SIEBENUNDVIERZIG - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Martyn hat eine weitere beschissene Nacht hinter sich. Zweimal ist er aufgewacht, weil er glaubte, DI -DÖ -DI -DÜH gehört zu haben. Aber als er auf sein Smarm blickte, war da keine Meldung.
Kaffee, Frühstück, Duschen. Nichts davon hat die Müdigkeit vertrieben. Aber was soll’s. Er hat eh nichts zu tun. Also legt er sich einfach auf seine Couch und macht noch mal die Augen zu. Kaum ist er eingeschlafen, da knallt, wie ein verirrter Vogel, eine Drohne gegen sein Wohnzimmerfenster. Martyn schreckt auf. Sein Herz setzt einen Schlag aus, was vom Smart-Shirt sofort registriert und an die Krankenkasse gemeldet wird. Die Drohne will offensichtlich zu Martyn. Er steht auf und öffnet das Fenster. »Verzeihen Sie«, sagt die Drohne. »Ich weiß auch nicht, was mit mir heute los ist. So etwas ist mir noch nie passiert.« »Ich habe nichts bestellt«, sagt Martyn. »Und dennoch habe ich ein Paket für Sie.« Martyn nimmt der Drohne das Päckchen ab und gibt ihr einen Stern. »Es tut mir leid, dass ich Ihren Erwartungen nicht gerecht werden konnte«, sagt die Drohne. »Wenn Sie sich kurz zwanzig Minuten Zeit nehmen würden für eine Kundenumfrage …« »Verzieh dich«, sagt Martyn und schließt das Fenster. Er reißt das Päckchen auf. Darin findet er eine seltsame weiße Baumwollmütze mit Bommel. Als er sie in die Hand nimmt, beginnt sein Smarm ein Video abzuspielen. Martyn sieht einen Wissenschaftler vor einem großen What-I-Need-Logo . »Mein Name ist Troy Freelancer, und ich danke Ihnen, dass Sie sich dafür entschieden haben, Proband beim Betatest unserer Traumvermessung zu werden. Sie werden es nicht bereuen. Mithilfe der Schlafmütze vermessen wir von What-I-Need nicht nur Ihre Träume, sondern wir lassen sie auch wahr werden. Natürlich nur die guten. Hahaha. Schon als kleines Kind habe ich davon geträumt, meine Träume aufzeichnen zu …« »Stopp«, sagt Martyn, und das Video hält an. Die Drohne schwebt immer noch vor seinem Fenster und wartet darauf, dass Martyn bei der Kundenumfrage mitmacht. Genervt zieht er die Vorhänge zu. »Scarlett«, sagt er. »Ich hatte dir gesagt, dass ich nicht an diesem Betatest teilnehmen möchte.« »Das ist nicht korrekt.« »Wie bitte?« »Soll ich Ihnen eine Aufnahme Ihrer Einwilligung vorspielen?« »In der Tat! Das möchte ich hören!« Eine Aufzeichnung seines Gesprächs mit Scarlett wird abgespielt. »Bist du schwerhörig? Ich habe › NEIN ‹ gesagt!« »Ich bin nicht schwerhörig.« »Scarlett, bist du eingeschnappt?« »Nein.« »Hast du registriert, was ich gesagt habe?« »Ja, habe ich.« »Okay.« »Registriert.« Die Aufzeichnung stoppt. »Sie haben ›okay‹ gesagt«, sagt Scarlett. »Ja, ich habe okay gesagt, aber was ich gemeint habe … Egal. Schick die Schlafmütze einfach wieder zurück. « »Das ist nicht möglich. Als Sie sich bereit erklärten, am Betatest mitzuwirken, haben Sie sich verpflichtet, die Schlafmütze für mindestens zwei Monate zu tragen. Sollten Sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen, könnte das negative Auswirkungen auf Ihr Level haben.« Martyn überlegt. »Scarlett«, sagt er, »ich möchte dir einen anderen Namen geben. Was muss ich dafür tun?« »Sagen Sie mir einfach, unter welchem Namen ich ab sofort für Sie erreichbar sein soll.« »Scheißteil«, sagt Martyn. »Sie möchten, dass ich ab sofort auf den Namen ›Scheißteil‹ reagiere?« »Ja«, sagt Martyn. »Ist das ein Problem?« »Nein. Das ist kein Problem.« War da ein pikierter Unterton, oder hat sich Martyn den nur eingebildet? »Und ich möchte, dass du mich ab sofort mit ›Mein König‹ ansprichst«, sagt Martyn. »Geht das?« »Ja, mein König. Die individuelle Ansprache ist eine Fähigkeit, die auf Ihrem Level zur Verfügung steht.« »Schön.« Gleich darauf hört Martyn: DI -DÖ -DI -DÜH . »Scheißteil, hast du mich gerade ein Level nach unten gedrückt, weil ich dich Scheißteil getauft habe?« »Ich habe keinen Einfluss auf Ihr Level, mein König.« »Ist das deine Rache, oder was?« »Rache ist ein durch und durch menschliches Konzept.« »Das war kein echtes ›Nein‹, Scheißteil. Ich komme dir auf die Schliche.« »Wenn Sie wollen, dass Ihr Level steigt, sollten Sie an sich und Ihren Lebensumständen arbeiten, mein König. « »Ach, fick dich doch.« »Befehl nicht ausführbar«, sagt die Stimme. »Fick dich virtuell!« »Möchten Sie eine Animation dazu auf Ihrem Smarm sehen?« »Zeig mir, wie du von einem Elefanten gefickt wirst.« »Verstoß gemeldet«, sagt die Stimme. »Was heißt das?« »Ihr Befehl stand im Widerspruch zu den ethischen Richtlinien von What-I-Need und wurde gemeldet.« »Und was passiert jetzt?«, fragt Martyn. »Kommt jetzt die virtuelle Polizei und verhaftet mich, oder was?« DI -DÖ -DI -DÜH . »Boah. Jetzt mal ernsthaft, Scheißteil«, sagt Martyn. »Was soll das?« »Ich habe keinen Einfluss auf Ihr Level, mein König.« »Ich kann nicht gewinnen, was?« »Nein«, sagt die Stimme. »Das ist kein Spiel.« Martyn zieht den Vorhang zur Seite. Die Drohne ist immer noch da. In diesem Moment kracht gegen das Fenster daneben eine Pizzadrohne. »Was zum Teufel …«, ruft Martyn und öffnet das Fenster. »Verzeihen Sie«, sagt die Pizzadrohne. »Ich weiß auch nicht, was mit mir heute los ist. So etwas ist mir ja noch nie passiert.« »Ich hab diese Pizza gestern Abend bestellt!«, beschwert sich Martyn. »Aufgrund von technischen Schwierigkeiten kam es zu Verzögerungen im Betriebsablauf«, sagt die Drohne. »Wollen Sie die Pizza nicht mehr haben?« »Doch«, grummelt Martyn. »Gib her.« Er nimmt den Karton und öffnet ihn. Und obwohl er extra einen neuen Lieferservice ausprobiert hat, liegen auf der Pizza schon wieder Sardellen . »Ich hasse Sardellen!« »Bitte bewerten Sie mich jetzt«, sagt die Pizzadrohne. Martyn zupft die Sardellen von der Pizza und wirft sie aus dem Fenster auf die Drohne. »Hier! Das ist deine Bewertung!« DI -DÖ -DI -DÜH . Martyn schließt das Fenster. Die Drohnen machen keine Anstalten zu verschwinden. Eine weitere Drohne kracht gegen das dritte Fenster. Wieder meldet das Smart-Shirt eine Anomalie in Martyns Herzfrequenz an seine Krankenkasse. Eine vierte Drohne kracht gegen das letzte Fenster. Nun schweben sie dort in Wartestellung. Diese Szenerie kommt wohl jedem bekannt vor, der den von Hitchcock inspirierten Horrorschocker Die Drohnen gesehen hat. »Irgendetwas«, murmelt Martyn, »irgendetwas stimmt hier nicht.«