Kapitel 43: Jenny - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Die erste Nacht verbrachte Jenny in dem Kleinstadtkrankenhaus. Sie schlief nicht. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte, klapperten die Handschellen an dem metallenen Bettgitter. Sobald sie die Augen schloss, sah sie Simons Gesicht, seinen Leichnam allein auf dem Abhang, und ihr kamen erneut die Tränen. Vielleicht würden sie nie zur Neige gehen. Vielleicht würde sie stundenlang weinen. Seit er tot war, hatte sich alles zum Schlechten gewandelt. Jeder Moment verlangsamte sich.
Sie hatte Kopfschmerzen. Ihre Lippen waren trocken, ihre Brust schmerzte. Immer wieder ging sie in Gedanken den Moment durch, in dem Simon gefallen war. Hatte er Angst gehabt? Fühlte er sich verraten?
Krankenschwestern kamen ins Zimmer und gingen wieder. Sie waren kurz angebunden und lächelten nicht. Sie bekam intravenös Flüssigkeit verabreicht. Ihre Schürfwunden und Schnitte waren verbunden worden. Ihre Beine waren voller blauer Flecken. Der Arzt sagte, ihrem Baby gehe es gut. Als er mit ihr redete, starrte er die ganze Zeit auf sein Klemmbrett und sah ihr kein einziges Mal in die Augen. Die Cops stellten ihr mit zusammengebissenen Zähnen und grimmigen Mienen Fragen. Sie bat um einen Anwalt.
Am nächsten Tag brachte man sie nach Vancouver. Sie saß hinten in einem Streifenwagen, immer noch in Handschellen, und beobachtete die Landschaft, durch die sie Tage zuvor schon einmal gefahren waren, jetzt allerdings in der entgegengesetzten Richtung. Sie schlief gegen die Tür gelehnt ein.
Sie wurde in die Frauenabteilung des Provinzgefängnisses in Vancouver gebracht. Allein in einer Zelle kauerte sie sich unter einer dünnen Decke auf die flache Matratze. Sie blickte sich nicht um. Sie wollte die metallene Toilette und das Waschbecken nicht sehen. Die Gitterstäbe. Sie versuchte, an nichts zu denken.
Der Pflichtverteidiger war ein kleiner Mann, nicht viel größer als sie. Er trug eine Brille, hatte einen krausen schwarzen Haarschopf und einen dicken Schnurrbart. Sein Anzug war zerknittert und sein Aktenkoffer ein einziges Durcheinander, aber er hatte freundliche Augen, und er brachte ihr Tee mit. Er erklärte ihr, welche Beweise es gegen sie gab.
Die Polizei glaubte, dass sie Simon bei den Morden geholfen hatte. Als Rache dafür, dass ihre Mutter Jenny aus dem Haus geworfen hatte. Simons und Jennys blutige Fingerabdrücke waren überall im Haus. Es spielte keine Rolle, wer die Morde tatsächlich begangen hatte. Jenny war schuldig, weil sie dabei gewesen und mit ihm gemeinsam geflohen war. Und dann waren da noch die anderen Verbrechen. Der Anwalt zählte so viele zusätzliche Anklagen auf, dass sie den Überblick verlor.
Es gab etwas, das sich Nötigung nannte, aber dafür müsste sie sagen, dass sie Angst vor Simon gehabt hatte. Es wäre schwer zu beweisen, und Alice und Tom konnten bestätigen, dass sie freiwillig mit Simon zusammen gewesen war. Jenny wollte nicht vor Gericht stehen. Sie wollte nicht vor anderen Menschen darüber reden.
Sie wollte nicht länger lügen.
Wenn sie sich schuldig bekannte, würde die Staatsanwaltschaft die Anklage auf einen Mord zweiten Grades reduzieren. Sie erfuhr, dass sie ihre Zeit im Frauengefängnis in Kingston, Ontario, absitzen würde, gegenüber vom Männergefängnis. Wenn Simon noch leben würde, wären sie nah beieinander gewesen. Sie dachte daran, wie sie eines Abends am Lagerfeuer gesessen und über das Gefängnis geredet hatten. Er hatte geglaubt, dass sie niemals geschnappt werden würden. Er war sich so sicher gewesen. Sie brach in Tränen aus, und ihr Anwalt tätschelte sanft ihren Rücken und reichte ihr ein Taschentuch.
Wenn der Richter dem Deal zustimmte, könnte sie in fünfzehn Jahren auf Bewährung entlassen werden. Diese Zahl raubte ihr den Atem. Es war fast so lange, wie sie am Leben war. Der Anwalt sagte, sie könne immer noch eine Zukunft haben. Es gab Therapie- und Ausbildungsprogramme. Sie könnte ihren Highschoolabschluss nachholen.
Sie wusste nicht, wo Alice und Tom jetzt waren. Sie hoffte, dass Alice’ Schussverletzung nicht zu schmerzhaft war und Toms Schulter gut verheilte. Ob sie wohl trotzdem noch zu den Olympischen Spielen gereist waren? Oder waren sie zurück nach Seattle gefahren? Sie malte sich aus, wie glücklich sie sein mussten, sie und Simon endlich los zu sein.
Sie dachte an William und Ruth und fühlte sich schrecklich wegen ihrer zerbrochenen Fenster und der ganzen Probleme, die Simon und sie ihnen bereitet haben. Ihr Haus war alt, aber Jenny wusste, dass es ein glücklicher Ort gewesen war. Sie hoffte, dass sie wieder wie früher Eistee in ihrer Küche tranken und miteinander lachten.
Der Anwalt erzählte ihr, dass der jüngere Polizist unverletzt geblieben war und Hilfe für seinen älteren Kollegen holen konnte, der sich jetzt von seiner Schusswunde erholte. Jenny hatte vor Erleichterung geweint, als sie das hörte, und musste dabei an den kleinen Jungen und seine hübsche Mutter denken.
Ihre Mutter und Robert waren verschuldet gewesen. Ihr gesamter Besitz würde verkauft werden, einschließlich des Hauses. Was übrig blieb, würde ein entfernter Onkel von Robert bekommen. Es war merkwürdig, sich vorzustellen, dass ihre Sachen in alle Welt verstreut werden würde. Wer würde ihre Couch bekommen? Wer würde ihren Schreibtisch benutzen?
Die nächsten Monate verbrachte sie in dem Provinzgefängnis und wartete auf die Urteilsverkündung. Sie hatte so viel Zeit zum Nachdenken. Es erinnerte sie an die Wochen, in denen sie sich in Simons Wohnung versteckt hatte.
Während er bei der Arbeit war, hatte sie tagsüber Seifenopern auf seinem Schwarz-Weiß-Fernseher geschaut, Another World und Schatten der Leidenschaft. Sie hatte stundenlang geschlafen oder geweint und sich gefragt, was ihre Mutter den Leuten wohl erzählte. Sie wollte Simon im Laden des Jachthafens helfen, aber sein Dad hatte sie einmal dort gesehen und ihr einen so bösen Blick zugeworfen, dass sie umgehend hoch in die Wohnung gerannt war.
Sie hatte die Schule abgebrochen und verließ das Haus nicht gern. Die Leute waren schrecklich, sie spürte ihre Blicke und hörte ihr Geflüster. Sie war so einsam. Simon hatte seine Schichten im Jachthafen, und danach reinigte er noch Boote. Er wollte sich noch mehr Gelegenheitsjobs suchen, aber er war jetzt schon hundemüde, wenn er abends nach Hause kam. Wenn sie zusammen fernsahen, schlief er regelmäßig ein, den Kopf auf ihrem Schoß. Sie musste etwas unternehmen. Warum sollte Simon so hart arbeiten, während Robert keine Konsequenzen zu fürchten hatte?
Also hatte Jenny sich einen Abend ausgesucht, an dem Simon am Hafen Waren entlud und ihre Mutter einen Aerobic-Kurs gab. Sie nahm den Weg durch den Wald, um nach Hause zu kommen.
Sie wollte nur reden.
* * *
Roberts dunkle Brauen hoben sich, als er die Tür öffnete und sie auf der Türschwelle sah. Sofort schaute er über ihre Schulter, überprüfte, ob sie allein gekommen war.
»Jenny«, sagte er. »Du solltest nicht hier sein.«
»Ich muss mit dir reden.«
»Deine Mutter ist nicht hier.«
»Ich weiß.« Vorher hatte er sich keine Sorgen gemacht, wenn er mit ihr allein war. Er hatte es so gewollt. Er hatte diese Gelegenheiten herbeigeführt. Sein Blick fiel auf ihren Bauch, dann wandte er sich rasch ab.
Sie zögerte. Ihr Gesicht brannte, und da war wieder diese vertraute Übelkeit. Vielleicht sollte sie besser gehen. Aber dann dachte sie wieder an Simon und wie er auf jede erdenkliche Weise versuchte, für sie zu sorgen.
Dieser Mann konnte ihr nicht einmal in die Augen schauen. Dieser Mann würde sie am liebsten wegschicken und wollte, dass sie sich schämte, für etwas, das er getan hatte.
Sie trat vor, bis er gezwungen war, ein paar Schritte zurückzuweichen. Jetzt wollte er sie nicht mehr berühren. Sie hätte gelacht, wenn sie nicht ihre ganze Kraft dafür hätte aufbringen müssen, nicht laut zu schreien. Dann war sie im Haus. Sie schloss die Tür hinter sich. Sie konnte Frank Sinatra auf dem Plattenspieler im Wohnzimmer hören.
Er schob seine Hände in die Hosentaschen. »Worüber willst du reden?«
Sie würde diese Unterhaltung nicht im Foyer führen.
»Ich will mich hinsetzen«, sagte sie.
Er sah sich um und schaute ins Wohnzimmer, als hätte er es noch nie zuvor gesehen. Sie ging an ihm vorbei und wählte das goldfarbene Samtsofa aus. Dasjenige, das ihre Mutter neu hatte aufpolstern lassen.
Robert zögerte, wippte auf den Absätzen vor und zurück, beide Hände in den Taschen. Sie konnte sein Spiegelbild im Fenster sehen. Schließlich setzte er sich auf den Zweisitzer ihr gegenüber.
»Du solltest nicht hier sein«, sagte er noch einmal.
»Ich brauche Geld.«
»Deine Mutter hat gesagt, dass ich dir nichts geben darf. Sie ist deinetwegen sehr aufgebracht.«
Heißer Zorn kroch ihre Kehle empor. Sie glaubte nicht, dass sie je zuvor so wütend gewesen war. »Sie wäre deinetwegen aufgebracht, wenn sie wüsste, was du getan hast.«
Ein roter Schimmer zog über seine Wangen. Sie hatte ihn immer für gut aussehend gehalten, aber jetzt kam er ihr aalglatt vor. Er hatte sein Haar zurückgekämmt, wie bei Barbies Ken. Die Haut an seinem Kinn und den Wangen wurde allmählich schlaff. Sie fragte sich, ob ihrer Mom das schon aufgefallen war.
»Ich weiß nicht, wovon du redest.«
»O doch, das weißt du.«
»Sie würde dir nicht glauben.«
»Ich werde zur Polizei gehen.«
»Die werden dir auch nicht glauben.«
Sie wusste, dass er recht hatte. Der einzige Beweis war ihr Bauch, und selbst dann könnte er noch behaupten, sie hätte es so gewollt – dass es ihre freie Entscheidung gewesen sei.
Sie starrte ihn weiterhin an, während er an seinem Hemdkragen zupfte. Im Haus war es heiß, selbst zu dieser Abendstunde, und er schwitzte.
»Das Baby könnte dir ähnlich sehen«, sagte sie. »Es hat vielleicht schwarzes Haar. Die Leute werden reden. Wenn du mir Geld gibst, können wir die Stadt verlassen. Das bist du mir schuldig. Ich kann nicht arbeiten. Ich kann die Schule nicht zu Ende machen.« Ihre Stimme wurde lauter, und er zappelte nervös und blickte sich um, als könnte jemand sie hören.
»Also gut.« Er stand auf. »Es ist im Safe.«
Sie folgte ihm in sein Arbeitszimmer und blieb in der Tür stehen. Sie vermied es, zur Ledercouch zu schauen. Robert nahm ein Ölgemälde mit Früchten von der Wand, und dahinter kam die Tür des Metallsafes zum Vorschein. Er drehte am Schloss und ließ es ein paarmal einrasten. Klick, klick, klick.
Als Erstes fiel Jenny der Blumenduft auf. Rose und Jasmin. Wie eine Welle baute sich der Duft hinter ihr auf, und sie hätte wissen müssen, was das bedeutete, aber sie beobachtete Robert. Er machte einen Fehler, fluchte leise und begann von vorn. Sein gut frisiertes Haar fiel nach vorn.
Robert schaute zu Jenny, dann über ihre Schulter hinter sie. Seine Augen blitzten überrascht auf, und er ließ von dem Safe ab. »Du bist aber früh zu Hause, Schatz.«
Jenny wirbelte herum. Ihre Mutter stand im Flur, gekleidet in ihren glänzenden rosa Aerobicanzug, die roten Lippen empört geöffnet.
»Was tust du hier?« Die Stimme ihrer Mutter klang gehässig, als würde sie Jenny am liebsten anspucken.
Jenny konnte nicht antworten. Ihre Mutter sah wieder zu Robert, der immer noch neben dem Safe stand. Er trat zur Seite, doch es war zu spät. Jenny sah genau den Moment, in dem ihre Mutter den Zusammenhang erkannte.
»Du willst ihr Geld geben?«
Roberts Kinn wurde fest. »Sie hat um Hilfe gebeten.«
Ihre Mutter sah zwischen ihnen hin und her. Ihr Blick fiel auf Jennys Bauch. Eine Woge des Schmerzes verzerrte ihr Gesicht. Jenny hatte noch nie erlebt, dass ihre Mutter so viel Emotion zeigte, so viel Kummer. Sie hatte geglaubt, ihre Mutter sei dazu nicht in der Lage. Hoffnung sickerte in Jennys Schock. Ihre Mom war außer sich. Jetzt würde sie erkennen, dass nichts von alldem Jennys Schuld war. Sie würde ihr vergeben.
Ihre Mutter wirbelte herum.
»Isabelle, stopp.« Robert rannte ihrer Mutter nach und stieß Jenny gegen den Türrahmen. Sie folgte ihm.
Sie fand ihre Mom in der Küche. Sie schenkte sich einen Bourbon ein, während Robert mit den Händen in den Hosentaschen vor ihr stand.
»Wirst du mir zuhören?«, fragte er.
Ihre Mutter leerte das Glas in einem Zug. Dann zeigte sie mit bebenden Fingern auf Robert.
»Du Monster!«
Jenny schob sich dichter an ihre Mutter heran. Sie würde sie beschützen. Ihre Mutter würde für sie kämpfen. Sie brauchte sich keine Sorgen mehr zu machen. Ihre Mutter würde ihr helfen.
»Du hast gesagt, es sei vorbei. Du hast es versprochen!«
Jenny wiederholte die Worte in ihrem Kopf, aber sie ergaben keinen Sinn. Sie schaute zwischen Robert und ihrer Mutter hin und her. Er war puterrot angelaufen, und sein Gesicht glänzte vor Schweiß.
»Wie viele Mädchen müssen wir noch ausbezahlen, Robert?«
»Du hast das alles falsch verstanden. Wenn du dich beruhigen und mich alles erklären lassen würdest …« Er duckte sich, als ihre Mutter das Glas nach ihm warf. Es streifte seine Schulter und zersprang auf dem Boden. Sie warf die Bourbonflasche. Das Tablett mit der Karaffe. Die Salz- und Pfefferstreuer aus Kristall.
»Ich kann nicht mit dir reden, wenn du so bist.« Robert drehte sich um und stolzierte ins Wohnzimmer. Jenny konnte ihn hinter dem Küchentresen sehen. Ihre Mutter verfolgte ihn und riss den Kerzenhalter vom Tisch. Jetzt warfen sie beide mit Sachen. Glas zersplitterte. Etwas krachte gegen eine Wand. Der Plattenspieler hörte auf zu spielen. Ihre Mutter schrie ihm ihre Anschuldigungen zu, aber Jenny konnte sich nicht darauf konzentrieren. Sie hörte nur die Worte, die ihre Mutter kurz zuvor gesagt hatte.
Wie viele Mädchen müssen wir noch ausbezahlen?
Sie dachte an die beiden Tänzerinnen, die in diesem Jahr aufgehört hatten und nie zurückgekommen waren. Ihre Mutter hatte gesagt, sie hätten gekündigt. Deswegen liefen sie in der Schule immer so schnell an Jenny vorbei. Es sei ihnen peinlich, weil sie als Tänzerinnen nicht gut genug waren, dabei hatte Jenny sie immer für ziemlich gut gehalten. Sie hatte alle beide nach dem Unterricht noch länger bleiben sehen, sie hatten weitertrainiert, während Robert am Klavier saß. Niemand sonst war im Studio geblieben.
Und dann war da noch Hannah. Sie war ebenfalls länger geblieben. Dann hatte sie mit dem Tanzen aufgehört und nicht mehr mit Jenny geredet. Sie konnte sie nicht einmal mehr ansehen.
Ihre Mutter wusste, was Robert war. Sie hatte es die ganze Zeit gewusst. Doch die Mädchen waren ihr egal gewesen, und jetzt war ihr Jenny egal. Jenny kam in dieser Gleichung nicht einmal vor. Ihre Mutter hatte sich immer noch nicht umgedreht, um Jenny anzusehen. Sie und Robert brüllten sich an. Er schrie etwas über ihre Kleider und ihre ständigen Ausgaben. Sie schrie etwas über Mädchen.
Robert knallte die Tür zu seinem Arbeitszimmer zu.
Ganz gleich, wie oft Jenny diesen Moment in Gedanken durchging, in den Stunden, Tagen, Wochen und selbst Jahren, die noch vor ihr lagen, sie konnte sich nie daran erinnern, das Messer vom Tresen genommen zu haben.
Sie hatte beim Kühlschrank gestanden – und dann nicht mehr. Sie folgte ihrer Mutter aus der Küche, und das Messer lag fest in ihrer Hand. Sie hatte den Ausdruck »Blind vor Zorn« nie verstanden. Doch jetzt wusste sie, was damit gemeint war. Sie konnte das Gesicht ihrer Mutter kaum erkennen, als sie sich zu ihr umdrehte. Doch sie fühlte das Brennen, als ihre Mutter ihr eine Ohrfeige gab.
»Nach allem, was ich für dich getan habe? So dankst du es mir? Du schläfst mit meinem Mann? Du bist nichts als eine undankbare Hure.«
Ihre Mutter schlug sie ein zweites Mal, dann noch einmal, und mit jedem Schlag nannte sie Jenny eine Hure, immer wieder, die Worte schossen aus ihr heraus, als wollte sie sich selbst anfeuern. Hure, Hure, Hure.
Dann schrie ihre Mutter auf und schaute an sich herunter. Jenny sah ebenfalls nach unten. Ein Messer steckte im Bauch ihrer Mutter, hatte den glänzenden rosafarbenen Aerobicanzug durchbohrt. Es war der Turnanzug, den ihre Mutter immer mit einem weißen, elastischen Gürtel trug, der zu ihren Strumpfhosen passte. Die Fußstulpen waren rosa und glitzerten, und Jenny erkannte, dass es ihre eigenen waren. Selbst die hatte ihre Mutter ihr weggenommen.
Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Jennys Hand umklammerte immer noch das Messer, und ihre Mutter taumelte zurück. Jenny zog das Messer heraus und stach es seitlich in den Hals ihrer Mutter. Diese gab ein merkwürdiges Geräusch von sich, eine Art keuchendes, gurgelndes Quietschen, dann umklammerte sie ihre Kehle, doch Jenny konnte nicht aufhören. Ihr Arm bewegte sich immer wieder auf und ab. Dann zur Seite, als würde sie einen Tisch abwischen. Sie zerschlitzte die Arme und Hände ihrer Mutter. Rasende Wut trieb sie weiter, dröhnte in ihren Ohren, schrie sie an, dafür zu sorgen, dass ihre Mutter endlich den Mund hielt. Ihre Mutter fiel zu Boden, und überall war Blut, spritzte vom Messer. Tröpfchen auf ihrem Gesicht. Klebrig warm auf ihrer Hand.
Sie folgte ihrer Mutter auf den Boden, kniete sich neben sie und versenkte das Messer in ihrem Bauch. Es erwischte die Rippen und rutschte zur Seite. Der Messergriff war glitschig vom Blut.
Dann war Robert da, er wollte das Messer am Griff packen, aber sie drehte sich weg, und seine Handflächen glitten an der Klinge herunter. Er schrie auf und ließ los. Sofort stach sie von unten in seinen Bauch, und er stolperte von ihr weg.
Sie sprang auf und verfolgte ihn. Er versuchte, zur Hintertür zu gelangen, und seine Hände hinterließen blutige Streifen an der Wand, während er sie anbettelte aufzuhören.
Sie erinnerte sich, dass sie diese Worte zu ihm gesagt hatte, war es nicht so? Und das sagte sie ihm jetzt. Dass sie genauso geweint hatte, er aber nie aufgehört hatte. Im Gegenteil, er hatte ihr sogar die Schuld gegeben, und sie hatte ihm geglaubt.
Sie stieß ihm das Messer in den Rücken, in das weiche Fleisch oberhalb der Hüfte, und er ging zu Boden. Er versuchte wegzukriechen, weinte, fing allen Ernstes an zu flennen. Sie war viel kleiner als er, aber er hatte Angst vor ihr! Sie blieb hinter ihm, stach mit dem Messer zu, und ihr Arm tat so weh, und sie schwitzte, klebrig von all dem Blut.
Robert hatte aufgehört, sich zu bewegen, hatte aufgehört, irgendein Geräusch zu machen. Schwankend stand sie auf. Das Messer rutschte ihr aus der Hand und fiel klappend auf die Fliesen. Sie taumelte in den Flur, vorbei am Leichnam ihrer Mutter. Sie hatte alle Kraft verloren und sank auf die Knie. Simon. Er würde wissen, was zu tun war. Er würde ihr helfen. Sie kroch zum Telefon neben der Couch.
* * *
Per Flugzeug wurde sie in das Frauengefängnis in Kingston gebracht, begleitet von einem bewaffneten Wachmann, der kein Wort sagte, außer, wo sie sich hinzusetzen habe, dass sie sich anschnallen und ansonsten ruhig sein sollte. Er kaute Pfefferminzkaugummi, aber sie konnte trotzdem den Alkohol in seinem Atem riechen. Die Leute starrten sie an, als sie den Gang hinuntergingen. Sie war noch nie zuvor geflogen, aber sie hatte keine Angst. Das Gefühl ständiger Gefahr, mit dem sie seit jenem Abend gelebt hatte, war verschwunden und hatte sie wie betäubt zurückgelassen. Sie fürchtete den Tod nicht länger.
Das Leben war die Strafe.
Das Gefängnis war wesentlich schlimmer, als Jenny es sich je hätte vorstellen können. Das nasskalte, nackte Betongebäude war laut, die Luft roch modrig, und die Gänge waren schmal und verwinkelt. In der Nacht wurde sie von Ratten geweckt, die über ihren Körper liefen. Sie wurde von Spinnen gebissen, und von der Seife bekam sie Ausschlag.
Die meisten Frauen ignorierten sie, doch ein paar lächelten sie an. Ihre Zellengenossin war eine ältere Frau mit dünnem rotem Haar, das stoppelkurz geschnitten war. Sie kommunizierte mit Jenny durch Nicken oder Gesten. Jenny dachte, sie würde kein Englisch sprechen, bis sie sie eines Tages mit einer der Wachen reden hörte. Der Hof für den Ausgang war nicht mehr als ein Sandplatz, umgeben von Mauern und Stacheldraht. Jenny lief dort ihre Runden, bis ihr Bauch so groß war, dass sie nur noch watscheln konnte.
Es wurde Herbst. Der November in Ontario war kälter als an der Westküste von British Columbia. Sie ging nicht mehr so oft nach draußen. Durch die Gefängnisfenster sah sie, wie die Blätter an den Bäumen ihre Farben wechselten. Flammend orange. Leuchtend gelb. Dunkelrot.
Eines Abends begannen die Wehen. Sie begriff nicht, was los war, doch als sich der Schmerz in heftigen Krämpfen im ganzen Bauch ausbreitete, wusste sie Bescheid. Sie warf sich herum und schrie laut. Der Kopf ihrer Zellengenossin tauchte über dem Rand ihrer Koje auf. Sie deutete auf Jennys Bauch, und Jenny nickte, dann schrie sie erneut, als eine weitere Wehe einsetzte. Ihre Zellengenossin klopfte gegen die Gitterstäbe. Sobald ihre Nachbarinnen begriffen, was los war, fielen sie mit ein, bis endlich die Wachen kamen.
Jenny wurde auf die Krankenstation gebracht. Die Stunden danach blieben ihr wie ein Kaleidoskop verzerrter Bilder in Erinnerung. Sie erinnerte sich an Krankenschwestern in Uniformen und Hauben, die ihr Anweisungen zuschrien. Sie erinnerte sich an den weißen Kittel des Arztes und seine rauen Hände.
Stundenlang lag sie in den Wehen. In ihrem Geist verschwanden die Schwestern und wurden durch ihre Mutter ersetzt, die ihr ins Ohr zischte: Du hast es verdient zu leiden, für das, was du getan hast.
Jennys Körper zerbarst. Fühlte es sich so an, wenn man starb? Sie hechelte wie ein Tier. Ächzte und stöhnte. Die Schwestern schrien sie an. Sie wollte nie wieder angeschrien werden.
Eine der Schwestern hielt Jennys Bein fest. Sie hatte ein selbstgefälliges Gesicht und eine platte Nase. Sie bohrte ihre Finger in Jennys Fleisch, als wollte sie ihr wehtun. Bei der nächsten Wehe hob Jenny den Fuß und trat der Frau mit aller Kraft in den Bauch. Sie schnappte nach Luft und taumelte zurück.
Jenny lachte, aber das Geräusch wurde von ihrem Stöhnen verzerrt. Die Schwestern hörten auf, sie anzuschreien. Diejenige, die sie getreten hatte, war verschwunden. Jenny konzentrierte sich, um Kraft zu sammeln. Mit ihrer letzten Energie schrie und presste sie. Sie konnte dem Druck nicht entkommen. Er war überall. Ihr ganzer Körper presste. Ihre Beine zitterten. Dann, endlich, Erleichterung. Das Brennen und Reißen hörten auf.
Das Schreien eines Babys erfüllte den Raum.