DU DENKST, DEINE FAMILIE SEI ABGEFUCKT? DANN SCHAU DIR MAL DIESE HIER AN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Alan Gründer steht in einer Kneipe, die aussieht wie ein Saloon. Er öffnet seinen Gürtel und lässt die Hose herunter.
»Aber Alan«, sagt die hübsche blonde Frau, die vor ihm steht. »Wirklich? Jetzt? Hier?« Alan packt sie mit seiner linken Hand an der Schulter und zwingt sie in die Knie. »Mach schon«, sagt er. Als die Blonde seinen Penis in den Mund nimmt, hebt er die Pistole in seiner rechten Hand und schießt dem auf ihn zuhumpelnden Zombie direkt ins Gesicht. Das alles ist natürlich nicht echt. Alan befindet sich in einer Virtuellen Realität. Kiki sieht die Szenerie auf ihrem Smarm. Ihr Vater spielt Real Magic und ist wohl durch ein Zeitportal in den Wilden Westen gereist. Ein weiterer Zombie taucht hinter der Theke auf. »Alles klar«, sagt Kiki. »Das reicht.« Sie gibt ein paar Befehle ein, und Alan wird aus seiner VR -Session gerissen. Verwirrt findet er sich im schwarz verkleideten Hobbyraum seiner Villa wieder. Er nimmt die VR -Brille ab. Neben der Tür steht eine junge Frau mit Elektroimpulswaffe. Er richtet seinen Pistolen-Controller auf sie. »Das wird dir nichts nützen«, sagt Kiki und lächelt. »Das ist nur ein Spielzeug.« Alan sieht ein, dass sie recht hat, und senkt seine Pistole. »Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir? « »Das Einzige, was ich von dir will«, sagt Kiki. »ist, dass du mich in Ruhe lässt.« »Das werde ich gerne tun«, sagt Alan. »Aber Sie müssen zugeben, dass es ein reichlich merkwürdiges Verhalten ist, in fremder Leute Häuser einzubrechen und dann von diesen zu verlangen, dass sie einen in Ruhe lassen sollen.« »Du weißt genau, wer ich bin«, sagt Kiki. »Beim besten Willen«, sagt Alan. »Ich muss Sie enttäuschen. Ich hab keine Ahnung, wer Sie sind. Waren Sie bei myRobot angestellt? Ich versichere Ihnen, dass wir die betriebsbedingten Kündigungen nicht leichten Herzens ausgesprochen haben. Aber der Preisdruck aus Quan 1 … Das müssen Sie verstehen. Waren Sie bei uns in der Produktion beschäftigt?« Kiki blickt auf den Mann im schwarzen Mo-Cap-Suit, der eine Spielzeugpistole in der Hand hält und dessen Penis in einer Stimulationsröhre steckt. »Genau so habe ich mir das erste Zusammentreffen mit meinem Vater immer vorgestellt«, sagt sie. Man kann förmlich sehen, dass es Alans Gehirn zu schaffen macht, die gerade erhaltene Information zu verarbeiten. »Jayne?«, fragt er schließlich. »Ja.« »Ich … also … bist du es wirklich? Jayne?« »Was ist das überhaupt für ein Scheißname?« »Also … nun ja … so hieß der Avatar deiner Mutter in Dragondoels Dungeon. Das war die Welt, in der wir uns kennengelernt haben.« Kiki schüttelt nur den Kopf. »Wie romantisch …« »Du musst verstehen, wir lebten quasi in dieser Welt. Wir waren abgetaucht.« »Ihr wart so abgetaucht, dass ihr nicht mal mitbekommen habt, dass der Nannybot euer Baby entführt hat. « »Es tut mir so leid. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht an dich denke.« »Was soll das heißen? Du denkst einmal die Woche: ›Ah, das mit dem Baby damals … Das ist irgendwie dumm gelaufen. Na ja. Was soll’s‹?« »Ich verstehe, dass du wütend bist. Du hast jedes Recht dazu.« »Das will ich meinen.« »Wir waren nicht wir selbst! Wir waren süchtig.« »Soll das eine Entschuldigung sein?« »Nein, keine Entschuldigung. Nur eine Erklärung.« »Was ist mit meiner Mutter passiert?« »Sie, sie hat es nicht geschafft. Nach dem … nach dem Vorfall hat mein Vater einen Suchtberater engagiert. Er bestand darauf, dass ich mich von allem trenne, was das Suchtgedächtnis triggert.« »Auch von meiner Mutter?« Alan blickt zu Boden. »Ich bin sogar in eine andere Stadt gezogen«, sagt er. »Und ich hab nie wieder eine VR -Brille auch nur angerührt.« »Heute ist eine totale Ausnahme, wie?« »Es ist nur, weil Marvyn – Marvyn ist mein jüngster Sohn –, er zockt natürlich, und ich wollte nur mal ausprobieren, was inzwischen … Aber das ist doch egal! Jayne! Ich freue mich so, dich zu sehen. Aber, also, ich meine, irgendwie ist das hier doch eher unpassend. Darf ich mich kurz umziehen?« Kiki schüttelt den Kopf. »Nein. Das hier ist kein nettes Familientreffen. Ich will nur, dass du deinen Killer zurückpfeifst.« »Was?«, fragt Alan erstaunt. »Wovon redest du …?« »Der Zyklop«, sagt Kiki. »Der was?« »Der Diener des Puppenspielers«, sagt Kiki mit gespielt tiefer Stimme . »Des wer?« »Ich verstehe es sogar. Man kann sich wahrlich keine schlechtere Promo für myRobot vorstellen als einen Nannybot, der die Enkeltochter des Gründers entführt hat! Aber wie du siehst, weiß ich jetzt Bescheid. Also pfeif deinen Killer zurück, oder der ganze Skandal steht morgen im Netz.« »Ich … was …«, stottert Alan. »Nein, nein. Was redest du da? Dein Verschwinden war eine Katastrophe für mich.« »Für dich?«, fragt Kiki. »Frag mich mal! Ich hab mich meine halbe Kindheit von Chocroaches ernährt!« »Wir haben nach dir gesucht, Kind! Ewig. Ja, es stimmt, mein Vater hat mich schon mit achtzehn auf eine hohe Stelle im Konzern gesetzt, um mein Level zu steigern, damit wir das ›Recht auf Vergessenwerden‹ nutzen konnten, und, ja, er hat das auch gemacht, er hat das vor allem gemacht, um die Firma zu retten. Aber du musst mir glauben, wir haben lange nach dir gesucht, Jayne. Nichts läge mir ferner, als dich umbringen zu lassen. Deine Nanny war ein Prototyp! Die Erste ihrer Art. Nachdem sie durchgeknallt ist …« »Sie ist nicht durchgeknallt! Du hast sie zusammengeschlagen …« »Es fehlten ihr Sicherheitsvorkehrungen, die unsere Serienmodelle natürlich alle haben …« »Ich bin nicht von der Presse!«, sagt Kiki aufgebracht. »Du musst mich nicht von den Vorteilen deiner Produkte überzeugen.« »Wir konnten die Nanny nicht orten. Du warst einfach nicht zu finden.« »Vor allem nicht, weil ihr die Suche nur im Geheimen durchführen wolltet!« »Die Nannys standen kurz vor der Markteinführung. Sie wurden sowieso schon von radikalen Familienmenschen massiv angefeindet. Mein Vater … Es war sein Lebenswerk … Die Nanny hatte ihr GPS -Modul abgeschaltet.« »Oder du hast es kaputt geschlagen!« »Weißt du, in der Attacke auf den Nannybot entlud sich eigentlich nur die Wut auf meinen Vater.« »Hat dir das dein Therapeut erzählt? Oder hast du dir das selbst ausgedacht?« »Mein ganzes Leben habe ich unter deinem Verschwinden gelitten! Auch wenn die Umstände etwas merkwürdig sind: Ich freue mich so, dich zu sehen. Geht es dir gut?« Kiki lässt sich in einen Sessel in der Ecke des Raumes fallen. »Du hast also wirklich nichts von mir gewusst, und du hast mir auch keinen Killer auf den Hals gehetzt?« »Nein! Bei Reagan, Thatcher und allen Heiligen! Ich schwöre es dir!« »Verdammt«, sagt Kiki. »Entweder ist das die Wahrheit, oder du kannst besser lügen als ein Salesbot [30] .« »Ich bitte dich. Ein Vater, der seine eigene Tochter umbringen lassen möchte, das kommt doch nur in schlechten Romanen vor. [31] Ich freue mich wirklich, dich zu sehen!« Kiki mustert ihn. »Wenn dem so ist, dann kannst du ja deine Frau und deine Kinder aufwecken und mich vorstellen.« »Nun ja«, sagt Alan nach einer längeren Pause, »du musst verstehen, sie wissen ja gar nichts von der ganzen Geschichte, und es wäre in der Tat keine schöne PR für die Firma, wenn das alles rauskäme, also … Aber ich freue mich so, dich zu sehen.« »Das hast du schon ein paarmal gesagt.« »Vielleicht kann ich dir irgendwie helfen?«, sagt Alan. »Vielleicht kann ich wiedergutmachen, was dir widerfahren ist.« »Ich will kein Geld von dir.« »Ich könnte dir auch eine Stelle in der Firma beschaffen …« »Ich dachte, es gibt da diesen Preisdruck aus Quan 1 …«, sagt Kiki. »Ach, nun ja …«, sagt Alan. »So schlimm ist es auch wieder nicht. Ich könnte dir eine gute Position besorgen. Kennst du dich ein bisschen mit Computern aus?« Kiki muss lächeln. »Ist das ein Ja?«, fragt Alan sacht. Seine Tochter steht wortlos auf und geht zur Tür. »Wo gehst du denn jetzt hin?«, ruft Alan. »Jayne?!« »Mein Name ist Kiki.« Anmerkungen zum Kapitel 30 Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um für meine hervorragende Arthur-Miller-Adaption Tod eines Salesbots zu werben. 31 Eine völlig haltlose Frechheit! Ich erinnere hier nur kurz an großartige Werke der Weltliteratur, in denen ein solcher Infantizid ebenfalls Thema ist. Zum Beispiel GEBLOCKT von William Shakespeare oder GEBLOCKT von Gotthold Ephraim Lessing. In gewissem Sinne findet man das Motiv auch bei GEBLOCKT von Max Frisch. Man sieht also, dass Alan Gründer offensichtlich keine Ahnung von Literatur hat und sich darum nicht anmaßen sollte, solche Behauptungen von sich zu geben. Schuster, bleib bei deinen Leisten, sage ich immer. Es ist regelrecht empörend! Ich bin sehr aufgebracht.