WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JAYNE? - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Auf dem Bauchmonitor ihrer alten Nanny kann Kiki Folgendes lesen: »Damit Sie nichts verpassen, generiert M.A.M.A. Videozusammenfassungen der schönsten und prägendsten Momente mit Ihrem Kind. Wählen Sie einen Tag.«
Kiki nennt das Datum, an dem sie laut den Servern des Vergessenen verschwunden ist. Auf M.A.M.A.s Monitor erscheint ein Video, das aus ihrer Perspektive gedreht ist. Kiki sieht einen jungen Mann um die zwanzig, der in einem leeren Zimmer herumturnt. M.A.M.A. steht im Türrahmen und wartet darauf, dass er ihr seine Aufmerksamkeit schenkt. Irgendwo schreit ein Kind. Der Mann trägt einen Mo-Cap mit VR -Brille. Elegant, fast tanzend, bewegt er sich durch den Raum. Er springt, er duckt sich, seine Hände machen beschwörende Gesten, und er flüstert dabei Worte in einer unverständlichen Sprache. Zaubersprüche wahrscheinlich. Der Mann wirkt erschöpft. »Mein Herr, Sie spielen jetzt schon seit über sechsunddreißig Stunden Real Magic «, sagt M.A.M.A. Es ist das erste Mal, dass Kiki ihre echte Stimme hört. Gefühle überfluten sie wie der Pazifik seine Inseln. »Ihrem Kind geht es nicht gut«, fährt M.A.M.A. fort. »Ich brauche Ihre Genehmigung, Medizin geben zu dürfen.« Der junge Mann wendet kurz seinen Kopf zur Tür, da erfasst seinen ganzen Körper ein Zucken, und er geht in die Knie. Wütend zieht er sich die VR -Brille vom Gesicht und wirft sie auf den Boden. »Verflucht noch mal!«, schreit er. »Jetzt haben mich die Zombies erwischt! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht stören sollst?« Er nimmt sich einen Baseballschläger, der neben der Tür lehnt, einer der vielen Controller, die extra für die VR -Version von Real Magic entwickelt worden sind, und schlägt damit auf M.A.M.A. ein. Die Nanny wehrt sich nicht. Sie ist ein Prototyp, und im Unterschied zu ihren Nachfolgerinnen beherrscht sie keine Kampfkünste. »Stopp«, sagt Kiki. Sie hat früher selbst Real Magic gespielt. Real Magic ist wie die echte Welt. Nur mit Magie. Und Zombies. Und Portalen in andere Welten. Manche Portale schicken einen durch die Zeit, andere auf ferne Planeten oder in Fantasiewelten. Spieler, die lange genug dabei sind, können selbst Welten erschaffen, sich Quests ausdenken und andere Spieler dorthin einladen. Es ist der alte Trick: Die Nutzer schaffen selbst den Content, der die Plattform attraktiv macht, und das Ganze auch noch umsonst. Real Magic ist heute noch das beliebteste Open-Worlds-Spiel. Man hat unglaublich viele Freiheiten. Fans nennen das Genre Fuck & Play. Kritiker nennen es Rape Games. Die Hersteller reden sich gerne damit raus, dass Vergewaltigungen nicht der Sinn der Spiele sind. Sie sind nur etwas, das auch möglich ist. Und im Übrigen seien es nur Spiele, die keine Rückwirkung auf die Realität hätten, und wenn überhaupt, seien sie heilsam, weil solch dunkle Fantasien hier ihr Ventil fänden und nicht in der echten Welt ausgelebt werden würden. Das Entwicklerstudio hinter Real Magic ist vor fünf Jahren von What-I-Need aufgekauft worden, und die sogenannte Homeworld basiert inzwischen auf WorldView. Man kann jetzt also im Stadion eines zeitgleich wirklich stattfindenden Monsterbotkampfes Portale öffnen und Schwarzmagier jagen. Oder man kann ins eigene Büro spazieren, wo sich der Chef als Zombie entpuppt, dem man den Kopf abschlagen muss. Und wenn dich der Kollege tagsüber verklärt anstarrt, kann das durchaus daran liegen, dass er dich gestern Nacht virtuell vergewaltigt hat. Schöne neue Welt. Kiki wendet sich wieder M.A.M.A. zu und springt im Zeitstrahl etwas nach vorne. Sie sieht, wie die Nanny erst einen Koffer und dann ein Kleinkind in ein Bündel packt. Sie läuft durch den Flur, vorbei an einem großen Spiegel. »Pause«, sagt Kiki. Im Spiegel sieht sie die schwer demolierte Nanny. Mit dem Kind in ihrer Rechten und dem Koffer in ihrer Linken. »Weiter.« Die Nanny läuft an dem fast leeren Zimmer vorbei. Dort schwingt eine junge Frau in einem Mo-Cap einen Schwert-Controller und ruft: »Ich hatte dich gewarnt, dass du dich nicht mit mir anlegen sollst, Dragondoel! Jetzt wird es dich deinen Kopf kosten!« Sie steht Rücken an Rücken mit dem jungen Mann, der jetzt am Starterseil seines Motorsägen-Controllers reißt und sagt: »Ich hoffe, die Hunde haben Hunger. Gleich gibt es Zombie-Hack!« Keiner der beiden bemerkt die elektronische Nanny, die mit ihrem Kind die Wohnung verlässt. »Stopp«, sagt Kiki. Sie lacht bitter. Das muss man sich mal vorstellen. Da hat man Jahre und Millionen in die Entwicklung einer elektronischen Nanny investiert, und dann entführt der Prototyp die eigene Enkeltochter. Dumm gelaufen. Ein PR -Super-GAU . Nicht schwer zu verstehen, warum man das geheim halten will. Nach langem Schweigen sagt Kiki: »Du hast mich aus meiner Familie entführt.« Auf M.A.M.A.s Monitor erscheint Schrift: »Meine oberste Direktive ist es, dich zu schützen. « »Ach ja?«, fragt Kiki. »Du bist doch verprügelt worden. Es scheint mir eher, dass du dich selbst beschützt hast.« Neue Schrift erscheint: »Hätte sich dieser Vorfall wiederholt, wäre mein fehlerfreier Betrieb nicht mehr gewährleistet gewesen. Ich aber war die Einzige, die sich um dich gekümmert hat.« »Ich kann einfach nicht glauben, dass du mich entführt hast!« »Meine oberste Direktive ist es, dich zu schützen.« Kiki stöhnt. »Bist du mir böse?« »Was ist denn das für eine bescheuerte Frage?!« »Bist du mir böse?« »Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich das finden soll«, sagt Kiki. »Mein Leben wäre so anders verlaufen.« »Bist du mir böse?« »Ich muss das erst mal verarbeiten.« »Bist du mir böse?« »Ich habe keine Lust mehr, mit dir zu reden!« »Bist du mir böse?« »Ich möchte, dass du dich in eine Ecke stellst und auf Stand-by gehst.« »Stand-by.«