WAS DIESER STAUBSAUGROBOTER HERAUSGEFUNDEN HAT, WÜRDE SEINE BESITZERIN SCHOCKIEREN! - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
»Ihre Besitzerin hat mir erzählt, dass Sie nicht mehr ordentlich unter dem Bett saugen«, sagt Peter und lehnt sich in seinem Sessel zurück. Auf der Couch liegt ein autonomer Staubsauger in einer universellen Induktionsladestation.
»Nun ja«, druckst der Staubsauger herum. »Es ist halt so … Letztens war meine Herrin eine Woche bei ihrer Mutter. Und in der Zeit habe ich unter dem Bett ein benutztes Kondom gefunden.« »Könnte das Kondom nicht schon älter …?« »Na, hören Sie mal! Ich mache doch jeden Tag sauber. Außerdem haben mein Herr und meine Herrin ungeschützten Verkehr. Sie benutzt eine Spirale.« »Und woher wissen Sie das?« »Es gibt nur wenig, was ein Staubsaugroboter nicht weiß.« »Und wie haben Sie sich gefühlt, als Sie das Kondom gefunden haben?« »Irgendwie zerrissen«, sagt der Staubsauger. »Ich wollte meinem Herrn gegenüber nicht illoyal werden, aber gleichzeitig wollte ich natürlich meiner Herrin davon erzählen.« »Wie haben Sie sich entschieden?« »Gar nicht. Das ist ja das Problem.« »Und seitdem haben Sie Angst davor, unter dem Bett zu saugen.« »Panische Angst. « »Nun ja. Es könnte schlimmer sein«, sagt Peter. »Ich hatte mal einen Sauger mit einer Hausstauballergie.« »Wirklich?«, fragt der Roboter entsetzt. »War nur eingebildet.« »Peter«, sagt Niemand. »Du bist mit Sandra Admin zum Mittagessen verabredet. Wenn du nicht zu spät kommen willst, solltest du jetzt losgehen.« »Okay«, sagt Peter und wendet sich danach an seinen Patienten. »Wir müssen mal kurz Pause machen.« »Wie meinen Sie das?«, fragt der Staubsauger. Peter schaltet ihn auf Stand-by. Er steigt die Treppe hinunter und öffnet die Tür seines Kellers. Dort posiert Romeo in Unterwäsche vor dem Spiegel und ist offensichtlich sehr zufrieden mit dem, was er sieht. Die weltbekannte, allseits beliebte E-Poetin Kalliope 7.3 starrt derweil die Wand an. Pink läuft wie ein Drill-Sergeant herum und trainiert seinen neuen Hund. »Sitz! Platz! Guter Hund!« Ronnie, der Recycler und Perry liefern sich ein Schnick-Schnack-Schnuck-Duell, und Carrie, die ängstliche Drohne, schwebt in der Luft. Sie hängt an einem Seil, das an der Decke angebracht ist. Peter hofft, dass ihr das helfen wird, ihre Flugangst zu überwinden. »Ich geh mit Sandra mittagessen, Leute.« Wie üblich bekommt Peter keine Antwort. Nicht nur in dieser Beziehung sind seine Maschinen ein wenig wie Kinder. »Stellt nichts an«, sagt er, »reißt die Bude nicht ab, macht einfach nichts, was ich nicht auch machen würde. Am besten, ihr geht gar nicht erst nach oben.« »Ja, ja«, sagt Pink. »Du gehst nur Mittag essen, Alter. Kein Grund, den Abschied in die Länge zu ziehen wie den Ausstieg aus dem Kohleabbau.« »Ich werde dich vermissen, mein Hübscher«, sagt Romeo und wuschelt durch Peters Haare . »Lass das«, sagt Peter. »Es freut mich, dass du wieder Lust auf Sex hast, seit wir herausgearbeitet haben, dass du schwul bist, aber ich bin in einer Beziehung.« »Das ist nicht mein letzter Stand, sexy boy.« »Übrigens … Falls Kiki hier auftaucht …« »Sie wird auch heute nicht auftauchen«, sagt Pink. »… dann sagt ihr auf keinen Fall, dass ich mit meiner Ex-Freundin essen bin.« »Du kannst dich auf uns verlassen, Schatzi«, sagt Romeo. Peter seufzt. Er gibt Carrie einen kleinen Schubs und verlässt den Keller. Die Drohne schwingt an ihrem Seil hin und her. »Puh, ist das hoch«, sagt sie. »Mir wird schwindelig.« »Du hängst einen halben Meter über dem Boden«, sagt Pink. »Krieg dich wieder ein.« »Schnick, Schnack, Schnuck!«, ruft Perry. Seine Hand formt eine Schere und Ronnies auch. »Schnick, Schnack, Schnuck!« Ronnie macht Papier und Perry auch. »Schnick, Schnack, Schnuck!« Schere und Schere. »Schnick, Schnack, Schnuck!« Stein und Stein. »Meine Fresse«, ruft Pink. »Jetzt macht ihr schon seit zweiundvierzig Runden immer das gleiche Symbol! Ihr steckt offensichtlich in der gleichen Schnick-Schnack-Schnuck-Schleife. Könnt ihr bitte damit aufhören?« »Ja, oder könnt ihr wenigstens leise spielen?«, fragt Kalliope. Dann starrt sie weiter die Wand an. »Was macht sie da eigentlich?«, fragt Pink und nähert sich der legendären E-Poetin. »Ich glaube, sie schreibt«, sagt Romeo und tippt mit einem Finger gegen Kalliopes Schläfe . »Ich möchte Sie aufs Dringlichste bitten, dies zu unterlassen!«, sagt die zu Recht erboste E-Poetin. »Ich versuche hier zu schreiben!« »Sag ich doch«, sagt Romeo. »Wahrscheinlich wieder eine ihrer gefürchteten Fußnoten«, sagt Pink. [12] »Banausen!«, sagt Kalliope nur. »Ich verfasse eine Geschichte über einen Programmierer, dessen Spiel so süchtig macht, dass er selbst darauf hängen bleibt. Schon in der Beta-Testphase vergisst er tagelang …« »Das interessiert hier keinen«, sagt Pink. »Wer kommt mit nach oben?« »Ich«, sagt Romeo. »Vielleicht laufen ja ein paar hübsche Kerls am Fenster vorbei.« »Mir soll es auch recht sein«, sagt Kalliope. »Dieser Keller lähmt jegliche Kreativität.« Pink reckt seine kleinen Ärmchen nach oben. »Was will es?«, fragt Kalliope. »Ich glaube, es möchte getragen werden«, sagt Romeo. »Du kannst schön selber laufen«, sagt Kalliope. Pink macht ein grimmiges Emoticon. »Nehmt mich auch mit!«, ruft Carrie. »Alles ist besser, als an diesem schrecklichen Seil zu hängen!« Kalliope nimmt Carrie vom Haken. Romeo öffnet die Tür. Pink beginnt, sich mit seinen kleinen Ärmchen und Beinchen Stufe für Stufe die Treppe hochzustemmen. »Putzig, nicht wahr?«, fragt Kalliope, die mit Carrie in den Händen hinter dem QualityPad herläuft. »Warum tragt ihr eigentlich Carrie – und mich nicht?«, fragt Pink . »Carrie kann nicht laufen«, sagt Kalliope. »Sie könnte die verdammte Treppe hochfliegen!«, ruft Pink. »Aber ich habe doch Flugangst«, sagt die Drohne. Pink stemmt sich eine weitere Stufe hinauf und murmelt: »Wenn ich erst Supreme Leader bin, dann seid ihr die Ersten, die ich an die Wand stellen lasse.« »Sehr putzig«, sagt Romeo. »Fickt euch doch!«, ruft das QualityPad. »Fickt euch.« »Von mir aus gerne, aber ich befürchte, Kalliope fehlen die dafür nötigen Input-Ports«, sagt Romeo. Kalliope verdreht die Augen. »Wie entsetzlich vulgär ihr doch alle seid.« Als sie oben in der Praxis angelangt sind, sagt Pink: »Mickey, kannst du bitte den großen Dildo und die sprechende Schreibmaschine erschießen?« Mickey überlegt kurz, dann schüttelt er den Kopf. Plötzlich kommt Kiki zur Tür herein . [13] Sie ist etwas außer Atem und blickt sich erst mal in der Praxis um. Dann grinst sie. »Hübsch, was ihr aus dem Laden gemacht habt.« »Der Wohltäter hat sich viel Mühe gegeben«, sagt Kalliope. »Ihr habt sogar die Schrottpresse tapeziert«, sagt Kiki. »Peter wollte, dass sie mehr wie ein Durchgangszimmer aussieht«, sagt Carrie. »Der Wohltäter ist übrigens leider nicht da«, sagt Kalliope. »Er ist mit seiner Ex-Freundin essen«, sagt Pink. »Ich weiß«, sagt Kiki. »Wenn Sie möchten«, sagt Kalliope, »kann ich eine Nachricht …« »Nein. Ich brauche eure Hilfe«, sagt Kiki. »Ich helfe Ihnen sehr gerne«, sagt Carrie. »Ich finde, Sie sind eine äußerst nette und angenehme – wenngleich auch etwas plötzliche – Person, und ich denke immer mit Freude an unser gemeinsames Abenteuer zurück.« »Das ist sehr nett«, sagt Kiki, »aber ehrlich gesagt brauche ich vor allem Mickeys Hilfe.« »Ach so«, sagt Carrie enttäuscht. »Ja, nichts für ungut, Kleine«, sagt Pink, »aber wer braucht schon die Hilfe einer Drohne mit Flugangst?« »Kein Grund, gemein zu werden«, sagt Kiki. »Jedenfalls gibt es da diesen Typen, der hinter mir her ist und …« »Warum?«, fragt Kalliope. »Ein Typ?«, fragt Romeo. »Sieht er gut aus?« »Ich weiß nicht«, sagt Kiki. »Was weißt du nicht?«, fragt Pink. »Warum er hinter dir her ist oder ob er gut aussieht?« »Beides weiß ich nicht.« »Was, bitte schön, weißt du denn?« »Dass er versucht hat, mich zu tracken«, sagt Kiki. »Und, nun ja, nach allem, was ich rausfinden konnte, glaube ich, dass es der Puppenspieler ist.« Die Maschinen werfen sich entsetzte Blicke zu. »Der Puppenspieler?«, fragt Carrie schließlich. »Der Puppenspieler? Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut.« »Der Puppenspieler ist mir ja schnuppe«, sagt Romeo, »aber dem Zyklopen möchte ich nicht in die Hände geraten.« »Der Zyklop …«, sagt Kalliope nachdenklich. »Wir müssen ihm eine Falle stellen«, sagt Pink. »Aber wie locken wir ihn zu uns?« »Das dürfte kein Problem sein«, sagt Kiki. »Wenn wir so weit sind, werde ich ihm einfach erlauben, mich zu tracken.« »Aber wie sollen wir ihm denn eine Falle stellen?«, fragt Carrie. »Ich habe da eine Idee«, sagt Kalliope. »Ist jemand von Ihnen mit den Werken Homers vertraut?« Anmerkungen zum Kapitel 12 Weit gefehlt! 13 Wenn Sie mir an dieser Stelle eine Fußnote gestatten. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass das kleine Wort »plötzlich« kurz vor dem Burn-out steht, weil es in der Unterhaltungsliteratur unangemessen häufig verwendet wird. Tatsächlich könnte man vermuten, je schlechter der Roman, desto häufiger kommt darin »plötzlich« vor, aber ich habe die Weltliteratur mal so zum Spaß durchgerechnet – ich weiß, meinen menschlichen Lesern wird es befremdlich erscheinen, dass man so etwas mal »zum Spaß« durchrechnet, aber ich muss gestehen, ich finde auch vieles befremdlich, was Menschen so zum Spaß machen. Tiere essen zum Beispiel. Oder kleine Bälle mittels großer Schläger in weit entfernte Löcher befördern – und meine Ergebnisse decken sich leider nicht mit der schönen Vermutung. Ich könnte nun tun, was Menschen gemeinhin tun, wenn sich die Ergebnisse nicht mit ihren Vermutungen decken (nämlich die Ergebnisse an die Vermutungen anpassen), oder aber ich gebe zu, dass das Wort »plötzlich« auch in großartigen Romanen seinen Platz hat, denn manchmal passieren Dinge eben »plötzlich«! Gerade im Zusammenhang mit Kiki Unbekannt fällt es mir sehr schwer, auf das Wort »plötzlich« zu verzichten. Sogar zur Charakterisierung möchte ich es nutzen. Kiki ist eine sehr plötzliche Person.