DIESE TIPPS UND TRICKS HELFEN DIR DABEI, DEINEN JOB BESSER ZU ERTRAGEN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 14:19:47:07 [10]
Kiki Unbekannt blickt auf ihr Smarm und lächelt. Das Smarm hat sie sich vor einigen Wochen beim Fetten Frank geholt. Es ist natürlich gejailbreakt [11] .
Das Interessante an schlechten Sicherheitssystemen ist ja, dass man sie leicht dazu bringen kann, das Gegenteil von dem zu tun, was sie eigentlich tun sollen. So hat Kiki zum Beispiel schon mal eine Bank ausgespäht, indem sie deren eigene Überwachungskameras gehackt hat. Nur so zur Übung. Banküberfälle sind nämlich ziemlich sinnlos geworden, seit es kein Bargeld mehr gibt. Viel einfacher ist es natürlich, irgendwo einzudringen, wo keiner damit rechnet. Wo die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend lax sind .
Kiki steht vor dem Haupteingang des Einwohnermeldeamts. Sie verfolgt einen Stream der Überwachungskamera von Raum 256 auf dem unteren Display ihres Smarms. Leise pfeift sie vor sich hin, als sie das Gebäude durch die Vordertür betritt. Sie trägt ein buntes Kopftuch und eine Sonnenbrille mit absurd großen Gläsern, die nicht nur sichtbares Licht, sondern auch Infrarotstrahlen reflektieren. Überwachungskameras mögen das gar nicht. Auch hat sie einen Armreif, der hochfrequente Töne ausstrahlt. Gegen die Mikrofone. Ein lustiger Nebeneffekt ist, dass alle Hunde und Katzen vor ihr zurückweichen. Die echten jedenfalls. Kiki ist ein menschgewordener Störsender.
Sie sieht auf ihrem Smarm, wie Josef Beamter von seiner Mittagspause zurückkehrt. Was gleich passiert, weiß Kiki schon. Sie hat es über mehrere Tage beobachtet. Josef nimmt sein Smartphone – es ist erstaunlich, wie viele ältere Menschen tatsächlich noch Smartphones benutzen – und ruft damit bei seinem Bürotelefon an. Dieses Telefon hat einen sogenannten Hörer und hängt an einem Kabel. Wenn in den Medien vom Investitionsstau im öffentlichen Dienst gesprochen wird, dann meinen die Kritiker damit vermutlich genau diese Telefone. Schließlich legt Josef sowohl Smartphone als auch Telefonhörer auf den Schreibtisch, lehnt sich in seinem Sessel zurück und schließt die Augen.
Kiki läuft derweil die Treppen zum zweiten Stock hinauf. Natürlich wäre Josefs kleiner Trick für seine Vorgesetzten lächerlich einfach zu durchschauen. Nicht nur, dass er jeden Tag kurz nach der Mittagszeit ein längeres Telefonat mit immer derselben Nummer führt, es ist auch noch die Nummer seines eigenen Smartphones, und überdies wird er bei seinem kleinen Betrug von einer Sicherheitskamera gefilmt! Wie konnte es Josef gelingen, damit schon jahrelang durchzukommen? Natürlich, indem er sich, wenngleich ohne es zu ahnen, an Kikis Trick gehalten hat. Es geht nämlich nicht darum, Betrügereien zu begehen, die nicht zurückverfolgt werden können. Das ist so gut wie unmöglich. Nicht unmöglich. Aber so gut wie. Der Trick ist, Betrügereien zu begehen, bei denen es nicht genug Interesse gibt, sie zurückzuverfolgen. Josefs direkter Vorgesetzter war übrigens acht Jahre lang gar nicht zur Arbeit erschienen. Das fiel erst auf, als man ihm eine Urkunde für fünfundzwanzig Jahre treue Dienste überreichen wollte. Seine Abwesenheit hatte vorher nie jemanden gestört und deshalb niemanden interessiert. Aus einem ähnlichen Grund nimmt sich Kiki nie viel Geld, wenn ihre Crawler mal wieder irgendwo die Zugangsdaten zu einem fremden Konto aufschnappen. Manchmal nimmt sie sogar nur einen Quality. Ihre Bots überweisen den Betrag immer auf das Konto einer Briefkastenfirma namens Service-Provider. Als Betreff kreieren die Bots sinnlose Abkürzungen wie STX -Gebühr oder BTS -Abgabe. Kein Mensch interessiert sich dafür. Ein Quality als VLZ -Beitrag an einen Service-Provider? Das wird schon seine Richtigkeit haben.
Kiki steht jetzt vor Josefs Büro und lauscht. Leise, aber deutlich hört sie ihn schnarchen. Sie tippt auf ihrem Smarm herum und ersetzt den Livestream der Kamera durch eine Videoaufnahme von gestern. Dann öffnet sie leise die Tür, betritt das Büro und schließt die Tür wieder. Das geschieht in dem Büro auf ihrem Smarm nicht. Langsam und vorsichtig zieht Kiki den schlafenden Josef auf seinem Bürostuhl nach hinten, um sich Platz vor dem Computer zu schaffen. Die Rollen des Stuhls quietschen, und Josefs Schnarchen setzt aus. Sofort lässt Kiki den Stuhl los. Eine Minute bleibt sie völlig reglos, dann schnarcht Josef weiter. An seinem Bildschirm hängt ein gelber Klebezettel mit Zugangsdaten. Kiki ist enttäuscht. Zu einfach. Eine kleine Herausforderung hätte es schon sein dürfen. Sie legt einen Datenwürfel auf den Eingabekreis, der gleich darauf grün leuchtet. Auf dem Würfel hat Kiki ihre DNA gespeichert. Wenn man irgendwo einbricht, ist es sicher nicht das Cleverste, erst mal seine eigene DNA -Sequenz in das lokale Computersystem einzulesen. Das ist Kiki schon klar. Aber das Intervall neigt sich dem Ende zu. Darum hat sie alle Bedenken verworfen. Sie sucht also im Geburtenregister nach ihrer DNA , nach einem kleinen schwarzen Baby mit grünen Augen, und sie findet: nichts. Null Ergebnisse. Kein Eintrag. Kiki möchte schreien. Schon wieder nichts! Sie verspürt den irrationalen Drang, dem schnarchenden Josef eine krachende Ohrfeige zu verpassen. Dabei kann der Kerl natürlich gar nichts dafür. Jemand klopft an Josefs Tür. Kiki erstarrt. Es klopft erneut. Diesmal lauter. Josefs Mund schmatzt, als er ihn öffnet. »Ich telefoniere gerade!«, ruft er. »Später wiederkommen!« Seine Augen sind immer noch geschlossen. Kiki blickt auf das untere Display ihres Smarms und schaltet auf die Kamera, die den Flur überwacht. Eine dicke Frau mit Dutt entfernt sich von der Tür. Brav. Wieder bleibt Kiki reglos, bis Josef weiterschnarcht.
Dann hat sie noch eine Idee. Sie sucht nach DNA , die mit ihrer verwandt ist, und findet – nichts. »Fuck, fuck, fuck!«, murmelt Kiki lautlos. Nichts, nichts und wieder nichts. Wie ist das möglich? Ein besonders lauter Schnarcher reißt sie in die Realität zurück. Sie blickt auf den Timer ihres Smarms. Nur noch ein paar Minuten, dann wird Josef, wenn er sich an seine übliche Zeit hält, wieder aufwachen. Kiki will noch schnell ihre Spuren verwischen. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich jemand für den Suchverlauf von Josef Beamter interessiert, aber das ist noch lange kein Grund, schlampig zu werden. Kiki lässt sich eine Liste der letzten Suchanfragen anzeigen, um die ihrigen zu löschen, aber ihre Suchanfragen stehen gar nicht auf der Liste. Das ist sehr merkwürdig. Josef fängt an, sich zu regen. Seine Augen sind noch geschlossen. Kiki steckt ihren Datenwürfel ein und versetzt den Computer wieder in den Ruhezustand. Sie ist schon an der Tür, als sie noch mal zurückgeht. Sie weiß, dass es dumm ist, aber sie kann es sich einfach nicht verkneifen. Sie öffnet Josefs Schnürsenkel und knotet seine Schuhe zusammen. Dann verlässt sie das Büro und schaltet die Kamera wieder live.
Kaum ist sie draußen, leuchtet ihr Smarm rot auf. Ein Alarm. Irgendjemand hat gerade versucht, auf ihren Standort zuzugreifen.
Anmerkungen zum Kapitel
10 Ist ein Countdown nicht etwas unerhört Spannendes? Vor allem, wenn man noch nicht mal weiß, was am Ende passiert? Was geschieht nur in 14 Tagen, 19 Stunden, 47 Minuten und 7 Sekunden? Der Countdown ist übrigens keineswegs eine Erfindung der NASA . Angeblich hat ihn sich Fritz Lang ausgedacht, der den Raketenstart in seinem Stummfilm »Frau im Mond« effektvoll inszenieren wollte. »Als ich das Abheben der Rakete drehte, sagte ich: Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle, weiß das Publikum nicht, wann es losgeht. Aber wenn ich rückwärtszähle: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, NULL ! – dann verstehen sie.« Aber das nur nebenbei.
11 Ein furchtbar hässliches Wort, aber es ist nun mal das passendste und kürzeste. Sonst hätte ich schreiben müssen: »Die Nutzungsbeschränkungen ihres Smarms wurden natürlich durch einen vom Hersteller nicht autorisierten Eingriff entfernt, und deswegen hat sie für das Gerät die vollen Administratorenrechte, aber keine Garantie mehr.« Auch nicht schön.