass sie einen Anflug von Ärger verspürte. Hielt er sie für dumm? Glaubte er wirklich, sie würde niemals allein denken?
Sie schluckte den Ärger herunter und betrachtete ihre Hände. Sie wollte nicht schreien oder weinen. Sie wollte keines von diesen hässlichen Gefühlen.
»Hör bitte auf, mich so anzuschreien.«
»Ich kann nicht glauben, was ich da höre. Worum geht es hier wirklich, Jenny? Geht es darum, dass ich mich mit deiner Möchtegernfamilie angelegt habe?«
Sie warf den Kopf zurück und schaute zu ihm hoch, aber ihr fehlten die Worte.
»Meinst du etwa, ich merke es nicht?« Er hatte immer noch diesen verletzten, wütenden Klang in der Stimme. »Glaubst du, ich wüsste nicht, dass du dir wünschst, Alice wäre deine Mom?«
Jennys Gesicht begann zu glühen. Sie schaute nicht zu der anderen Frau.
»Und Tom ist genau wie dein Dad, stimmt’s? Du wolltest, dass deine Mom jemanden wie ihn heiratet. Ich hab’s kapiert, Jenny. Ich wünschte, mein Dad wäre auch so jemand.«
Ihr Gesicht war heiß, so unglaublich heiß. Sie wollte sich mit dem Kissen die Ohren zuhalten.
»Sei still!«, zischte sie, und für einen Moment schwankte er, doch dann war sein wütender Blick wieder da.
»Glaubst du, Ruth wird Kekse für dich backen und dir zeigen, wie man Eier einsammelt? Glaubst du echt, sie wird dir dafür danken, dass du diesen Anruf machst?«
»Sie könnten sterben«, sagte sie.
»Wir sind diejenigen, die sterben werden! Sobald sie mit Tom geredet haben, wird jeder Bulle im Land nach uns suchen. Ich habe auf einen Bullen geschossen, Jenny!«
Sie weinte jetzt, unfähig, die Schluchzer zu unterdrücken, die unablässig aus ihr herausbrachen.
»Ich will nicht, dass irgendjemand stirbt.«
»Dann vertrau mir, okay? Vertrau mir.« Er fiel vor ihr auf die Knie, küsste ihren Bauch, ihre Hände. »Ich kann für uns sorgen, aber wir müssen einander vertrauen.«
Sie nickte. Sein Blick war so verzweifelt, seine Stimme rau, als versuchte er, nicht ebenfalls zu weinen. Sie hätte auf ihn hören sollen. Sie hatte zugelassen, dass Alice in ihren Kopf eindrang, und das hatte sie durcheinandergebracht.
»Der Anruf ging nicht durch. Die Frau aus der Zentrale konnte die Nummer von der Polizei in Fernie nicht finden. Ich habe gleich wieder aufgelegt.« Sie wollte ihn beruhigen. Es war nur eine kleine Notlüge.
Simon stieß den Atem aus und ließ sich zurück auf die Fersen sinken. »Okay, das ist gut. Die anderen kommen schon zurecht. Es ist nur für ein paar Tage.«
»Bei dir klingt es so einfach«, spie Alice aus. »Sie haben kein Wasser und nichts zu essen. Tom hat ein gebrochenes Schlüsselbein. Sie leiden.«
Jenny sah zwischen Simon und Alice hin und her. Simon stand auf und hob etwas vom Boden hoch. Sein T-Shirt. Mit großen Schritten ging er zu Alice, und während sie versuchte, ihn mit der freien Hand wegzustoßen, bedeckte er ihren Mund mit dem Shirt, wickelte es ihr um den Kopf und verknotete es.
Wütend funkelte sie ihn an und machte durch den Stoff Geräusche.
Er kam zu Jenny zurück, das Haar zerzaust und die Augen gerötet. Er sah Jenny fragend an und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Mit dem Daumen wischte er ihre letzten Tränen weg.
»Es tut mir leid, Babe. Ich bin ausgeflippt. Was ich gesagt habe, war nicht so gemeint. Aber ich hatte einfach einen Riesenschiss, als ich aufgewacht bin und du nicht neben mir gelegen hast.«
»Mir tut es auch leid.« Sie war erschöpft. Er nahm seine harten Worte zurück, aber es hatte auch etwas Wahres darin gelegen. Sie spürte es. Sie ließ sich auf das Kissen zurücksinken.
Mit langsamen, beruhigenden Bewegungen strich er ihr übers Haar. »Wir schlafen ein paar Stunden, und dann gehen wir in die Stadt, bevor die Sonne aufgeht. Ich suche uns ein Auto.«
Alice hatte schon wieder recht. Jenny konnte Simon nicht aufhalten. Sie hatte die Chance gehabt, und dann war sie in Panik geraten. Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass sie den Bus oder den Zug nehmen wollte. Keine Diebstähle mehr, doch jetzt wurden ihr die Augen schwer. Sie konnten morgen früh weiterreden.
* * *
Sie wachte davon auf, dass Simons Lippen ihre Wange streiften, doch als sie die Augen aufschlug, sah sie nicht sein hübsches Gesicht, sondern wie er ihr voller Hass all diese Dinge zuschrie. Sie sah sein spöttisches Grinsen, als er sie damit quälte, dass sie sich wünschte, Alice wäre ihre Mom. Sie sah seinen hitzigen Blick, als er über Tom redete, als wäre er eifersüchtig. Jenny rieb sich die Augen und versuchte, den Schlaf zu vertreiben, als könnte sie damit auch den brennenden Schmerz einfach wegwischen, aber er blieb.
»Hey«, flüsterte er. »Wir haben verschlafen. Es ist halb zehn.«
Jenny schaute zum Fenster. Die Sonne umspielte die Ränder der Vorhänge, und der Stoff leuchtete in hellem Orange.
»Wir dürfen keinen Mucks machen, bis es wieder dunkel ist«, erklärte Simon. »Du musst noch einmal für eine Nacht bezahlen – und sag ihnen, dass wir nicht gestört werden wollen.«
Jenny setzte sich auf, gähnte und sah sich um. Bei Tageslicht wirkte das Zimmer größer, aber auch schäbiger, mit verblichenen Flicken auf dem Teppich, abgewetzten Möbeln und Wasserringen auf den Nachttischen. Alice lag wach im anderen Bett und beobachtete sie. Sie hatte immer noch das T-Shirt um den Mund.
Jenny stand auf und nahm es ihr ab.
Alice leckte sich die Lippen, die trocken und wund aussahen. Jenny holte ein Glas Wasser aus dem Badezimmer und brachte es ihr. Sie schaute zu Simon. »Kannst du sie losmachen?«
Er beobachtete sie, und in seinem Blick lag etwas Fragendes. Vielleicht dämmerte ihm, dass sie ihm noch nicht vollständig vergeben hatte, denn er stand auf und löste umgehend Alice’ Fesseln. Jenny gab ihr das Wasser. Alice setzte sich auf und trank alles auf einmal.
»Ich muss auf die Toilette.«
Simon nickte, und Alice stieg aus dem Bett.
»Wenn du das Zimmer buchst, frag, ob es einen Coffeeshop oder so etwas gibt, wo du uns Frühstück besorgen kannst.«
»Okay.«
Sobald Alice aus dem Bad kam, machte sich Jenny fertig. Sie bekam Geld von Simon, der sie sanft küsste und in seine Arme zog, doch sie musste sich zwingen, seine Umarmung zu erwidern. Ihre Arme fühlten sich schwer an, widerwillig. Sie ließ zuerst los.
Sie hängte das Bitte-nicht-stören-Schild außen an die Tür, bevor sie zum Büro ging. Je näher sie dem Empfangsgebäude kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Was, wenn die Frau weitere Fragen hatte? Doch sie hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Dieses Mal stand ein Mann hinter dem Tresen. Vereinzelte Strähnen waren über seine Glatze gekämmt, und er trug ein weißes Hemd in seiner beigefarbenen Hose, die so weit hochgezogen war, dass es aussah, als hätte er keine Taille.
Sie bezahlte für eine weitere Nacht und war erleichtert, dass er ihr keine einzige Frage stellte. Mit tonloser, gelangweilter Stimme erklärte er ihr den Weg zu einem Coffeeshop, als hätte er diese Frage schon tausendmal gehört.
Der Morgen war immer heißer geworden, und als sie ins Motelzimmer zurückkam, war sie verschwitzt. Sie hatte eine braune Tüte mit Gebäck und ein Tablett mit dampfendem Kaffee in Styroporbechern dabei. Simon öffnete ihr die Tür und half ihr mit dem Kaffeetablett. Alice saß auf dem Bett, den Rücken in ihre Kissen gelehnt. Sie sahen fern.
»Noch nichts in den Nachrichten, Babe«, sagte Simon lächelnd.
Sie versuchte, das Lächeln zu erwidern, aber sie hatte den Schmerz in Alice’ Blick gesehen und wusste, dass keine Nachrichten bedeuteten, dass man Tom noch nicht gefunden hatte. Was, wenn beide Cops verletzt waren? Sie könnten immer noch auf Hilfe warten. Dann dachte sie an Ruths Freundin, die zum Haus gekommen war. Donna. Einer der Cops war ihr Mann. Sie würde nach ihm suchen, wenn er nicht nach Hause kam. Wahrscheinlich waren sie im Krankenhaus. Es war nur deswegen nicht in den Nachrichten, weil sie in Alberta waren. Sie fühlte sich ein wenig besser, aber sie bekam ihr Frühstück erst herunter, als die Nachrichten vorbei waren.
Danach lief Mr Dressup im Fernsehen. Sie hatte diese Kindersendung immer zusammen mit ihrem Dad angeschaut, und er hatte ihr versprochen, dass sie eines Tages einen Garten haben würden. Er würde ihr ein Baumhaus bauen wie das, in dem Casey und Finnegan lebten. Ob Simon und sie jemals ein Haus mit Garten haben würden? Der Traum fühlte sich so weit weg an. Unmöglich. Wie ein Leben auf dem Mond.
Als sie fertig gegessen hatten, gab Simon ihr noch mehr Geld, damit sie Haarfärbemittel für sie beide kaufen konnte. In der Nähe des Coffeeshops hatte sie eine Drogerie gesehen. Sie hatte ihr Tipi gerade verlassen, als ein großes kastanienbraunes Auto auf den Parkplatz einbog und vor einem der Tipis hielt, auf derselben Seite wie ihres.
Ein korpulenter Mann in einem braun-gelben Hawaiihemd, mit Strohhut und Sonnenbrille stieg aus und ging zur Rückseite seines Wagens. Als er den Koffer aus dem Kofferraum hob, blitzte seine goldene Uhr in der Sonne. Er knallte den Deckel zu und drehte sich um. Jetzt konnte sie die dicke Goldkette um seinen Hals erkennen und eine zweite an seinem Handgelenk. Sie hatte noch nie einen Mann gesehen, der so viel Gold trug. Ob das wohl alles echt war? Der Mann entdeckte Jenny und hielt mit einem breiten Lächeln inne.
»Wohin geht’s, meine Hübsche?«
Sie ging weiter und ignorierte ihn, doch er machte ein paar Schritte zur Seite und stellte sich ihr in den Weg. Selbst aus ein paar Schritten Entfernung roch sie sein widerliches, moschusartiges Rasierwasser.
»Redest du nicht mit mir? Das ist aber nicht sehr nett.«
Sie schaute zurück zu ihrem Tipi. An der Seite gab es noch ein Fenster. Konnte Simon sie sehen? Sie wollte nicht mit diesem Mann reden, aber sie wollte ihn auch nicht verärgern.
»Ich gehe einkaufen.«
»Soll ich dich fahren?«
»Ich kann laufen.«
»Sicher? Die Hitze ist die Hölle.«
»Mir geht’s gut.«
»Nun, wenn du irgendwas brauchst, Süße, lass es mich wissen, ich bleibe ein paar Tage hier. Ich bin Handelsvertreter für Schmuck, aber du bist das Hübscheste, das ich heute gesehen habe.« Er zwinkerte ihr zu, zückte sein Portemonnaie und zog eine Visitenkarte heraus.
»Nein danke.« Sie umrundete ihn und ging weiter.
Als sie an der Straße angelangt war, schaute sie über die Schulter. Er stand immer noch neben seinem Wagen. Grüßend lüpfte er den Hut, als wäre er so etwas wie ein Gentleman. Was eher unwahrscheinlich war.
Sie riss den Kopf herum und ging weiter.
* * *
In der Drogerie fand sie eine Baseballkappe für Simon, eine Schere, frische Rasierklingen, Verbandsmaterial und ein Stirnband für sich selbst. Sie würde anders aussehen, wenn die Strähnen zurückgebunden waren. Sie durchstöberte die Haarfarben und entschied sich dieses Mal für rotbraun. Für Simon wählte sie das dunkelste Braun aus, beinahe Schwarz.
Für Alice kaufte sie ein Deodorant, eine Zahnbürste, ein T-Shirt mit der kanadischen Flagge darauf und ein Päckchen Baumwollunterwäsche. Als sie eine Weile später mit einer braunen Papiertüte in den Armen die Auffahrt zum Motel betrat, stellte sie erleichtert fest, dass der Mann in seinem Tipi verschwunden war.
Der kleine rote Toyota-Truck mit dem selbst gebauten Wohnwagen parkte neben dem Büro, und zwei Kinder spielten in der Nähe. Das Mädchen trug ein Sommerkleid mit gesmoktem Neckholder-Oberteil. Ihr schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz mit Pony zusammengebunden. Sie zog einen Stoffhund mit einem Halsband an einer Leine hinter sich her.
»Komm schon, Rusty. Willst du spazieren gehen?«
Der Junge, der ein paar Jahre älter zu sein schien, hatte eine blonde Topffrisur. Er kickte ein paar Kieselsteine mit den Zehenspitzen herum. Das Mädchen entdeckte Jenny und erstarrte. Ihre Wangen färbten sich rosa.
»Dein Hund gefällt mir«, sagte Jenny. »Rusty passt ausgezeichnet zu ihm.«
Das Mädchen grinste verlegen. »Er heißt so, weil er rot und braun ist.« Der Junge warf ihr einen Arm um die Schulter und drückte sie, als wollte er seine Schwester beruhigen.
Jenny lächelte zurück und ging weiter. Sie hatte sich immer einen Bruder gewünscht. Sie berührte ihren Bauch. Vielleicht würden Simon und sie eines Tages noch ein Kind bekommen. Es könnte ein Junge werden.
Dann fiel ihr wieder ein, was er über ihre »Möchtegernfamilie« gesagt hatte, und es tat genauso weh wie beim ersten Mal.