Kapitel 41: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Alice sah sie an und blinzelte.
»Simon wusste es, aber es war ihm egal.« Es war das erste Mal, dass Jenny es jemandem erzählte. Sie schämte sich nicht. Es interessierte sie nicht mehr – sie wollte nur Simon zurückhaben.
»Du hattest noch einen Freund?«
Jenny schüttelte den Kopf.
»Aber wer …« Alice verstummte, runzelte die Stirn, dann glätteten sich ihre Gesichtszüge wieder. Sie legte die Fingerspitzen an die Lippen und murmelte: »Dein Stiefvater …«
Jenny schaute an Alice vorbei. Sie musste zu Simon, musste ihn berühren. Sie musste es mit eigenen Augen sehen. Sie rutschte vorwärts, bis ihre Füße Halt an einem Felsen fanden, dann stand sie auf. Alice versuchte, sie am Bein festzuhalten, doch Jenny riss sich los und brachte sie beinahe beide aus dem Gleichgewicht.
Vorsichtig kletterte Jenny den Abhang hinunter, manchmal kroch sie rückwärts, dann wieder rutschte sie auf dem Po weiter.
Als sie Simon fand, sah er aus, als würde er schlafen. Seine Handflächen zeigten nach oben, die Finger waren gekrümmt. Sie nahm seine Hand und küsste sie sanft.
Mit einem Finger zeichnete sie sein hübsches Gesicht nach. Seine Brauen, den Mund. Die gerade Nase. Sein kräftiges Kinn. Sie legte die Wange auf seine Brust. Viele Nächte hatten sie so gelegen.
Alice war hinter ihr und redete auf sie ein. Jenny ignorierte sie. Sie wollte die Zeit zurückdrehen, bis zu dem Tag, als Simon sie zum ersten Mal auf dem Steg angesprochen hatte.
Alice berührte sie am Arm und schüttelte sie. »Jenny, wir müssen Hilfe für ihn holen.«
Simon konnte niemand mehr helfen. Alice meinte, dass sie jemandem Bescheid sagen mussten, damit seine Leiche geborgen wurde. Simon war nicht mehr da. Jenny hob den Kopf von seiner Brust. Ihre Tränen tropften auf sein Gesicht und vermischten sich mit seinem Blut. Alice kniete sich neben sie und legte ihr eine Hand auf den Rücken.
Jenny sah sie an. »Ich war fünfzehn, als es das erste Mal passierte.«
* * *
Das Haus war ruhig und dunkel, als sie von der Schule nach Hause kam. Sie schaltete das Licht an, und der Kristallleuchter über dem Esszimmertisch funkelte. Sie streckte sich, um einen der Kristalltropfen zu berühren. Sie lebten jetzt seit über einem Jahr in White Cliff, aber sie konnte immer noch kaum fassen, dass sie in einem so schönen Haus wohnte. Manchmal, wenn ihre Mutter und Robert nicht zu Hause waren, tat sie so, als wäre sie erwachsen und würde hier mit ihrem wundervollen Mann und den anbetungswürdigen Kindern leben. Mindestens zwei, vielleicht sogar drei. Sie goss Saft in ein Weinglas, legte eine Platte auf und tanzte im Wohnzimmer mit einem Kissen zu langsamer Musik. Sie würde sterben, wenn man sie jemals dabei ertappen würde.
An diesem Wochenende war ihre Mutter nach Vancouver gefahren, um die neueste Herbstmode einzukaufen. Robert fuhr normalerweise mit, und sie nahmen sich ein Zimmer in einem schicken Hotel. Doch dieses Mal wollte er zu Hause bleiben und sich auf sein Buch konzentrieren. Wahrscheinlich würde er sich bis spätabends in seinem Arbeitszimmer einschließen.
Jenny legte ein Platzdeckchen unter ihren Notizblock, damit sie den Mahagonitisch nicht zerkratzte, und machte Englischhausaufgaben, bis ihr Magen sich beschwerte. Sie nahm sich den Hähnchensalat, den ihre Mutter für sie im Kühlschrank gelassen hatte, und aß am Tisch, während sie weiter an ihrem Aufsatz arbeitete. Als das Licht flackerte, hielt sie inne. Würde der Strom ausfallen?
Sie stand auf und ging zum großen Fenster im Wohnzimmer. Draußen war es fast dunkel, also schirmte sie die Augen mit den Händen ab und beugte sich näher ans Glas. Der Himmel war schon den ganzen Tag wolkenverhangen, und in der Luft hing ein metallischer Geruch. Jetzt peitschte der Wind die Bäume, die ihr Haus umgaben, und Regentropfen prasselten hart und laut wie tausend Steine gegen die Fenster.
Sie hatte gerade ihren Salat aufgegessen, als ein lautes Puff ertönte und alle Lichter und Geräte ausgingen. Das Haus wurde in plötzliche Dunkelheit getaucht. Jenny stolperte ins Wohnzimmer und suchte beim Kamin nach Kerzen und Streichhölzern. Sie tastete den Kaminsims ab.
»Alles in Ordnung, Jenny?« Mit einer brennenden Kerze in der Hand kam Robert aus seinem Arbeitszimmer. Der Schein fiel über sein Gesicht und tauchte alles andere in den Schatten.
»Ich kann die Streichhölzer nicht finden.«
»Hier.« Er trat zu ihr und entzündete die Kerze in ihrer Hand und dann die Kerzen auf dem Tisch. »Komm mit in mein Arbeitszimmer. Das Feuer brennt.«
Sie folgte ihm und setzte sich auf seine braune Ledercouch, die vom Feuer erwärmt war. Auf jeder Seite lagen weiche Kissen, dazu eine Wolldecke. Sie malte sich aus, dass er hier auf der Couch lag, wenn ihm seine Ideen kamen. Das Arbeitszimmer roch nach würzigen Zigarren und Leder.
Robert stand hinter seinem Schreibtisch und starrte auf seine Schreibmaschine, in die noch ein Blatt Papier eingespannt war.
»Würde es dir etwas ausmachen, einen Blick auf ein paar Seiten zu werfen? Nur nachsehen, ob ich irgendwelche Fehler gemacht habe?«
Er wollte ihre Hilfe? Sie las gerne, und manchmal unterhielten sie sich über Bücher, aber er hatte sie noch nie zuvor um Hilfe gebeten. Sie setzte sich gerader hin, als er ihr einen Stapel weißer Seiten brachte, in dessen Papier die getippten schwarzen Wörter eingeprägt waren. Sie konnte sie unter den Fingerspitzen spüren. Sie las die Seiten im Schein des Feuers, während Robert auf und ab ging, aus dem Fenster hinter seinem Schreibtisch starrte und dabei Whiskey trank.
Als er zu ihr trat und ihr ein Glas reichte, blickte sie schockiert zu ihm hoch.
»Nur einen kleinen«, sagte er. »Stürmische Abende verlangen nach Whiskey, aber sag deiner Mutter nichts.« Er zwinkerte ihr zu. Sie hatte noch nie Whiskey getrunken – oder irgendein anderes alkoholisches Getränk. Die Vorstellung, etwas ohne das Wissen ihrer Mutter zu tun, war sowohl aufregend als auch angsteinflößend.
Der erste Schluck brannte in ihrer Kehle, und sie spürte sofort die Hitze in ihren Wangen.
Sie hustete.
Robert lachte. »Beim zweiten wird es schon besser sein.«
Sie nahm einen zweiten Schluck und, als er ein erfreutes Gesicht machte, noch einen dritten. Die nächsten Minuten verstrichen, während sie sich auf die Seiten konzentrierte. Er gab ihr einen Bleistift, um ihre Anmerkungen zu notieren.
»Was immer dir auffällt«, sagte er. »Rechtschreibfehler. Oder wenn etwas keinen Sinn ergibt.«
Im Arbeitszimmer wurde es heißer, ihre Wollstrumpfhose juckte, und Robert schenkte mehr Whiskey in ihr Glas. Sie trank in kleinen Schlucken, genoss das Klirren des Eises am Glas und fühlte sich wie eine Erwachsene, als sie das Manuskript las. Vielleicht würde sie eines Tages auch eine Autorin werden – oder Lektorin. Blinzelnd sah sie auf die Seiten. Die Wörter schienen sich zu bewegen und verschwammen.
Robert setzte sich neben sie. Das Polster sank tief ein, sodass sie auf ihn zurutschte. Sie rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen, doch er kam wieder näher und beugte sich über sie, als er auf eine Anmerkung auf der Seite deutete.
»Das ist ein guter Punkt.«
Sie spürte, wie ihre Wangen noch wärmer wurden. »Die Story ist super.«
»Wirklich?« Er lächelte sie an, zeigte seine weißen Zähne. »Ich freue mich, dass du das so siehst. Ich kann es selbst nicht mehr beurteilen. Wenn sie nicht perfekt ist, werden die Kritiker mich in Stücke reißen.« Sein Lächeln verschwand, und er seufzte schwer. Sie hatte Mitleid mit ihm. Es musste so schwer für ihn sein.
»Mir würde niemals etwas so Schlaues einfallen. So, wie die Hauptfigur, Susan, Treibholz sammelt, um ihren Zaun gegen den Sturm zu bauen, das ist doch eine Metapher, oder? Denn der Sturm findet ja nicht draußen statt, nicht so wie heute.« Sie deutete auf das Fenster. »Es geht um das, was in ihrem Herzen passiert. Sie will auf ihren Verlobten warten, bis er aus dem Krieg nach Hause kommt, und sie vermisst ihn, aber dann verliebt sie sich in diesen anderen Mann – den Arzt – und versucht, sich selbst zu schützen.«
Robert starrte sie an. Seine Miene war ernst. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Es fiel ihr immer schwer, mit Robert zu reden. Früher war sie rot geworden und hatte angefangen zu stottern, wenn er sie nur ansah, und als er Jenny einmal Blumen mitgebracht hatte, kurz nachdem er begonnen hatte, mit ihrer Mutter auszugehen, wäre sie vor Verlegenheit fast gestorben. Sie war nicht an diese Art von Aufmerksamkeit gewöhnt, an ein freundliches Wort. Jetzt, da sie im selben Haus lebten, ignorierte er sie die meiste Zeit. Das war auch nicht besser. Sie kam sich vor wie ein Eindringling. Wie ein unerwünschter Gast.
Robert legte ihr eine Hand aufs Bein, knapp oberhalb des Knies, und rieb und massierte sie. Verwirrt starrte sie seine Hand an. Ihr Magen rumorte, als müsste sie sich gleich übergeben. Sie wollte gehen.
Sie stellte das Whiskeyglas auf den Beistelltisch. Er stellte seines ebenfalls beiseite. Sie wollte aufstehen und das Zimmer verlassen. Sie brauchte Wasser. Danach würde sie sich besser fühlen. Sie rutschte zum Rand der Couch. Die Hand auf ihrem Bein – Roberts Hand – verstärkte den Druck und hielt sie fest.
Er sah sie mit glasigen, geröteten Augen an. »Du bist ein wunderschönes Mädchen. Weißt du das eigentlich? Deshalb ist deine Mutter eifersüchtig auf dich.«
Eifersüchtig? Was hatte das zu bedeuten? Dann war sein Mund auf ihrem, und sie war wie betäubt, erstarrt von dem Gefühl der fleischigen Lippen und dem herben Geschmack des Whiskeys, sodass sie ihn nicht sofort wegstieß. Sie kippte nach hinten. Schon lag er schwer auf ihr und bewegte sich hektisch, seine Hände waren überall. Er packte und knetete ihre Brüste. Eine Hand war unter dem Rock und zog an ihrer Wollstrumpfhose, zerrte sie nach unten.
Sie versuchte, ihn daran zu hindern, aber seine Ellenbogen drückten ihre Arme in das Polster, bohrten sich in ihre Muskeln und Sehnen. Mit seinem ganzen Gewicht lag er auf ihrem Brustkorb. Sie konnte nicht mehr atmen. Sie glaubte, dass sie Nein gesagt hatte, aber später konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. Sie erinnerte sich nur an den Schmerz.
Es war genauso schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Sie weinte, als sie ihren Rock nach unten strich und versuchte, ihre Bluse zuzuknöpfen. Sie brauchte drei Versuche, bis sie merkte, dass ein Knopf fehlte. Ihre Strumpfhose lag auf dem Boden. Sie hob sie auf und drückte das kleine Bündel an ihre Brust.
Robert saß am anderen Ende der Couch, den Kopf in die Hände gestützt. »O Jenny.« Seine Stimme klang gequält, als wäre er derjenige mit den Schmerzen. »Warum musstest du mich so ansehen? Mit diesem verdammt kurzen Rock, während du so dicht neben mir sitzt? Du darfst einen Mann nicht derart reizen.«
Jenny zog den beanstandeten Rock über ihre Knie. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Er war derjenige, der sich neben sie gesetzt hatte, oder etwa nicht? Ihr Rock war vielleicht kurz, aber sie hatte eine Strumpfhose getragen. Sie hatte keine nackte Haut gezeigt. Vom Whiskey schwirrte ihr der Kopf, ihre Wangen brannten.
Robert stand von der Couch auf und sammelte die Blätter ein, die überall auf dem Teppich verstreut lagen. Er legte sie auf seinem Schreibtisch zu einem ordentlichen Stapel zusammen. Nestelte daran herum, bis es perfekt war. Dann drehte er sich um, holte seinen Whiskey, nahm einen großen Schluck und betrachtete Jenny über den Rand des Glases hinweg.
»Ich werde deiner Mutter nichts davon sagen, aber das darf nie wieder vorkommen. Hast du mich verstanden?«
Sie begriff nicht recht. War das alles ihre Schuld gewesen? Sie musste raus aus seinem Arbeitszimmer. Mit zitternden Beinen und enger Kehle stand sie auf und rannte die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Sie schloss die Badezimmertür hinter sich ab und badete so heiß, dass ihre Haut ganz rot wurde.
Möglicherweise hatte sie zu dicht bei ihm gesessen. War ihr Lachen zu laut gewesen. Hatten ihre Fragen sie zu interessiert erscheinen lassen. Er hatte etwas darüber gesagt, wie sie ihn anschaute, aber sie wusste nur noch, dass sie wollte, dass er sich wegen seines Buches besser fühlte. Sie hatte irgendeinen Fehler gemacht. Sie wusste nicht genau, was es war, doch sie durfte es nie wieder zulassen.
In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen und übte Ballett in ihrem Zimmer. Sie hörte auch nicht auf, als die Blasen an ihren Fersen aufplatzten oder sie Krämpfe in den Waden und Schenkeln bekam. Das Brennen in ihrer Brust war ihr willkommen. Als sie endlich vollkommen erschöpft war, brach sie auf ihrem Bett zusammen und schlief in ihren Kleidern ein.
Sie ging nicht zum Frühstück nach unten und wartete bis spätabends, um sich in die Küche zu schleichen und sich etwas zu essen zu holen, was sie kaum herunterbrachte. Das meiste davon warf sie von ihrem Balkon.
Sie hatte Angst, dass Robert an ihre Tür kommen würde. Vielleicht wollte er reden. Oder noch schlimmer. Manchmal hörte sie ihn unten herumlaufen, aber er kam nie die Treppe herauf. Als sie erneut nicht schlafen konnte, übte sie wieder Ballett. Ihr Schatten tanzte zusammen mit ihr im Spiegel.
Am Samstagabend kam ihre Mutter zurück. Jenny blieb in ihrem Zimmer, bis sie zum Abendessen nach unten gerufen wurde. Sie überlegte, ob sie eine Krankheit vortäuschen sollte, aber jede Ausrede würde unweigerlich zu Fragen führen.
Warum bist du krank? Warst du im Regen draußen? Tänzerinnen mit triefenden Nasen kann ich nicht gebrauchen.
Dann würde ihre Mutter Jenny irgendeiner ekligen Kur mit Hausmitteln unterziehen, von der sie in einer Frauenzeitschrift gelesen hatte. Zum Beispiel einer Brühe aus Rinderknochen oder Ingwer-Senf-Packungen.
Robert saß am Kopf des Tisches. Jennys Mutter saß zu seiner Rechten, Jenny zu seiner Linken. Sie hielt den Blick auf ihren Teller gerichtet und hatte die Knie zur Seite gedreht. Robert und ihre Mutter hielten auf dem Tisch Händchen, sein Daumen rieb über ihren Ringfinger. Sie erzählte ihm von den Kleidern, die sie gekauft hatte, und von den Stoffen für neue Vorhänge. Samt. Vielleicht sollten sie das Sofa neu polstern lassen. Sie hatte die alte Farbe satt. Sie unterhielten sich über das Tanzstudio.
Robert bat Jenny um Salz. Sie gab es ihm, und er lächelte ihr flüchtig zu, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf ihre Mutter. Er lachte über etwas, das sie sagte. In seinem Blick lag keine Scham. Keine Angst. Es war, als sei nichts geschehen. Jenny berührte ihre Beine unter dem Tisch und spürte die empfindlichen Stellen an ihren Schenkeln und Hüften. Die runden blauen Flecken, die seine Finger hinterlassen hatten.
Die Monate verstrichen. Obwohl es unmöglich war, ihm vollkommen aus dem Weg zu gehen, achtete Jenny darauf, dass sie nie lange mit Robert allein war. Sie ging nie in die Nähe seines Arbeitszimmers. Wenn er einen Raum betrat, ging sie hinaus. Sie wurde zu einem Geist in ihrem eigenen Zuhause. Sie fand es nicht länger wunderschön.
Der Herbst wurde zu Winter, Frühling und dann Sommer. Ihre Mutter verabreichte ihr Diätpillen, von denen sie ganz benommen wurde. Sie konnte sich in der Schule nicht konzentrieren. Ihre Mutter beschwerte sich, weil Jenny so erschöpft aussah. Die dunklen Ringe unter den Augen seien hässlich. Sie gab ihr Valium. Jenny wachte in ihrem Zimmer auf dem Fußboden oder unten im Wohnzimmer auf der Couch auf. Einmal sogar draußen auf ihrem Balkon, ihr Körper mit Tau überzogen. Diese Wanderungen spät in der Nacht, über die sie keine Kontrolle hatte, machten ihr Angst.
Ohne Wissen der Mutter begann sie, die Tabletten zu zerteilen und nur noch die Hälfte zu nehmen. Die niedrige Dosierung genügte, damit sie leichter einschlief und den brennenden Hunger in ihrem Magen ignorieren konnte, aber sie wachte nicht mehr an merkwürdigen Orten auf. Sie war erleichtert. Das Problem war gelöst.
Doch das war ein Trugschluss.
Eines Nachts schreckte sie aus dem Schlaf auf. Robert lag neben ihr im Bett. Der dunkle Umriss seines Kopfes und seiner Schultern schwebte drohend über ihr. Er hielt ihr den Mund zu. Sie roch Rasierwasser und Zigarren. Sie warf sich hin und her und wehrte sich gegen ihn, stieß ihm gegen die Brust.
»Pst! Jenny, hör auf. Du hattest einen Albtraum. Ich musste dich wecken, bevor deine Mutter es hört. Schlaf wieder ein.« Sein Schatten verschwand so plötzlich, dass sie in die Luft boxte.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken. Die Fußbodendielen im Flur knarrten. Er ging zurück in sein Zimmer. In das Schlafzimmer, in dem ihre Mutter mit ihrer Augenmaske und den Lockenwicklern im Haar schlief.
Sie rang um Atem, eine Hand auf dem rasenden Herzen. Nichts war passiert. Sie hatte ihn verjagt. Dann spürte sie die kalte Luft an ihren Beinen und begriff, dass ihr Nachthemd bis zur Hüfte hochgeschoben war. Die Decke war zum Fußende des Bettes zurückgeschlagen.
Wie lange war er in ihrem Zimmer gewesen?
Sie stand auf und stellte einen Stuhl unter ihren Türgriff. In dieser Nacht und in allen folgenden Nächten. Ihre Mutter gab ihr weiterhin Valium, aber sie spülte die Tabletten in der Toilette herunter.
Als sie sechzehn war, fuhr ihre Mutter wieder in die Stadt. Robert hatte geplant mitzukommen. Im vergangenen Jahr waren sie ein paarmal zusammen verreist, und Jenny hatte jede Sekunde ausgekostet, in der sie nicht da waren. Dann konnte sie so tun, als hätte sie ein anderes Leben. Als wäre sie glücklich.
Im allerletzten Moment sagte Robert, er würde zu Hause bleiben. Die Worte flössen gerade nur so aus ihm heraus. Er könne jetzt nicht aufhören. Ihre Mutter und Robert stritten sich lautstark. Robert knallte die Tür seines Arbeitszimmers zu.
Jenny sah von ihrem Balkon aus zu, wie der Wagen ihrer Mutter mit hoher Geschwindigkeit aus der Einfahrt schoss. Sie wünschte sich nie, mehr Zeit mit ihrer Mutter verbringen zu können, aber in diesem Moment wäre sie ihr am liebsten nachgelaufen.
Später schlich sie durchs Haus, um sich ihr Abendbrot zu holen. Sie würde es in ihrem Zimmer essen. Robert war in seinem Arbeitszimmer. Das stetige Klack, Klack, Klack seiner Schreibmaschine war beruhigend. Er arbeitete konzentriert. Zu konzentriert, um ihre Schritte zu hören. Doch dann ließ sie in der Küche einen Löffel fallen und sah entsetzt zu, wie er scheppernd und kreiselnd über den Boden rutschte. Sie ging in die Hocke, um ihn aufzuheben.
»Jenny? Kannst du mir das Sandwich bringen, das deine Mutter für mich gemacht hat?«
Sie kniff die Augen zusammen und holte tief Luft. Seit dem Abend in seinem Arbeitszimmer war mehr als ein Jahr vergangen. Jetzt war sie klüger. Sie würde sich nicht neben ihn setzen. Sie würde sofort wieder gehen.
Sie holte sein Sandwich aus dem Kühlschrank – neidisch auf den dicken Käse, die Wurstscheiben und die triefende Mayonnaise – und schenkte ihm ein Glas Wasser ein.
Kaum hatte sie sein Arbeitszimmer betreten, fiel ihr Blick auf die Whiskeykaraffe auf seinem Schreibtisch. Der Stopper lag auf dem Tisch, und ein halb volles Glas stand neben Roberts Hand. Es war Mittag, doch seine Wangen waren bereits gerötet, und seine Augen glänzten unnatürlich. Ob er schon seit der Abfahrt ihrer Mutter trank?
Sie stellte den Teller und das Glas vorsichtig auf den Schreibtisch und machte Anstalten, sich umzudrehen.
»Warte kurz, ich habe den ganzen Tag an einem Kapitel gearbeitet. Würde es dir etwas ausmachen, es zu lesen?«
Es machte ihr etwas aus. Genauso hatte es vorher auch angefangen.
»Ich muss Hausaufgaben machen.«
»Es dauert nicht lange. Versprochen. Ich brauche wirklich deine Hilfe.«
Er sah verzweifelt aus. Vielleicht meinte er es diesmal ernst.
»Jenny, bitte!«
Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Er lächelte sie an und zeigte hoffnungsvoll auf die Couch, um die sie seit jenem Abend einen großen Bogen gemacht hatte. Sie setzte sich auf die Kante, die Knie zusammen, die Hände im Schoß. So wie in dem Buch für damenhaftes Verhalten, das ihre Mom ihr eines Tages in die Hand gedrückt hatte.
Robert reichte ihr die Seiten, dann lief er im Raum auf und ab. Von seinem Schreibtisch zum Fenster und zurück zum Kamin. Jedes Mal, wenn er dicht an ihr vorbeikam, verlor sie den Faden und musste wieder von vorn anfangen.
»Es ist gut«, sagte sie schließlich, obwohl sie kaum erkennen konnte, worum es eigentlich ging. Sie dachte, er würde einen historischen Liebesroman schreiben, aber dafür kam es ihr zu düster vor, deprimierend und mit viel zu vielen Details. Seitenlang ging es um einen Mann auf einer einsamen Insel und seinen Kampf um die Rettung des Leuchtturms.
»Ich weiß nicht recht. Irgendetwas funktioniert nicht, aber ich komme einfach nicht drauf, was es ist.« Er setzte sich neben sie. Sie versteifte sich. »Dieses Buch muss perfekt werden. Alles hängt davon ab.«
»Du wirst es schon schaffen. Du arbeitest so hart.«
Er drehte den Kopf und sah sie an. »Ich wünschte, deine Mutter würde auch so sehr an mich glauben.«
»Das tut sie.«
Er stieß ein schnaubendes Geräusch aus. Ein spöttisches Lachen.
»Ich muss meine Hausaufgaben machen.« Sie erhob sich.
»Setz dich zu mir, bitte. Nur noch eine kleine Weile.« Er zog sie zurück auf die Couch. Stocksteif saß sie da, die Ellenbogen an die Seiten gedrückt. Knie zusammen. Er drehte sich zu ihr und starrte sie mit glasigen Augen an. »Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann. Nicht richtig.«
Weinte er etwa? Jenny hatte noch nie einen erwachsenen Mann weinen sehen. Unbeholfen tätschelte sie ihm die Schulter. Sie wollte ihn nur trösten, aber er griff sofort nach ihrer Hand, küsste ihre Knöchel und dann den ganzen Arm.
»Jenny, o Jenny. Mein wunderschönes Mädchen.«
»Hör auf!«
Sie versuchte, sich loszureißen, doch er war wesentlich stärker als sie. Er drückte sie nach unten und hielt sie auf der Couch fest. Nein, nein, nicht noch einmal. Er hielt ihr den Mund zu. Er bettelte sie an zu verstehen, dass er nicht anders konnte, dass es nicht seine Schuld sei, dass er versucht habe, sich von ihr fernzuhalten.
Danach schluchzte er, dann drohte er ihr. Ihre Mutter dürfe es niemals erfahren. Ihre Mutter, die endlich ihr hübsches Haus und den reichen Ehemann und ihr Ballettstudio hatte. Alles, was sie wollte.
Jenny war in ihr Zimmer zurückgegangen und hatte versucht, es zu vergessen. Als das nicht funktionierte, machte sie Pläne. Sie würde noch härter trainieren. Sie würde auf die Ballettschule gehen und niemals zurückkehren.
* * *
Eineinhalb Jahre verstrichen. Bei der Aufnahmeprüfung fiel sie durch. Ihre Mutter wollte, dass sie es nächsten Sommer erneut versuchte, aber dieses Mal für die Ausbildung zur Lehrerin. Dann könnte sie in ihrem Studio arbeiten. Jenny redete sich ein, dass sie White Cliff danach immer noch verlassen könnte. Sie könnte in einer anderen Stadt als Ballettlehrerin arbeiten. Sie dachte nicht daran, dass sie sich eines Tages verlieben oder heiraten könnte. Sie konnte keinen Jungen ansehen, ohne daran zu denken, was Robert getan hatte. Was, wenn sie alle so waren?
Am Valentinstag führte er ihre Mutter zum Abendessen aus und brachte sie stockbetrunken nach Hause. Halb stützte, halb trug er sie nach oben ins gemeinsame Schlafzimmer. Jenny war mit ihrem Buch im Wohnzimmer gefangen und hoffte, dass Robert sie auf dem Sofa nicht gesehen hatte. Sie versuchte, sich ganz klein zu machen.
»Kannst du mir helfen, deine Mutter ins Bett zu bringen?«, rief er über die Schulter.
Widerwillig folgte Jenny ihnen und war erleichtert, als Robert das Zimmer verließ. Sie wusch ihrer Mutter das Make-up aus dem Gesicht, nahm die Haarnadeln heraus und zog die Decke über sie. Ausziehen würde sie sie nicht. Ihrer Mutter war Anstand egal, aber Jenny wollte nicht sehen, welche Reizwäsche ihre Mutter für den Valentinstag ausgesucht hatte.
Sie verließ das Schlafzimmer, ging direkt in ihr Zimmer und schloss die Tür. Sie brauchte ihren Stuhl, um ihn unter den Türgriff zu klemmen. Im Dunkeln ging sie zum Bett und schaltete die Nachttischlampe ein. Sie drehte sich um und schrie beinahe auf, als sie Robert an ihrem Schreibtisch sitzen sah.
Er hielt eine kleine, herzförmige Schachtel in der Hand.
»Schokolade.« Er zwinkerte ihr zu. »Eines unserer kleinen Geheimnisse.«
Eines davon. Ihre Haut kribbelte. Bei ihm klang es wie ein vertraulicher Witz zwischen ihnen.
Sie blieb neben ihrem Bett stehen. Wie konnte sie ihn dazu bringen zu gehen?
Seine Mundwinkel sackten nach unten. Er sah aus, als würde er schmollen. »Willst du mir nicht danken?«
»Danke.«
Er legte die Schokolade auf ihren Schreibtisch und stand auf. Sie wich zurück, aber er kam nicht auf sie zu. Er stellte sich vor ihren Ganzkörperspiegel und starrte ihr Spiegelbild an.
»Ich sehe dich, wenn du mich im Studio im Spiegel beobachtest. Wenn du für mich tanzt.«
»Das tue ich nicht.«
Er wirbelte abrupt herum, schnappte sich ihren Schreibtischstuhl und ging damit zur Tür. Er verkeilte ihn unter dem Türgriff. »So machst du das doch immer, oder?«
Sie rannte zu ihrem Balkon. Sie würde nach unten klettern. Es war ihr egal, ob sie fiel.
Schritte hinter ihr. Seine Arme umschlangen ihre Taille und hoben sie hoch. Seine Wange an ihrer. Sein Rasierwasser, der Alkohol in seinem Atem. Sie wand sich, versuchte, unter seinen Armen hindurchzurutschen. Er ging rückwärts zu ihrem Bett, doch dann stolperte er und landete mit ihr auf dem Boden.
Auf allen vieren kroch sie davon. Er packte sie, drehte sie um und warf sich auf sie. Er fixierte ihre Beine mit seinen, und seine Knie bohrten sich in ihre Schenkel.
Der Atem blieb ihr in der Kehle stecken, ihre Augen tränten.
»Mom! Mom!«
»Sie ist bewusstlos.« Er packte ihren Pferdeschwanz und wickelte ihn um seine Faust. Ihre Kopfhaut prickelte. Dieses Mal gab er nicht vor, sich selbst zu quälen oder traurig zu sein. Er tat nicht einmal so.
»Ich sage es ihr morgen«, schluchzte sie.
»Sie wird dir nicht glauben. Sie wird dich rauswerfen.«
Jenny wusste, wie die Geschichte ausgehen würde. Sie hatte keine Verwandten. Keine Freunde. Keine Lehrerin, der sie sich anvertrauen könnte. Jeder mochte Robert. Trotzdem versuchte sie zu schreien, doch er hielt ihr den Mund zu. Sein Gesicht war über ihrem.
Sie drehte den Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen, bis es vorbei war.
* * *
Jenny sah Alice kein einziges Mal an, während sie erzählte. Sie wollte den Zweifel nicht sehen, den möglicherweise vorwurfsvollen Blick. Doch Alice legte ihre Hand auf Jennys Knie.
»Das tut mir unheimlich leid. Ich hoffe, du weißt, dass es nicht deine Schuld war.«
Jenny sah ihr in die Augen und erkannte die Aufrichtigkeit in ihren Worten. Alice meinte es ernst. Selbst nach allem, was Jenny ihr zugemutet hatte.
»Nach dem letzten Mal bin ich schwanger geworden«, sagte Jenny. »Simon fand mich eine Woche später an unserem Steg, und wir wurden Freunde. Nur Freunde – monatelang. Er wusste nicht, dass ich schwanger war, bis meine Mom mich rausgeworfen hat. Ich dachte, er würde ausflippen, aber er hat mich bei sich aufgenommen.«
Sie würde niemals vergessen, wie liebevoll er an jenem Abend gewesen war. Er hatte darauf bestanden, dass sie duschte, hatte ihr Handtücher und einen Pyjama gebracht und ihr sein Schlafzimmer überlassen. Als sie am nächsten Morgen, das Haar ein einziges verfilztes Chaos, die Augen vom Weinen gerötet, herausgekommen war, hatte sie ihn auf der Couch gefunden, wo er geschlafen hatte. Er hatte gelächelt und auf die Schuhschachtel auf dem Couchtisch gezeigt.
»Sieh mal hinein.«
Sie hatte die Schachtel geöffnet. Ihre Steine und Muscheln. Ihr grünes Meerglas.
»Du hast echt alles wiedergefunden?«
Sein Lächeln verblasste, und sein Blick wurde ernst. »Ich würde alles für dich tun.«
Sie wollte ihn schon seit Monaten küssen, doch sie hatte solche Angst gehabt. Vor ihrer Mom, vor Robert, sogar vor sich selbst. Aber später an diesem Tag, als sie auf der Couch saßen und sie die Wärme seines Beines an ihrem spürte, die glatte Haut seines Arms, überwältigte sie das Verlangen. Sie küsste ihn, erregt und erschrocken zugleich. Wie benommen von dem unbekümmerten Gefühl, dass sie jetzt machen konnte, was sie wollte.
Er zitterte, hielt ihre Schulter fest, als wollte er sie auf Abstand halten, und sie zog sich verwirrt zurück. »Ich bin nervös«, flüsterte er. »Ich liebe dich schon so lange.«
Sie beugte sich erneut vor, gestärkt durch sein Geständnis. Das hier war wahr und richtig. Sie war dazu bestimmt, mit ihm zusammen zu sein. Es war das Einzige, was einen Sinn ergab.
Von da an waren sie zusammen.
Sie lernte, wie Dinge sein konnten, wenn man einen Menschen liebte. Simon tat ihr niemals weh. Er hörte auf sie und ließ sie die Dinge in ihrem eigenen Tempo machen. Sie lernten einander kennen.
Sie musste ihn ständig berühren. Den Duft seiner Haut und seines Haares einatmen. Sie liebte es, ihn an der Tür zu begrüßen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Er hob sie hoch, und sie schlang die Beine um seine Taille und verbarg das Gesicht in seiner Halsbeuge.
Sie begann das Leben, das in ihr heranwuchs, zu lieben. Sie konnte an das Baby denken, ohne sich dabei an Robert zu erinnern. Er zählte nicht. Auf der Geburtsurkunde würde Simons Name stehen.
Sie hatten einander so viele Versprechen gegeben, aber sie alle waren zusammen mit seinem Körper zerbrochen. Sie war allein. Sie legte erneut den Kopf auf seine Brust und schluchzte.