Kapitel 7: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Simon und Jenny waren schon eine ganze Weile draußen, als Alice ein Scharren im Stauraum unter dem Camper hörte. Vermutlich packte Simon gerade ihre Ausrüstung zusammen. Immer wenn die beiden in den Wagen kamen oder ihn wieder verließen, bewegte sich der Camper. Eine der Küchenschubladen wurde geöffnet, dann hörte sie metallisches Klappern, als würden Gegenstände wahllos durcheinandergeworfen. Besteck?
Nein, es ging um die Messer. Natürlich.
Sie hielt den Atem an. Dieses Paar wurde gesucht, weil es zwei Menschen erstochen hatte, und jetzt hatten sie ihre Messer. Aber nicht alle. Alice verspürte nur einen geringen Trost, weil sie wusste, dass ein Messer unter ihrer Matratze versteckt war. Es würde ihr nichts nützen, wenn sie nicht drankäme.
Der Camper bewegte sich erneut, als jemand ausstieg. Simon, vermutete sie. Der untere Stauraum wurde geöffnet und wieder geschlossen. Sie hoffte, dass Simon lediglich die Messer weggepackt hatte. Jetzt wurde es lauter im Wagen, als die beiden die Essecke zum Bett umbauten. Sie senkten die Tischplatte ab. Breiteten die Schaumstoffkissen aus. Öffneten ihre Schlafsäcke und schüttelten sie aus.
Simon und Jenny wünschten einander flüsternd eine gute Nacht, als wäre alles vollkommen normal, aber später hörte Alice, wie sich jemand unruhig herumwälzte, das Rascheln eines Schlafsacks, das typische Geräusch, als ein Kissen in Form geschlagen wurde – als hätte mindestens einer der beiden ebenfalls Schwierigkeiten einzuschlafen.
Die Nacht war lang. Da sie sich keinen Millimeter bewegen durfte, verkrampften sich Alice’ Muskeln, und mit den geschlossenen Fenstern war es heiß und stickig. Ihre Kleidung war durchgeschwitzt.
Neben ihr dämmerte Tom vor sich hin, schlief ein und wachte auf, murmelte Worte, die keinen Sinn ergaben, und stieß Schmerzenslaute aus. Ihre Gedanken drehten frei, und sie malte sich albtraumhafte Szenarien aus, was ihre Entführer mit ihnen anstellen würden. Jeder kurze Moment des Schlafs wurde von den Bildern heimgesucht, wie Tom verprügelt wurde, wie er auf dem Boden lag und Simon drohend über ihm stand. Dann wachte sie mit einem Ruck auf, ihr Herz raste.
Draußen wurde es allmählich hell, und der Wald erwachte mit dem ersten Zwitschern der Vögel. Andere Campinggäste mussten unterwegs zu den Waschräumen sein, bevor der große Ansturm begann, doch Alice hatte zu viel Angst, um laut um Hilfe zu rufen. Nicht, solange Simon eine geladene Waffe hatte.
Das andere Paar war jetzt wach. Das Rascheln von Decken, das seidige Knistern der Nylonschlafsäcke. Simon flüsterte etwas. Dann Jenny. Sie klang drängend und aufgewühlt.
Jenny verschwand mit ihren Sachen im Badezimmer. Alice konnte von ihrem Platz aus nicht viel sehen, aber sie hörte Simon herumkramen, während er sich anzog. Die Schaumstoffkissen kamen wieder an ihren Platz, die Tischplatte wurde hochgestellt. Das Rascheln von Nylon, als er die Schlafsäcke einrollte.
In einem weißen Tanktop mit roten Streifen und ausgefransten, abgeschnittenen Jeans tauchte er neben dem Bett auf und deutete auf Alice.
»Du kannst als Nächste ins Bad. Ich bleibe bei Tom – hiermit.« Er hob sein Hemd an und zeigte ihr die Waffe.
Tom war still, aber Alice spürte die Wut, die in seinem angespannten Körper pulsierte. Sie rührte sich nicht, als Simon ihre Fesseln löste. Tom schrie auf, als Simon an ihren Armen zerrte, kniff die Augen zusammen und atmete hektisch. Die Wunden vom Kampf waren jetzt deutlicher zu erkennen. Simon schien keine anderen Blessuren davongetragen zu haben außer ein paar verschrammten Fingerknöcheln, doch Toms Nase war geschwollen, die Nasenlöcher waren blutverkrustet, die Wangen voller Prellungen, und er hatte ein aufgeschlagenes Kinn und geschwollene Lippen.
»Er braucht Paracetamol«, sagte sie. »Und noch eine Tüte aus dem Eisfach.«
»Frag doch mal nett.«
Alice verabscheute Simon dafür, dass er stirnrunzelnd auf sie herabblickte und spöttisch die Lippen kräuselte.
»Bitte. Bitte lass mich meinem Mann Paracetamol geben.« Sie presste jedes Wort heraus.
Jenny kam aus dem Bad und stellte sich neben Simon. Sie hatte sich umgezogen und trug eine gelbe ärmellose Babydoll-Bluse mit hohem Taillenband. Ihre Haare waren geflochten.
Simon sah Alice an. »Du bist dran. Keine Dummheiten, dann hole ich die Tabletten für deinen Mann. Wenn du es versaust, sorge ich dafür, dass er nie mehr Schmerzen hat. Kapiert?«
Sie nickte. Im Badezimmer holte sie ein paarmal zitternd Luft, froh um diesen kostbaren Moment des Alleinseins. Die Wände waren dünn, aber wenigstens hatte sie hier so etwas Ähnliches wie Privatsphäre.
»Lass dir nicht zu viel Zeit«, rief Simon. »Sonst trete ich die Tür ein.«
Als Alice fertig war, wusch sie sich die Hände, putzte die Zähne und raffte ihr zerzaustes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen.
Sie öffnete die Tür. Simon war im Küchenbereich und schnitt ihr aufgerolltes gelbes Seil mit einem Messer in lange Stücke. Es war ein großes Messer mit einem schicken Griff. War das die Mordwaffe? Hatte er sie die ganze Zeit unter seiner Kleidung mit sich herumgetragen? Sie hielt den Atem an, und ihre Blicke begegneten sich.
»Nett von euch, dass ihr dieses Seil mitgenommen habt«, sagte er. »Das wird sich noch als nützlich erweisen.«
Alice blieb neben dem Tisch stehen, unsicher, was sie tun sollte. Das Seil war fertig zerschnitten. Simon schob das Messer in eine Lederscheide an seiner Hüfte und löste Toms Fesseln. Alice zuckte zusammen, als Tom sich mühsam im Bett aufrichtete und ein paarmal innehalten musste, um sich auszuruhen. Er hielt seinen verletzten Arm vor der Brust, mit der anderen Hand umfasste er den Ellenbogen. Schließlich stand er, mit Simon an seiner Seite.
»Gib mir dein Portemonnaie.«
Tom sagte nichts, musterte Simons Gesicht. Seine unverletzte Hand ballte sich zur Faust.
Alice schaute gequält zu. Tu nichts Dummes, Tom! Gib es ihm einfach.
»Ich weiß, dass es in deiner Gesäßtasche ist, Mann.«
»Du musst es rausholen.« Tom drehte sich um, und Simon nahm die braune Lederbörse an sich. Alice hatte sie Tom letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt. Mit einem kleinen Hochzeitsfoto von ihnen darin.
Während Simon das Portemonnaie durchsuchte, schwankte Tom ins Badezimmer. Er gab sich große Mühe, mit dem Arm nirgends anzustoßen, doch Alice merkte, dass jeder Schritt ihm Schmerzen bereitete. Seine Rippen, die Schulter und wo er sonst noch verletzt war. Sie streckte die Hand nach ihm aus, um ihm zu helfen, doch Simon stieß sie weg.
»Setz dich an den Tisch.«
Alice setzte sich Jenny gegenüber – die es tatsächlich wagte zu lächeln. Als sie Alice’ finsteren Blick sah, verschwand das Lächeln, und sie schaute weg. Mit bleichem Gesicht kam Tom aus dem Badezimmer, stolperte zum Bett und brach auf der Matratze zusammen. Der Camper schaukelte.
Simon zog das Bargeld aus Toms Portemonnaie und zählte es. »Vierzig Kröten. Das ist alles? Ich dachte, ihr wärt reiche Amis.« Er durchsuchte die Geldbörse noch einmal, und dieses Mal fand er die Travellerschecks. »Jetzt kommen wir der Sache schon näher.« Alice wusste, dass es fünf Schecks waren, jeder im Wert von zwanzig Dollar. Sie hatte gesehen, wie Tom sie sorgfältig verstaut hatte, damit sie nicht zerknitterten. Simon schob sie in sein eigenes Portemonnaie. Dann warf er Tom seine Geldbörse zu, und sie landete mit einem leisen Klatschen auf seiner Brust.
Mit schmalen Augen sah Simon sich im Camper um, dann ging er zu den Schränken und öffnete sie. Der Waffenkoffer war rasch gefunden, er war unverschlossen, und Simon holte eine blaue Schachtel heraus. Die Ersatzpatronen. Er ließ die Holzkiste im Schrank, die Patronenschachtel stopfte er in seinen Rucksack.
Er drehte sich zu Tom um. »Hast du noch mehr Waffen?«
»Ich hatte nur die Pistole.«
Simon glaubte ihm offensichtlich nicht, denn er fuhr fort, den Schrank und den Bereich um das Bett herum zu durchsuchen, auch die Schränke oberhalb des Bettes. Alice sah vom Tisch aus zu, ihre Hände unter der Tischplatte zu Fäusten geballt. Sie schluchzte fast auf, als er die Matratze anhob und das Messer hervorzog.
Er sah Tom an. »Allmählich gehst du mir echt auf den Senkel.«
»Er wusste nichts davon«, sagte Alice hastig. »Ich war das. Ich habe es versteckt.«
Ohne ein Wort riss Simon die Tür des Campers auf und schleuderte das Messer nach draußen. Ging gerade jemand vorbei? Hatte es jemand gesehen? Simon knallte die Tür wieder zu.
»Wo ist deine Handtasche?«
Alice deutete auf den Frontbereich des Campers. Er fand ihre Tasche, die sie halb unter dem Beifahrersitz versteckt hatte, und öffnete ihr Portemonnaie. Er nahm die zwei Zehner heraus und stopfte sie in seine Hosentasche. Damit hatte er ihr Geld, ihre Waffen und ihren Camper. Jetzt waren sie ihm wirklich ausgeliefert.
Sie brauchte einen Moment, um Luft zu holen, um nachzudenken. »Kann ich mich umziehen?«
Simon kam zurück zum Tisch und blieb neben Jenny stehen. »Lass den Vorhang auf.«
»Ich werde mich nicht vor dir umziehen.«
»Dann ziehst du dich eben nicht um.«
»Und wenn ich ihn nur halb zuziehe?«
Er sah ihr in die Augen und sagte: »Nur, wenn ich Tom immer noch sehen kann.«
»Er braucht nach wie vor Paracetamol und Eis.«
Simon gab einen verärgerten Laut von sich, aber er holte eine Tüte tiefgefrorenen Mais aus dem Eisfach und schüttelte zwei Tabletten aus dem Glas mit dem Paracetamol. Tom musste sie trocken schlucken und verzog das Gesicht, als Simon den Mais auf seine Schulter warf. Wenigstens legte er die Tüte mit den aufgetauten Erbsen zurück ins Eisfach.
Alice nahm die Kleidungsstücke aus dem Schrank, trat näher ans Bett und zog den Vorhang halb zu, weit genug, um ihren Körper zu verdecken. Während sie frische Shorts und eine kurzärmelige rosafarbene Bluse anzog, versuchte sie, mit Blicken mit Tom zu kommunizieren.
Ist bei dir alles in Ordnung? Bitte sag, dass alles okay ist. Wir schaffen das hier schon. Irgendwie.
Er schenkte ihr ein schwaches Lächeln, dann fielen ihm die Augen zu. Sie geriet in Panik und dachte einen schrecklichen Moment lang, er hätte aufgehört zu atmen. Sie streckte die Hand nach ihm aus und berührte sein Gesicht.
»Tom? Tom!«
Er öffnete die Augen wieder. »Ich ruhe mich nur aus. Es geht schon.«
Es ging nicht. Er litt, aber er war immer noch bei ihr, und am liebsten wäre sie vor Erleichterung neben dem Bett auf die Knie gesunken. Sie brauchte Tom. Er war ihr Fels in der Brandung, ihr Cheerleader.
»Hört auf zu quatschen.« Simon zog den Vorhang auf. »Du fährst.«
»Tom ist nicht in der Verfassung zu fahren.«
»Deshalb wirst du fahren.«
»Ich?« Alice konnte den Camper zwar fahren – aber mit einer auf sie gerichteten Pistole?
»Mach dich fertig. Wir brechen bald auf.«
Er wollte weg von diesem Campingplatz. Er wollte weg von den Leuten. Sobald sie auf dem Highway waren, konnte so viel passieren. Alice dachte an die ganzen einsamen Nebenstraßen. Die Felder mit dem hohen Gras, in dem man alles Mögliche verbergen konnte. Wälder. Flüsse.
Simon starrte sie an, sein Kinn angespannt. Als würde er sie herausfordern, sich ihm zu widersetzen. Der Bereich unter seinen Augen war dunkel und sein Haar zerzaust. Hatte er überhaupt geschlafen?
»Ich kann fahren«, sagte Tom. Er versuchte, stark zu klingen, als wäre er fahrtüchtig, aber er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme eher ein dünnes Flüstern war und er um Luft rang.
Simon blickte über die Schulter zu Jenny. »Babe, kannst du mal herkommen?«
Jenny stand vom Tisch auf. Als sie bei Simon war, zog dieser das Messer aus der Scheide an seiner Hüfte, drehte es um, sodass er die Klinge hielt, und reichte es Jenny.
Sie zögerte; ihre Hand schwebte einen Moment in der Luft, als wollte sie es nicht berühren. Alice hoffte, dass dies ein Zeichen für einen Sinneswandel war. Vielleicht war sie anders. Doch dann nahm sie das Messer.
»Du musst für mich Alice im Auge behalten, während ich mich um Tom kümmere.« Jenny nickte, und Simon wandte sich an Alice. »Setz dich an den Tisch, sodass ich dein Gesicht sehe.«
Dafür musste sie an Simon vorbei. Sie sah ihn nicht an, und sie berührten sich nicht. Sie setzte sich an den Tisch, wie er es befohlen hatte. Jetzt konnte sie aus der ersten Reihe zuschauen, wie Simon Toms Knöchel mit dem gelben Seil fesselte und es fest verschnürte. Anschließend widmete er sich seinen Händen.
Alice befürchtete, dass er Toms Schulter noch weiter verletzen würde, aber er befahl Tom, beide Arme über den Oberkörper zu legen, sodass die Unterarme parallel waren, und band sie dann zusammen.
»Ein Kissen«, stieß Tom mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Kann ich ein Kissen unter meinen Ellenbogen bekommen?«
»Wir sind hier doch nicht im Hilton«, sagte Simon, aber Alice bemerkte erleichtert, dass er ein Kissen an Toms Seite schob und es unter seinen Ellenbogen drückte. Dann drehte er sich um und sah Alice an. »Setz dich ans Steuer.«
Sie war mehr als froh, vom Tisch aufzustehen, als Jenny Simon das lange Jagdmesser zurückgab und er sich vorbeugte und sie leidenschaftlich küsste, während er eine Hand am Hinterkopf in ihr Haar grub.
Alice stieg über den mit Teppich verkleideten Motorblock und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Sie stellte die Sitzhöhe und die Spiegel ein, leckte sich über die trockenen Lippen und wünschte, sie hätte etwas Wasser.
Hinter sich hörte sie Simon herumhantieren und schaute in den Rückspiegel. Er schob gerade das Messer zurück in die Scheide an seiner Hüfte. Dann setzte er sich auf den Beifahrersitz und streckte die Beine aus.
»Okay. Fahr los.«
Alice drehte den Schlüssel im Zündschloss und gab Gas. Zu viel. Der Motor heulte auf und ließ alles auf dem Armaturenbrett vibrieren, gerade, als jemand an ihrem Stellplatz vorbeikam. Leider warf der Mann ihnen nur einen flüchtigen Blick zu, bevor er weiterging.
Simon starrte Alice finster an. »Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?«
Alice runzelte die Stirn. »Ich bin nervös.«
Simon zog die Pistole aus dem Hosenbund. »Wenn du versuchst, einen Unfall zu bauen oder jemandem zuzuwinken …«
»Ich hab’s verstanden. Hör auf, mir die verdammte Waffe zu zeigen!« Alice war erschrocken über die Wut in ihrer Stimme. Sie fluchte nie. Dies war ein denkbar schlechter Moment, um damit anzufangen.
»Wehe, du versaust es.« Simon faltete ihre abgenutzte Karte auseinander. Erst am Abend zuvor hatte Tom ihm erklärt, wo sie überall reserviert hatten, und dabei auf jeden Campingplatz getippt. Jetzt kannte Simon den genauen Plan für ihre gesamte Reise. Er studierte die Karte, während Alice den Motor laufen ließ.
»Worauf wartest du noch?«, sagte Simon.
Alice holte tief Luft, rieb sich ihre verschwitzten Handflächen an den Shorts trocken, sprach im Stillen ein kurzes Gebet und fuhr los. Sie rangierte vom Stellplatz, schaute in den Seitenspiegeln nach hinten, um abzuschätzen, wie nah sie den Bäumen war. Sie kam leicht an ihnen vorbei. Sie dachte an ihre erste Nacht auf der Reise, wie schlecht sie sich gefühlt hatte, als der Camper einen Kratzer abbekommen hatte. Wenn sie das hier lebend überstanden, wollte sie diesen Wagen nie wieder sehen. Sie würde ihn bei der ersten Gelegenheit verkaufen.
Sie fuhren die Schotterpiste hinunter. Der Camper ruckte jedes Mal, wenn sie zu hart auf die Bremse trat, sodass sie in ihren Sitzen nach vorn geworfen wurden. Simon schaute zu ihr.
»Ganz sachte. Sonst merken die Leute was.«
Sie kamen am Büro vorbei. Draußen parkte ein anderer Camper, und ein Mann und eine Frau saßen auf der Veranda vor dem Büro. Sie winkten lächelnd. Simon duckte sich weg.
Am Stoppschild deutete Simon nach links. »Da kommen wir zum Trans-Canada Highway.«
Alice bog ab und wünschte, sie hätten nicht schon gestern Abend im Voraus bezahlt. Dann hätte sie vielleicht die Gelegenheit gehabt, dem Angestellten eine Nachricht zukommen zu lassen. Nach ein paar Meilen erreichten sie den Highway. Sie fuhr schneller und überprüfte die Anzeigen auf dem Armaturenbrett. Der Tank war nur noch zu einem Viertel voll, und sie hatten bereits auf den Reservetank umgestellt. Sollte sie Simon Bescheid sagen? Sie starrte durch die Windschutzscheibe auf eine Landschaft, die sie gestern noch begeistert hätte – die flachen, sanft ansteigenden Hügel, die in der Ferne blau und grau aussahen. Samtige grüne Wiesen mit Pferden, Schafen und Kühen. Felder mit goldgelbem Gras und die lange Straße ohne Häuser oder Tankstellen. Wenn ihnen das Benzin ausging, könnten Simon und Jenny den Camper nicht stehlen. Aber was würde passieren, wenn sie liegenblieben?
Am Ende lag die Entscheidung nicht bei ihr, denn Simon merkte, dass sie immer wieder auf die Tankanzeige schaute. Er beugte sich zu ihr herüber und warf einen Blick darauf. »Wir halten an.«
Aus der Essecke fragte Jenny: »Was ist los?«
»Wir müssen Benzin besorgen, und Alice wird ganz genau zuhören, was ich sage, damit niemand verletzt wird.« Alice spürte, wie er sie von der Seite anstarrte. »Stimmt’s?«
»Ja.«
»Gut.« Er drehte sich zu Jenny um. »Was haben wir noch zu essen?«
Jenny wühlte hinter ihnen herum. Schränke wurden geöffnet. Der Kühlschrank. Jenny brachte Simon einen Blaubeermuffin und eine Banane. Alice bot sie ebenfalls einen Muffin an. Sie wollte das Essen ablehnen, aber ihr leerer Magen knurrte. Sie nahm den Muffin und aß ihn mit einer Hand. Zum Glück waren noch nicht viele Autos unterwegs. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, wenn sie auf einem schmalen, kurvenreichen Straßenabschnitt durch die Berge fahren müsste.
»Wir haben Familie«, sagte sie. »Sie erwarten, dass wir sie anrufen.« Das war gelogen. Toms Eltern waren vor ein paar Jahren gestorben, und Alice’ Mutter war vollauf mit ihren Enkelkindern und Bridgepartien beschäftigt. Vermutlich fuhrwerkte sie gerade in ihrem Hauskleid aus grünem Samt im Haus herum, das Haar mitsamt der Stirnfransen unter einem Turban versteckt, während sie eine ihrer langen Mentholzigaretten rauchte. Alice’ Vater saß jeden Morgen in seinem Lehnsessel und las ihrer Mutter laut die Klatschspalte der Zeitung vor, und sie fragte nach »Elizabeth und Richard«, die erneut geheiratet hatten, aber offenbar schon wieder auf dem Weg zur nächsten Scheidung waren. Dann waren da noch Alice’ Geschwister, die sich alle um ihre Ehepartner und Kinder kümmern mussten. Von Tom und Alice erwartete niemand mehr als eine Postkarte und ein Olympia-Andenken.
Simon zeigte auf ihre Reisemappe auf dem Armaturenbrett. »Auf den Campingplätzen gibt es Telefon.«
»Du wirst doch nicht an unserem Reiseplan festhalten!«
»Vielleicht doch.« Er zuckte die Achseln. »Wo wolltet ihr als Nächstes übernachten?«
Alice versuchte, sich zu erinnern. Sie hatten so oft über diese Reise geredet, aber Angst vernebelte ihren Verstand. »Golden, glaube ich.«
»Das gefällt mir. Klingt, als würde es Glück bringen.« Er nickte sich selbst zu, faltete die Karte zusammen, warf sie auf das Armaturenbrett und lehnte sich zurück. »Wir werden sehen, wie der Tag sich entwickelt.«
In Alice’ Augen brannten Tränen. Sie dachte daran, wie oft sie sich schon gewünscht hatte, sie wäre mit ihrem Sohn gestorben, doch jetzt, da sie mit dieser Möglichkeit konfrontiert war, merkte sie, wie sehr sie leben wollte.
Simon drehte den Kopf zur Seite, um sie anzusehen. »Aber ihr habt gerade wohl nicht so viel Glück.«
Dann lachte er.