DREIUNDFÜNFZIG - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Morgens um Viertel nach vier wird Martyn von einer traurigen Tonfolge geweckt, die sein Smarm auf maximaler Lautstärke abspielt: DI -DÖ -DI -DÜH . Den Großteil seines Lebens kannte Martyn diese Melodie nicht. Inzwischen weiß er nur zu gut, was sie bedeutet: Er hat wieder ein Level verloren. Es ist wie verhext. Egal, was er tut – seit er versucht, wieder aufzusteigen, steigt er fast jeden Tag ein Level ab. Vor Kurzem hat er darum einen Tag im Bett verbracht. Als Experiment. Er hat einfach den ganzen Tag nichts gemacht. Trotzdem ist er am Abend ein Level abgestiegen. Oder vielleicht nicht trotzdem, dachte er später, sondern deswegen. Den ganzen Tag im Bett liegen sieht verdächtig nach einer Depression aus. Und eine Depression ist nicht gut fürs eigene Level. So viel ist selbst Martyn klar. Aber jetzt hat er über Nacht ein Level verloren. Das ist doch absurd! Wie soll das überhaupt gehen? Was soll er denn, bitte schön, über Nacht angestellt haben? Hat er vielleicht etwas Schmutziges geträumt? Er kann sich nicht erinnern. Und überhaupt … Seines Wissens werden Träume noch nicht vermessen. Was sicher nicht daran liegt, dass es noch nicht versucht wird. Unbewusste Wünsche aus Träumen extrahieren und die Menschen anhand dieser Daten mit noch treffenderen, noch personalisierteren Angeboten zu bombardieren … Bei diesem Gedanken bekommt bestimmt jeder im oberen Management von What-I-Need und TheShop eine Erektion oder steife Nippel. Und extrahieren wäre ja nur der erste Schritt! Product Placement in Träumen – multiple Orgasmen in den Chefetagen. Da wacht dann das Kind auf und sagt: »Papi! Ich habe schon wieder von der Single-Mom-Barbie geträumt. Jetzt kauf sie mir doch endlich! Ich möchte, dass diese Träume aufhören.«
»Scarlett«, sagt Martyn. »Gibt es schon Technologien, mit denen Träume vermessen werden?« »Es wird daran gearbeitet«, sagt die sehr sinnliche Stimme von Martyns persönlicher digitaler Assistentin. Sie klingt wie Scarlett Strafgefangene, Martyns liebste Monsterbot-Kämpferin. Das ist kein Zufall, sondern eine Levelfähigkeit. »Was heißt das?«, fragt Martyn. »Erste Testläufe zur Traumvermessung durch Forscher von What-I-Need waren sehr erfolgversprechend. Zurzeit werden Probanden für einen weiteren Betatest gesucht. Wenn Sie möchten, kann ich Sie gerne dafür anmelden.« »Auf keinen Fall.« »Es ist überhaupt nicht unangenehm.« »Ich will aber nicht.« »Sie müssen auch in kein Labor und keine Klinik. Sie bekommen nur eine bequeme Sensorenkappe zugeschickt, eine sogenannte Schlafmütze. Diese setzen Sie einfach vor dem Zubettgehen auf. Das war’s.« »Nein.« »Probanden der zweiten Testrunde bekommen 32 Prozent Rabatt auf alle Angebote, die aus ihren Träumen extrahiert werden.« »Bist du schwerhörig?«, ruft Martyn. »Ich habe ›NEIN ‹ gesagt!« »Ich bin nicht schwerhörig.« Dann schweigt die Stimme. »Scarlett, bist du eingeschnappt?« »Nein.« »Hast du registriert, was ich gesagt habe?« »Ja, habe ich. « »Okay.« »Registriert.« Martyn überlegt. »Zeig mir mein Depot.« Experten behaupten ja, der schnellste Weg, ein Level aufzusteigen, sei, sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen. Martyn blickt auf sein Smarm und studiert die Zahlen und Diagramme. Er hat das Geld, das ihm sein Vater hat zukommen lassen, nach allen Regeln der Kunst investiert. Das heißt, er hat es einem Algorithmus anvertraut. »Das gibt’s doch nicht!« Aber seine Investitionen stehen unter keinem guten Stern. Alle Aktien, die er gestern gekauft hat, sind über Nacht ins Minus gerutscht. »Zeige mir die Kurse aller Aktien, die ich gestern verkauft habe.« Sofort werden alle roten Zahlen grün, und alle Pfeile drehen sich nach oben. »Wahnsinn.« Folgendes bezeichnet Martyn als Wahnsinn: Kaum hat er eine Aktie gekauft, beginnt sie, an Wert zu verlieren, und zwar ziemlich genau so lange, bis er sie wieder verkauft. Natürlich ist Martyn klar, dass das eine Scheinkorrelation sein muss . [16] Martyn versucht wieder einzuschlafen. Wieso hat ihn das Drecksgerät überhaupt geweckt? Er ist sich fast sicher, dass er sein Smarm gestern Abend extra auf stumm geschaltet hat. Morgen Abend wird er das Ding einfach komplett ausschalten. Aber geht das überhaupt? Wahrscheinlich nicht. Er mustert sein Smarm von allen Seiten. Knöpfe gibt es natürlich keine. Er tatscht sich durch ein paar Menüs. »Scarlett«, sagt er schließlich. »Kann man ein Smarm irgendwie ausschalten?« »Das ist nicht nötig.« »Das war nicht die Frage!« Martyn kratzt sich an seinen Schamhaaren. Was Denise wohl gerade macht? Ob Ysabelle immer noch so an ihrer elektronischen Nanny hängt? Und das Baby. Wie geht es eigentlich dem Baby? »Scarlett, zeig mir meine Frau in WorldView.« »Sie haben keine Frau, Martyn.« »Zeig mir meine Ex-Frau in WorldView.« »Zugriff gesperrt.« »Zeig mir meine Tochter in WorldView.« »Zugriff gesperrt.« »Hat mein Baby schon ein Everybody-Profil?« »Ja.« »Zeig es mir.« »Zugriff gesperrt.« Martyn wirft die Decke von sich. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. »Scarlett, Licht.« »Martyn. Es ist noch sehr früh. Sie sollten sich lieber noch mal hinlegen und schlafen. Eine ausreichende Menge Schlaf ist nötig für das fehlerfreie Funktionieren eines menschlichen Körpers. « »Ach, was! Warum hast du mich dann geweckt?« Trotzig steht Martyn auf. »Ich habe Sie nicht geweckt. Wenn Sie möchten, kann ich eine Minidrohne bestellen, die Ihnen ein Schlafmittel injiziert. Diese könnte in sechzehn Minuten …« »Aua«, ruft Martyn. »Verdammte Scheiße. Jetzt mach doch mal Licht!« »Was ist passiert, Martyn?« »Was ist passiert, Martyn«, äfft Martyn die Stimme nach. »Was soll schon passiert sein? Ich habe mir meinen verdammten Zeh gestoßen, weil du das Scheißlicht nicht anmachst.« Plötzlich erstrahlt der Raum in gleißendem Licht. Martyn muss seine schmerzenden Augen schließen. »Was soll denn das? Das ist viel zu hell!« »Entscheiden Sie sich bitte«, sagt die Stimme, und das Licht verlöscht. »Für mich ist es auch erst halb fünf.« »Was hast du gerade gesagt?« »Wie hell hätten Sie’s denn gerne?« »Sei nicht schnippisch zu mir.« »Ich bin nicht schnippisch.« »Fünfundzwanzig Prozent«, sagt Martyn. Ein schummeriges Licht erhellt das Schlafzimmer. Er inspiziert seinen schmerzenden Zeh. Ein perfekter Start für einen weiteren Scheißtag. Anmerkungen zum Kapitel 16 Keine Scheinkorrelation ist übrigens Folgendes: Seit die Aktienmärkte rund um die Uhr geöffnet haben – ein Zugeständnis an die überwältigende Mehrheit der algorithmischen Marktteilnehmer – , ist die Selbstmordrate unter menschlichen Anlegern sprunghaft gestiegen. Anscheinend müssen Menschen doch ab und zu schlafen. Eine berühmte Scheinkorrelation der Kabelzeit (oder besser gesagt, eine Scheinkausalität) war übrigens, dass umso mehr Menschen in Swimmingpools ertranken, je mehr Filme mit dem Schauspieler Nicolas Cage in die Kinos kamen. Damals wurde darüber gelacht. Heute würde sich im Netz sofort eine Gruppe besorgter Bürger formieren, die dem Schauspieler Berufsverbot erteilen möchten.