NEUNUNDFÜNFZIG - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Im Scheidungsverfahren hat Martyn seiner Ex das gemeinsame Haus überlassen, denn entgegen der landläufigen Meinung über ihn ist er kein schlechter Kerl. Außerdem hat ihm sein Anwalt gesagt, dass er das Anwesen in einem Prozess sowieso verlieren würde. Denise hat das Haus genommen, ist dann aber gar nicht eingezogen. Zu viele schlechte Erinnerungen oder irgend so ein Quatsch. Sie hat einen Makler mit dem Verkauf beauftragt. Da Martyns Vater sich geweigert hat, seiner Ex-Schwiegertochter das Haus abzukaufen, musste Martyn trotzdem ausziehen. Er wohnt jetzt in einer Mietwohnung. Die ultimative Demütigung. Es ist natürlich eine sehr schöne Wohnung in einer angesehenen Gated Community. Und er wohnt auch ganz oben. Zehnter Stock. Die Aussicht ist nicht schlecht. Aber trotzdem: eine Wohnung! Zur Miete! Er! Martyn Vorstand! Unfassbar. Dabei gehört das ganze Areal seinem Vater. Martyn hatte es erst für einen schlechten Scherz gehalten, als dieser von ihm Miete haben wollte. Aber sein Vater scherzt nie. Wahrscheinlich will er ihm eine Lektion erteilen, oder so. Martyn hat nichts daraus gelernt, außer dass sein Vater ein Arsch ist. Aber das wusste er auch schon vorher.
Gerade sitzt Martyn auf seiner Couch mit einem Pizzakarton auf dem Schoß. Angewidert zupft er die Sardellen herunter. In den Sesseln ihm gegenüber sitzen die beiden Anwälte seines Vaters und sind damit beschäftigt, viel Geld zu kosten. Die zwei sehen sich erstaunlich ähnlich, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind. Wahrscheinlich dasselbe Pränatal-Upgrade. Beide erinnern Martyn an den virtuellen Freund seiner Frau – seiner Ex-Frau. In Gedanken nennt er sie darum Ken und Ken Again. Ihre echten Namen hat er sich nicht gemerkt. »Was glauben Sie, warum Sie mehrere Level abgestiegen sind?«, fragt Ken. »Tja, weiß auch nicht«, sagt Martyn. »Ich habe nur so eine diffuse Ahnung, dass es beim System nicht gut ankommt, wenn man den Präsidenten von QualityLand in die Luft sprengt. Selbst wenn er nur ein verdammter Stromfresser war.« Die zwei Anwälte haben Martyn aus dem Gefängnis geholt. Hatten argumentiert, da John of Us nur eine Maschine gewesen sei, handle es sich bei Martyns Vergehen nur um Sachbeschädigung. Irgendwie kamen sie damit durch. Darum müsste er ihnen eigentlich dankbar sein. Aber er kann sie einfach nicht leiden. Er verspürt den Drang, die beiden mit den Sardellen zu bewerfen. »Sie haben sogar das Level Ihres Vaters mit nach unten gezogen«, sagt Ken Again. Bob Vorstand steht im Wohnzimmer seines Sohnes und seufzt schnaufend. Alles, was dieser Fleischberg macht, macht er schnaufend, denkt Martyn. Er bewegt sich schnaufend, er spricht schnaufend, er frisst schnaufend, er betet schnaufend (Bob ist strenggläubiger Neoliberalist), er sitzt und schläft schnaufend. Wahrscheinlich fickt er auch schnaufend. Und zwar nur selten seine Frau. »Ihr Vater ist von Level 90 auf 89 abgerutscht«, sagt Ken. »Sie wissen, was das bedeutet?«, fragt Ken Again. »Er ist Ihretwegen aus dem 90er-Club geflogen.« »Mein Level interessiert mich einen Scheiß«, sagt Bob, während er schnaufend im Zimmer auf und ab geht. »Ich brauche kein Level. Ich habe Geld.« »Jetzt setz dich doch«, sagt Martyn. »Wir bleiben nicht lange.« »Ich denke, es wäre für alle Beteiligten am besten, wenn wir nach einer gewissen Zeit das ›Recht auf Vergessenwerden‹ in Anspruch nehmen«, schlägt Ken vor. »Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist das eine Fähigkeit, die einem ab Level 60 zur Verfügung steht«, sagt Ken Again. »Sie erlaubt es, negative Einträge aus der eigenen Datenspur zu löschen«, sagt Ken. »Viele Leute versuchen, Level 60 zu erreichen, um etwas, das sie in der Vergangenheit angestellt haben und das sie bis heute verfolgt, vergessen zu machen«, sagt sein Doppelgänger. »Aber diese Leute begehen einen Denkfehler.« »Das ›Recht auf Vergessenwerden‹ ist nicht für sie gedacht, denn das etwas in ihrer Vergangenheit wird aller Wahrscheinlichkeit nach verhindern, dass sie das gelobte Level jemals erreichen.« »Eigentlich funktioniert das ›Recht auf Vergessenwerden‹ genau andersherum«, sagt Bob. »Wenn man über einem bestimmten Level liegt, hilft einem das ›Recht auf Vergessenwerden‹, dass das auch so bleibt. Man kann machen, was zum Keynes man will, und sagt danach dem System, es soll vergessen, dass es passiert ist.« »Natürlich kann man nicht alles vergessen machen«, interveniert Ken. »Wer was vergessen machen darf, errechnet sich nach einer komplizierten Formel, die überdies auch noch geheim ist.« »Ein paar Variablen kann man sich aber erschließen«, sagt Ken Again. »Je mehr Aufmerksamkeit ein Ereignis hatte, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man es vergessen machen kann.« »Ich möchte das an einem völlig willkürlich gewählten Beispiel demonstrieren«, schnauft Bob. »Sagen wir mal, jemand war so bescheuert, den Präsidenten von QualityLand in die Luft zu sprengen. « »Ich dachte, du wolltest, dass ich das tue«, sagt Martyn und beißt von der Pizza ab, die immer noch nach Sardellen schmeckt. »Bei der Eisernen Lady!«, ruft Martyns Vater. »Ich wollte, dass du den Maschinenstürmern hilfst! Ihnen Informationen gibst!« »Lalalalalala«, sagen die Kens und stecken sich ihre Finger in die Ohren. »Davon haben wir nichts gehört.« »Ich weiß ja, dass du dumm bist«, sagt Martyns Vater zu ihm. »Aber dass du so dumm bist, den Präsidenten selbst in die Luft zu sprengen … das hätte ich nicht gedacht. Das macht man doch nicht! Das lässt man machen! Dafür gibt es Leute! Die kann man kaufen!« »Lalala«, sagen die Anwälte. Bob wendet sich ihnen schnaufend zu. »Nehmen Sie die Finger wieder aus den Ohren. Das sieht albern aus.« Die Anwälte blicken sich an, nicken und nehmen die Finger aus den Ohren. »Jedenfalls hat das Attentat zu viele Schlagzeilen gemacht«, sagt Ken. »Nicht mal Henryk Ingenieur könnte es vergessen machen«, sagt Ken Again. »Und der Mann ist auf Level 99«, fügt Ken hinzu. »Ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie mit Problemen zu mir kommen, sondern mit Lösungen!«, sagt Bob verärgert. »Natürlich«, sagt Ken. »Wir können also nicht das ganze Ereignis vergessen machen.« Ken Again wendet sich an Martyn und fährt fort. »Was aber durchaus möglich sein könnte, ist, dass sich Ihre Beteiligung an der ganzen Episode löschen lässt. Zumal es sich ja juristisch gesehen nur um Sachbeschädigung gehandelt hat.« »Dann wäre die offizielle Version, dass ein Unbekannter John of Us auf den ewigen Schrottplatz befördert hat?«, fragt Martyn . »Ja. So in der Art«, sagt Ken. »Momentan ist das natürlich noch nicht möglich, aber in ein paar Jahren …« »Ein paar Jahre?«, fragt Martyn entsetzt, ein Käsefaden hängt ihm aus dem Mund. »Sieh dich doch nur an«, schnauft Bob. »Du bist eine Schande.« »Vielleicht auch schon in ein paar Monaten«, sagt Ken Again. »Wenn bei den Menschen das Vergessen einsetzt, dann bin ich mir sicher, dass man auch im System Ihre Beteiligung vergessen machen kann.« »Na schön«, sagt Bob. »Und bis es so weit ist, hältst du dich fern von mir. Deine bloße Anwesenheit ist toxisch.« Vielleicht, denkt Martyn, hat es ihn doch gestört, aus dem 90er-Club geflogen zu sein. »Es gibt nur ein kleines Problem«, meldet sich Ken schüchtern zu Wort. »Wie schon gesagt, ist das ›Recht auf Vergessenwerden‹ eine Fähigkeit, die einem ab Level 60 zusteht.« »Und ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen …«, sagt Ken Again. »Sie sind augenblicklich nur noch …« »Level 59«, sagt Martyn. Die Anwälte nicken. »Warum bin ich nur mit so einem Kind geschlagen?«, ruft Bob. »Kann nicht mein Vater für mich das ›Recht auf Vergessenwerden‹ in Anspruch nehmen?«, fragt Martin. »Nein, das geht nicht«, sagt Ken. »Man kann das Recht nur für sich persönlich in Anspruch nehmen«, sagt Ken Again. »Das gäbe ja sonst ein totales Chaos«, sagt Ken. »Stellen Sie sich das mal vor«, sagt Ken Again, »da würde der Olympiazweite vergessen machen, dass es einen gab, der schneller war als er.« »Nein, nein. Das geht nicht«, sagt Ken . »Reiß dich einfach zusammen, steig ein Level auf, und dann regeln wir das«, sagt Bob. »Und vorher brauchst du dich nicht wieder blicken zu lassen.« »Wenn du mir vielleicht finanziell noch ein wenig …«, beginnt Martyn. »Davon möchte ich abraten«, sagt Ken. »Einen verurteilten Terroristen zu finanzieren kommt ebenso schlecht an, wie einen solchen in der Familie zu haben«, sagt Ken Again. »Aber ich brauche …«, beginnt Martyn. »Übertreib es nicht, Junge«, sagt Bob. »Dieses Treffen hier hat nur stattgefunden, weil mich deine Mutter darum gebeten hat. Meinetwegen hättest du im Gefängnis verrotten können, du Trottel.« Er marschiert schnaufend zur Tür. Kurz vorher dreht er sich noch mal schnaufend zu seinen Anwälten: »Schicken Sie ihm etwas über ein paar Briefkastenfirmen.« »Wie Sie wünschen«, sagen die Kens gleichzeitig. »Genug Geld, dass er etwas damit tun kann«, sagt Bob. »Aber nicht genug, dass er nichts tun kann.« Als sein Vater schon im Flur ist, hört Martyn ihn noch sagen: »Um das andere Problem haben Sie sich gekümmert?« »Es ist alles in die Wege geleitet«, sagt einer der Kens. »Gut«, sagt Bob. »Ich will keine bösen Überraschungen mehr.« Dann hört Martyn, wie die Tür hinter seinen Besuchern ins Schloss fällt. Wenn es das andere Problem gibt, denkt Martyn, dann bin ich wohl das eine Problem. »Na immerhin«, murmelt er. »Immerhin bin ich nicht das andere Problem.«