WERDEN AUTONOME WAFFEN UNSER UNTERGANG SEIN? - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Lucia Clickworkerin steht Kaugummi kauend an ihrem Holopult und wühlt sich durch die Informationen, die die Algos für sie markiert haben. Seit dem Dritten Weltkrieg überschlagen sich die Leute im Netz wieder mit wilden Verschwörungstheorien. Auch die Leute, die auf den Terrorlisten stehen, generieren eine Unmenge an Daten. Also eigentlich alles wie immer. Lucia ist gerade in eine Hologramm-Rekonstruktion des Maschinenstürmeraufstands in der Kleinstadt Funkloch eingestiegen, als ihre Tür schwungvoll aufgestoßen wird.
»Mädchen«, sagt Aisha, »ich brauche deine Hilfe.« Mit einer Geste lässt Lucia die Hologramme verschwinden und wendet sich ihrer ungebetenen Besucherin zu. »Was kann ich für Sie tun, Missy?« Aisha lächelt. »Seit Tagen versuche ich herauszufinden, was genau den Dritten Weltkrieg ausgelöst hat. Aber die Trottel von der Armee können oder wollen mir keine vernünftige Auskunft geben.« Lucia grinst. »Nun, das waren doch sicherlich irgendwelche Trigger, die andere Trigger getriggert haben …« »Ich sehe, du hast schon Bekanntschaft mit den Militärs gemacht.« »Und ich hab auch schon den einen oder anderen Trigger getriggert«, sagt Lucia. »Was auch immer das heißen soll«, sagt Aisha und setzt sich. Ihre Gedanken wandern. »War das eine Holo-Version von WorldView, was du da gerade benutzt hast? « »So was Ähnliches«, sagt Lucia. »Tatsächlich basiert es auf WorldView, aber wir haben auch noch ein paar Daten, die What-I-Need nicht hat. Und natürlich kann man sich bei uns nicht abmelden.« »Die Maschinenstürmer haben also in Funkloch zugeschlagen?« »Jep«, sagt Lucia. »Da war ich schon öfter im Urlaub.« »Ich weiß.« »Natürlich.« »Ich vermute, man kann dort gut«, Lucia macht eine kleine Betonungspause, »›abschalten‹?« Dann lässt sie eine Kaugummiblase platzen. »Du weißt schon, dass du da im Prinzip auf Erdöl rumkaust?«, fragt Aisha. Lucia nimmt ihren Kaugummi aus dem Mund und hält ihn Aisha hin: »Chiclegummibasis.« Aisha blickt kurz auf das unförmige weiße Ding zwischen Lucias Daumen und Zeigefinger. »Manchmal glaube ich, ihr Kinder seid uns weit voraus.« Lucia steckt sich den Kaugummi wieder in den Mund. »Meilenweit, Missy.« »Also«, sagt Aisha, »kannst du mir helfen oder nicht?« Mit Schwung begibt sich Lucia in den Handstand und beginnt auf ihren Händen durchs Büro zu laufen. »Ist das dein Ernst, Mädchen?« »Ist gut für den Rücken«, sagt Lucia und läuft immer noch auf den Händen. »Aber in Ihrem hohen Alter wahrscheinlich zu riskant.« Aisha steht auf und macht neben Lucia einen Handstand. Ihre Haare und ihr Rock folgen der Schwerkraft. Ein IT -Spezialist, der genau in diesem Moment an Lucias Büro vorbeiläuft, wird sich noch Tage später fragen, ob er das wirklich gesehen hat. Die Beraterin des Präsidenten und die Chefin des CSC Auge in Auge. Im Handstand. Aisha kommt wieder auf die Beine. »Also?«, fragt sie. Lucia senkt ihre Beine und geht vom Handstand nahtlos in die Brücke über. »Angeberin«, sagt Aisha. »Ich habe eine Theorie«, sagt Lucia. »Aber sie wird Ihnen nicht gefallen.« »Ich möchte sie trotzdem hören.« Lucia kommt wieder auf ihre Füße. »Nun, wahrscheinlich fühlte sich ein Trigger getriggert, obwohl ihn niemand getriggert hat.« »Willst du mich wahnsinnig machen, Mädchen? Kannst du nicht ein bisschen spezifischer werden?« »Ich könnte schon, aber es ist nur eine wilde Vermutung. Und ich finde, dass es auch ohne mich schon mehr als genug Leute gibt, die ihre unbewiesenen, verstrahlten Theorien in die Welt hinausposaunen.« »Dann verifiziere deine Vermutung und melde dich bei mir.« »Das kann ich nicht.« »Wieso?« »Ich habe keinen Zugriff auf das Militärnetz.« »Du bist doch Chefin des Cyber-Security-Corps«, sagt Aisha. »Du willst mir erzählen, dass du keinen Zugriff auf das Militärnetz hast?« »Mein Job ist es, das Internet zu überwachen – Verzeihung, zu beschützen. Ich verwechsle immer wieder, was ich sagen und tun soll, ich Dummchen.« »Und das Militärnetz ist nicht ans Internet angeschlossen?«, fragt Aisha. Lucia lacht. »Militärs sind blöd«, sagt sie. »Aber nicht so blöd. « Aisha nickt. »Haben Ihnen die Generäle eigentlich erklärt, warum es aus ihrer Sicht quasi unmöglich ist, auf autonome Waffen zu verzichten?«, fragt Lucia. »Blitzschach-Wettrüsten.« »Ja«, sagt Lucia. »Aber das ist nicht der einzige Grund.« »Das hoffe ich.« »Was, glauben Sie, ist die größte Schwachstelle von modernen Waffensystemen?« »Keine Ahnung. Ich muss gestehen, dass ich mich bisher nie sonderlich für die ferngesteuerten Spielzeuge der Generäle interessiert habe.« »Ferngesteuert«, sagt Lucia, »gutes Stichwort. Wenn Sie wüssten, dass ein Schwarm ferngesteuerter und untereinander kommunizierender Panzer, Boote, Flugzeuge und Raketen auf Sie zurast … Wie würden Sie sich verteidigen? Wo würden Sie ansetzen?« »Ich würde versuchen, ihre Kommunikation zu stören«, sagt Aisha. »Im Übrigen gefällt es mir gar nicht, oberlehrerhaft behandelt zu werden. Schon gar nicht von einem siebzehnjährigen Mädchen.« Lucia grinst. »Die Kommunikation stören. Sehr gut. Setzen. Wir haben es in einem Kriegsgebiet also sicherlich auch mit einem umkämpften elektromagnetischen Umfeld zu tun. Außer natürlich im Krieg ›QualityLand versus Der letzte Ureinwohnerstamm aus dem letzten verbliebenen Regenwäldchen‹. Sie wissen schon, wie das im Computerspiel Civilization Reloaded manchmal passiert.« »Ich spiele keine Computerspiele, Mädchen.« »Natürlich nicht, Missy. Warum sollten Sie? Sie spielen ja das große Spiel. Das echte Spiel.« »Also, ein umkämpftes elektromagnetisches Umfeld … « »Ja. Der Gegner wird versuchen, unsere Kommunikation abzuhören, zu stören oder im schlimmsten Fall zu verändern. Jetzt stellen wir uns also vor, dass unsere wahnsinnig teuren, semiautonomen, das heißt ferngesteuerten Waffen in solch ein umkämpftes Umfeld vordringen und wegen Störsendern plötzlich nicht mehr fähig sind, mit uns zu kommunizieren. Dann stünden in den Remote-Control-Zentren unsere Jungs da mit der Hand in der Hose, am Joystick, will ich damit sagen, aber egal, wie viel sie rubbeln, es passiert nichts mehr, denn die Rakete hat die Verbindung zur Basis verloren.« »Und für diesen Fall …«, sagt Aisha. »… der mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten wird …«, wirft Lucia ein. »… muss die Waffe fähig sein, autonom Entscheidungen zu treffen.« »Ja. Sonst haben sie einfach nur einen plötzlich planlosen, aber sehr teuren Haufen Schrott mit Sprengstoff in die ungefähre Nähe des Gegners geschleudert.« »Verstehe.« »Und die Kommunikation ist natürlich in beide Richtungen gestört«, sagt Lucia. »Es ist nicht nur so, dass das Hauptquartier die Waffe nicht mehr erreichen kann, auch die Waffe kann dem Hauptquartier nicht melden, wen oder was sie schlussendlich plattgemacht hat.« »Die Militärs haben also wirklich keine Ahnung, was passiert ist?« »Möglich«, sagt Lucia. »Möglich?«, fragt Aisha. »Es ist natürlich viel wahrscheinlicher, dass sie sich schon einiges zusammengereimt haben, es Ihnen aber nicht auf die sehr hübsche Nase binden wollen. Haben Sie die eigentlich machen lassen? « »Nein.« »Alles klar«, sagt Lucia zwinkernd. »Es gibt überhaupt keinen Grund zu zwinkern, Mädchen.« »Na logo.« »Wie kriege ich die Militärs dazu, mit mir zu reden?« »Gar nicht«, sagt Lucia. »Toll«, sagt Aisha und wendet sich ab. »Danke für nichts.« »Sie könnten mir natürlich Zugriff verschaffen, Missy«, sagt Lucia. Aisha bleibt stehen und blickt sie an. »Schlagen Sie Ihrem Präsidenten-Schoßhündchen doch vor, er soll den Schutz des Militärnetzes dem CSC unterstellen«, sagt Lucia. »Das wäre sowieso eine gute Idee. Geben Sie mir Zugriff. Dann finde ich für Sie heraus, was passiert ist.« Aisha mustert sie. »Ich muss wissen, dass der Dritte Weltkrieg nicht einfach nur ein Bug im System war.« »Dann haben wir einen Deal?«, fragt Lucia und streckt Aisha ihre Faust entgegen. »Deal«, sagt Aisha und schlägt ihre Faust gegen Lucias.