DIESE FRAU WURDE VON EINER MASCHINE GROSSGEZOGEN. LIES IHRE HERZZERREISSENDE GESCHICHTE! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 13:08:47:13
»Nur, damit ich das richtig verstehe«, sagt Peter. »Du wurdest also von einer Maschine großgezogen?«
»Ja«, sagt Kiki. »Na und?«
»Das erklärt einiges.«
»Was soll das denn heißen?«
»Und du nennst sie Mama?«
»So heißt sie halt. Das ist ihre Produktbezeichnung: M.A.M.A. Multipurpose Artificial Mother Alternative.«
»Warte mal, warte mal«, sagt Peter plötzlich belustigt. »Das heißt doch, die große, rätselhafte, niemandem auf der Welt als sich selbst Rechenschaft schuldige Kiki Unbekannt, die geheimnisvolle, die mysteriöse, die Sphinx – wohnt noch bei ihrer Mama?«
»Du hältst dich wohl für sehr witzig.«
»In der Tat.«
»Ich wohne nicht mehr hier«, sagt Kiki. »Das ist nur ein sicherer Ort für mich. Ein Versteck.«
»Ich verstehe«, sagt Peter grinsend. »So etwas wie deine Bathöhle, ja? Deine Festung der Einsamkeit?«
Die elektronische Nanny kommt wieder ins Zimmer. Sie scheint immer noch ganz außer sich vor Freude und serviert ein köstliches Mahl aus Dosenravioli. Nun ja. Köstlich ist übertrieben .
»Kikikiki«, macht die Nanny, und ihr Bauchmonitor spielt eine Trickfilmszene ab. Mickey Mouse, Donald Duck und Goofy sitzen in einem Wohnwagen vor dem gedeckten Tisch, und Mickey sagt: »Haut rein, Leute!«
Danach verschwindet M.A.M.A. wieder in die Küche. Für Kiki scheint das alles völlig normal, aber für Peter ist es sehr merkwürdig.
»Mamas Sprachausgabe ist defekt«, sagt Kiki. »Deshalb hat sie diesen Workaround gefunden. Sie spielt auf ihrem Monitor immer Schnipsel von Filmen ab, in denen Figuren genau das sagen, was sie sagen will. Wenn sie mir Daffy Duck mit dampfendem hochrotem Kopf zeigte, der ›Schluss jetzt‹ rief, wusste ich, dass ich mal wieder zu weit gegangen war.«
»Seit wann ist ihre Sprachausgabe defekt?«
»Schon immer. Jedenfalls, seit ich denken kann.«
»Und du wurdest hier geboren?«, fragt Peter. »Im Maschinenquartier?«
»Nun ja, geboren wurde ich hier wahrscheinlich nicht.«
»Aber deine frühesten Erinnerungen spielen sich hier ab?«
»Ja.«
Peter mustert Kiki.
»Bist du …?«, fragt er schließlich.
Kiki verdreht die Augen.
»Ich bin keine Androidin, du Trottel.«
»Aber wie kommt es, dass ein menschliches Baby von einer Maschine großgezogen wird?«
»Weißt du was«, sagt Kiki, »du wirst lachen, aber das habe ich mich auch schon gefragt.«
»Und?«
»Keine Ahnung.«
»Keine Ahnung? Das ist aber eine eher unbefriedigende Antwort. «
»Ganz deiner Meinung.«
»Du bist hier also komplett ohne Menschen aufgewachsen?«
»Danke der Nachfrage. Jetzt fühle ich mich wie ein Freak.«
»Sorry«, sagt Peter. »Wenn’s dir hilft, meine Eltern sind auch ziemlich merkwürdig. Billy, mein Vater, sammelt zum Beispiel Filme auf einem uralten Format namens Ultra-HD -Blu-ray. Angeblich soll die Qualität besser sein als beim Streamen, doch ich kann keinen Unterschied erkennen. Er hat für jeden Film so eine kleine blaue Scheibe in einer Plastikbox, und für die hat er ein eigenes Regal. Das Regal heißt aus irgendeinem Grund sogar genauso wie mein Vater. Es ist alles vollkommen absurd.«
Kiki lächelt. »Du bist niedlich.«
Peter bemerkt, dass er immer noch seinen Hut aufhat. Er nimmt ihn ab und wirft ihn auf eine Kommode.
»Was soll das eigentlich mit dem Hut?«, fragt Kiki.
Peter seufzt. »Hilft gegen die Überwachung.«
»Ist da Alu drin, oder was?«
»Nein, einfach wegen den ganzen Kameras.«
»Hm.«
»Du glaubst nicht daran?«
»Nein. Aber er steht dir.«
»Danke.«
Peter kratzt sich am Bart.
»Wann hast du den Alten kennengelernt?«, fragt er.
»Ich war vier oder fünf, als ich begann, die Gegend zu erkunden. Dabei sah ich öfter diesen komischen alten Mann – er war damals schon alt –, der seine Zeit damit verbrachte, jeder Maschine, die er traf, sehr, sehr merkwürdige Witze zu erzählen. Ich verstand die Witze meistens nicht, aber die Maschinen kriegten sich oft kaum mehr ein. Der Alte stand dann mit schief gelegtem Kopf daneben und murmelte etwas wie ›faszinierend‹.«
»Und dann hast du ihn angesprochen? «
»Bist du irre? Ich war ein kleines Mädchen. Ich hab doch nicht einfach gruselige alte Männer angelabert. Nein. Ich hatte eine unschöne Begegnung mit einem elektrischen Watchdog. Hast du schon vom Tollwut-Bug gehört?«
Peter schüttelt den Kopf.
»Die erste Generation der Watchdogs wurde auf den Markt gebracht, ohne ordentlich getestet worden zu sein. Wenn man bei Aggressivität und Reviergröße zu hohe Werte wählte, drehten einige durch und attackierten wahllos jeden, der ihnen in die Quere kam. Eines dieser Monster hatte mich in einer Sackgasse in die Enge getrieben. Und die Viecher sahen noch nicht aus wie heute. Die hatten kein Fell, keinen Schnickschnack. Es war nur das mechanische Skelett eines Hundes mit Sägeblattzähnen und leuchtenden Augen. Ich dachte, es sei aus mit mir. Aber dann war da plötzlich der Alte und hat mit einem Metallrohr immer und immer wieder auf das Monster eingeschlagen.«
»Er hat was bitte?«
Kiki lächelt.
»Ja. Leg dich besser nicht mit ihm an.«
»Werd’s mir merken.«
»Er hat sich danach mit M.A.M.A. um mich gekümmert. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn er das nicht getan hätte.«
»Vielleicht ein ganz normaler Mensch mit Anstand und Manieren, gesetzestreu, höflich und nicht so sprunghaft.«
Kiki lacht. »Unwahrscheinlich.«
»Hat er nicht nach deinen Eltern gesucht?«, fragt Peter.
»Doch, natürlich. Aber wir haben nie eine Spur gefunden.«
»Was ist mit deiner Nanny? Hast du nie probiert, sie zu reparieren, damit sie dir erzählen kann, was passiert ist?«
»Ich fand immer, das steht mir nicht zu«, sagt Kiki. »Ich mag Mama so, wie sie ist. «
Peter blickt sie durchdringend an. »Blödsinn!«, sagt er dann. »Du bist viel zu neugierig! Du hast doch garantiert versucht, sie zu hacken.«
Kiki seufzt. »Ihre Erinnerungen sind passwortgeschützt …«, sagt sie.
»Das hält dich doch sonst nie auf.«
»Irgendjemand, vielleicht mein Vater, vielleicht meine Mutter, vielleicht der Weihnachtsmann, hat an M.A.M.A. herumgebastelt, denn sie ist kein stinknormales Serienmodell. Und der Weihnachtsmann wusste, was er tat. Würde ich versuchen, mir ohne das Passwort Zugriff zu verschaffen, würden alle Daten sofort gelöscht.«
»Kannst du nicht versuchen, das Passwort zu erraten?«
»Schon. Das Problem ist nur, dass ich jedes Mal, wenn ich ein falsches Passwort eingebe, erst nach einem gewissen Zeitintervall einen neuen Versuch starten darf. Und fieserweise verdoppelt sich dieses Zeitintervall nach jeder falschen Eingabe. Ganz am Anfang musste ich nur eine Sekunde warten, aber inzwischen …«
Kiki seufzt. Sie aktiviert ihr Smarm und macht ein paar Gesten. »Mein letzter Versuch ist vier Jahre, achtzig Tage, zwei Stunden, vier Minuten und zwei Sekunden her. Das heißt, ich muss noch dreizehn Tage, acht Stunden, achtunddreißig Minuten und sechs Sekunden warten, bis ich es wieder probieren kann.«
»Oh, wow«, sagt Peter. »Vier Jahre. Das heißt, du hast es echt schon häufig probiert.«
»Eigentlich nicht«, sagt Kiki. »Achtundzwanzig Mal, um genau zu sein.«
»Und wenn du es jetzt wieder falsch eingibst …«
»Dann muss ich über acht Jahre warten.«
»Scheiße.«
»Das heißt auch, dass ich in meinem ganzen Leben nur noch vier Versuche habe. Und für den letzten müsste ich älter als achtzig werden. Aber dieses Mal habe ich eine Spur.«
»So?«
»Vor Kurzem ist mir etwas Merkwürdiges aufgefallen«, sagt Kiki. »Nicht nur, dass all meine Suchanfragen nichts gefunden haben, ich konnte auch meine Suchanfragen nicht mehr finden.«
»Und was hat das zu bedeuten?«
»Das heißt, dass die Anfragen offensichtlich gelöscht wurden.«
Peter schluckt seine letzten Ravioli hinunter.
»Hä?«
»Hast du schon mal vom ›Recht auf Vergessenwerden‹ gehört?«, fragt Kiki.
Peter schüttelt den Kopf. »Was ist damit?«
»Ich glaube, es hat irgendetwas damit zu tun.«
M.A.M.A. kommt wieder ins Zimmer, räumt die Teller ab und serviert eine Art Schokoriegel. Peter freut sich wie ein Kleinkind und beißt sofort hinein.
»Na, schmeckt’s?«, fragt Kiki.
»Ist nicht schlecht«, sagt Peter. »Was ist das?«
»Das ist ein Schokoriegel auf Insektenproteinbasis«, sagt Kiki lachend.
Als sie Peters verdutztes Gesicht sieht, muss sie noch lauter lachen, was aufgrund ihrer Prellungen recht schmerzhaft ist.
Peter spuckt das halb gegessene Stück wieder auf seinen Teller.
»Na, hör mal«, sagt Kiki. »Das ist doch nicht giftig.«
»In dem Schokoriegel sind verhackstückelte Insekten?«
»Ja. Der Riegel heißt Chocroach. Sag bloß, du hast noch nie davon gehört?«
»Das hatten mir meine Filter bisher erspart. «
»Jetzt stell dich nicht so an«, sagt Kiki und beißt in ihren Riegel. »Als Kind habe ich das die ganze Zeit gegessen.«
Peter nimmt das angebissene Stück Chocroach in die Hand und begutachtet es kritisch. Er sieht keine Spur von Insekten. Keine Fühler, keine Flügel, keine Beinchen.
»Du verarschst mich doch«, sagt er.
»Absolut nicht«, sagt Kiki. »Ich weiß, dass ihr da oben in der Reicheleutewelt das eklig findet, aber ohne Insektenfarmen hätten wir hier unten ein massives Hungerproblem.«
»Mich hat noch nie jemand zu den reichen Leuten gezählt …«
»Wer von uns beiden ist der Kumpel von Henryk Ingenieur?«
»Ich bin nicht sein Kumpel …«
»Und wenn du denkst, du hattest eine schwere Kindheit …«
»Das denke ich gar nicht.«
»Hattest du auch nicht!«
»Hab ich auch nie behauptet!«
Immer noch hält Peter den Chocroach unschlüssig zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Jetzt beiß schon rein«, sagt Kiki, »oder isst der feine Herr nur noch in Mammut-Milch gedünstete Archaeopteryx-Schenkel?«
Peter atmet tief ein und aus und beißt noch einmal in den Chocroach.
»Und?«, fragt Kiki.
»Knusprig.«
Kiki lacht.
»Sag mal, bevor ich gehe, wie ist das denn jetzt?«, fragt Peter. »Sind wir wieder zusammen, oder wie?«
»Wir waren noch nie wirklich zusammen.«
Peter zieht eine Augenbraue hoch. Er hat einen Geistesblitz.
»Wie«, fragt er, »konntest du mit mir Schluss machen, wenn wir nicht zusammen waren?«
»Einfach so«, sagt Kiki und schnipst mit ihren Fingern.