Kapitel 40: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Alice’ Füße hämmerten über den harten Kies. Sie suchte die Straße vor sich nach den Bahnschienen ab. Als sie hinter einer Kurve endlich auftauchten, änderte sie die Richtung und rannte darauf zu. Ihre Schuhe rutschten auf den Holzschwellen. Sie lief in Richtung Westen, zurück nach Bellevue, wie sie hoffte.
Sie suchte nach einer Schneise durch den Wald, durch die sie zurück zum Highway laufen könnte. Dort würde sie ein Fahrzeug anhalten. Doch die Bahnschienen beschrieben offenbar eine Kurve und führten tiefer in den Wald hinein.
Sie versuchte, auf Schritte zu lauschen. Folgte Simon ihr? Sie hatte Seitenstechen. Keuchend atmete sie in den Schmerz hinein. Sehr viel länger würde sie dieses Tempo nicht durchhalten.
Sie riskierte einen Blick über die Schulter.
Simon lag mehr als die halbe Länge eines Footballfeldes hinter ihr, und Jenny lief hinter ihm. Alice hatte sich einen Vorsprung verschafft, indem sie Simon getreten hatte, aber er holte auf.
Alice schaute wieder nach vorn und rannte weiter.
Der Wald lichtete sich. Sie erreichte eine lange hölzerne Gerüstbrücke, die über eine Schlucht führte. Sie konnte nicht sehen, wie tief es hinunterging oder ob es einen Fluss am Grund der Schlucht gab. Sie hatte nur einen kurzen Moment, um zu entscheiden, ob sie die Brücke überqueren sollte. Simon würde ihr gewiss nicht hinüberfolgen. Er würde Jenny nicht so einer Gefahr aussetzen. Alice versuchte zu lauschen, ob ein Zug kam, doch sie konnte nur ihren eigenen Atem hören.
Sie war am Anfang der Brücke. Für die Dauer eines Herzschlags blieb sie stehen und hielt den Atem an. Kein Donnern eines Zuges oder Pfeifen in der Ferne. Sie würde die Brücke überqueren.
Sie hatte es halb über die Schlucht geschafft, als sie den Knall einer Pistole hörte. Das Geräusch war verzerrt und hallte von den Felswänden wider, und zugleich spürte sie einen scharfen, beißenden Schmerz an ihrer Wade. Alice stürzte nach vorn und knallte auf das raue Holz. Sie schrie auf und schnappte nach Luft. Sie schaute über die Schulter.
Simon war auf die Brücke gerannt. Er war nur noch dreißig Meter entfernt, vielleicht weniger. Sie konnte sein blutiges Gesicht sehen.
»Komm sofort wieder zurück!«, brüllte er.
Ungläubig starrte sie ihn an. »Nein. Du hast auf mich geschossen!«
»Ich musste dich aufhalten.«
Sie drehte sich um, während sie immer noch flach auf dem Boden lag. Sie wollte sehen, wie schlimm ihre Verletzung war, aber sie musste auch Simon im Auge behalten, der ein paar weitere Schritte über die Brücke machte.
Jenny hatte Simon eingeholt und stand keuchend neben ihm.
»Mein Gott, Simon! Hast du auf sie geschossen?«
»Sie hat mir die Nase gebrochen!«
»Lass uns einfach gehen.« Sie zog ihn am Arm. »Ich kann fahren.«
»Nein.« Erneut hob er die Waffe und zielte auf Alice. »Komm von der Brücke runter.«
Sie hatte nur wenige Sekunden, um zu Jenny durchzudringen. Sie war ihre einzige Chance.
»Er wird mich niemals laufen lassen, Jenny. Er hatte die ganze Zeit vor, mich umzubringen.«
»Das ist nicht wahr«, rief Simon. »Komm einfach zurück, dann können wir reden.«
Jenny sagte etwas zu ihm und zog erneut an seinem Arm. Ihr Blick hatte etwas Flehendes.
»Warum verdammt noch mal ist sie dir so wichtig?« Simon schrie Jenny an. Die Pistole deutete immer noch auf Alice. Sie drückte sich so flach wie möglich auf den Boden, doch es war nicht flach genug. Könnte sie vielleicht seitlich an der Brücke nach unten klettern, von einem Holzbalken zum anderen? Ein dummer Plan. Sie würde abstürzen.
»Sie hat mir einen Ast quer durchs Gesicht gezogen, und du machst dir um sie Sorgen?« Simon schrie immer noch. »Wenn wir sie gehen lassen, wird man uns fassen.«
»Das stimmt nicht«, schrie Alice zurück. »Ihr könnt entkommen.«
»Halt die Schnauze, Alice!«
»Warum hörst du nie auf mich?«, fragte Jenny.
»Weil du ganz besessen davon bist, dass Alice dich unbedingt mögen soll. Du hast deinen Verstand ausgeschaltet.«
»Ich bin besessen?« Jenny war hörbar aufgebracht, und ihre Stimme erreichte eine Lautstärke, die Alice bei ihr noch nie gehört hatte. »Und was ist mit dir? Ich habe alles gehört in der Nacht, als du betrunken warst und Alice gezwungen hast, dir Sandwiches zu machen. Du bist derjenige, der sich wünscht, sie wäre deine Mutter!«
»Erzähl nicht so einen Scheiß.«
»Ich wollte sie auf der Farm lassen. Wir hätten sie im Motel zurücklassen können.«
»Also gut. Dann erschieße ich sie auf der Stelle.«
Er hob erneut den Arm.
»Ich gebe auf!« Alice kam auf die Knie und hob die Hände. »Ich fahre den Wagen.«
»Nein, bleib, wo du bist«, rief Jenny.
»Was zum Teufel ist bloß in dich gefahren?«, sagte Simon.
»Wir brauchen sie nicht.«
»Ja dann.« Er zielte mit der Pistole auf Alice und feuerte einen Schuss ab. Die Kugel schlug neben ihr ins Holz. Sie schrie auf und warf sich wieder flach auf den Bauch.
»Hör auf!« Jenny weinte jetzt.
»Entweder du bist auf meiner Seite oder du bist es nicht, Jenny. Entscheide dich. Denn wenn wir sie laufen lassen, bin ich so gut wie tot.«
»Wenn du sie erschießt, werde ich dir das nie vergeben.«
Alice wusste auf der Stelle, dass dies das Falscheste war, was Jenny hätte sagen können.
»Du wirst mir nicht vergeben? Nach allem, was ich für dich getan habe?«
»Du darfst ihr nichts tun. Nicht Alice.«
»Liebst du mich überhaupt? Vielleicht hast du mich die ganze Zeit nur benutzt.«
»Hör auf, solche Sachen zu sagen.«
»Was soll das hier werden, Babe? Wir lassen sie tot zurück, oder wir nehmen sie mit.«
»Wir nehmen sie mit! Es tut mir leid. Du hast recht. Wir brauchen sie.« Jenny redete hastig, bettelte ihn an.
»Weißt du was, ich traue dir nicht mehr.« Simon hob den Arm, stellte sich in Position. Seine Miene war finster. Alice öffnete den Mund, um Jenny anzuflehen, ihn aufzuhalten, aber Jenny streckte bereits die Arme aus.
Um ihn zu packen? Ihm die Waffe aus der Hand zu schlagen?
Nein. Mit beiden Händen versetzte sie ihm einen kräftigen Stoß gegen die Schulter. Er stand ganz nah am Rand der Brücke. Es gab kein Geländer, und er hatte keine Zeit, das Gleichgewicht wiederzufinden. Mit einem torkelnden Schritt stolperte er wie in Zeitlupe zur Seite. Er breitete die Arme aus und versuchte, sich aufzurichten.
»Jenny!«, schrie er gellend.
Sie rührte sich nicht.
Er war zu schwer. Sein Mund war weit aufgerissen, das Gesicht voller Panik. Ein Arm griff nach dem Himmel. Alice konnte alles sehen. Er kippte zur Seite, die Schwerkraft riss ihn mit, den Kopf voran.
Er war da, hing in der Luft, und dann war er weg.
Ein langer Schrei, als er fiel.
Alice schrie ebenfalls, und ihr Schrei vermischte sich mit Jennys schrillem Heulen.
Ein dumpfer Aufprall unter ihr. Felsbrocken rollten und krachten gegeneinander. Das Poltern hallte in der Schlucht wider.
Dann Stille.
Jenny kniete auf den Schwellen, umklammerte den Rand und beugte sich vor, um nach unten zu schauen. Kreischend rief sie seinen Namen. »Simonnnn! Simonnnn!« Das Geräusch wurde von den Felswänden der Schlucht zurückgeworfen.
Alice stand auf und humpelte näher zu Jenny. Das Mädchen würde noch fallen, wenn es sich noch weiter vorbeugte.
»Jenny!«, rief sie. »Lehn dich zurück!«
Jenny drehte sich zu Alice um; ihr Gesicht war tränenüberströmt, ihr Mund stand offen, als versuchte sie immer noch zu schreien, hätte aber keinen Atem mehr übrig.
Dann war Alice bei ihr, packte ihren Arm und zog sie von der Kante weg. Jenny sackte zusammen und ließ sich stolpernd von Alice von der Brücke führen. Dort ließ Alice sie los und ging zum Rand der Schlucht. Auf dem steilen Abhang war ein schmaler Pfad zu erkennen. Ob von Tieren oder Menschen, konnte sie nicht sagen. Sie wollte nicht den Halt verlieren, aber es bestand die Möglichkeit, dass Simon noch lebte.
Sie drehte sich zu Jenny um. »Lauf zum Highway und halt ein Auto an.«
Jenny starrte sie an und zitterte dabei am ganzen Körper. Auf dem Kiesstreifen neben den Bahnschienen sank sie auf die Knie und presste die Hände ans Herz. Vielleicht war es besser, wenn sie nirgendwohin lief.
»Okay. Bleib einfach, wo du bist.«
Vorsichtig stieg Alice den Pfad hinab. Sie achtete darauf, seitwärts zu gehen und sich gegen die Böschung zu lehnen, damit sie nicht von ihrem eigenen Gewicht nach unten gerissen wurde. Sie rutschte ein paarmal aus, hielt sich an den trockenen Sträuchern fest und betete, dass sie nicht abbrechen mögen. Sie blieb stehen und suchte den Abhang unter sich ab, aber von Simon keine Spur. Dann entdeckte sie Blut. Rubinrote Tropfen auf den Felsen, eine verschmierte Spur im Staub.
Sie kletterte weiter nach unten, die Brücke war jetzt hoch über ihr. Sie konnte Jenny nicht mehr sehen, aber sie glaubte, sie weinen zu hören. Erneut suchte sie die Schlucht unter sich ab.
Etwas Buntes blitzte auf. Simons Tanktop.
Alice blieb so unvermittelt stehen, dass sie fast das Gleichgewicht verlor. Sie bekam wieder Halt, doch ihr Herzschlag war aus dem Takt geraten und stolperte vor Angst. Wenige Schritte unter ihr lag Simon mit dem Gesicht nach oben auf einem schmalen Vorsprung. Felsen hatten seinen weiteren Absturz verhindert.
»Simon?« Keine Antwort. Kein Stöhnen, kein Wimmern. Er könnte bewusstlos sein, aber etwas an der Art, wie sein Körper dalag, stimmte nicht. Sie spürte, wie ihre Kehle eng wurde.
Sie kroch näher, bis sie neben ihm kauerte. Seine Hand lag ausgestreckt vor ihr. Sie tastete nach seinem Puls, ihre Fingerspitzen berührten die noch warme Haut.
Sie hielt den Atem an, wartete darauf, ein leises Flattern zu spüren. Vielleicht hatte sie die falsche Stelle erwischt. Sie bewegte die Finger ein Stück weiter. Drückte kräftiger auf die Adern. Sie tastete an seinem Hals nach dem Puls.
Nichts.
Seine Augen waren geschlossen, das Gesicht blutverschmiert von ihren Schlägen und vielleicht auch von dem Sturz, denn in einem tiefen Kratzer an der Wange steckten kleine Steinchen und Schmutzstückchen. In seiner Kopfhaut klaffte eine weitere Wunde, und sein Hals war seltsam abgeknickt, die Füße weit abgewinkelt.
Sie würde es Jenny sagen müssen. Würde sie versuchen zu entkommen? Alice musste sie überreden, sich zu stellen. Alice gefiel es nicht, wie Simons Arme verdreht waren, und obwohl sie wusste, dass er nichts mehr spürte, legte sie sie neben seinen Körper und schob auch die Beine zusammen. Sie drehte seinen Kopf, sodass der Körper gerade lag. Wenn das Blut nicht wäre, könnte man meinen, er würde schlafen.
Sie fühlte etwas Klebriges an ihrem eigenen Bein. In dem Schock, als Simon gestürzt war, hatte sie nicht mehr an ihre eigene Verletzung gedacht. Sie untersuchte die Wunde. Blut hatte ihre Socke und den Schuh durchtränkt. Das Eintrittsloch war seitlich an ihrer Wade. Sie konnte keine Austrittswunde erkennen, aber bei so viel Blut war das schwierig zu sagen. Sie zog ihre andere Socke aus, drückte sie auf die Wunde und wickelte sie um das Bein.
Es gab keine Spur von Simons Waffe in der Nähe. Sie war entweder tiefer in die Schlucht gefallen, oder er hatte sie auf dem Weg nach unten verloren. Sie dachte an das Messer und hob den Hemdsaum hoch. Er hatte es nicht dabei.
Alice machte sich auf den Rückweg, den Abhang der Schlucht hinauf. Sie keuchte, und die verletzte Wade schmerzte pochend. Sie glaubte, dass sie unter Schock stehen musste und noch mehr Schmerzen haben würde, wenn diese kleine Gnade nachließ.
Es war schwerer und erforderte mehr Kraft, die steile Böschung hinaufzuklettern. Als sie auf halbem Weg nach oben auf Jenny stieß, war sie erschöpft. Die junge Frau saß im Schneidersitz neben einem Vorsprung mit zerklüfteten grauen Felsen.
Sie starrte auf etwas in ihrem Schoß. Alice kam näher. Jenny bewegte sich und nahm ihre Beine auseinander. Dann sah Alice, dass Jenny die Pistole in der Hand hielt. Sie blieb stehen.
Jenny schaute zu ihr auf. »Ich habe sie gefunden. Sie lag einfach da.« Sie deutete auf die Felsen. »Ist er tot?«
»Ja.« Alice hatte weiteres Geschrei und Gejammer erwartet, aber Jenny schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Ihr Gesicht war leer, die Haut noch nass von den Tränen und die Augen matt. Alice kannte dieses Gefühl. Wenn der Schmerz so ungeheuer groß war, nahm er einem alles.
Alice streckte die Hand aus. »Gib mir die Waffe.«
Jenny runzelte die Stirn. »Nein.« Sie hob den Arm, und Alice schnappte nach Luft und rutschte ein Stück nach unten. Sie riss eine Hand hoch, eine alberne Verteidigungsgeste, und kniff unwillkürlich die Augen zusammen, doch es ertönte kein Schuss. Sie machte die Augen wieder auf.
Jenny hatte den Lauf an die eigene Schläfe gepresst. Sie sah über Alice’ Schulter.
»Es ist meine Schuld«, sagte Jenny.
»Er ist gefallen«, erwiderte Alice. »Hör mir zu, Jenny. Das ist wichtig. Er ist gefallen.«
»Ich habe ihn gestoßen.«
»Er wollte mich erschießen, du hast versucht, ihn aufzuhalten, und er hat das Gleichgewicht verloren. Das werde ich der Polizei erzählen.«
Jenny sah sie an und runzelte die Stirn, aber sie ließ die Pistole nicht sinken.
»Bitte, nimm die Waffe runter. Bitte. Ich möchte nicht, dass du dich selbst verletzt.«
»All diese Menschen wurden meinetwegen verletzt.«
»Du hast Simon nicht gezwungen, diese Dinge zu tun.«
Jenny war völlig aufgelöst. Sie atmete schneller, und ihre Hand zitterte.
»Ich habe ihn geliebt, und er hat mich geliebt.«
»Ich weiß. Es tut mir leid.«
Sie drückte die Waffe noch entschlossener gegen ihre Schläfe, das Gesicht war verzerrt, die Augen zusammengekniffen, als würde sie genug Entschlossenheit sammeln, um den Abzug zu drücken.
»Ich weiß, dass du eine gute Mutter sein möchtest. Mütter tun, was das Richtige für ihr Baby ist, selbst wenn es ihnen wehtut. Du wirst weitermachen. Für dein Baby. Selbst wenn es dich alles kostet. Das ist der Preis, den wir bezahlen.« Jetzt sah Jenny sie an. »Ich hatte einen Sohn. Er starb, als ich in den Wehen lag. Ich würde tausendmal mit ihm tauschen. Denk doch nur an dein süßes Baby. Bitte!«
Alice kroch näher. Sie streckte den Arm aus, umfasste Jennys Hand mit der Waffe und zog sie behutsam von ihrem Kopf weg. Langsam. Vorsichtig.
Jenny sah ihr in die Augen und tat einen tiefen Atemzug. Alice erstarrte. Würde sie ihre Hand zurückreißen? Den Abzug drücken?
Jenny ließ die Waffe los und sackte nach vorn. Schluchzend verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. Alice legte eine Hand auf Jennys gebeugten Kopf und strich ihr übers Haar.
»Ganz ruhig. Alles wird gut.«
Jenny weinte nur noch heftiger. »Wie kannst du das sagen? Simon ist tot. Ich komme ins Gefängnis. Mein Leben ist vorbei.«
»Du bist noch so jung. Du wirst eines Tages auf Bewährung rauskommen und kannst dir ein neues Leben aufbauen. Alles ist möglich.«
»Für mich nicht.«
»Doch. Für dich – und für dein Baby. Ein Teil von Simon wird immer bleiben.«
Jenny holte ein paarmal stockend Luft, und Alice dachte, das sei ein Zeichen, dass sie sich allmählich beruhigte, doch dann hob Jenny mit einem bitteren Lächeln den Kopf. Ihr Gesicht war nass.
»Das Baby ist nicht von Simon.«