KENNST DU DEN WITZIGSTEN WITZ DER WELT? ER VERSTECKT SICH IM FOLGENDEN KAPITEL. - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Am Rande des Maschinenquartiers, in einem besonders heruntergekommenen Teil, der selbst von Androiden nur noch selten frequentiert wird, schwebt eine kleine Spionagedrohne durch die Luft. Das Fluggerät mit dem lustigen Modellnamen SKY -SPY -3 fällt nicht auf, gibt es doch mehr Drohnen am Himmel als Lobbyisten im Regierungsviertel. SKY -SPY -3 hat den Auftrag, die Stahltür eines fast verlassenen Industriegebäudes zu beobachten. Die Drohne fliegt zu einer gegenüberliegenden Fabrik und verankert sich mit ihren Saugfüßchen an deren Außenmauer. Dort hängt sie jetzt bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter. Wie ein großes Insekt. Grau auf Grau. Fast unsichtbar. Sie hängt dort, weil der Fette Frank dem Puppenspieler verraten hat, wo seine Stammkunden wohnen.
Die schwere Stahltür öffnet sich für Peter. Er nimmt den Aufzug und schlurft oben angelangt durch einen Flur mit verstaubten Regalen voller Bücher. Echte Druckwerke, die nicht personalisiert sind. Er öffnet seinen Rucksack, stellt den Lesestoff der letzten Wochen zurück ins Regal und sucht sich neuen aus. Er nimmt Das Recht auf Faulheit , außerdem Bullshit Jobs und schließlich einen großen Wälzer namens Opportunismus & Repression. Und dann steckt er noch Doppelmord im Paralleluniversum in seinen Rucksack. Einfach ein geiler Titel. So beladen, betritt er den Raum mit der Panzerglasscheibe. Dort ist der Alte gerade damit beschäftigt, Geräte zu verkabeln. Eine ganz und gar aus der Zeit gefallene Tätigkeit. So sehr, dass manche Historiker inzwischen, wenn sie über die Epoche vor der Gründung von QualityLand referieren, in Anlehnung an Stein-, Bronze- und Eisenzeit, von der Kabelzeit sprechen. »Ich habe keine Ahnung, wo sie ist«, sagt der Alte zur Begrüßung. Überall um ihn herum liegen merkwürdige Geräte, seltsame Teile und Rechner ohne Gehäuse. »Was sind das für seltsame Teile?«, fragt Peter. »Die sind übrig«, sagt der Alte. »Hä?« »Das sind die Teile, die übrig bleiben, wenn man etwas auseinandernimmt, repariert und wieder zusammensetzt.« »Verstehe.« »Diese Teile erfüllen keinen anderen Zweck, als Leute wie mich, die sich erdreisten, Dinge zu reparieren, zu verwirren.« »Die da oben schrecken wirklich vor nichts zurück.« »Spar dir deinen Sarkasmus«, sagt der Alte. »Ich weiß nicht, wo sie ist. Beendet das nicht unser Gespräch?« »Nun ja, es ist halt so, dass ich jetzt schon seit Wochen nichts mehr von Kiki gehört habe …« »Junge, ich weiß wirklich nicht, wo sie ist, und wenn ich es wüsste, würde ich es dir nicht sagen.« Der Alte krabbelt unter seinem Schreibtisch hervor. »Was soll das mit dem Hut?« »Hilft gegen die Überwachung«, sagt Peter. Der Alte blickt ihn skeptisch an. »Hab ich gelesen«, sagt Peter. »So, so. Hast du gelesen.« »Sie glauben nicht, dass es was bringt?« »Es könnte schon funktionieren, wenn die Welt ein Magritte-Gemälde wäre und alle denselben Hut trügen. Aber solange du der Einzige mit Hut bist, machst du dich damit eher noch auffälliger. Du weißt schon. Wie in einem alten Krimi. ›Folgen Sie dem Mann mit dem Hut!‹« Der Alte lacht. Peter nimmt seinen Hut ab und legt ihn auf einen Klappstuhl. »Hören Sie, ich mache mir Sorgen um Kiki …« »Du hast vielleicht schon mal von dem äußerst fiesen Marshmallow-Experiment gehört?«, fragt der Alte. »Dem was?« »Wissenschaftler haben Vierjährige in leere Räume gesteckt, in denen nichts war als ein Marshmallow. Dann haben sie den Kindern gesagt, sie dürfen jetzt das Marshmallow essen oder können fünfzehn Minuten warten und bekommen ein zweites Marshmallow.« »Ja und?« »Fünfzehn Jahre später haben sie sich die Kinder wieder angeschaut. Diejenigen, die der sofortigen Bedürfnisbefriedigung widerstanden hatten, konnten sich besser konzentrieren, nahmen deutlich seltener Drogen, hatten bessere Ergebnisse bei Intelligenztests et cetera, et cetera … Kurz gesagt: Sie kamen besser klar!« »Warum erzählen Sie mir das?« »Ich habe den Test mit Kiki gemacht.« »Und?« »Als ich wieder in den Raum kam, saß die vierjährige Göre vor dem Marshmallow und sagte: ›Ich warte noch mal fünfzehn Minuten, wenn du mir vier Marshmallows gibst.‹« »Sie meinen …« »Kiki kommt schon klar. Besser als du und ich zusammen.« »Sicher«, beginnt Peter, »es ist nur …« »Mein letzter Kenntnisstand ist, dass sie mit dir Schluss gemacht hat.« »Das stimmt, aber sie hat schon ein paarmal mit mir Schluss gemacht. Und dann hat sie es sich wieder anders überlegt. Und sie hat ja auch gesagt, dass es nicht an mir liegt, sondern dass ich nur zu viel Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe. Doch das ist wirklich vorbei! Ich versuche, die Öffentlichkeit zu meiden und …« »Ich sehe, du zeigst neuerdings dein Level«, sagt der Alte. »Level 18 schon. Wenn’s mal läuft, dann läuft’s, was?« »Ich habe nur heute Morgen vergessen, die Anzeige abzuschalten«, sagt Peter. »Um Mitternacht schaltet sie sich immer von selbst wieder an.« »Ja, und anscheinend achten viele junge Leute deshalb darauf, dass sie ihr Date vor Mitternacht beenden. Weil sich um Schlag Mitternacht Prince Charming in einen Level-6-Proll und das hübsche Mittelschichtsmädchen in eine Level-7-Bratze verwandelt. Es ist ein bisschen wie bei Cinderella, findest du nicht? Gurrru, Gurrru.« Wahrscheinlich hat Peter heute tatsächlich nur vergessen, die Anzeige abzuschalten. Fakt ist aber auch, dass er es immer häufiger vergisst, seit sein Level steigt. Der Blick des Alten fällt auf eines der vielen Displays auf seinem Schreibtisch, und er beginnt zu kichern. »Was ist denn so witzig?«, fragt Peter. »Es ist für einen Menschen kaum erträglich, einen anderen lachen zu sehen, ohne den Grund dafür zu kennen, nicht wahr? Weißt du, warum?« »Nein.« »Denn wenn man als Einziger nicht lacht, liegt es vielleicht daran, dass man der Witz ist.« »Und?«, fragt Peter. »Bin ich der Witz?« »Diesmal nicht«, sagt der Alte. »Hast du schon von Ray Kurzweil gehört?« »Ein Kumpel von Ihnen? « »Nein, nein. Er ist schon länger tot. Eine kleine Pointe in sich, wenn du mich fragst.« Peter guckt nur. »Er hat viel über Unsterblichkeit durch Technologie geschrieben und hätte diese auch selbst gerne erlangt«, sagt der Alte. »Hat nicht geklappt.« »War das nicht auch Ihr Plan?« »Ja, und noch bin ich nicht tot, oder? Jedenfalls war Kurzweil ein Autor und ›Futurist‹. Er hat einige clevere Sachen gesagt, einige dumme und viele wirklich sehr seltsame. Es war also kein Wunder, dass Google ihn eingestellt hat. Sein bekanntestes Buch hieß: Die Singularität ist nahe !« »Die was?« »Als Singularität bezeichnete er den Punkt in der Zukunft, an dem sich die technologische Entwicklung durch künstliche Superintelligenz … Ich habe dir schon mal davon erzählt, du erinnerst dich?« »Dunkel.« »… dermaßen beschleunigt hat, dass man keine sinnvollen Vorhersagen über die Zeit danach machen kann. Weil alles so unfassbar anders sein wird. Verstehst du? Das Eintreffen dieser Singularität wurde von ihren Propheten, darunter Kurzweil, übrigens ähnlich oft weiter in die Zukunft verschoben wie die Rückkehr des Messias.« »Und was ist der Witz?« »Der Witz geht so: Um nicht ständig ihre Prognosen korrigieren zu müssen, hat die Internationale Gesellschaft für Informationstechnologie, abgekürzt übrigens IGIT , vorgeschlagen, eine neue flexible Zeiteinheit einzuführen. Das Kurzweil. Und die Pointe ist, dass die Singularität immer genau ein Kurzweil in der Zukunft liegt.« »Ich finde das nicht sonderlich witzig«, sagt Peter . »Das liegt nur daran, dass ich dir den Witz erklären musste«, sagt der Alte. »Ich finde ihn sehr amüsant.« »Haben Sie sich diesen Witz selbst ausgedacht?« »Leider nicht. Die Witzmaschine hat ihn gerade ausgespuckt.« »Die Witzmaschine?« »Hm, hm. Wo fange ich an? Weißt du, wie maschinelles Lernen funktioniert?«, fragt der Alte. »Deep Learning im Besonderen?« »So ungefähr.« »Wenn man früher einem Rechner etwas beibringen wollte, sagen wir mal Französisch, dann hat man ihm alle Vokabeln und Grammatikregeln einprogrammiert. Und natürlich alle unregelmäßigen Verben. Ein sehr mühsamer Prozess. Das kann dir jeder Oberstufenschüler bezeugen. Und trotzdem waren die Ergebnisse recht bescheiden.« »Wie in der Oberstufe auch«, sagt Peter. »Ja, aber wenn man heute einem Rechner Französisch beibringen will …« »… dann lässt man ihn einfach eine ganze Bibliothek französischer Texte inklusive ihrer Übersetzungen fressen und sagt: ›Den Rest kriegst du alleine raus.‹« »Korrekt. Und so machen sie das mit allem. Wenn sie einer Maschine beibringen, wie eine Katze aussieht, dann sagen sie nicht: ›Das ist so ein Tier, das hat spitze Öhrchen, einen Schwanz und guckt immer arrogant.‹ Nein. Sie nehmen einfach ein paar Millionen Katzenfotos …« »… dank den sozialen Netzwerken gibt es daran zum Glück ja keinen Mangel …« »… und sagen: ›Das sind Katzen. Krieg selber raus, was eine Katze ausmacht.‹« »Ja und?« »In einem früheren Leben«, sagt der Alte, »da war ich, wie soll ich sagen, Komiker. « »Das erklärt einiges.« »Das war, bevor so viele meiner damaligen Kollegen in die Politik gegangen sind, dass die Profession einen schlechten Ruf bekam. Jedenfalls hatte ich irgendwann eine kleine Schaffenskrise, weil die Zustände so absurd geworden waren, dass man sie nur noch schwer überspitzen konnte. In dieser Situation hatte ich die – wie es mir damals erschien – brillante Idee, eine Witzmaschine zu bauen. Ich zockte mir ein neuronales Netzwerk und fütterte es mit allen Pointen, die ich im Netz finden konnte. Bald hatte ich eine Maschine, die erkannte, wenn etwas witzig war. Ich aber wollte eine Maschine, die sich einen Witz ausdachte. Natürlich nicht irgendeinen Witz, sondern den perfekten Witz. Und jetzt wird es interessant.« »Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben.« »Zurück zur Katze«, sagt der Alte. »Als man den Computern durch Deep Learning beigebracht hatte, eine Katze zu erkennen, kamen ein paar findige Forscher auf die lustige Idee, den Computer zum Künstler zu machen und ihn auf Basis seines neu erworbenen Wissens Katzen malen zu lassen. Und das Ergebnis war, nun ja, überraschend.« Der Alte deutet auf ein Bild an seiner Wand. Schwarze und weiße Pixel, scheinbar sinnlos verteilt. Unter das Bild hat der Alte per Hand »Ce n’est pas un chat« geschrieben. »Das ist doch keine Katze«, sagt Peter. »Ja, das dachten die enttäuschten Forscher auch«, sagt der Alte. »Aber jetzt kommt die Pointe: Als sie dieses Pixelchaos ihrer Bilderkennungssoftware vorsetzten, da benannte diese, was sie sah, mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit als Katze. Und mehr noch, sie legten das Pixelchaos auch anderer Bilderkennungssoftware vor, Software, mit deren Entwicklung sie nichts zu tun hatten, und, was soll ich sagen, die Maschinen waren sich einig, dass auf diesem Bild eine Katze zu sehen ist. « »Irre.« »Das Problem dabei ist nicht, dass die Software mal Fehler macht. Dass sie vielleicht einen Fuchs mit einer Katze verwechselt. Das könnte auch einem Menschen passieren.« »Das Problem ist, dass der Fehler, ein Pixelchaos mit einer Katze zu verwechseln, für uns nicht mal mehr nachvollziehbar ist«, sagt Peter. »Korrekt.« »Und Sie haben der Maschine gesagt, sie soll selber Witze erfinden?« Der Alte nickt. »Natürlich waren viele der Witze rassistisch, und noch mehr waren sexistisch. Das ließ sich aufgrund der vorhandenen Datenlage kaum vermeiden. Aber die allermeisten Witze waren einfach nur … sehr, sehr merkwürdig.« Der Alte kratzt sich an der Nase. »Also habe ich ein paar Änderungen vorgenommen. Ich sagte der Witzmaschine, sie soll mir nicht immer neue Witze ausspucken. Ich habe ihr gesagt, sie soll mir den besten Witz aller Zeiten erzählen.« Der Alte macht eine Pause. »Und?«, fragt Peter. »Der Mann zwei Pandas plitsch platsch dreizehn Sand Augen zu bumm«, sagt der Alte. Peter blinzelt ihn leer an. »Das ist nicht witzig«, sagt er schließlich. »Ist es das wirklich nicht? Oder sind wir nur zu doof, es zu verstehen?« »Es ist wirklich nicht witzig.« »Das glaube ich nicht«, sagt der Alte und schlägt mit der Faust auf den Tisch. »Irgendwo zwischen diesen scheinbar sinnlosen Wörtern hat sich der beste Witz der Welt versteckt. Und ich werde ihn finden. Ich will ihn zumindest erklärt kriegen.« »Und ich dachte immer, Sie arbeiten an irgendeinem geheimen, wahnsinnigen Großprojekt … « »Nun, ein bisschen wahnsinnig ist es schon.« »Wenn ich ehrlich bin, habe ich immer gehofft, Ihr Plan wäre es, das ganze Internet zu löschen. Tabula rasa! Ein Neustart!« »Das ganze Internet löschen?«, fragt der Alte erstaunt. »Und du denkst, ich sei wahnsinnig? Ich gebe zu, ich bin kein Fan mehr, aber wenn jemand zum jetzigen Zeitpunkt das Internet löschen würde, dann bräche hier alles zusammen, Junge. Katastrophale Zustände wären die Folge. Du musst dir das Internet wie eine schwere, rostige Eisenklinge vorstellen, die dir jemand in den Leib gerammt hat. Sicher, es ist unangenehm, damit herumzulaufen, aber wenn du sie herausziehst, wirst du sofort verbluten.« »Wo nehmen Sie nur immer diese positiven, lebensbejahenden Metaphern her?«, fragt Peter. »Haben Sie da auch eine Maschine, die die kreiert?« »Nein, die sprudeln einfach so aus mir heraus.« »Falls Sie etwas von Kiki hören …« »Werde ich den Teufel tun und dir Bescheid sagen.« »Aber vielleicht …« Der Alte seufzt. »Ich werde ihr sagen, dass du nach ihr gesucht hast.« Peter lächelt, als er seinen Hut aufsetzt. Auf viel mehr hatte er nicht hoffen können.