DAS SIND DIE NEUEN SERIEN, DIE DU DIESEN MONAT UNBEDINGT BINGEWATCHEN MUSST! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 13:13:05:53
Die Straße vor der maschinentherapeutischen Praxis ist menschenleer. Es ist zu heiß. Keiner geht an Tagen wie diesem gerne ins Freie. Die elektrochromen Schaufenster der Praxis haben sich komplett verdunkelt.
Quietschend kommt eine weiße Limousine zum Stehen. Ernst und Bertram steigen aus. Ihre grünen Jogginganzüge bilden einen fiesen Kontrast zum weißen Auto.
»Wir sind da, Boss«, sagt Bertram. »Sie ist hier drin.«
Die hintere Flügeltür des Autos öffnet sich, und der Zyklop steigt aus. Sein roter Lack funkelt in der heißen Sonne. Die Facettenkamera scannt den Laden. Es ist eine maschinentherapeutische Praxis. »Der Chef macht Mittag«, leuchtet auf dem Display der Tür.
»Ihr haltet hier draußen Wache«, sagt der Zyklop. »Ich will keine Störungen.«
Er holt aus, um die Tür einzuschlagen, da sagt die Tür »Nicht doch!« und öffnet sich von selbst. Der Puppenspieler lässt seinen Avatar den dahinterliegenden Raum betreten. Im wenigen Licht, das die verdunkelten Scheiben durchlassen, erkennt er eine kleine Therapiepraxis, die jemand mit viel Mühe, aber ohne Geschmack eingerichtet hat.
»Herzlich willkommen«, sagt eine Stimme.
Der Zyklop blickt sich um. Ein sehr großer Rollkoffer steht in einer Ecke des Zimmers. Sonst sieht er nichts Ungewöhnliches. Dann entdeckt er den Delfinvibrator, der auf einem Regalbrett ausgestellt ist, als wäre er eine Art Diplom. Das ist ungewöhnlich.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragt die nicht zu lokalisierende Stimme.
»Wer bist du?«, fragt der Zyklop.
»Ich bin Niemand.«
»Niemand?«
»Das ist der Name, den mir mein Herr gegeben hat.«
»Du bist eine Stimme?«, fragt der Zyklop. »Du leitest das Smart-Home-System hier?«
»Korrekt.«
Der Zyklop nimmt den Vibrator aus dem Regal und begutachtet ihn verwundert.
»Ich suche eine junge Frau, die vor Kurzem diese Praxis betreten hat«, sagt er.
»Oh, wenn Sie jemanden suchen«, sagt Niemand, »dann möchten Sie sicherlich, dass ich Ihnen Licht mache.«
Gleißendes Licht flutet den Raum. Die hochempfindliche Facettenkamera des Zyklopen hat kurzzeitig Probleme, sich darauf einzustellen. Er sieht nichts mehr. Er hört nur, dass in der Ecke, in der der Rollkoffer stand, Scharniere ächzen, die nicht mehr die jüngsten sind. Die Faust aus Metall trifft ihn völlig unvorbereitet. Der Schlag ist so heftig, dass der Zyklop durch die halbe Praxis fliegt und auf seinem Weg den Kaffeetisch und ein Regal zerbricht.
Ernst und Bertram stehen währenddessen vor der Tür und unterhalten sich über ihre Lieblingsserie, ein Remake von Game of Thrones.
»Ick finde es nickt gut, dass die letzte Staffel so krass von die Originalserie abweickt«, sagt Bertram. »Das war dock alles awesome! Der Tod von … DER FOLGENDE SPOILER WURDE FÜR DICH DURCH SPOILERFREE VON WHAT - I - NEED GEBLOCKT . Wenn du auch in anderen Büchern und deiner gesamten digitalen Kommunikation keine bösen Überraschungen mehr erleben möchtest, dann melde dich jetzt durch nur einen Kuss bei SPOILERFREE von WHAT - I - NEED an. SPOILERFREE – LASS DICH ÜBERRASCHEN ! … war dock voll die Schocker!«
»Na ja«, sagt Ernst, »ich fand ja völlig okay, dass GEBLOCKT von GEBLOCKT erstochen wurde, aber ich find halt, dass der Wahnsinn von GEBLOCKT in der Originalserie nicht wirklich gut motiviert war.«
Als es hinter ihnen in der Praxis zu krachen und zu scheppern beginnt, grinsen sie nur.
»Der Boss scheint Spaß zu haben«, sagt Bertram.
»Ja. Zum Glück müssen wir danach nicht aufräumen«, sagt Ernst. Er holt einen FeSaZu-Riegel aus der Tasche seines Jacketts, beißt hinein und wirft die Verpackung auf die Straße.
Als es so klingt, als würde jemand versuchen, das Haus von innen abzureißen, stellt Bertram doch eine Verbindung zum Puppenspieler her.
»Alles okay, Boss?«
»Niemand hat mich geblendet!«, ruft der Puppenspieler.
»Roger that«, sagt Bertram und beendet die Verbindung.
»Was hat er gesagt?«, fragt Ernst.
»Er sagt, niemand hat ihn geblendet.«
»Na, dann ist ja gut.«
Die beiden nicken und starren kurze Zeit stumm geradeaus. Von drinnen hört man immer noch Lärm.
»Aber irgendwie ist es doch ein ziemlich merkwürdiger Satz«, sagt Ernst schließlich. »Warum sagt er denn so was? ›Niemand hat mich geblendet‹?«
»Ja. Waere dock irgendwie abgefahren, wenn es so waere wie bei die neuen TODO -Serie ueber diesen alten Griecken, oder? Da hat dock GEBLOCKT auck zu dem GEBLOCKT gesagt, dass er GEBLOCKT heißt, bevor er ihn GEBLOCKT hat.«
Die beiden blicken sich an, dann reißen sie die Tür auf.
Drinnen sehen sie den Zyklopen, der auf einem panzerbrechenden Kampfroboter für schwere Kriegseinsätze sitzt und ihm immer wieder harte Schläge versetzt.
Das Ganze läuft nicht so, wie Kiki es sich vorgestellt hat. Sie war sich sicher, dass Mickey den Zyklopen in seine Einzelteile zerlegen würde, aber momentan sieht es eher nach dem Gegenteil aus.
»Plan B«, sagt Kiki zu Romeo und tritt aus der als Durchgangszimmer getarnten Schrottpresse in die Praxis.
»Hey, Glubschauge!«, ruft sie.
Der Zyklop verpasst dem Kampfroboter einen letzten harten Schlag, steht auf und rast auf Kiki zu. Kiki dreht sich um und rennt zurück in die Schrottpresse. Aber der Zyklop ist übermenschlich schnell. Er packt Kiki am Arm und reißt sie mit solcher Wucht zu sich, dass sie hart gegen seinen Titankörper prallt und benommen am Boden der Presse liegen bleibt.
»Oh weh. Oh weh«, sagt Kalliope. »Das ist gar nicht gut. Gar nicht gut.«
Der Zyklop zieht Kiki an ihren Haaren nach oben. Sie schreit vor Schmerzen und schlägt mit Armen und Beinen um sich. Wenn sie trifft, tut es nur ihr weh.
»Ich mag es, wenn sie sich wehren«, sagt der Zyklop lachend.
Diese von einem Menschen gesteuerte Maschine ist die unmenschlichste, der Kiki je begegnet ist. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit, seit dem Tag, an dem der Alte sie gerettet hat, fühlt sie wieder nackte Panik. Wieder ist da ein scheinbar unbesiegbares Monster, das sie töten will. Kiki kämpft gegen das Gefühl der Ohnmacht. Da spürt sie einen Windhauch über sich. Eine Drohne ist dem Zyklopen direkt ins Gesicht geflogen. Überrascht lässt der Puppenspieler Kikis Haare los, und sie fällt auf den Boden.
»Carrie!«, sagt Kalliope überrascht.
»Sie fliegt ja!«, staunt Romeo.
Halb krabbelt Kiki aus der Schrottpresse, halb wird sie von Kalliope gezogen.
»Die Türen!«, ruft Carrie, während sie versucht, den Händen des Zyklopen auszuweichen.
Romeo hastet zum Kontrollpanel der Presse und drückt auf einen großen roten Knopf, auf den Peter »Nicht drücken« geschrieben hat. Mit einem »Swusch!« schließen sich die Stahltüren der Schrottpresse. Große Teile der Korallentapete reißen sie dabei mit sich. Kaum sind die Türen geschlossen, hört der Zyklop auf, sich zu bewegen.
Kiki rappelt sich unter Schmerzen auf. Sie aktiviert den Kontrollmonitor der Schrottpresse und blickt auf den reglosen Avatar, der den Kontakt zu seinem Meister verloren hat.
»In der Schrottpresse sind alle Verbindungen zum Netz geblockt«, sagt Kalliope. »Das Internet der Dinge soll nicht von verstörenden Hilferufen sterbender K.I.s überflutet werden.«
»Ich weiß«, sagt Kiki.
Carrie schwebt in der Presse auf und ab.
»Ich kann fliegen!«, ruft sie. »Seht doch mal! Ich kann fliegen!«
Da leuchtet die Facettenkamera des Zyklopen rot auf.
»Vorsicht!«, ruft Kalliope, aber es ist zu spät. Blitzschnell schnappt der Zyklop Carrie an ihrem Landegestell und zerschmettert sie an der Wand.
Die anderen Maschinen sind geschockt.
»Wie ist das möglich?«, fragt Kiki. »Wie kann er ihn ohne Verbindung steuern? «
Der Zyklop blickt sich kurz um und schlägt gleich darauf mit voller Wucht gegen die Stahltür der Presse. Nun hat die Tür eine Delle.
»Okay. Wow«, sagt Kiki. »Jetzt ist nicht die richtige Zeit, das herauszufinden.«
Sie zieht an einem Hebel. Der Zyklop stemmt sich gegen die Presse. Kurz sieht es so aus, als könnte er ihr standhalten. Kiki erhöht den Druck. Sekunden später liegt in der Presse nur noch ein sehr schwerer Würfel aus Avatar und Drohne mit Korallentapete drum rum. Benommen begutachtet Kiki die Überreste ihres Widersachers [14] . Sie hätte sich gerne in die Systeme des Zyklopen eingeklinkt, um etwas über seinen Puppenspieler herauszufinden, aber das ist nun wohl nicht mehr möglich. Sie schwankt etwas, denn ihr ist schwindelig. Dann muss sie sich übergeben.
Ernst und Bertram stehen einfach nur mit offenen Mündern in der Tür. Sie brauchen etwas länger, um zu verarbeiten, dass sich der Flur mit Korallentapete als Schrottpresse entpuppt hat. Endlich nimmt Bertram den kleinen Einwegraketenwerfer, den er beim Fetten Frank hat mitgehen lassen, richtet ihn auf die Tür der Schrottpresse und schießt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, die Tür der Presse wird aus ihrer Verankerung gerissen. Die Druckwelle fetzt alle von den Beinen und das Glas aus dem Schaufenster.
»Bist du bescheuert?«, ruft Ernst. »Du kannst doch nicht in ’nem Raum, in dem du selber bist, einen Raketenwerfer abfeuern!«
»Well «, sagt Bertram. »Hinterher ist man immer schlauer. «
Die Gangster rappeln sich auf, ziehen ihre Pistolen und gehen auf die Presse zu. Kiki liegt dahinter reglos auf dem Boden.
»Hey, Arschlöcher!«, ruft eine quäkende Stimme. »Hier drüben!«
Ernst dreht sich um, aber da steht nur ein merkwürdiges QualityPad mit dürren Ärmchen und Beinchen. Es hat einen großen Riss auf seinem Display. Ernst richtet seine Waffe auf das Tablet.
»Los, Strolch! Fass!«, ruft das QualityPad. Ein elektronischer Hund rast auf Ernst los, packt ihn mit seinen scharfen Zähnen am Handgelenk und schüttelt es, bis Ernst die Waffe fallen lässt. Seine Hand blutet stark.
»Guter Hund!«, sagt das QualityPad. »Ganz ein Braver bist du!«
Bertram will seinem Kollegen zu Hilfe eilen, da packt ihn der totgeglaubte Kampfroboter am Bein und reißt ihn von den Füßen. Mit einem mechanischen Ächzen erhebt er sich. Er sieht gar nicht gut gelaunt aus. Bertram, den er immer noch am Fuß gefasst hat, zieht er ohne Mühe in die Höhe, bis er kopfüber hängt. Der Roboter holt Schwung und schleudert Bertram durch das zersplitterte Schaufenster. Ernst flieht stolpernd aus der Praxis. Der Hund steht in der Tür und bellt ihm hinterher. Ernst zieht Bertram hoch und schleppt ihn in die Limousine. Kaum sind sie drin, rast das Auto davon.
Kurze Zeit später kehrt Peter von seinem Mittagessen zurück. Er will sich schon über die FeSaZu-Verpackungen vor seiner Praxis aufregen, als ihm die Scherben des Schaufensters auffallen. Seine Tür öffnet sich für ihn, und Peters nun folgender Gesichtsausdruck wäre es wert, als Meme das Netz zu erfreuen. Untertiteln könnte man das Bild mit »WTF ?!?«. In der Praxis sind alle, wirklich alle Möbel zerbrochen, im Boden klafft ein großes Loch, und sogar die schöne Korallentapete ist von den Wänden der Schrottpresse gerissen. Peter weiß natürlich, dass das sehr unwahrscheinlich ist, aber es sieht tatsächlich so aus, als hätte jemand einen Raketenwerfer in der Praxis abgefeuert. Seine Maschinen sind mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Mickey bemerkt Peters Ankunft als Erster. Er wendet sich zu seinem Herrn und brummt: »Kapppuuuttt.«
»Was du nicht sagst.«
Die anderen Maschinen drehen sich etwas verlegen zu Peter um.
»Was zum Teufel?«, ruft dieser. »Leute! Ich hatte doch gesagt, ihr sollt die Bude NICHT abreißen!«
»Ja, stimmt. Das hast du«, sagt Pink und muss kichern.
»Ich verstehe wirklich nicht, was daran lustig ist!«, sagt Peter erbost.
»Was gibt’s daran nicht zu verstehen, Hübscher?«, fragt Romeo. »Du sagst, wir sollen die Bude nicht abreißen, und dann kommst du eine Stunde später zurück, und die Bude ist total abgerissen. Das ist doch witzig.«
»Das ist überhaupt nicht witzig!«, ruft Peter.
»Ach, du hast halt einfach keinen Humor«, sagt Pink.
»Ach ja?«, fragt Peter. Dann sagt er: »Der Mann zwei Pandas plitsch platsch dreizehn Sand Augen zu bumm.«
Eine Sekunde lang blicken ihn seine Maschinen erstaunt an, dann brechen sie in lautes Lachen aus.
»Der Mann zwei Pandas!«, kreischt Pink hysterisch.
»Plitsch platsch«, johlt Romeo und klopft sich auf die nackten Schenkel.
»Bumm!«, macht Mickey, und sein Lachen lässt den ganzen Keller wackeln.
»Hm«, sagt Peter. »Erstaunlich.«
»Wohltäter«, sagt Kalliope und tut so, als wischte sie sich eine Lachträne aus ihrem Kameraauge, »das war mit Sicherheit der lustigste Witz, den ich je gehört habe.«
Peter hebt den Delfinvibrator vom Boden auf. Er hat nicht mal einen Kratzer. Dann entdeckt er die Blutspuren am Boden.
»Was zum Teufel ist hier passiert?«
»Tja, also, ganz genau wissen wir das auch nicht«, sagt Romeo.
»Am besten, Sie gehen zu ihr und lassen es sich erklären«, sagt Kalliope.
»Zu ihr?«, fragt Peter.
»Hinten«, sagt Romeo. »Im Bett.«
Peter eilt durch die Schrottpresse in seinen Wohnbereich. In der Schlafkoje liegt Kiki. Sie sieht ziemlich mitgenommen aus.
»Hey«, sagt sie. »Lange nicht gesehen.«
Anmerkungen zum Kapitel
14 Ich gebe gern zu, dass es ungewöhnlich ist, dass der Antagonist so früh im Roman besiegt wird, aber was soll ich machen? So hat es sich nun mal zugetragen.