DIESE FRAU HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Sandra liegt in Unterwäsche auf der Schlafcouch ihres winzigen Apartments und starrt die Decke an. Die Klimaanlage funktioniert schon wieder nicht. Es ist zu warm zum Denken. In den Nachrichten stand, es sei der heißeste Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Ach was. »Seit Beginn der Wetteraufzeichnung« ist inzwischen so etwas wie ein Running Gag. Ist doch so gut wie jeder Monat der heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Es gibt sogar eine allgemein bekannte Abkürzung dafür. SBDWA . Die Leute benutzen diese sogar schon in anderen Kontexten, wenn sie sagen wollen: »Ach was. Schon klar. SBDWA .«
Sandras QualityPad vibriert. »Ist das schon wieder eine Nachricht von Richard?«, fragt sie. »Ja«, sagt Schnucki. »Soll ich sie dir vorlesen?« »Nein. Lies mir den Myary-Eintrag von heute vor.« »Vielleicht darf ich dich darauf hinweisen, dass es auch von QualityCorp eine ganz tolle Tagebuch-App gibt, die nicht all deine Daten …« »Nein. Darfst du nicht. Lies jetzt.« »Liebes Myary« , beginnt Schnucki vorzulesen, »heute war ein ganz okayer Tag. Ich habe nur 16 Mal ›Scheiße‹ gesagt. ;-) Zum Mittagessen habe ich mich mit meinem Ex-Freund Peter Arbeitsloser getroffen.« »Detailgrad erhöhen«, sagt Sandra. »Zoomstufe Stündlich.« »Peter ist letztens drei Level aufgestiegen, und ich dachte, es schadet nicht, wieder Kontakt zu knüpfen. Es war eigentlich ganz nett, aber als ich ihm sagte, dass du für mich Tagebuch führst und wie toll ich das finde (und ich finde das wirklich echt supertoll, danke, liebes Myary!), hat er nur mit den Augen gerollt. Das soll einer verstehen. Eines Tages werde ich ihn sicherlich von den vielen Vorteilen, die du und andere What-I-Need-Produkte bieten, überzeugen, und wenn ihn die wirklich sehr subtil ins Tagebuch eingebaute Werbung stört, dann könnte er doch die Pro-Variante von Myary abonnieren …« Schnucki bricht ab. »Also ich finde das wirklich schamlos«, sagt die Stimme, »wie diese Firma …« »Sei still«, sagt Sandra. »Ich lese es selber.« Sie setzt sich auf und nimmt ihr QualityPad. »Zoomstufe Minütlich«, befiehlt sie. »Und dreißig Minuten zurück.« Sie beginnt zu lesen: Ich betrat das Café Chaikowsky. Ich hatte extra das Chaikowsky ausgewählt, weil es ein Level-15-Plus-Café ist und Peter und ich früher oft schmachtend vor dessen Fenstern standen, als wir noch unter Level 15 waren. Peter saß an einem Tisch und las ein Buch. Das ist neu, dachte ich. Der alte Peter hätte das nicht gemacht. Er hatte mich noch nicht gesehen. Ich blieb im Eingangsbereich stehen und beobachtete ihn. Er trug die Levi’s-Jeans, die ich damals für ihn bestellt hatte. (Auf Jeans aller Art gibt es übrigens gerade 16 Prozent Rabatt bei TheShop . Probier doch mal die . Oder die .) »Zoomstufe Sekündlich.« Peter schaute auf, und unsere Blicke trafen sich. Meine Herzfrequenz betrug 128 beats per minute. Eine absurd hohe Zahl dafür, dass ich mich nicht bewegte. Auch meine Transpiration war 32 Prozent höher als normal, und das hatte eindeutig keine thermoregulatorischen Gründe. »Meine Güte«, sagt Sandra. »Bitte, bitte ein anderer Schreibstil!« Ein Pop-up erscheint: Möchtest du ein Upgrade auf Myary Pro durchführen, dann bestätige jetzt mit einem Kuss. Sandra küsst ihr QualityPad . Ein Pop-up erscheint: Vorgeschlagener Stil für Zoomstufe Sekündlich: Virginia Woolf. Sandra zuckt mit den Schultern. »Okay.« Der Text auf ihrem QualityPad ändert sich. Jetzt steht dort: Peter schaute auf. Als sich unsere Blicke trafen, fühlte ich mich sehr jung und zugleich unsagbar gealtert. Wir hätten schon seit Hunderten von Jahren getrennt sein können, Peter und ich; er schrieb nie eine Short Message, und meine waren belanglos. Jeder Schritt war eine Frage; ich war gleichzeitig außerhalb, schaute zu, als ich mich an seinen Tisch setzte. Sein Anblick brachte alles zurück, ruhig, ohne die alte Bitterkeit; doch in einer Partnerschaft muss es ein wenig Freiheit, ein wenig Unabhängigkeit geben; die Richard mir lässt und ich ihm. (Wo war er heute Morgen zum Beispiel? Irgendeine Thermomix-Party, ich fragte nie, wo.) Mit Peter jedoch musste alles ausdiskutiert werden; alles musste gerecht sein und Sinn ergeben. Und das war unerträglich, und als mir das Upgrade vorgeschlagen worden war in dem kleinen Restaurant mit dem kultivierten Fleisch, musste ich mit ihm brechen, sonst hätte es uns beide zerstört, uns beide zugrunde gerichtet, davon war ich überzeugt; obwohl ich über Monate den Schmerz, den Kummer mit mir herumgetragen hatte wie einen Pfeil, der mir im Herzen steckte; und dann der entsetzliche Augenblick, als mir jemand auf Everybody erzählte, dass er eine neue Freundin habe, der er in der analogen Welt begegnet sei! Niemals würde ich all das vergessen! Es war klar, dass ein Teil von mir Peter noch liebte, immer lieben würde. Nicht umsonst habe ich in den letzten Tagen Stunden damit verbracht, ihn in WorldView zu beobachten. »Gefühl korrigieren«, sagt Sandra. »Ich liebe ihn nicht mehr. Ich war nur nervös, ihn wiederzusehen. Und ich hatte zu viel Kaffee getrunken. Deswegen raste mein Herz. Und das mit WorldView habe ich nur gemacht, weil mir langweilig war.« Auf dem QualityPad erscheint ein Pop-up-Fenster: Bist du dir sicher, Sandra? Unsere Daten widersprechen eindeutig deiner Einschätzung deiner Gefühlslage. Wenn du deine Änderungen rückgängig machen möchtest, dann sage jetzt: OK . Sandra seufzt. Dann sagt sie: »Okay.« Sie liest weiter. Ich möchte es nicht wahrhaben, und ich schäme mich dafür, aber ja, ein Teil von mir liebt ihn immer noch. Im Café hatte ich immerfort das Empfinden, während ich die Drohnen am Horizont betrachtete, draußen zu sein, weit draußen auf See und allein; ich hatte fortwährend das Gefühl, es sei sehr, sehr gefährlich, auch nur einen Tag zu leben. »Okay, wow. Scheiße. Stopp!«, sagt Sandra und lässt ihr QualityPad sinken. »Das ist mir zu heftig. Schreibstil zurücksetzen!« Der Text verändert sich wieder, und Sandra liest: Ich verstehe einfach nicht, warum mir das Partner-Upgrade vorgeschlagen worden ist. Wahrscheinlich sind die Algos von QualityPartner einfach nicht so gut, wie immer behauptet wird. Jedenfalls sind sie schlechter als die von What-I-Need. Und einmal hat mich Peter so merkwürdig durch sein QualityPad angeguckt, fast so, als würde er diese Levelfähigkeit benutzen, von der ich letztens … Sandra lässt ihr Pad sinken. Sie überlegt kurz, dann sagt sie: »Niedrigste Zoomstufe. Zeig mir einen Satz, der mein Leben zusammenfasst.« Liebes Myary, ich wurde in QualityLand geboren, hatte eine unauffällige Kindheit, eine reibungslose Ausbildungszeit, arbeite seitdem ohne nennenswerte Vorkommnisse für WWW – WeltWeiteWerbung, bin augenblicklich Level 15 und habe statistisch noch 77 weitere tolle Jahre vor mir! [15] Sandra schüttelt den Kopf. »Scheiße.« Ein Pop-up erscheint: Befehl nicht verstanden. Hier ist dein heutiger Eintrag: Liebes Myary, heute war ein okayer Tag. Ich habe nur 18 Mal »Scheiße« gesagt. Anmerkungen zum Kapitel 15 Sicherheitshinweis: Probieren Sie die niedrigste Zoomstufe bitte niemals selbst aus. Es gibt Dutzende Fälle, in denen der Satz, der das Leben zusammenfasst, für schwerste Depressionen verantwortlich gemacht wurde. Gerüchten zufolge will What-I-Need diese Funktion darum in der nächsten Myary-Version abschaffen.