EILMELDUNG: CEO VON THESHOP PLANT, ALLE IN QUALITYLAND REICH ZU MACHEN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
»Nun, äh, wollen wir beginnen?«, fragt Oliver Hausmann. Er ist ein wenig nervös. Es kommt nicht alle Tage vor, dass Henryk Ingenieur in seinem Büro sitzt. Das Treffen findet extra am Wochenende statt, damit Henryk nicht von den einfachen Angestellten angeglotzt wird. Oliver war gespannt auf die berühmte Narbe, aber man sieht sie gar nicht mehr unter Henryks neuen Haaren. Der sauber gestutzte graue Vollbart gibt ihm etwas Gravitätisches und passt hervorragend zu seinen mysteriösen verschiedenfarbigen Augen. Oliver ist sehr zufrieden. Die Stylistin hat ganze Arbeit geleistet.
»Wir warten noch auf meinen Berater«, sagt Henryk. »Ja, natürlich«, sagt Oliver. Außer ihm ist von WeltWeiteWerbung (WWW ) nur noch Sandra Admin anwesend. Die neue Assistentin seiner Assistentin. Olivers Assistentin selbst ist nicht hier, weil sie einen leichten Schnupfen hat. Sie wäre natürlich trotzdem gekommen, aber Henryks Team hatte sehr klar zu verstehen gegeben, dass er keine Bazillenschleudern in seiner Nähe duldet. Vor seiner Ankunft wurde die ganze Etage desinfiziert. Sandra ist noch um einiges aufgeregter als Oliver. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, solange Sie warten?«, fragt sie. »Ich bezweifle, dass Sie etwas anbieten könnten, was ich haben möchte«, sagt Henryk und meint das wahrscheinlich gar nicht so vernichtend, wie es rüberkommt . »Ein Glas Wasser vielleicht?«, fragt Sandra. Henryk streckt wortlos eine Hand aus, und einer seiner zehn Sicherheitsleute reicht ihm eine Wasserflasche, ein anderer eilt herbei und öffnet sie. Alle Sicherheitsleute tragen weiße Anzüge. Sandra befürchtet schon seit geraumer Zeit, dass sie jederzeit anfangen könnten zu steppen. »Ey! Nicht schubsen!«, hört man nun eine Stimme auf dem Korridor. »Ich geh ja schon!« Sandra kommt die Stimme bekannt vor. Aber das kann doch nicht sein … Die Tür öffnet sich, und Peter stolpert in den Konferenzraum, dicht gefolgt von zwei schwarzen Typen in weißen Anzügen. »Peter!«, sagt Henryk. »Schön, dass du es einrichten konntest.« »Du wirst lachen, Rickie-Boy«, sagt Peter. »Aber ich wollte eh mit dir reden.« »Später«, sagt Henryk. »Erst mal hören wir zu. Und nenn mich nicht Rickie-Boy.« »Peter?«, fragt Sandra, die ihren ersten Schock überwunden hat. »Hey, Sandra.« »Ihr kennt euch?«, fragt Henryk. »Warum bin ich nicht überrascht?« »Alle Nutzlosen kennen sich«, sagt Peter. »Wusstest du das nicht?« Henryk lächelt. »Schlechte Laune, Peter?« »Ihre Schergen haben dafür gesorgt, dass ich mich viel zu früh von meinem Mittagessen trennen musste und ich …« »Fangen Sie an«, sagt Henryk zu Oliver. »Äh, gut«, sagt dieser. »Kern der Kampagne sollte ganz klar Ihre Erfahrung als erfolgreicher Manager sein. Wer ein Unternehmen wie TheShop geführt hat, der kann auch problemlos QualityLand managen.« Peter unterbricht ihn. »Quatsch. Man sollte ein Land nicht auf Profit trimmen, als wäre es ein Konzern. Das haben wir doch lange genug versucht, oder nicht? Es höhlt den Zusammenhalt aus! Und dann wird jede Krise zur Katastrophe.« »Nun ja, äh, ich denke nicht, dass die Wähler das so sehen. Unstrittig ist ja wohl, dass die Menschen zu Milliardären aufsehen.« »Wirklich?«, fragt Peter. »Ich zum Beispiel finde, dass es gar keine Milliardäre geben dürfte. Niemand braucht so viel Geld, und niemand sollte über so viel Geld verfügen dürfen.« Hilfe suchend blickt Oliver zu seinem Klienten, doch Henryk schüttelt nur amüsiert den Kopf. »Ihn müssen Sie von mir überzeugen«, sagt Henryk, »nicht mich.« »Das stimmt«, sagt Peter. »Er ist schon mehr als genug von sich überzeugt.« »Im Übrigen bin ich kein Milliardär, Herr Hausmann«, sagt Henryk. »Tricky Rickie ist Billionär«, sagt Peter. »Korrekt.« »Da hast du extra ein paar Firmen gekauft, um durchzusetzen, dass das Wort Billionär in den allgemeinen Wortschatz aufgenommen wird«, sagt Peter, »und dann weiß noch nicht mal dein eigener Marketingfuzzi, dass du kein Milliardär bist. Das muss enttäuschend sein.« »Andere Menschen sind immer enttäuschend, Peter. Am besten, du gewöhnst dich dran, solange du noch jung bist.« Das Treffen läuft ganz anders, als Oliver es sich vorgestellt hat. »Arbeitslosigkeit«, sagt er. »Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist natürlich unser wichtigster talking point. « »Wie wäre es, wenn man statt der Arbeitslosigkeit mal die Arbeit bekämpfen würde?«, fragt Peter. »Ich weiß nicht, was schlimmer ist: dass so viele Leute arbeitslos sind oder dass die meisten derjenigen, die Arbeit haben, einem völlig sinnfreien Schwachsinnsjob nachgehen.« »Wie meinen Sie das?«, fragt Oliver. Peter streckt wortlos eine Hand aus, und einer der zehn Sicherheitsleute reicht ihm eine Wasserflasche, ein anderer eilt herbei und öffnet sie. Henryk lacht. »Rickie hier«, sagt Peter, »könnte problemlos jemanden anstellen, dessen einzige Aufgabe es ist, ihm dreitags den Nagel seines rechten großen Zehs zu schneiden.« »Nun«, sagt Oliver, »ich bin ja kein strenggläubiger Neoliberalist, aber ich denke schon, dass der Arbeitsmarkt weiß, was er tut …« »Der Markt weiß gar nichts!«, sagt Peter. »Er hat ja kein Gehirn, oder so!« »Aber er ist die Summe unserer Entscheidungen.« »Ach, hören Sie mir doch auf. Unserer Entscheidungen … Alle tun immer so, als wäre der Markt irgendwie demokratisch. Das ist doch totaler Quatsch. Er wird ja nicht von allen beherrscht, sondern nur von denen, die Geld haben. Und wenn ein Prozent über mehr als die Hälfte des Reichtums verfügt, entscheiden hauptsächlich diese Leute darüber, was auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist. Jeder wird Ihnen sagen, dass es zu wenig Krankenpfleger und Lehrer, aber zu viele Anwälte und Marketingfuzzis gibt. Trotzdem verdienen die Anwälte immer mehr und die Krankenpfleger immer weniger. Das liegt daran, dass die Leute, die das Geld haben, nur sehr begrenzt Krankenpfleger oder Lehrer brauchen, aber anscheinend nie genug Anwälte und Marketingfuzzis haben können. « »Ich verstehe, was Peter sagen will«, mischt sich Sandra zum ersten Mal ein. »Sandra«, sagt Oliver. »Bitte …« »Nein, lassen Sie sie sprechen«, sagt Henryk. »Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich oft, ob ich nicht selbst einen Schwachsinnsjob habe«, fährt Sandra fort. »Wenn man sich nicht sicher ist, ob man einen Schwachsinnsjob hat«, sagt Peter, »dann hat man sehr wahrscheinlich einen.« »Ich meine, es ist natürlich nicht alles Schwachsinn«, sagt Sandra, »aber dass ich hier heute im Büro bin, erfüllt nur den Zweck, dass es vor den Kunden professioneller aussieht, wenn der Chef eine, am besten hübsche, Assistentin dabeihat. Davon abgesehen ist es völlig sinnlos, dass ich mit diesem Meeting meinen freien Tag verschwende.« »Sandra!«, ruft Oliver empört. Schnell wendet er sich Henryk zu. »Bitte verzeihen Sie …« »Die beiden haben nicht unrecht«, sagt Henryk. »Wenn wir bei TheShop externe Berater geholt haben, konnte ich ein ums andere Mal beobachten, dass sich meine Manager vor allem den Vorschlägen widersetzt haben, durch die sie selbst Untergebene verloren hätten. Unabhängig davon, ob diese etwas zu tun hatten oder nicht. Die Zahl der Lakaien ist wichtig fürs Ego.« »Du musst es wissen«, sagt Peter und deutet auf die Stepptänzer. »Treffer versenkt«, sagt Henryk und lacht. »Eine brauchbare Methode, um herauszufinden, ob man einen Schwachsinnsjob hat, ist übrigens zu streiken«, sagt Peter. »Fang an zu streiken, und schau, ob jemand deine Arbeit vermisst.« »Eine geradezu deprimierende Vorstellung«, sagt Sandra. »In New York haben vor Jahrzehnten mal die Müllmänner gestreikt«, sagt Henryk. »Die Zustände waren katastrophal. Der Bürgermeister, der geschworen hatte, hart zu bleiben, kapitulierte nach neun Tagen. Kurze Zeit später begannen in Irland die Bankangestellten zu streiken. Experten warnten, das werde katastrophale Folgen für die Wirtschaft haben. Sechs Monate haben die tapferen Angestellten gestreikt, und die Konsequenzen für die Wirtschaft waren … kaum feststellbar.« Die Stepptänzer fangen an zu kichern, bis Henryk ihnen ein Zeichen gibt und sie sofort verstummen. »Du solltest wirklich keine großen Reden schwingen, Rickie«, sagt Peter. »Du kennst ja noch nicht mal die Namen der armen Schlucker, die sich für dich zu Tode langweilen.« »Aber natürlich kenne ich ihre Namen!«, sagt Henryk. »Das ist Tom, das ist Jerry, und das ist, äh …« »Nathan, Sir«, sagt der nächste Stepptänzer. »Nathan! Natürlich.« »Du kennst zwei von zwölf Namen, und die sind beide falsch«, sagt Peter. »Falsch?«, fragt Henryk. »Was soll das heißen? Tom, wie heißt du?« »Ich äh … heiße Tom, Sir«, sagt Tim. »Und du?« »Jerry«, sagt Jimmy. »Blödsinn!«, ruft Peter. »Sie heißen Tim und Jimmy.« »Ist das so?«, fragt Henryk. Tim und Jimmy blicken Peter verärgert an. »Nun ja, also, wie soll ich sagen«, stammelt Tim, »es ist schon so, dass meine Mutter mich Tim genannt hat, aber Tom finde ich eigentlich einen viel schöneren Namen. Weil, äh, es ist nämlich so, dass o schon immer mein Lieblingsvokal war und …« »Hm«, sagt Henryk. »Interessant.« Nach kurzem Schweigen fragt Oliver verunsichert: »Soll ich mit der Präsentation fortfahren? « »Nein«, sagt Henryk. »Ich will, dass Ihre Angestellte mit der Präsentation fortfährt. Sie soll die Koordination meiner Kampagne übernehmen. Ich will …« Aber den Rest von Henryks Satz kann Sandra nicht verstehen, denn durch ihren Ohrwurm hört sie nur noch: TA TA TA TAH ! TA TA TA TAH ! TA TA TA TAH ! Knapp zwei Stunden später ist das Meeting vorbei. Oliver und Sandra verlassen den Konferenzraum, und zwar in höchst unterschiedlicher Stimmung. Henryk schickt die Stepptänzer vor die Tür und wendet sich an Peter: »Du hast gesagt, du wolltest mit mir reden. Worüber?« »Kannst du mir einen Kontakt zur Regierung herstellen?«, fragt Peter. »Ich habe ein Video, das ich jemandem zeigen muss.« »Du willst, dass ich dir einen Kontakt zur ›Regierung‹ herstelle, weil du jemandem ein ›Video‹ zeigen willst?«, fragt Henryk amüsiert. »Hat deine Katze etwas Superniedliches gemacht?« »Du hast doch behauptet, dass dir die Fortschrittspartei quasi gehört.« »Schon, aber …« Peter holt Pink aus seinem Rucksack. »Boah. Endlich«, sagt das QualityPad. »Es ist echt supermuffig da drin.« Henryk ist etwas irritiert. »Ah, der Klassenfeind höchstpersönlich«, sagt Pink. »Wir hatten schon mal das Vergnügen. Du erinnerst dich? Da hatte ich meinen Kampfroboter dabei.« »Halt die Klappe!«, sagt Peter. »Zeig ihm einfach das Video.« Pink reagiert nicht. »Bitte«, sagt Peter. »Also, wenn du so lieb fragst, kann ich ja nicht ›Nein‹ sagen, Hase. « Pink spielt das Video ab. Während sich Henryk das Video ansieht, beobachtet Peter, wie das Amüsement aus seinem Gesichtsausdruck verschwindet. »Ich verstehe«, sagt Henryk nur, als das Video zu Ende ist. »Ich weiß nicht, ob du wirklich verstehst, Rickie«, sagt Peter. »Die Kampfroboter, das waren unsere Streitkräfte. Und die Drohnen – die waren nicht von uns.« »Ich gehe stark davon aus, dass die relevanten Leute davon wissen. Doch für den Fall, dass nicht, werde ich für dich und dein Video einen Kontakt zur Regierung herstellen. Aber hör auf, mich Rickie zu nennen.«