EIN S - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Die Lo-Levs hatten Martyn angeboten, ihn mit in irgendein Zuhause zu nehmen. Irgendein Zuhause, weil echte Lo-Levs natürlich keinen festen Wohnsitz haben. Ein eigenes Zuhause wirkt sich zu positiv aufs Level aus. Sie borgen sich immer eins von jemandem, der gerade in Urlaub ist. Durch gepostete Fotos auf Everybody kann man sehr einfach davon Wind bekommen. Zuletzt übernachteten sie im Haus einer Familie, die gerade Badeurlaub in Schweden machte. Auch Martyn war schon oft in Schweden. Gerade Nordschweden hat sogar im Hochsommer noch erträgliche Temperaturen. Aber seit die Familie vor ein paar Tagen zurückgekehrt ist, haben die Lo-Levs irgendwo im Zuckerberg-Park geschlafen.
Martyn hat sie zu seinem alten Haus geführt. Vielleicht aus Dankbarkeit dafür, dass sie ihn gerettet haben, vielleicht auch nur aus dem verzweifelten Verlangen, zu irgendwem dazuzugehören und nicht allein zu sein. Er hat natürlich keinen Zugang mehr zum Haus, aber das war für die Lo-Levs kein Problem. Martyn hat ihnen nicht erzählt, dass das mal sein Haus gewesen ist. Er hat nur gesagt, er habe in der Nähe ein Haus gesehen, das zum Verkauf stehe. Jetzt sitzt er völlig kraftlos auf seiner alten Couch. In seinem Schlafzimmer, in seinem Ehebett, vergnügt sich das Mädchen mit den beiden Jungs. Sie haben sich nicht mal die Mühe gemacht, die Tür zu schließen. Sie kopulieren zu dritt in den krudesten Stellungen. Martyn findet das sehr verwirrend. Was ihn noch mehr verwundert, ist, dass er vom Zusehen keine Erektion bekommt. Es geht ihm ganz offensichtlich nicht gut . In der Küche, den Bädern und den Kinderzimmern haben sich inzwischen noch mehr Lo-Levs eingefunden. Anscheinend hat sich die gute Bleibe herumgesprochen. Vielleicht sind sie auch gekommen, um ihn zu sehen: den Mann auf Level 1. Aber er ist wohl eine Enttäuschung, denn er hat nur kurz die Aufmerksamkeit seiner neuen Mitbewohner auf sich gezogen. Martyn möchte gar nicht so genau wissen, was sie jetzt machen. Ein ihm unbekannter junger Mann kommt auf ihn zu. Er stinkt. Wahrscheinlich hat er sich schon sehr lange nicht mehr gewaschen. Aber Martyn stinkt auch. »Schau mal, du bist jetzt ein Meme!«, sagt der Junge belustigt und hält Martyn sein QualityPad hin. Martyn sieht das Foto, das das Mädchen auf der Straße von ihm aufgenommen hat. Er sitzt am Boden, bepisst, mit zerrissenen Klamotten und blutendem Ohr. Unter dem Bild steht: »I’m number 1 so why try harder?« Das halbe Internet scheint das Bild schon geteilt und kommentiert zu haben. Martyn reagiert nicht, und der Junge zieht weiter. Der Mann, den die anderen Meister nennen, der mit dem hässlichen Gesicht, kommt mit einem Stuhl ins Wohnzimmer. Er dreht die Lehne zu Martyn und setzt sich dann verkehrt herum auf den Stuhl, sodass er Martyn direkt in die Augen blickt. Er deutet zum Schlafzimmer. »Willst du bei den Kindern mitspielen?« Martyn schüttelt den Kopf. »Du kannst dir auch auf dem Sofa einen runterholen. Uns ist das egal.« Martyn schüttelt den Kopf. »Und ich hätte gedacht, das wäre genau dein Ding – Martyn.« Bei der Erwähnung seines Namens schreckt Martyn auf. Kurz blickt er dem Mann in die Augen. Dann senkt er seinen Blick wieder. »Ich habe dich nicht gleich erkannt«, sagt der Meister. »Du hast dich ganz schön verändert. Aber nach einer Weile hat es klick gemacht. Klar, das ist der Typ aus dem Wichsvideo. Der das Mädchen quer durch den Plenarsaal ficken wollte. Der den Blechmann in die Luft gejagt hat.« Martyn schließt die Augen. Auf diese drei Sätze lässt sich also sein Leben reduzieren. Der Typ aus dem Wichsvideo. Der das Mädchen quer durch den Plenarsaal ficken wollte. Der den Blechmann in die Luft gejagt hat. Martyn schweigt. Er hat nichts zu ergänzen. »Das ist dein Haus, in das du uns geführt hast, nicht wahr? Dein altes Haus?« Martyn nickt. »Schön hier«, sagt der Meister. Martyn lächelt müde. »Man weiß doch nie, was man hat, bis es weg ist, was?«, fragt der Meister und lacht. Martyn schweigt. »Du hast keine Angst vor mir, hm?«, fragt der Meister. Martyn schüttelt den Kopf. »Und ich weiß auch, warum«, sagt der Meister. »Du glaubst nämlich, dass es dir egal ist, ob du lebst oder stirbst. Aber soll ich dir was sagen? Du bist zu alt, um Selbstmord zu begehen.« »Was?« »Du hast den richtigen Moment verpasst«, sagt der Meister. »Du hast ihn schon lange verpasst. Wenn sich ein Teenager umbringt, dann erschüttert es seine ganze Umgebung. Ich würde sagen, bis zum Alter von siebenundzwanzig Jahren wäre dein Selbstmord ein Statement gewesen. Aber jetzt kannst du niemanden mehr damit schocken. Du bist einfach zu alt. Wenn du dich jetzt umbringst, dann werden die Leute höchstens sagen: ›Ja, in seiner Situation ist das verständlich.‹ Oder: ›Wenn ich in seiner Lage gewesen wäre, hätte ich mich schon längst umgebracht.‹ Falls sie überhaupt Notiz davon nehmen, dass du dich umgebracht hast. Deshalb glaube ich nicht, dass du dich umbringen wirst. Jetzt denk nicht, dass mich das wirklich interessiert. Wenn du es tun willst, dann mach. Ich werde dich nicht aufhalten.« Er greift in seine Manteltasche und reicht Martyn einen alten Revolver. »Im Gegenteil«, sagt er. »Ich kann dir sogar helfen.« Martyn wiegt die Pistole in seinen Händen. Dann schüttelt er den Kopf und reicht sie zurück. »Ich wusste es«, sagt der Meister lachend. »Und jetzt hör auf, so ein Gesicht zu machen. Das geht mir auf den Sack. Du bist ganz am Boden. Du hast nichts mehr zu verlieren! Weißt du nicht, was das bedeutet?« Martyn schüttelt den Kopf. »Du bist frei, Mann! Du bist endlich frei!« Martyn seufzt. »Sie verstehen das nicht«, sagt er schließlich. »Ich hatte alles. Und jetzt …« »Um deinen Trübsinn loszuwerden, musst du einfach nur akzeptieren, dass nichts einen Sinn hat«, sagt der Meister. »Dann wirst du verstehen, dass du tun kannst, was immer du willst.« Martyn schüttelt den Kopf. Der Meister stellt den Stuhl zur Seite und setzt sich neben Martyn auf die Couch. »Ich war mal wie du«, sagt er. »Ich habe mal in einer Bank gearbeitet.« »Sie waren reich?«, fragt Martyn verwundert. »Nicht jeder, der in einer Bank arbeitet, ist reich«, sagt der Meister. »Aber ich habe ein brauchbares Gehalt bekommen, das stimmt schon. Vor allem, wenn man bedenkt, dass mein Job völlig sinnlos war. Ich habe in der Compliance-Abteilung gearbeitet. Sagt dir das was? « »Sie haben darauf geachtet, dass sich die Bank an die Regeln hält.« »In der Theorie, ja. In der Praxis hält sich die Bank natürlich an keine Regeln. Mein Job war es also, Berichte zu schreiben oder, sagen wir besser, zu erfinden, in denen ich so tat, als hätten wir uns an die Regeln gehalten und alle unsere Geschäftspartner und -praktiken aufs Sorgfältigste geprüft. Niemand hat diese Berichte jemals gelesen. In der Bank wussten alle, dass sie Schwachsinn sind. Und natürlich wusste auch die Handvoll Prüfer, die die letzte Bankenreform noch übrig gelassen hat, dass sie Schwachsinn sind. Hast du mal jahrelang eine Arbeit gemacht, die schwachsinnig ist? Es frisst dich auf. Von innen. Ich war sogar bei einem Therapeuten, der hat mir dann gesagt, dass ich gar keine Depression habe! Mein Leben sei einfach wirklich scheiße.« »Das hat er gesagt?« »Genau genommen hat er gesagt: ›Ich würde Ihnen nicht zu einer Therapie raten, es sind bei Ihnen eindeutig die Umstände.‹ Aber das bedeutet dasselbe. Also habe ich alles hingeschmissen. Und jetzt schau mich an! Glücklich und frei.« »Aber was ist mit diesen Kindern?«, fragt Martyn. »Das kann doch nicht ihr Leben sein!« Der Meister schnippt den großen Bildschirm an. »Real Magic , die Serie«, sagt er. »Erste Staffel. Die Szene, in der die Untoten zum ersten Mal angreifen.« Auf dem Bildschirm erscheinen widerliche Zombiefratzen, die versuchen, eine Gruppe Teenager zu überwältigen. »Weißt du, warum Zombies bei den Kids so ›in‹ sind?«, fragt der Meister. »Keine Ahnung.« »Was ist das Besondere an ihnen? Im Vergleich zu anderen Monstern? « »Ich weiß es nicht.« »Sie töten dich nicht. Sie machen dich zu einem von ihnen. Und genau das ist es, wenn du mich fragst, wovor die Kids sich insgeheim am meisten fürchten. Dass sie von euch gebissen werden und dann so werden wie ihr: Büroarbeiter, Banker und Blabla-Politiker. Was hältst du davon?« »Aber was ist mit Ihnen?«, fragt Martyn. »Sind Sie nicht auch eine Art Oberzombie?« »Ich? Ganz im Gegenteil. Ich habe noch nie jemandem gesagt, dass er ein Lo-Lev werden soll. Und es juckt mich nicht, wenn manche Kids wieder damit aufhören. Genauso wenig interessiert es mich, wenn sie dabei draufgehen.« Der Meister legt seinen Arm um Martyns Schulter, was diesem sichtlich unangenehm ist, aber er bringt nicht den Mut oder die Kraft auf, sich dagegen zu wehren. »Martyn, mein Kumpel, eins musst du mir jetzt allerdings verraten … Wie zum Teufel kommt man auf Level 1?« »Sie würden mir eh nicht glauben.« »Gib mir eine Chance.« »John of Us …«, sagt Martyn. »Der Blechmann, den du in die Luft gejagt hast?« »Ja. Er ist nicht tot. Er hat das Netz übernommen. Und zwar, um sich an mir zu rächen.« Der Meister lacht. »Ist das so, ja? Nur, um sich an dir zu rächen?« »Nun ja, vielleicht nicht nur. Aber auch.« »So, so.« »Sehen Sie, Sie glauben mir nicht.« »Doch, doch«, sagt der Meister. »Kann schon sein.« »Dann verstehen Sie die Implikationen nicht!«, sagt Martyn. »Eine K.I., eine potenziell bösartige K.I., hat sich unserer gesamten elektronischen Infrastruktur bemächtigt! « »Na und?« »Na und?«, fragt Martyn. »Ich habe Ihnen gerade vom Ende der Welt erzählt, und Sie sagen: ›Na und‹?« »Martyn, Lo-Levs interessieren sich nicht für die Zukunft. Warum sollte ich mich vor dem Ende der Welt fürchten?« »Wie können Sie so leben?« »Besser als vorher. Danke der Nachfrage. Weißt du, es ist mir scheißegal, ob die Menschheit draufgeht. Sie widert mich an. Ich musste feststellen, dass ich der Welt am Arsch vorbeigehe. Und weißt du was? Mir geht die Welt auch am Arsch vorbei. Soll sie doch brennen.« »Ich habe immer schon vermutet, dass Banker diese Einstellung haben«, sagt Martyn. »Du kannst ja witzig sein!«, sagt der Meister und lacht. Martyn blickt sich um. Am Tisch bewerfen sich Lo-Levs mit Essen. Ein Junge pisst einfach in die Zimmerecke. Eine Frau setzt sich eine Spritze. »Ich möchte doch die Pistole haben«, sagt Martyn. Der Meister lächelt und reicht ihm die Waffe.