JULIA NONNE OHNE MAKE-UP! OMG! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Kurz vor ihrer Sendung sitzt Julia Nonne in der Maske und wird von ihrer Visagistin geschminkt.
»Als ob Sie das nötig hätten«, sagt Conrad Koch, der neben ihr sitzt und ebenfalls für die Kamera hergerichtet wird. »Sie sind doch auch so wirklich hübsch. Bildhübsch. Das habe ich schon das letzte Mal gedacht.« Es gibt Sätze, die klingen nett und unverfänglich und sind für eine Frau trotzdem schwer zu ertragen. Besonders, wenn sie sich vorstellt, was beim Aussprechen dieser Sätze im Gehirn des Mannes, der sie ausgesprochen hat, wirklich vorgeht. Da fällt es nicht leicht, nett und freundlich zu bleiben. Aber Julia Nonne ist Profi. Sie ist nicht umsonst QualityLands beliebteste Moderatorin. Sie kann ihr offenes, sympathisches, freundliches Lächeln ein- und ausschalten, wann sie will. Jetzt schaltet sie es ein und sagt: »Dass Sie mir nicht auf dumme Gedanken kommen, mein lieber Conrad.« »Die Gedanken sind frei, meine Teure«, sagt Conrad. »Die Gedanken sind frei.« Julias Visagistin muss einen Würgereiz unterdrücken. »Aber die Hände nicht«, sagt Julia, immer noch lächelnd. »Die Hände nicht. Denken Sie dieses Mal bitte daran.« »Fertig«, sagt die Visagistin, um ihre Chefin aus dem Gespräch zu befreien. »Den Rest mache ich vor der Aufzeichnung.« Als wäre sie schwerelos, erhebt sich Julia von ihrem Stuhl. Bevor sie die Maske verlässt, stellt sie sich vor den großen Spiegel neben der Tür . »Spieglein, Spieglein an der Wand«, sagt sie. »Wer ist die Schönste im ganzen Land?« »Ihr, Julia Nonne«, sagt der Spiegel, »seid laut mehreren Umfragen die Schönste hier, aber …« »Stopp«, sagt Julia kokett. »Mehr will ich gar nicht wissen. Vergleichen macht unglücklich.« Conrad blickt ihr nach, als sie aus der Garderobe schwebt. Er schnalzt mit der Zunge. »Sie sind auch fertig«, sagt seine Visagistin schroff. Conrad lächelt, steht auf und stellt sich ebenfalls vor den Spiegel. »Spieglein, Spieglein …«, beginnt er. »Frag nicht«, sagt der Spiegel. Die Visagistinnen können sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Das Ding weiß doch gar nicht, was ich fragen wollte«, sagt Conrad verärgert. Aus irgendeinem Grund, den er sich selbst nicht erklären könnte, ist er auf die Achtung der Visagistinnen aus. Ein Größenwahnsinniger mit Minderwertigkeitskomplex. Klingt paradox, ist aber keine Seltenheit. »Spieglein, Spieglein an der Wand«, sagt Conrad schnell. »Wer ist der Reichste hier?« »Ihr, Conrad Koch«, sagt der Spiegel, »seid der Reichste hier, aber Henryk Ingenieur, der gleich mit Euch in der Sendung auftreten wird, ist noch vierundsechzig Mal reicher als Ihr.« Conrad schnaubt. »Ich baue gerade einen Turm!«, sagt er zu den Visagistinnen. »Das wird der höchste Turm, der je gebaut worden ist. Er wird die Form eines gigantischen K haben! Er wird …« Conrad unterbricht sich, als Henryk Ingenieur die Maske betritt. Conrad hätte ihn fast nicht erkannt, mit den Haaren und dem schnieken Bart. Und abgenommen hat er auch. Aber seine unterschiedlichen Augen verraten ihn . »Warst du unterm Messer?«, fragt Conrad. »Wenn du so weitermachst …« »Was dann?«, fragt Henryk. »Muss ich dann bei unserem nächsten Treffen darauf achten, dass du deine Hände bei dir behältst?« Die Visagistinnen grinsen. Conrad blickt finster. »Was hast du eigentlich vor?«, fragt er. »Hm? Du bist doch sonst so medienscheu. Willst mir doch nicht etwa in der Politik Konkurrenz machen?« »Wie kommst du darauf?«, fragt Henryk lächelnd und setzt sich. »Ich möchte dir davon abraten«, sagt Conrad. »Es würde dir schlecht bekommen. Ich würde dich in der Luft zerfetzen, so wie ich es bei nächster Gelegenheit mit Tony tun werde.« »Ich bin gespannt.« Conrad setzt sich wieder in seinen Stuhl, um besser mit Henryk sprechen zu können. »Weißt du, was dein Problem ist? Deins und Tonys und das aller Liberalen? Ihr habt Angst vor Konflikten. Aber ich, ich gedeihe im Konflikt. Der Konflikt ist mein Metier.« »Der Konflikt, den du heraufbeschwörst, ist nicht nur für uns ein Problem«, sagt Henryk. »Er hat das Potenzial, alles zu verschlingen. Du bist der Kräfte nicht Herr, die du anstachelst. Das hier ist kein Rodeo, Conrad. Der Bulle, den du zu beherrschen glaubst, wird dich abwerfen und in Raserei das ganze Land verwüsten.« »Also ist es wahr«, sagt Conrad. »Das klang ja schon ganz wie ein Politiker.« Julia Nonne kommt zurück in die Maske. »Oh, Henryk!«, sagt sie. »Schön, dass du da bist.« Sie gibt ihm zwei Küsschen auf die Wangen. »Ich mag deinen neuen Look! Viel weniger Dr. Evil.« »Man tut, was man kann«, sagt Henryk . »Habt ihr beiden Jungs euch schon angefreundet?«, fragt Julia. Conrad sagt nichts. Aber sein Blick sagt alles. Er hat einen neuen Feind.