Kapitel 44: Alice (September 1976) - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Alice dekorierte den zweiten Schwung Schokoladencupcakes. Sie achtete darauf, dass die Zuckergusswirbel perfekt wurden, und gab Streusel darüber. Sie wusch das wenige Geschirr ab, das sie in die Spüle gestellt hatte. Es hatte die ganze Woche immer wieder geregnet, die Ankündigung eines weiteren feuchten Herbstes in Seattle, doch an diesem Nachmittag lieferte die Sonne noch einmal eine prachtvolle Zugabe. In der Küche war es warm geworden, also öffnete sie die Terrassentüren und lächelte, als sie Tom auf der Hollywoodschaukel sah, auf der er saß, seit er vom Sportunterricht nach Hause gekommen war. Auf dem Platz neben sich hatte er einen Kaffee, eine Zeitung und einen Teller mit Kuchenkrümeln.
»Wenn du alle Cupcakes isst, bleiben keine mehr für die Kinder übrig«, sagte Alice, während ihre Katze, Pat, vom Geländer sprang und sich an Alice’ Bein schmiegte.
»Wer sie findet, darf sie behalten.«
Alice lachte und lehnte sich an den Türrahmen. Sie arbeitete jetzt ein paar Tage in der Woche in einer Kindertagesstätte und genoss jede Minute, während ihr Bein allmählich abheilte.
Ihr Blick wanderte über ihre Schulter zurück zu dem Brief auf dem Tisch, der dort an der Obstschale lehnte. Sie schaute zu Tom. Er beobachtete sie; sein Blick war sanft.
»Willst du ihn jetzt öffnen?«, fragte er.
»Ich weiß nicht. Vielleicht.«
»Wahrscheinlich ist es gar nichts.«
»Er ist von einem Anwalt! Was, wenn mit unseren Aussagen etwas nicht stimmt?« Ihr Postbote hatte den Brief heute Morgen durch ihren Briefschlitz geworfen. Sie waren übereingekommen, mit dem Öffnen zu warten, bis Tom zu Hause war, aber Alice war ziemlich nervös geworden. Also hatte sie gebacken und gar nicht mehr damit aufgehört.
»Komm«, sagte Tom. »Wir machen es zusammen.«
Sie holte tief Luft und ging ins Haus, um den Brief zu holen. Sie reichte ihn Tom und setzte sich zu ihm auf die Hollywoodschaukel, während er den Briefumschlag aufriss und das Blatt vorsichtig herauszog. Es war nicht das übliche dicke cremefarbene Papier, das Anwälte benutzten, sondern ein dünnes Blatt, das aussah, als wäre es aus einem Notizbuch herausgerissen worden. Als Tom es auseinanderfaltete, sah Alice die mädchenhaft krakelige Bleistiftschrift.
Sie legte den Kopf an seine Schulter, damit sie gleichzeitig lesen konnten.
Liebe Alice, lieber Tom,
ich habe so oft versucht, diesen Brief zu schreiben, aber dann hatte ich zu große Angst, ihn abzuschicken. Ich weiß, dass ihr mich hassen müsst. Es tut mir leid, jeder einzelne Tag, an dem Simon und ich euch das angetan haben – und auch all den anderen Menschen. Alles, was ich tun kann, ist, meine Zeit abzusitzen.
Ich habe nicht das Recht, euch um irgendetwas zu bitten, aber ihr seid die einzigen Menschen, die ich fragen würde, die einzigen, denen ich vertraue. Die Mütter hier drin haben mir erzählt, wie schrecklich die Kinderheime sind und dass man mir mein kleines Mädchen, sobald es geboren ist, wegnehmen wird. Sie wird in der Obhut des Staates aufwachsen. Das bedeutet, dass ich kein Wort darüber mitzureden habe, was mit ihr passiert, aber ich kann jetzt entscheiden, bevor sie auf der Welt ist. Ich kann ihre Eltern auswählen. Ich möchte nicht, dass sie wie Simon oder ich endet. Ich möchte, dass sie das beste Leben hat.
Alice, ich erinnere mich an alles, was du mir über euer Haus erzählt hast. Die hübsche Straße. Die hintere Terrasse. Die netten Nachbarn. Eure Katze. Ich denke die ganze Zeit daran. Ich stelle mir vor, wie mein Baby in einem Haus wie eurem aufwächst, und das ist das Einzige, was mich zum Lächeln bringt. Und das führt mich zu meiner Frage.
Würdet ihr, du und Tom, bitte mein Baby adoptieren? Kann sie euer Kind werden?
Ich mache das nicht, weil es mir leidtut oder weil ich Vergebung will. So ist das nicht. Ich habe nie zwei bessere Menschen kennengelernt als euch beide. Als Simon sagte, ich wünschte, du wärst meine Mutter, hatte er recht. Wenn ich alles auflisten könnte, was ich mir jemals von einer Mutter gewünscht hätte, dann wärst du es. Ich hatte einmal einen guten Vater. Tom erinnert mich an ihn. Ich weiß, dass ihr euch gemocht hättet.
Ich weiß, dass Tom auf ihrem ersten Ball und auf ihrer Hochzeit mit ihr tanzen wird. Er wird ihr beibringen, wie man Football spielt, und ihr ein Baumhaus bauen. Ich weiß, dass du ihr beibringen wirst, das beste Thunfischsandwich zu machen. Sie wird sich niemals dumm vorkommen, weil sie Eierschalen im Rührei hat. Sie wird Freundinnen haben und Geburtstage feiern. Sie wird mutig sein, weil sie weiß, dass ihr sie liebt.
Ich möchte nicht, dass ihr Angst habt, ich könnte meine Meinung ändern oder dass ihr mir Briefe oder Fotos schicken sollt. Ihr werdet niemals mit mir reden müssen. Mein Anwalt ist ein sehr netter Mann, und er kann den ganzen Papierkram für eine private Adoption erledigen. Die Akten werden versiegelt. Das ist der zweite Teil.
Wenn ihr Ja sagt, möchte ich nicht, dass sie erfährt, wer ich bin. Ich möchte nicht, dass sie irgendetwas darüber erfährt, was ich getan habe oder wer ihr Vater war. Ich will nicht, dass sie weiß, dass sie aus etwas so Schrecklichem entstanden ist. Ich will nicht, dass sie sich für etwas schämt, das nicht ihre Schuld ist.
Bitte denkt darüber nach. Es würde mir so viel Frieden schenken zu wissen, dass sie bei euch in Sicherheit ist, aber ich kann auch verstehen, wenn ich zu viel von euch verlange. Die Adresse und Telefonnummer meines Anwalts stehen unten.
Hoffnungsvoll,
Jenny
Ihr Garten war ruhig, nur das Zwitschern der Vögel und das gelegentliche Rumpeln eines Autos waren zu hören. Pat sprang auf Alice’ Schoß und trat sanft knetend ihren Oberschenkel. Ihr Schnurren ließ alles vibrieren. Alice streichelte ihr weiches graues Fell. Tom faltete den Brief zusammen und schob ihn zurück in den Umschlag.
Keiner von ihnen sagte etwas, als er Alice an sich zog. Sie legte einen Arm über seine Brust, schob die Finger unter seinen Hemdkragen und berührte vorsichtig die Narbe an seiner Schulter.
Sie schaukelten vor und zurück.
»Das wäre Wahnsinn«, sagte sie und brach die Stille.
»Ungewöhnlich vielleicht«, erwiderte er. »Aber so verrückt finde ich es gar nicht.«
Alice starrte den Ahornbaum ihrer Nachbarn an. Die Farben veränderten sich. Schon bald würden die Blätter in ihren eigenen Garten fallen, und Tom würde sie zu ordentlichen Haufen zusammenrechen.
»Wir haben überhaupt kein Babyzeug.« Sie hatten das meiste davon gespendet. Sie hatte es nicht ertragen, die Sachen zu sehen.
Er nahm ihre Hand. »Wir können es besorgen.«
»Wir haben noch die Wiege, im Keller.« Das Einzige, was sie nicht weggeben konnte. Tom und sie hatten sie zusammengebaut, doch ihr Sohn hatte sie nie benutzt. Er hatte es nie nach Hause geschafft.
»Wir könnten das Zimmer neu streichen.«
Taubenblau. Sie hatte so viele Farbmuster ausprobiert. Jedes davon bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen.
»Ich habe gerade erst angefangen, in der Kita zu arbeiten.«
»Ja.« Mehr sagte er nicht. Er wusste, dass die Arbeit ihr wichtig war, deshalb würde er ihr nicht vorschlagen, sie aufzugeben, aber sie wusste, dass es nicht wirklich ein Problem war. Sie arbeitete nur wenige Stunden dort. Sie könnte ganz einfach wieder kündigen. Vielleicht wäre es sogar möglich, das Kind mitzunehmen.
»Was, wenn Jenny ihre Meinung ändert?«
»Wir bräuchten einen eigenen Anwalt.«
»Aber was …« Ihre Stimme brach. »Was, wenn das Baby krank ist?«
Er drehte den Kopf, sodass er ihr in die Augen schauen konnte. »Das macht mir auch Angst. Ich kann nicht sagen, dass alles gut werden wird, aber ich verspreche, dass wir uns allem gemeinsam stellen werden. Sei es gut oder schlecht.«
»Das Risiko ist zu groß. Es ist zu kompliziert.« Sie verbarg ihr Gesicht in Toms Hemd. Mit einem Fuß stieß er sich ab, damit sie weiterschaukelten.
»Wir müssen uns nicht jetzt entscheiden«, sagte er. »Wir können noch darüber nachdenken.«
In dieser Nacht, lange nachdem Tom eingeschlafen war, fand Alice keine Ruhe. Sie stand auf, zog ihren Morgenmantel und die Hausschuhe an und schlich in den Keller. In der Ecke hinter der Weihnachtsdekoration fand sie die Wiege. Sie strich mit dem Finger über den Rand und blies den Staub fort.
Sie wuchtete die Wiege die Treppe hinauf, stieß damit gegen die Fußleiste und die Wände, zerkratzte die Fliesen. Ihr wurde heiß, und sie zerrte sich einen Muskel am Rücken, aber sie konnte nicht aufhören. Schließlich hatte sie den letzten Absatz geschafft. Die winzigen Räder quietschten, als sie die Wiege den Flur hinunter ins Zimmer rollte. Sie hatte keine Angst, Tom zu wecken. Er schlief wie immer tief und fest.
Sie schob die Wiege zur Wand. Sie stellte sich vor, sich darüber zu beugen und das Baby herauszuholen. Weiches Haar, dieser wunderbare Duft nach Babycreme und Shampoo. Winzige Finger und Zehen, gurrende Geräusche.
Sie blieb eine Weile im Zimmer stehen und dachte nach, dann schlüpfte sie zu Tom ins Bett zurück und schmiegte sich an ihn. Sie lauschte dem gleichmäßigen Rhythmus seines Atems, bis sie eingeschlafen war.
In dieser Nacht träumte sie, dass ihr ein Baby in den Arm gelegt wurde, eingewickelt in ein rosafarbenes Wolldeckchen. Das Gesicht des Babys konnte sie nicht sehen, aber das spielte keine Rolle. Alice wusste bereits, wer es war.
Es war ihre Tochter.