Kapitel 8: Alice - Halt niemals an
By Chevy Stevens
Während sie weiterfuhren, verwandelten sich Alice’ anfänglicher Schock und ihr Entsetzen in eine lähmende Angst, die sie am ganzen Körper zittern ließ. Trotz der Hitze war ihr eiskalt, und sie fühlte sich wie betäubt. Sie kamen an Wiesen vorbei, auf denen die Kühe wie gemalt aussahen, und ab und zu an einem kleinen Stand an der Straße, an dem Eier und frisches Obst und Gemüse verkauft wurden. Dann beschrieb der Highway einen großen Bogen und führte wieder am scheinbar endlosen Shuswap Lake entlang. Sein tiefblaues Wasser glitzerte durch die Baumreihe, die eine schmale Barriere zwischen dem Highway und dem See bildete.
Ihr Zeitgefühl hatte sie im Stich gelassen, aber sie glaubte, dass sie etwa dreißig Minuten gefahren sein mussten, als sie eine lange Brücke mit niedrigen Leitplanken erreichten. Links von ihr lagen einige Hausboote im See, und auf der anderen Seite der Brücke gab es einen Strand, gedrängt voll mit Leuten in bunter Badekleidung.
Hinter der Brücke begrüßte sie ein Schild: »Willkommen in Sicamous«, und Reklametafeln warben für Hausboote, die man mieten konnte. Auf halber Strecke durch den Ort deutete Simon auf eine Esso-Tankstelle an der Hauptstraße. Alice bog ab und fuhr langsam an eine der blauen Zapfsäulen.
»Sag, dass du einmal vollgetankt haben willst«, verlangte Simon. »Und lächle.«
»Ich brauche Geld.«
Simon beugte sich vor, zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und reichte ihr zwei Zehn-Dollar-Scheine. Wahrscheinlich waren es genau die, die er aus ihrer Geldbörse gestohlen hatte.
Der Tankwart war ein spindeldürrer junger Mann mit Igelfrisur in einem roten Overall. Er kam herbeigejoggt und schenkte ihr ein schnelles, munteres Lächeln. »Was kann ich für Sie tun?«
»Einmal volltanken, bitte.«
Der Tankwart entfernte sich. In ihrem Seitenspiegel beobachtete sie, wie er die Zapfsäule bediente. Er plauderte und lachte mit einem weiteren Kunden an einer anderen Zapfsäule. Er wirkte freundlich. Vielleicht interessierten ihn Menschen. Tankstellen hatten Zeitungen. Er könnte den Artikel gelesen haben. Möglicherweise erkannte er sogar Simon, wenn er ihn beim nächsten Mal, wenn er zum Fenster kam, besser sehen könnte. Alice lehnte sich im Fahrersitz zurück und streckte die Arme aus, damit Simon dachte, sie würde nur ihre Muskeln dehnen.
»Kann ich ein paar Snacks bekommen?«, fragte Jenny hoffnungsvoll.
»Es ist sicherer, wenn du im Wagen bleibst.«
»Ich passe auf. Ich kann Alice’ Hut aufsetzen. Bitte!« Alice hatte ihren Strohhut ganz vergessen, der an einem Haken neben der Tür hing. Beim Kauf hatte sie sich ausgemalt, wie Tom und sie zusammen picknicken würden.
»Na gut«, sagte Simon, wenn auch widerwillig. »Aber beeil dich.« Er zog noch ein paar Dollar aus seinem Portemonnaie und reichte sie Jenny über die Schulter.
Alice war es ein Rätsel, wie das Mädchen nach dem, was passiert war, auch nur an Snacks denken konnte. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass Jenny schwanger war, und sie atmete tief durch. Bitterkeit sammelte sich in ihrem Magen. Während ihrer eigenen Schwangerschaft war ihr wochenlang übel gewesen, und als es endlich vorbei war, hatte sie sich über jedes neue Hungergefühl gefreut.
Alice und Simon warteten schweigend, während der Tankwart den Tank befüllte. Alice blickte kurz in den Rückspiegel. Jenny hatte das Jagdmesser auf dem Tisch liegen lassen.
Simon schaute aus dem Beifahrerfenster und beobachtete Jenny im Laden. Der Tankwart kam zurück zur Fahrerseite, und dieses Mal warf er Simon und Alice einen neugierigen Blick zu.
»Aus Washington, was? Von wo genau?«
Er war aufmerksam. Sie verspürte einen Hoffnungsschimmer. Sie hatte keine Ahnung, wie viele Kunden die Tankstelle an einem Tag aufsuchten, aber vielleicht unterschieden sie sich genügend von dem Rest, um ihm im Gedächtnis zu bleiben. »Seattle.«
»Echt? Und wo wollen Sie hin?«
Alice dachte rasch nach. Wenn sie sagte, zu den Olympischen Spielen, könnte er weitere Fragen stellen. Sie wusste nicht, ob das gut oder schlecht wäre. Sie wusste nicht, wie Simon reagieren würde.
»Nach Banff.«
»Das ist eine lange Fahrt.«
»Mit einem Camper ist es nicht so schlimm.«
»Stimmt auch wieder.« Er klopfte auf die Seitenwand des Winnebago. »Na dann, gute Fahrt!«
Der Tankwart ging davon, und sie sah zu Simon, der stirnrunzelnd auf etwas auf der anderen Seite der Tankstelle schaute. Sie folgte seinem Blick. Vier Motorräder standen in einer Reihe, schwarz mit verchromten Lenkern. Die Maschinen vom Campingplatz? Zwei Männer tauchten auf und zündeten sich Zigaretten an. Alice vermutete, dass die Toiletten sich an der Seite des Gebäudes befanden. Den Rothaarigen sah sie nicht.
Jenny zog die Tür auf und stieg eilig die Treppe hoch. »Tut mir leid. Ich bin so weit.« Sie schob sich in die Essecke und warf eine Plastiktüte auf den Tisch.
Alice startete den Motor und fuhr um die Tankstelle herum, zurück zum Highway. Simon schaute aus seinem Fenster und flüsterte: »Verdammte Scheiße.«
»Was ist los?«, fragte Jenny.
»Motorradfahrer.«
»Sie sind hier?« Jenny klang erschrocken und verängstigt, aber Alice begriff nicht, warum. Es schien eine beliebte Tankstelle zu sein, und die Motorradfahrer reisten offenkundig in dieselbe Richtung.
»Fahr schon, los!« Simon rutschte auf seinem Sitz nach unten.
Alice bog langsam wieder auf den Highway ein und drückte das Gaspedal durch, bis sie die Höchstgeschwindigkeit von fünfzig Meilen pro Stunde erreicht hatte.
»Schneller«, sagte Simon.
Alice gab Gas, doch ihr gefiel weder das Vibrieren der Reifen noch das Schwanken des Campers, sobald der Wind ihn von der Seite traf. Eine falsche Bewegung, und der Wagen würde von der Straße segeln. Sie warf einen Blick in den Seitenspiegel. Ein Motorrad war hinter ihnen und schlängelte sich durch den fließenden Verkehr. Alice erkannte das lange rote Haar des Fahrers, aber dieses Mal trug er ein schwarzes T-Shirt unter seiner Weste.
»Einer der Motorradfahrer folgt uns«, sagte sie.
Simon stand auf, stellte sich hinter sie und blickte über ihre Schulter in ihren Seitenspiegel.
»Hast du ihn im Laden gesehen, Jenny?«
»Ich glaube nicht, aber vielleicht doch.«
Vielleicht hatte er sie in der Zeitung erkannt. Vielleicht hatte der Motorradfahrer vom Laden aus die Polizei angerufen. Vielleicht folgte er ihnen jetzt, um sie im Auge zu behalten. Vielleicht würde dieser Albtraum enden.
»Fahr schneller!«, drängte Simon.
Alice drückte den Fuß aufs Gaspedal. Die Anzeigennadel kletterte höher.
»Überhol den Wagen da.«
»Ich weiß nicht, ob ich …«
»Tu es.«
Sie hielt nach entgegenkommendem Verkehr Ausschau, gab noch mehr Gas und zog mit dem Camper über die gestrichelte weiße Linie. Sie packte fest das Lenkrad, ihre Unterarme und Schultern waren starr, der Rücken hart wie eine Stahlrute. Sie überholte zwei Autos und lenkte den Winnebago schließlich wieder auf die rechte Fahrbahn. Einer der Wagen hupte, und sie zuckte zusammen. Sie musste ihm zu nahe gekommen sein.
»Schon gut«, sagte Simon, aber seine Stimme klang nicht, als wäre alles gut. Er klang, als hätte er Angst. Er schnappte sich ihre Karte vom Armaturenbrett, faltete sie hastig auf seinem Schoß auseinander und zerriss sie dabei in seiner Hektik.
Alice fuhr bei Gelb über eine Ampel, schaute zurück und entdeckte den Motorradfahrer.
»Er ist immer noch da.«
Simon blickte auf. Die Straße beschrieb einen Bogen, und er konnte die vor ihnen liegende Kurve einsehen, aber ihr war der Blick durch einen vor ihnen fahrenden Sattelschlepper mit massiven Hintertüren versperrt.
»Überhol das Ding«, sagte Simon.
»Er ist zu lang!« Schweiß lief ihr über die Stirn und brannte in ihren Augen. Wie konnte es sein, dass man so schnell in Schweiß ausbrach? Ihre Bluse klebte am ganzen Körper.
»Vor uns teilt sich die Straße.« Er tippte mit dem Finger auf die Karte. »Wir können abbiegen, bevor der Motorradfahrer merkt, dass wir verschwunden sind. Gib Gas.«
Er sagte das, als wäre es so einfach. Als säßen sie nicht in einem riesigen Fahrzeug, das bei der nächsten kräftigen Windbö ins Schleudern geraten oder umkippen könnte. Alice gab Gas, bis die flache Schnauze des Winnebago fast die Stoßstange des Sattelschleppers berührte, dann holte sie tief Luft und überquerte die Mittellinie.
Es war unglaublich laut. Der Motor des Campers, als sie ihn ausreizte, die Reifen des Sattelschleppers, als sie ihn überholten – mit nur wenigen Zoll Abstand. Sie betete, dass sie weit genug an dem Truck vorbeigezogen war, und kehrte auf die rechte Spur zurück. Sie schaute in den Seitenspiegel. Der verchromte Kühlergrill des Sattelschleppers füllte fast das gesamte Blickfeld aus, doch sie konnte das wütende Gesicht des Fahrers sehen. Er hupte dreimal extralaut, sodass sie den Ton im ganzen Körper spürte. Sie hoffte, dass er sie über Funk der Polizei melden würde.
»Wenn ich’s sage, biegst du rechts ab.«
»O Gott.« Sie waren viel zu schnell. Sie hatte keine Ahnung, wie man bei so einem Tempo fuhr. Sie schaute sich nicht einmal Autorennen im Fernsehen an, weil es ihr Angst machte.
»Jetzt!« Simons Stimme schnitt sich durch ihre Gedanken. Sie setzte den Blinker, trat auf das Bremspedal und lenkte den Camper um die Kurve – und war fassungslos, weil sie es geschafft hatte.
»Fahr weiter, nicht langsamer werden.« Simon hatte sein Fenster heruntergekurbelt, und sein Haar wurde zurückgeweht, als er in seinen Seitenspiegel schaute. »Ich kann nicht erkennen, ob er auch abgebogen ist.«
Auf geraden Strecken fuhr Alice so schnell wie möglich, in den Kurven bremste sie leicht ab. Sie fing gerade an, sich ein wenig zu entspannen, als sie Simon fluchen hörte.
»Er ist hinter uns. Bieg da vorne ab.« Simon deutete fuchtelnd auf eine weitere Abzweigung.
Sie fuhr um die Kurve, und der Camper geriet ins Schlingern. Ihr wurde schlecht, und sie kurbelte hektisch das Lenkrad herum, bis der Wagen sich in letzter Sekunde wieder aufrichtete. Sie waren jetzt auf einer schmalen, einspurigen Straße mit rissigem Asphalt, die sich endlos hinzuziehen schien. Weit und breit keine Häuser.
Es dröhnte laut, als das Motorrad auf ihre Höhe kam, dann krachte es laut. Metall auf Metall. Sie blickte in den Seitenspiegel und schrie auf. Der Fahrer schlug mit einer Metallstange auf den Camper ein.
Simon stellte sich erneut hinter sie und schaute aus ihrem Fenster, dann ging er zum Fenster an der Essecke und kam schließlich zurück. Jenny sagte etwas, doch Alice war zu sehr damit beschäftigt, den Camper auf der Straße zu halten. Es krachte erneut, als der Motorradfahrer den Camper an der Seite traf. Er brüllte etwas. Die Worte wurden deutlicher, als er sich ihrem Fenster näherte. Sein rotes Haar flatterte hinter ihm im Fahrtwind.
»Halt an, du Schlampe!«
Sie starrte weiter geradeaus, als würde das Problem verschwinden, wenn sie ihn einfach nicht ansah. Er kam ihrem Fenster immer näher. Die Metallstange traf ihre Tür.
Alice schrie auf und riss das Lenkrad herum, weg von ihm. Die Reifen rutschten über den losen Kies auf dem Seitenstreifen. Sie musste abbremsen, damit sie nicht ins Schleudern gerieten. Der Motorradfahrer schnitt ihr den Weg ab und zwang sie zum Stehenbleiben. Ihr Kopf wurde mit einem schmerzhaften Ruck im Nacken nach vorn geworfen. Hinter ihr flogen Körper auf dem Boden durcheinander. Jenny oder Simon oder beide. Sie hörte Toms gequältes Stöhnen. Er musste schreckliche Schmerzen haben, aber sie konnte nicht nach hinten, um nach ihm zu sehen. Der Fahrer war von seinem Motorrad gesprungen und kam, die Metallstange in der Hand, direkt auf sie zu. Der Winnebago hatte eine flache Front. Keine Motorhaube, die Schutz bot. Wenn er groß genug war, könnte er die Windschutzscheibe zerschmettern. Er könnte das Glas zerschlagen und Alice direkt ins Gesicht treffen.
Alice löste ihren Sicherheitsgurt, warf sich über den Motorblock und rollte über den Boden, gerade, als der Mann den Knüppel gegen den verchromten Kühlergrill krachen ließ. Das Geräusch war sehr laut und sehr nah.
Simon stieg über Alice hinweg und versuchte, zum Fahrersitz zu kommen. Alice kroch auf Händen und Knien durch die Mitte des Campers.
»Gib mir meinen Scheiß!« Der Motorradfahrer drosch auf den Winnebago ein. Der Krach hallte im Vorderteil des Wagens wider. Würde er die Tür einschlagen? »Komm raus und kämpfe, du Memme!«
Alice schaffte es in den hinteren Teil des Campers. Sie stand auf, um nach Tom zu sehen, doch dann heulte der Motor auf, als Simon aufs Gaspedal trat. Der Winnebago schoss nach vorn. Alice hielt sich an der Wand fest.
Ein Mann schrie auf, ein dumpfer Aufprall, dann das Übelkeit erregende Holpern, als die Reifen über etwas hinwegfuhren. Das Quietschen von Metall, das mitgeschleift wurde.
»Stopp, stopp!« Jennys Stimme.
Alice drehte sich um. Was war da los?
Der Camper bremste hart, und Alice landete auf dem Gang neben der Essecke. Ihr Kinn knallte auf den Teppichboden, die Zähne schlugen klappernd aufeinander. Sie blieb regungslos liegen.
Der Motorradfahrer lag unter dem Camper. Sie hatte noch nie zuvor jemanden so schreien gehört.
»Alice?« Toms Stimme, laut und drängend.
»Mir fehlt nichts.« Sie kam auf die Knie, die zu weich waren, als dass sie hätte stehen können. Jenny drückte sich in die Ecke zwischen Essnische und Wand, als versuchte sie, sich zu schützen. Sie weinte.
Simon raufte sich die Haare und starrte durch die Windschutzscheibe. Nach einer Sekunde ließ er die Hände sinken und riss den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er stand auf und sah Jenny an.
»Komm her, Babe.«
Langsam glitt Jenny von der Bank, immer noch weinend, und versuchte, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Als sie Simon erreichte, drückte er ihr das Messer in die Hand.
»Behalt sie im Auge!«
Jenny drehte sich um und starrte Alice an, das Messer nah an ihrem Bein, die Wangen nass von den Tränen. Sie sah aus wie eine Puppe aus einem Horrorfilm. Simon öffnete die Tür und hielt inne, um zu lauschen, bevor er ausstieg. Er blieb ein paar Minuten draußen. Alice konnte nichts hören.
Kein Brüllen. Keine weiteren Schreie. Nur diese schreckliche Stille.
Simon kam zurück in den Camper. Sein Gesicht war blass, das Haar hing ihm schlaff und verschwitzt in die Stirn. Unter den Achseln und am Ausschnitt seines Shirts hatten sich dunkle Schweißflecken gebildet. Mit einer Hand packte er den Türrahmen, mit der anderen hielt er die Pistole.
Sein Blick streifte die immer noch weinende Jenny und landete bei Alice.
»Ich brauche dich da draußen.«