ES IST SKANDALÖS, WAS SCARLETT STRAFGEFANGENE HINTER DEN KULISSEN MIT IHREM BRUDER MACHT! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
T – 5:05:31:31
Pierre klopft vorsichtig an eine Tür. Dahinter hört man sehr laut schlechte Musik wummern. Daran ist nichts Außergewöhnliches, weil laut und schlecht nicht nur im Musikbereich eine häufige Kombination ist.
»Es gibt einen Backstagebereich im Backstagebereich?«, fragt Peter.
»Natürlich«, sagt Pierre. »Gibt es den nicht überall?«
Ein fast schon kleinwüchsiger Mann mit spärlichem Haar und großer Brille öffnet die Tür einen Spaltbreit.
»Ja?«, fragt er mit leiser, fast zitternder Stimme.
»Guybrush«, sagt Pierre. »Dich hab ich gesucht. Darf ich dir eine Freundin von mir vorstellen? Das ist …«
»Jaqueline Modedesignerin«, sagt Kiki schnell.
»So, so«, sagt Guybrush schüchtern. »Und Sie sind?«
»Peter Arbeitsloser«, antwortet Peter.
Kiki verdreht die Augen.
»Dürfen wir kurz reinkommen?«, fragt Pierre. »Ki…«, er räuspert sich, »Jaqueline wollte dich etwas über Monsterbot-Jockeys a. D. fragen.«
»Oh ja, natürlich«, sagt Guybrush und lässt die drei herein. »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Der Backstagebereich des Backstagebereichs ist deutlich komfortabler als seine Vorräume, wenngleich das Wort luxuriös trotzdem übertrieben wäre. Vor allem die Abwesenheit von echten Fenstern macht den Raum etwas bedrückend. Dagegen helfen auch die digitalen Fenster nur wenig. Peter stört sich auch irgendwie daran, dass eines einen Ausblick auf die Pyramiden und das andere einen Livestream der Niagarafälle zeigt. Um das nicht seltsam zu finden, muss man schon den kompletten Erdkundeunterricht mit Furious Birds verdödelt haben.
Auf einer Couch in der Ecke des Raumes lümmeln die beiden Stars des Abends. Offensichtlich hat es Robert Aufseher gut verkraftet, von seiner Zwillingsschwester besiegt worden zu sein, denn die beiden liegen knutschend und fummelnd in der Horizontalen. Eine gefleckte Bengalkatze sitzt auf der Lehne und beobachtet die beiden.
»Äh …«, sagt Peter.
»Die beiden sind nicht wirklich Zwillinge«, sagt Guybrush hilfsbereit. »Sie sind überhaupt nicht verwandt. Kommen Sie schon. ›Scarlett Strafgefangene‹ und ›Robert Aufseher‹ – Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, dass das ihre echten Namen sind? Die ganze Backstory ist natürlich erfunden.«
Roberts rechte Hand steckt in Scarletts Höschen. Sie hält seinen Arm in ihren Händen und bewegt ihn selbst hin und her, denn der Arm hängt gar nicht mehr an Robert. Er ist nur eine Prothese. Trotzdem sieht Peter deutlich, dass sich unter dem Höschen die Finger bewegen. Es ist sehr verwirrend.
»Äh, also, der Arm …«, stottert er.
»Robert hat eine Prothese, die er kraft seiner Gedanken steuern kann«, sagt Guybrush. »Dafür muss der Arm nicht mal an ihm befestigt sein. Es ist faszinierend.«
»Wie bei Kraken«, sagt Peter.
Kiki blickt ihn verwundert an.
»Ich hab da so eine Doku auf TODO gesehen«, erklärt Peter. »Es gibt eine Gattung Kraken, die haben als Geschlechtsteil einen speziellen Arm, der sich für die Kopulation komplett vom Körper löst und eigenständig auf das Weibchen zuschwimmt. Also, es ist jetzt nicht genau das Gleiche, aber … also … ich fand das auch irgendwie faszinierend.«
»Thanks for sharing«, sagt Kiki.
Guybrush nimmt eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank, dessen Display neun Grad Celsius anzeigt.
»Oh, das ist doch nicht nötig«, sagt Pierre.
»Ist nicht für euch.«
Guybrush entkorkt die Flasche fachmännisch und schenkt zwei Gläser ein.
»Haben Sie schon mal vom Puppenspieler gehört?«, fragt Kiki.
Fast verschüttet Guybrush den Champagner.
»Natürlich«, sagt er flüsternd. »Wer nicht?«
Er stellt die Flasche wieder in den Kühlschrank und sagt: »Einen Moment.«
Mit den beiden Gläsern in der Hand geht er zur Couch.
»Frau Scarlett, Herr Robert«, sagt er, macht einen Diener und stellt den Champagner auf dem Tisch vor ihnen ab. Die beiden reagieren gar nicht auf ihn. Als Guybrush wieder zurück ist, sagt er: »Der Puppenspieler also.«
»Ja«, sagt Kiki. »Ich muss ihn sprechen.«
»Und warum glauben Sie, dass ausgerechnet ich etwas über ihn weiß?«
»Nur ein Monsterbot-Jockey kann einen Avatar so meisterhaft steuern wie der Puppenspieler«, sagt Peter. »Das vermutet Kiki, äh, Jaqueline zumindest.«
Kiki seufzt, und Peter muss einsehen, dass er auch exakt eine Silbe dümmer ist als Pierre. Guybrush lächelt.
»Es gab immer mal wieder Gerüchte«, sagt er. »Genaues weiß ich aber nicht. «
»Doch Sie haben eine Ahnung, wer er ist?«, fragt Kiki.
»Wieso sind Sie so sicher, dass der Puppenspieler ein ›Er‹ ist?«, fragt Guybrush flüsternd.
»Guybrush!«, ruft Scarlett. Sie hat an ihrem Champagner genippt und ihn gleich darauf wieder ausgespuckt. »Ist dir nicht klar, dass man einen Jahrgangschampagner bei neun Grad serviert und nicht bei sechs wie den Standardfusel?«
»Frau Scarlett«, sagt Guybrush unterwürfig und macht ein paar Schritte auf sie zu, »ich versichere Ihnen, dass der Champagner genau neun Grad hat.«
»Willst du etwa behaupten, ich kann sechs Grad nicht von neun Grad unterscheiden, du Wurm?«, ruft Scarlett. Unabhängig von dem, was sie sagt, findet Peter, dass ihre Stimme ein Ereignis ist. Sie hat etwas Magisches, dem man sich kaum entziehen kann. Verärgert wirft Scarlett ihr Glas auf Guybrush. Es zerschellt an seiner Brust, und Guybrush macht sich sofort daran, die Scherben wegzuräumen. Die Bengalkatze springt von der Lehne und faucht ihn an.
»Es tut mir leid, Miss Scarlett«, sagt er. »Es kommt nicht wieder vor, Miss Scarlett.«
»Trottel«, murmelt Robert.
Gleich darauf füllt Guybrush zwei neue Gläser aus derselben Flasche Champagner, die er aus demselben Kühlschrank holt, und stellt sie vor seine Herrin.
Scarlett nippt an dem Champagner. »Na also«, sagt sie. »Geht doch.«
Guybrush macht einen Diener und entfernt sich rückwärts buckelnd.
Als er wieder bei der Gruppe um Kiki angelangt ist, sagt er mit einem melancholischen Lächeln: »Es ist nicht immer einfach.«
»Was Sie nicht sagen …«, murmelt Peter .
»Nun jedenfalls«, flüstert Guybrush, »gibt es ein paar Jockeys, denen Verbindungen zur Unterwelt nachgesagt wurden. Cevin Freelancer zum Beispiel. Cevin mit C. Ein furchtbar arroganter Typ. Und ein hinterhältiger Kämpfer. Wer noch?« Guybrush überlegt, während sich Kiki auf ihrem Smarm Notizen macht. »Ynes Influencerin. Ynes mit Y. Sie ist eines Tages, quasi auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes, einfach verschwunden. Keiner hat sie seither wiedergesehen. Und dann Zuko Zuhälter natürlich. Sein ganzer Familienclan ist zwielichtig. Aber er ist ein wahnsinnig toller Jockey. Wenn er einen guten Tag hatte, konnte er jeden schlagen. Soweit ich weiß, ist er …«
Peter hört nicht richtig zu. Gebannt starrt er auf Scarlett und Robert, die sich inzwischen ihrer Kleidung entledigt haben. Er muss an den Cuddle-Bot denken. Der Grad an physischer Nähe, der hier zu beobachten ist, hätte ihn sicherlich traumatisiert. Er schafft es nicht mal wegzuschauen, als Scarlett ihren Blick auf ihn richtet.
»Guybrush«, ruft sie. »Ist das eigentlich dein Backstagebereich oder meiner?«
»Ihrer, Miss Scarlett«, sagt Guybrush.
»Ich finde das ja durchaus antörnend, wenn du uns zusiehst, du Wurm, aber Robert mag keine Fremden dabeihaben.«
Scarletts Blick fällt auf Kiki.
»Wer ist die Hübsche mit den grünen Augen?«, fragt sie.
»Das, äh, das ist Jaqueline«, sagt Guybrush.
»Sie darf mitmachen«, sagt Scarlett.
»Aber die Zwillinge sollen abhauen«, sagt Robert. »Ich finde Zwillinge gruselig.«
Guybrush öffnet die Tür. Er schiebt Peter und Pierre in den Flur. Dann blickt er Kiki fragend an.
»Äh«, sagt Kiki und wirft einen Blick auf den abgetrennten, aber äußerst lebendigen Arm. »Ein andermal vielleicht.«