Kapitel 4: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Alice drehte die Zeitung zur Deckenleuchte über ihrem Kopf, als könnte sie dadurch verändern, was sie ganz deutlich vor sich sah. Im vorderen Bereich des Ladens klingelte die Türglocke.
Stimmen, eine davon weiblich.
Alice’ Kopf fuhr in die Höhe. Sie spähte zwischen zwei Schachteln Crackern auf dem obersten Regal hindurch. Ocean redete mit dem Jungen am Tresen, während sie sich umsah. Suchte sie nach Alice?
Alice faltete die Zeitung zusammen und klemmte sie sich unter den Arm.
Eilig lief sie zur Toilette im hinteren Bereich des Ladens und verschloss die Tür hinter sich. Sie stellte sich vor, wie Ocean die Gänge absuchte und sich wunderte, wo Alice abgeblieben war. Sie hatte nicht viel Zeit. Sie schlug erneut die Zeitung auf.
Die Polizei von White Cliff sucht in ganz Kanada nach zwei Verdächtigen, die in den Mord an Isabelle Larson, 36, und Robert Larson, 33, verwickelt sein könnten. Das Paar war tot in seinem Haus aufgefunden worden; ein Angestellter hatte sich Sorgen gemacht, weil die beiden nicht zur Arbeit in ihrem Tanzstudio erschienen waren.
Die Polizei schweigt sich über die Ermittlungen aus, aber anonymen Quellen zufolge wurden die beiden brutal überfallen und wiesen zahlreiche Stichwunden auf. »Überall war Blut.«
Simon Gray, 21, und Jenny Perron, 18, werden wegen Mordverdachts gesucht. Jenny Perron ist die einzige Tochter von Isabelle und Roberts Stieftochter.
Michael Gray, Simons Vater, gibt an, er habe seinen Sohn seit Tagen nicht mehr gesehen und wisse nicht, wo er sich aufhalte. Auf die Frage, ob er eine Botschaft für seinen Sohn habe, erklärte er: »Ich hoffe, er schmort in der Hölle.«
Beide Verdächtige wohnen in White Cliff, doch die Polizei vermutet, dass sie zusammen die Gegend mit einem Boot verlassen haben.
Wenn Sie diese Personen sehen, nähern Sie sich ihnen nicht. Sie sind vermutlich bewaffnet und gelten als gefährlich.
Unter dem Text waren zwei weitere Schwarz-Weiß-Fotos abgedruckt. Alice starrte die Frau an, eine hübsche Blondine in einem Turnanzug. Sie hielt die Arme graziös über den Kopf gestreckt und stand vor einer Reihe Mädchen in Tutus an der Barre. Ein dunkelhaariger, gut aussehender Mann saß am Klavier, die Hände auf den Tasten, einen Mundwinkel in einem amüsierten Lächeln gehoben. Laut der Bildunterschrift handelte es sich bei den beiden um Isabelle und Robert.
Das letzte Foto zeigte ein großes weißes Schindelhaus; mehrere Streifenwagen und der Van eines Coroners standen in der Auffahrt. Die hinteren Türen des Vans waren offen. Uniformierte Beamte mit ernsten Gesichtern standen Wache.
Alice entdeckte die Telefonnummer der Polizei von White Cliff am Ende des Artikels und sagte sie sich im Stillen immer wieder vor, während sie die Seite aus der Zeitung riss, sie in ihre Handtasche stopfte und den Rest in den Mülleimer warf. Sie wusch sich die Hände und schrubbte sich die Druckerfarbe von den Fingerspitzen, wobei sie immer wieder die Telefonnummer aufsagte. Irgendwo in der Nähe musste es ein Münztelefon geben. Vielleicht direkt neben der Toilette oder draußen vor dem Laden. Sie würde sagen, dass sie ihre Familie anrief.
Ein zögerliches Klopfen an der Tür.
Alice schaute kurz in den Spiegel. Sie sah ganz normal aus. Die Augen waren vielleicht etwas zu weit aufgerissen.
»Noch eine Minute.«
Als sie herauskam, wartete das Mädchen – Jenny – im Vorraum.
»Tut mir leid«, sagte Jenny. »Ich wollte dich nicht drängen.«
Alice drückte ihre Hände an die Wangen. Sie wusste nicht, wohin sie schauen oder was sie sagen sollte. Das Mädchen wurde von der Polizei gesucht. Sie war dabei gewesen, als ihre Eltern erstochen wurden. Womöglich war sie sogar diejenige gewesen, die das Messer benutzt hatte. Oder sie hatte es Blue gegeben. Nein. Sein Name war Simon. Aber Alice musste daran denken, ihre falschen Namen zu benutzen. Vielleicht hatten sie es zusammen getan. Es musste schwer sein, zwei Menschen zu töten. Warum konnte Alice diese Gedanken nicht stoppen? Wie lange starrte sie Jenny schon an?
»Ist alles in Ordnung?« Jenny hatte den Kopf zur Seite geneigt, und ihre himmelblauen Augen waren leicht zusammengekniffen, als sie Alice musterte. Sie sah so besorgt aus, so unschuldig.
Doch darauf fiel Alice nicht länger herein.
»Nur ein leichter Hitzschlag.« Alice ließ die Hände langsam sinken. »Ich nehme gleich eine Kopfschmerztablette. Wir müssen weiter.«
»Und die Milch?«
Alice starrte sie an. Was redete sie da? Jenny deutete kurz auf die Kühlregale, und Alice spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
»Ja. Natürlich.«
Alice ging zur Kühlung mit den Milchprodukten. In der Spiegelung konnte sie sehen, dass Jenny sie beobachtete. Vielleicht war sie deswegen in den Laden gekommen – damit sie Alice im Auge behalten konnte. Jenny ging nicht auf die Toilette, und sie schien auch nichts kaufen zu wollen. War etwa alles von Anfang an eine List gewesen? Vielleicht war Jenny gar nicht zufällig in den Waschraum des Campingplatzes gekommen, als Alice dort geduscht hatte.
Alice öffnete den Kühlschrank und griff nach einer Milchpackung, ohne hinzusehen.
Wie sollte sie zu einem Münztelefon kommen? Jenny hatte sie so erschreckt, dass sie gar nicht nachgeschaut hatte, ob sich im Vorraum der Toilette eines befand. Wenn es draußen beim Ausgang ein Telefon gab, könnte sie sagen, dass sie rasch bei ihrer Familie anrufen müsse, doch Jenny könnte darauf bestehen, mit ihr zu warten.
Jenny folgte Alice zum Tresen und kramte in der Auslage mit dem Kaugummi herum, nahm eine Packung und legte sie wieder hin, während Alice die Milch bezahlte. Alice wartete und beobachtete sie. Jennys Hand schwebte über einer Packung Pfefferminzkaugummi. Mit einem verlegenen Lächeln drehte sie sich zu Alice um.
»Tut mir leid, das ist eine schwere Entscheidung. Als Kind bekam ich nie Süßigkeiten.«
Andere Bemerkungen von Jenny kamen Alice in den Sinn. Meine Mom fand, Mädchen sollten keinen Sport treiben. Sie mochte es nicht, wenn ich alles in Unordnung gebracht habe. Ihre Mutter war streng gewesen. Hatten sie es aus diesem Grund getan? Aber Jenny wohnte nicht mehr zu Hause. Es sei denn, auch das war eine Lüge gewesen.
Jenny sah sie immer noch an. Falls sie Mitleid wollte, weil es ihr an Süßigkeiten gemangelt hatte, war sie bei Alice an der falschen Adresse. Doch vielleicht wollte sie auch nur einen Vorschlag, was sie nehmen sollte. Alice konnte nicht klar denken. Sie stellte sich vor, dass der Pulsschlag an ihrer Kehle durch die Haut zu erkennen sein musste, dass ihre Adern hervortraten. Sie blinzelte viel zu schnell.
»Viele Leute mögen Freshen-Up.« Sie deutete auf die Kaugummipackung, erstaunt, dass sie ihren Arm heben konnte. »Big Red ist mit Zimtgeschmack. Wrigley’s gibt es mit Pfefferminze oder Fruchtaroma.«
»Danke.« Jenny nahm eine Packung Big Red. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf die Schokoriegel. Sie suchte ein paar aus, die Alice nicht kannte. Coffee Crisp, Smarties, Aero und einen, der Cherry Blossom hieß. Dazu kamen ein paar Tüten Brausepulver und Wachslippen.
Der Kassierer schaute zwischen ihnen hin und her. Alice fragte sich, ob er sich an sie erinnern würde. Sie malte sich aus, wie er später die Zeitung las, sich mit der Polizei traf und ihnen ihre Beschreibung gab. Würde die Polizei glauben, sie hätten dem jüngeren Paar bei der Flucht geholfen? Gut, dachte sie. Dann würden sie nach dem Camper Ausschau halten. Je mehr die Polizei hatte, desto besser. Sie hoffte, dem Kassierer würde ihr amerikanisches Kennzeichen auffallen, wenn sie wegfuhren.
Der Kassierer tippte Jennys Einkäufe ein. Sie reichte ihm eine zerknitterte Zwei-Dollar-Note und nahm mit einem leisen »Danke« ihr Wechselgeld und eine kleine braune Papiertüte entgegen.
Sie gingen nach draußen. Der Camper war offen. Simon stand in der Tür. Alice schaute rasch nach links und rechts. Kein Münztelefon. Vielleicht gab es eines um die Ecke. Aber Simon nahm Jenny bereits die Tasche ab und half ihr die Stufen hinauf. Danach hielt er Alice die Hand hin. Sie zögerte. Verwirrt runzelte er die Stirn. Gleich würde er Argwohn schöpfen.
Sie legte ihre Hand in seine und ließ ihn los, sobald sie im Wagen war. Sie verstaute die Milch im Kühlschrank und setzte sich nach vorne zu Tom.
Er lächelte ihr zu. Es war dieses vertraute, unbekümmerte Das-Leben-ist-schön-Lächeln, bei dem sie normalerweise das Gefühl hatte, ihr ganzer Körper würde in flüssiges Sonnenlicht getaucht. Jetzt wirkte es nur fehl am Platz.
»Alles in Ordnung, Schatz?«
»Mh-mh.« Sie hörte das leise Krächzen in ihrer Stimme, spürte, wie trocken ihre Kehle war. Sie beschäftigte sich damit, die Handtasche zwischen ihre Beine zu stellen. Sie wollte nicht, dass Tom die Panik in ihren Augen sah. Sie musste ruhig bleiben, bis sie zum Campingplatz kamen. Dort würde es auf jeden Fall ein Münztelefon geben – und mehr Menschen.
Um kein Radio hören zu müssen, schob Alice eine Kassette von Simon & Garfunkel ein, aber sie stellte die Lautstärke so ein, dass sie das Paar hinter sich immer noch reden hören konnte. Simon zog Jenny liebevoll damit auf, wie viele Süßigkeiten sie gekauft hatte, und fragte sie, ob sie in den Regalen noch etwas übrig gelassen hatte. Sie antwortete frech, dass er gar nicht nett sei und sie ihm deshalb nichts davon abgeben würde. Jenny bot Tom und Alice an, zu probieren. Tom nahm ein Stück Fruchtgummi. Alice nahm nichts.
Nach dem Tod ihres Babys hatte sie gelernt, dass eine Tragödie einen Menschen von anderen trennen, ihn wie Fäulnis aushöhlen konnte. Jedes Mal, wenn sie gezwungen gewesen war, ihr Haus zu verlassen, um einzukaufen oder Besorgungen zu erledigen, war sie verblüfft, dass die anderen einfach mit ihren Leben weitermachten. Wohin sie auch schaute, lachten die Menschen und liebten einander. Es fühlte sich so fremd an, als würde sie sich einen ausländischen Film ansehen.
Geheimnisse hatten denselben Effekt. Tom, Jenny und Simon befanden sich jetzt in einer anderen Welt. Sie waren im Vorher. Alice dagegen war ins Danach gerutscht. Sie erstickte fast an ihrem Wissen. Sie beobachtete die weiße Linie auf dem Highway, während sie im Kopf immer wieder Teile des Zeitungsartikels wiederholte.
Brutaler Angriff. Zahlreiche Stichwunden. Bewaffnet und gefährlich.
* * *
Auf der restlichen Strecke sprachen sie nur wenig. Alice wechselte häufig die Kassetten und hoffte, dass dadurch keine weiteren Gespräche aufkamen. Aber was sollte sie tun, wenn Tom die Nachrichten im Radio hören wollte? Könnte sie »aus Versehen« den Sendersuchknopf abbrechen? Jedes Mal, wenn sie eine Bewegung oder ein Flüstern von dem Paar hörte, versteifte sie sich. Hatten sie die Mordwaffe noch bei sich? Immer wieder ging sie jede Begegnung und jedes Gespräch mit Jenny durch. Das Mädchen hatte manchmal traurig gewirkt, aber nichts hatte auf ihr entsetzliches Verbrechen hingedeutet.
Alice riskierte einen Blick in den hinteren Bereich des Campers. Jenny schlief, den Kopf an Simons Schulter geschmiegt. Er selbst lehnte am Fenster. Ob sie versuchen könnte, Tom etwas zuzuflüstern oder ihm eine Notiz zuzustecken? Doch Simons Rucksack stand auf dem Platz neben ihm, und Jennys lag unterm Tisch. Wenn sie eine Waffe hatten, befand sie sich in Reichweite. Alice dachte an ihre eigene Waffe. Sie wusste nicht, wie man sie entsicherte oder lud. Sie hatte Tom überredet, die Pistole tief hinten im Camper und außer Sichtweite zu verstecken. Falls man sie angreifen sollte, würden sie sie niemals rechtzeitig zu fassen kriegen.
Je näher sie Salmon Arm kamen, desto stärker wurde Alice’ Vorahnung. Eine Stadt bedeutete Menschen. Menschen bedeuteten Komplikationen. Menschen bedeuteten aber auch Ablenkung und die Möglichkeit der Rettung. Wenn Tom auf dem Campingplatz eincheckte, würde sie mit ihm hineingehen. Vom Büro aus würden sie die Polizei rufen. Wie es wohl sein würde, wenn diese eintraf? Würde das Paar sich zur Wehr setzen?
Sie fanden den Campingplatz am Ufer des Shuswap Lake. Tom parkte vor dem Büro, doch bevor sie aussteigen konnten, kam schon ein Mann mit einem Klemmbrett an Toms Fenster getrabt.
Alice blieb wie betäubt sitzen, während sie eincheckten. Sie hörte nichts von dem, was der Campingplatzmitarbeiter ihnen erklärte, nichts von den Duschen und sonstigen Einrichtungen.
Tom folgte der Wegbeschreibung bis zu ihrem Stellplatz und setzte den Camper vorsichtig zurück. Wieder standen sie unter Bäumen, doch dieses Mal kratzte Tom die Seite des Winnebago nicht auf. Alice versuchte zu lächeln, als er jubelte. Nachdem sie den Lagerplatz eingerichtet hatten, machten Tom und Simon sich auf den Weg zum See, um das Abendessen zu angeln. Alice sah ihnen nach und betete, dass Simon keinen Grund fand, ihrem Mann etwas anzutun.
Gemeinsam mit Jenny bereitete sie das Abendessen vor. Alice war nur halb bei der Sache; ein Teil von ihr befand sich in einer seltsamen Schockstarre. Das passiert nicht wirklich. Du hast einen Zusammenbruch. Du hast komplett den Verstand verloren. Sie durfte Jenny nicht merken lassen, wie aufgewühlt sie war. Sie musste das Mädchen ablenken – und sich selbst. Also beschrieb sie Jenny ihr Haus, einen sonnengelben Bungalow mit überdachter Terrasse hinten, wo sie vor dem Regen geschützt ihren Kaffee genießen konnten, und den Garten, den sie umgegraben hatte, um frisches Gemüse anzupflanzen. Sie erzählte ihr, wie Tom sie das erste Mal gebeten hatte, mit ihm auszugehen, indem er ihr bei einer Mitarbeiterbesprechung eine kleine Notiz zugesteckt hatte. Sie erzählte von ihrer Katze namens Pat und beschrieb sogar die freundliche, ältere Nachbarin, die sich gerade für sie um Pat kümmerte. Alice wollte, dass Jenny sie mochte. Dass sie Tom und sie für gute Menschen hielt. Harmlos. Aber spielte das überhaupt eine Rolle?
Als die Männer mit drei fetten Regenbogenforellen zurückkamen, waren der Salat und das Dressing fertig. Tom schlug Simon auf den Rücken, als wären sie beste Freunde. Simon zeigte ihnen, wie man Bierteig machte und die Filets in einer gusseisernen Pfanne briet, ohne dass sie anbrannten. Alice stellte sich vor, dass sie bestimmt dachten, sie sei völlig fasziniert, weil sie so aufmerksam zusah, aber sie versuchte, das Paar vor sich mit dem abzugleichen, was sie über ihre Tat gelesen hatte. Dieser ernsthafte Junge, der darauf achtete, dass der Fisch die richtige Temperatur hatte, der mit hoffnungsvoller Miene darauf wartete, dass jeder von ihnen einen Bissen probierte, und sich erst entspannte, als Tom verkündete, es sei perfekt …
»Blue ist ein guter Koch«, sagte Jenny.
»Lebt ihr zusammen?«, fragte Tom.
»Wir haben zurzeit keine Wohnung.«
»Und was ist, wenn das Baby kommt?« Tom runzelte die Stirn und stützte eine Hand auf sein Knie. Alice kannte diese Pose und den Lehrerton in seiner Stimme. Er wollte zu einem Vortrag ausholen.
»Wir haben Pläne.« Simons Stimme klang jetzt angespannt, während er sich mit raschen Bewegungen vergewisserte, dass alle Gräten aus Jennys Stück Fisch entfernt waren. Jennys Blick huschte von Simons Hand zu Toms Gesicht. Mit kleinen, aufgeregten Bewegungen streichelte sie ihren Bauch.
Tom musste aufhören, ihnen Fragen zu stellen. Alice hatte Angst, es könnten die falschen sein, und vielleicht würde Simon dann zu dem Schluss kommen, dass sie zu viel über ihn und Jenny wussten.
»Der Fisch ist fantastisch, Blue«, sagte Alice. »Hast du noch mehr Rezepte?«
Mit gerunzelter Stirn drehte Simon sich zu ihr um. Sie war nicht sicher, ob er über Rezepte nachdachte oder ob er begriff, dass sie versuchte, ihn abzulenken. Sie achtete auf einen sanften Gesichtsausdruck und versuchte, neugierig auszusehen, nicht angespannt. Nach einem kurzen Moment sagte Simon: »Wenn du keine Pfanne hast, kannst du den Fisch auch in Alufolie wickeln und ihn direkt auf der heißen Kohle garen.« Als Simon weiterredete und erklärte, dass manche Leute auch Farnsprossen und Brennnesseln aßen, atmete sie vorsichtig aus.
Alice war nicht sicher, wie sie es schaffte, die nächsten Stunden zu überstehen. Es war ein verschwommener Mix aus Geschirr spülen, Wassermelone schneiden und dem ständigen Kampf gegen die Angst. Nur der Gedanke, dass Tom eine Lösung finden würde, hielt sie aufrecht. Er würde wissen, wie sie aus dieser Sache wieder herauskamen. Sie saßen bis zum Sonnenuntergang am Feuer, der Himmel leuchtete rosa und goldfarben durch die Bäume. Als der Wald um ihren Lagerplatz sich in dunkle Schatten verwandelte, gingen Tom und Simon endlich die Angelanekdoten aus, und Jenny gähnte. Das junge Paar beschloss, sich für die Nacht fertig zu machen und ins Bett zu gehen. Alice verspürte eine Welle der Erleichterung – bis Tom ebenfalls aufstand.
»Ich werde noch kurz duschen.«
Nein! Sie musste jetzt mit ihm reden. Alice sprang auf, hob den leeren Obstteller auf und folgte Tom in den Camper. Er schnappte sich sein Rasierzeug und warf sich sein Handtuch über die Schulter. Er war so schnell! Sie griff nach seinem Ärmel, aber dann hörte sie ein schlurfendes Geräusch an der Tür. Sie drehte sich um. Simon wartete, mit einem Fuß an der Treppe, und beobachtete sie.
Sie ließ die Hand wieder sinken. »Ich mache schon mal das Bett.«