Kapitel 5: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Alice zog die hintere Couch zu einem Bett aus und warf das Laken und die Decken auf das Polster, ohne sich viel Mühe zu geben. Dann lief sie im Camper auf und ab. Das Büro des Campingplatzes war inzwischen geschlossen. Gab es vorne ein Münztelefon? Sie könnte versuchen hinzulaufen, aber die anderen würden jeden Moment zurückkommen, und wenn sie merkten, dass sie verschwunden war, könnten sie misstrauisch werden. Sie wollte Tom nicht mit zwei Mördern allein lassen.
Sie wirbelte herum. Eine Waffe. Sie sollte eine Waffe verstecken. Sie riss die Schublade in der Küche heraus, zog ein Messer hervor und schob es unter eines der Kissen im Bett, ganz nah am Rand. Sie wischte sich über die Stirn. Schweiß brannte in ihren Augen. Im Camper war es zu heiß. Die Fenster standen offen, aber es regte sich kein Lufthauch. Keine kühle Brise, keine Erleichterung. Sie trat in dem Moment aus dem Wagen, als Jenny zurückkehrte.
Die junge Frau lächelte Alice an, ihr Haaransatz an der Stirn war feucht, ihre Wangen rosig. Sie war rasch fertig geworden. Vielleicht hatten sie und Simon beschlossen, Alice und Tom nie zu lange allein zu lassen. Als Jenny näher kam, konnte Alice ihre Seife und die Zahnpasta mit Pfefferminzaroma riechen.
»Gute Nacht.« Alice schob ihre Hände unter die Armbeugen, um ihr Zittern zu verbergen.
»Gute Nacht.« Doch Jenny ging nicht sofort zum Zelt. Sie blieb vor Alice stehen, als wartete sie darauf, dass Alice noch etwas sagte. Die Sekunden dehnten sich in die Länge. Alice’ Herz raste, ihre Muskeln verkrampften sich. Ob sie womöglich einen Herzinfarkt hatte?
Jenny verlagerte ihr Gewicht und kaute an ihrer Unterlippe, während sie zum Zelt und wieder zurück zu Alice schaute. »Könnten wir uns vielleicht noch einmal diese Kissen ausborgen?«
Stimmt. Letzte Nacht hatte sie die beiden wie Gäste behandelt.
»Natürlich.« Sie holte die Kissen, reichte sie Jenny und verschwand eilig wieder im Camper. Über die Schulter rief sie ihr ein letztes »Also, gute Nacht dann!« zu.
Alice lief erneut im Camper auf und ab. Warum brauchte Tom so lange? Endlich hörte sie seine Stimme, als er mit Simon zu ihrem Lagerplatz zurückkehrte.
Sie spähte aus dem Fenster. Sie traten das Feuer aus, und ihre Silhouetten verwandelten sich in Schatten. Schließlich bewegte sich ein Schatten auf das Zelt und der andere auf den Camper zu.
Tom öffnete die Tür, und der Geruch von Holzfeuer drang ins Innere des Wagens. Sein nasses Haar war ordentlich gekämmt, er trug sein Rasierzeug, das Handtuch hing um seinen Hals.
»Schließ die Tür ab!«, flüsterte Alice eindringlich, und als er sich nicht schnell genug bewegte, griff sie an ihm vorbei und machte es selbst.
»Was ist denn los?« Tom sah sie verblüfft an, als sie begann, alle Vorhänge zuzuziehen. Sie zerrte so heftig daran, dass sie den Stoff fast von den Stangen riss.
»Sie werden wegen Mordes gesucht!« Sie zog den Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche, faltete ihn auseinander und drückte ihn Tom in die Hand. »Lies!«
Als er die Fotos sah, lief sein Gesicht rot an. »Mein Gott.« Er holte stockend Luft und ließ sich so hart auf die Bank der Essnische fallen, dass der ganze Camper wackelte.
»Wir sollten weiterfahren.« Alice setzte sich ihm gegenüber. »Wir sollten einfach wegfahren.«
Tom starrte den Artikel an. Sein Blick huschte von einer Seite zur anderen, und er schüttelte den Kopf. »Wir müssten den Camper erst abklemmen – und das Vordach ist draußen. Sie würden uns hören.«
»Dann muss einer von uns nachsehen, ob es beim Büro ein Münztelefon gibt.«
»Wir gehen zusammen. Ich will nicht, dass du mit ihnen allein bleibst.« Er stand auf, öffnete den Schrank neben dem Bett und holte ein Kästchen aus dunklem Walnussholz hervor.
Die Pistole. Alice war erleichtert – und zugleich entsetzt. Tom konnte damit umgehen, aber Simon hatte möglicherweise ebenfalls eine Waffe. Er könnte sie vom Zelt aus erschießen, ehe Tom zurückfeuern konnte.
Tom wählte einen Schlüssel am Schlüsselring aus, öffnete das Kästchen und holte die Waffe heraus. Alice hatte schon öfter gesehen, wie er sie geputzt und geladen hatte, aber jetzt wirkte es viel bedrohlicher, als sie beobachtete, wie er ein volles Magazin einlegte, den Schlitten zurückzog und ihn dann sanft wieder losließ.
Sie hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, aber was? Es ging alles so schnell, Gefahr und Angst, alles entglitt ihr.
»Tu nichts Unüberlegtes. Wenn du verletzt wirst …« Ihre Stimme brach, und sie musste innehalten.
»Das werde ich nicht.« Tom steckte die Pistole in seinen Hosenbund, setzte sich neben sie und zog sie eng an sich. Sie lehnte sich an seinen warmen Körper.
»Wir warten, bis sie schlafen, okay?«, sagte Tom.
Sie schalteten alle Lichter im Camper aus, bis auf die Lampe über dem Herd, die nur ein schwaches Licht warf. Tom faltete die Karte auseinander, und sie setzten sich an den Tisch, wo er die Highways mit dem Finger nachzeichnete. Sie fanden White Cliff – nördlich von Vancouver. In diesem Punkt hatte Simon nicht gelogen.
»Sie müssen mit dem Boot den Fluss hochgefahren sein.« Tom tippte auf einen Punkt auf der Karte. »Weißt du noch, dass Simon gesagt hat, sie hätten am Strand geschlafen? Wahrscheinlich sind sie nachts gereist.«
Alice dachte zurück an das erste Mal, als sie das Paar wandernd auf der Straße gesehen hatte, wie müde sie gewirkt hatten. An ihre Begegnung mit Jenny in den Waschräumen. Sie hatte ihr leidgetan.
Sie schalteten das Licht über dem Herd aus, damit Simon und Jenny nicht sahen, wie sich ihre Silhouetten im Camper bewegten. Danach saßen Tom und Alice dicht nebeneinander am Tisch, die Finger ineinander verschränkt.
»Alles wird gut«, flüsterte Tom, und Alice wünschte, sie könnte ihm glauben, aber das Gleiche hatte er auch gesagt, als die Wehen zu früh gekommen waren und er sie eilig ins Krankenhaus gebracht hatte.
Ihre Beine waren zittrig, die Muskeln vibrierten wie Violinsaiten. Sie stand ein paarmal auf, zog die Ecke der Vorhänge zurück und starrte in die Dunkelheit, auf den stillen Campingplatz und das kaum erkennbare Dreieck des Zelts. Dann setzte sie sich wieder und griff nach Toms Hand. Sie redeten über das Paar. Jede Erinnerung und jedes Gespräch waren plötzlich verdächtig, jede Interaktion getrübt. Ein erstickendes Gefühl der Bedrohung legte sich auf Alice’ Brust. Nie zuvor hatte sie die Gegenwart des Bösen gespürt. Jetzt war es nur wenige Schritte von ihr entfernt.
Nach dreißig Minuten schlüpften sie in ihre Schuhe, Tom öffnete behutsam die Tür des Campers und stieg nach draußen. Alice zuckte zusammen, als die Metallstufen knarrten. In der Dunkelheit war alles so laut. Sie spürte Toms tastende Berührung, als er nach hinten langte und ihre Hand ergriff.
Alice setzte ihre Füße auf die Stufen, an seine Hand geklammert, und hielt den Atem an, bis sie das leise Klicken der Tür hinter sich hörte. Sie schaute zum Zelt. Tom zog an ihrer Hand. Er führte sie in Richtung Schotterweg, vorbei am Picknicktisch und der Feuerstelle – der Geruch von Grillkohle lag immer noch in der Luft.
Sie hatten ihren Lagerplatz fast hinter sich gelassen, als das unverkennbare Zippen eines Reißverschlusses die Stille durchbrach. Tom blieb so plötzlich stehen, dass sie gegen seinen Rücken stieß.
»Wer ist da draußen?« Simons Stimme klang entschlossen und herausfordernd.
Tom fasste ihre Hand fester und drehte seinen Körper. Sie bewegte sich mit ihm, sodass sie hinter seiner breiten Schulter verborgen blieb.
»Wir sind’s nur«, sagte Tom. »Wir haben ein Geräusch gehört.«
»Echt? Wartet.« Geraschel, dann flackerte eine Taschenlampe auf, deren Lichtstrahl auf den Boden deutete. Der Winkel verriet, dass Simon, nur mit kurzer Jeans bekleidet, außerhalb des Zeltes stand. Er schob die Füße in seine Turnschuhe, als würde er sich bereit machen, ihnen bei der Suche nach der Quelle des Geräuschs zu helfen. Jenny tauchte in einem langen T-Shirt und mit nackten Beinen hinter ihm auf. Sie rieb sich die Arme.
»Tut uns leid, dass wir euch geweckt haben.« Klang sie unbekümmert genug? Alice wusste es nicht. Ihr Herz pochte zu heftig, ihr Mund war plötzlich trocken. Ihre Gedanken blieben am Namen des Mädchens hängen. Jenny. War das ihr vollständiger Name? Hatte ihre Mutter sie so genannt? Als sie in dem großen weißen Haus gelebt hatten?
»Schon in Ordnung«, sagte Jenny.
»Woher kam das Geräusch?« Simon leuchtete mit der Taschenlampe zu den Bäumen neben dem Zelt.
»Von da hinten. Da hat sich etwas bewegt.« Tom deutete auf die Sträucher an der Rückseite des Campers. »Aber jetzt ist es verschwunden – was immer es auch war.«
»Klang es eher nach etwas Großem oder etwas Kleinem?«
»Schwer zu sagen. Wahrscheinlich war es nur ein Vogel. Du kennst doch uns Stadtmenschen. Wir erschrecken bei jedem Geräusch.« Tom stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus, und Alice krümmte sich innerlich. Er klang wie der Showmaster in einer TV-Spielsendung, der einen Witz gerissen hatte. Alice wünschte, sie könnte Simons Gesicht sehen. Glaubte er irgendetwas von dieser Geschichte?
»Könnte ein Waschbär gewesen sein«, sagte Simon.
»Gut möglich, ja. Sehr wahrscheinlich sogar.« Tom nickte. »Also, gute Nacht dann.« Tom zog Alice an der Hand zum Camper, näher zu dem anderen Paar. Sein Griff war so fest, dass sie ihre Finger nicht mehr krümmen konnte. Dann waren sie am Wagen. Der metallene Türgriff klickte, als Tom daran zog.
»Habt ihr nachgesehen, ob wir irgendwelchen Müll draußen liegen gelassen haben?«, fragte Simon. »Hier in der Gegend gibt es Bären.« Er schwang die Taschenlampe herum, bis das Licht sie erfasste und ihre Körper beleuchtete. Alice hörte, wie er vernehmlich nach Luft schnappte.
»Du hast eine Pistole?«, rief Simon.
Alice geriet in Panik – wieso hatte Simon die Waffe gesehen? Toms Hemd musste hochgerutscht sein, als er die Hand nach dem Türgriff ausgestreckt hatte. Die Tür war jetzt offen. Sie waren so nah dran gewesen.
»Ich wusste ja nicht, was uns hier draußen erwartet. Wie du gesagt hast, es gibt hier Bären.«
»Man muss Krach machen, um Bären zu vertreiben.« Simons Stimme klang nicht mehr überrascht, sondern argwöhnisch. »Ihr seid stattdessen herumgeschlichen …«
»Jetzt machen wir jede Menge Krach.«
Der Lichtstrahl der Taschenlampe bewegte sich und zielte direkt auf Alice’ Augen. Sie blinzelte und konnte weder Simons noch Jennys Umrisse erkennen. Kamen sie näher?
»Du siehst verängstigt aus, Alice«, sagte Simon. »Soll ich für dich im Gebüsch nachschauen?«
Sie lachte nervös. »Es geht mir gut. Ich habe mich mal wieder wegen nichts aufgeregt.«
»Bist du sicher? Tom und ich könnten uns ein wenig umsehen.«
Er hielt die Taschenlampe wieder tiefer, aber er zweifelte immer noch an ihrer Geschichte. Sie wusste nicht, ob er ihnen auf die Schliche gekommen war oder sie einfach nur für dumm hielt.
»Nein, nein. Ihr solltet wieder ins Bett gehen. Jenny braucht Ruhe.«
Toms Hand umklammerte ihre so fest, dass es fast wehtat. Sie hielt den Atem an. Sie hatte Jenny gesagt. Vielleicht war es Simon nicht aufgefallen. Vielleicht hatte er es überhört. Es wurde totenstill.
»Wie hast du sie gerade genannt?«