WIE DU OHNE PROBLEME VICE ASSISTANT DIRECTOR OF GLOBAL MANAGEMENT WERDEN KANNST! (Und was der Titel bedeutet … ) - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Sandra ist vor Kurzem wieder befördert worden. Sie ist jetzt Vice Assistant Director of Global Management bei WeltWeiteWerbung (WWW ). Ein ziemlich überkandidelter Titel für einen Job, den man in früheren Zeiten als »Vorzimmerdame« beschrieben hätte. Um genau zu sein, ist sie die Vorzimmerdame einer Vorzimmerdame. Ihr Chef, Oliver Hausmann, ist nämlich so wichtig, dass seine Sekretärin eine Sekretärin braucht. Das einzige Problem ist, dass das nicht stimmt. Mit anderen Worten: Sandra hat sehr wenig zu tun. Sie hat aber schnell gelernt, dass man sich das nicht anmerken lassen darf. Es gibt offenbar nur sehr wenige Vorgesetzte, die damit leben können, dass einer ihrer Untergebenen in Ermangelung zu erledigender Arbeit eine gute Serie guckt. Das könnte ja auf andere den Eindruck machen, als brauche man diesen Angestellten gar nicht, was wiederum bedeuten würde, dass man gar nicht so wichtig ist, wie man gerne wäre. Deshalb halten sie ihre Untergebenen beschäftigt. Es gibt in großen Konzernen nicht wenige Manager, die ihre Zeit hauptsächlich damit verbringen, sich Beschäftigungen für ihre Angestellten auszudenken.
Schon am dritten Tag bei ihrer neuen Stelle, als Sandra offensichtlich etwas zu gelangweilt in ihr QualityPad glotzte, kam ihre Vorgesetzte mit einer großen Kiste gebrauchter Gummibänder zu Sandras Schreibtisch und sagte, sie solle diese nach Farbe und Elastizität sortieren. Beim tausendsten Gummiband – Sandra hat mitgezählt – wollte sie nur noch ihren Kopf gegen den Schreibtisch schlagen. Aber Sandra hat die Lektion verstanden. Sie erweckt nicht mehr den Anschein, als habe sie nichts zu tun. Sie hat verstanden, dass ihre Aufgabe hauptsächlich darin besteht, so zu tun, als hätte sie etwas zu tun. Deswegen gibt sie auf die Frage, was sie gerade mache, nun standardmäßig die Antwort, dass sie sich in die verschiedenen Abteilungen, die es bei WWW gibt, »einarbeite«. Und dass sie sich einen »Überblick verschaffe«. Das ist noch nicht mal gelogen. Es ist zwar auch irgendwie sinnlos, denn was nutzt einem der Überblick, wenn einem keiner zuhört, aber es ist allemal besser, als Gummibänder zu sortieren. Ein junger Mann klopft an die Tür des Vorzimmers. »Herein«, sagt Sandra. »Ich äh … ich bin von der Affiliate-Abteilung«, sagt der Mann. »Ich soll mich hier melden. Elliot Admin.« »Ich heiße auch Admin!«, sagt Sandra. »Sandra Admin. Das ist ja lustig, was?« Elliot zuckt mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Es ist ein ziemlich häufiger Nachname.« Er steht immer noch im Türrahmen. »Setz dich ruhig, Elliot.« Der junge Mann setzt sich. »Ich verschaffe mir einen Überblick über die Abteilungen von WWW «, sagt Sandra. »Spannend«, sagt Elliot. [22] »Du bist …«, Sandras Brille blendet Elliots Berufsbezeichnung ein, »Senior Operations Specialist in der Affiliate-Abteilung, nicht wahr? Ich dachte mir, ein Senior Operations Specialist wi rd mir sicherlich sagen können, was ihr in der Affiliate-Abteilung eigentlich macht.« »Tja, alle großen Onlinehändler bieten Partnerprogramme an oder Affiliate-Marketing, wie es in Neusprech heißt.« »Und wenn du von großen Onlinehändlern sprichst, dann meinst du im Prinzip TheShop«, wirft Sandra ein. »Ja. Im Prinzip meine ich TheShop. Aber die anderen machen das auch. Nur nicht so erfolgreich.« »Korrigiere mich bitte, wenn ich falschliege«, sagt Sandra. »Affiliate-Marketing heißt doch, dass wenn zum Beispiel Dan und Dan vom neuen Smarm berichten und in ihrem Beitrag einen Link zu TheShop setzen …« »… dann bekommen sie von TheShop eine kleine Provision, falls über diesen Link ein Kauf zustande kommt. Ja.« »Aber was haben wir damit zu tun?« »Nun, wenn man möchte, dass die Abonnenten auf die eigenen Affiliate-Links klicken, dann ist es von Vorteil, sehr positiv über die Produkte zu berichten. Das haben die Influencer schnell kapiert.« »Niemand wird die Schuhbindemaschine bestellen, von der man in der Rezension gesagt hat, dass sie immer nur Knoten statt Schleifen macht«, sagt Sandra. »Genau«, sagt Elliot. »Deswegen sagt man lieber, dass dieser Shoelace-Connector besonders toll ist, weil er echt feste Schleifen macht. Richtig feste Schleifen. Schleifen plus.« »Ich verstehe immer noch nicht, wo wir ins Spiel kommen.« »Nun, da es nicht wirklich um kritische Rezensionen geht, sondern um Lobhudeleien, braucht man halt auch keine Kritiker. Eine Lobhudelei mit vielen Affiliate-Links kann auch ein Bot zusammenschustern.« »Das heißt, sobald irgendein neues Produkt auf den Markt kommt … « »… baut unsere Software automatisch Blogbeiträge, Webseiten und Videos mit sogenannten ›Rezensionen‹ und Affiliate-Links. Andere Bots sorgen automatisch für den nötigen Traffic, damit die Seiten bei What-I-Need schön weit oben auftauchen. Natürlich gibt es auch welche, die Kommentare unter den Rezensionen hinterlassen. Die sind voll des Dankes, denn man habe es ja erst nicht geglaubt, aber das Produkt sei wirklich genauso toll wie angepriesen, wenn nicht sogar noch toller.« »Mit anderen Worten, wir machen Werbung für Produkte, für die wir noch nicht mal beauftragt worden sind, Werbung zu machen?« »Und verdienen damit ein Schweinegeld.« »Das ist irgendwie brillant.« »Es ist irgendwie bescheuert.« »Ja«, sagt Sandra. »Es ist bescheuert. Und du schreibst die Software?« »Es ist alles so ein Schwachsinn«, sagt Elliot. »Du bist sehr offen mit mir«, sagt Sandra. »Hast du keine Angst, gefeuert zu werden?« »I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving for meaning because all they do is thinking about how to make people click ads.« »Was soll das heißen?«, fragt Sandra. »Das heißt, es wäre mir eine Erlösung, gefeuert zu werden.« »Warum kündigst du nicht einfach?« »Warum wohl … Weil ich ein Weichei bin. Ein Angsthase. Weil ich nicht genug Kraft und nicht genug Entschlossenheit habe. Weil ich bin wie all die anderen hier.« Sandra nickt. »Weil du so bist wie ich.« »Ich bin kein Revoluzzer«, sagt Elliot. »Ich bin einfach nur jemand, der die ganze Scheiße satthat. « »Ist das nicht das Anfangsstadium eines jeden Revoluzzers?«, fragt Sandra. Elliot lächelt. »Wollen wir uns mal am Kaffeeautomaten im dritten Stock treffen?« »Ich habe einen Freund«, sagt Sandra. Nach einer kleinen Pause fügt sie hinzu: »Und einen Ex-Freund, für den ich noch Gefühle habe.« »Das macht mir nichts«, sagt Elliot und steht auf. »Morgen um halb elf«, sagt Sandra schnell. »Da hat meine Chefin eins ihrer sinnlosen Meetings.« »Morgen halb elf«, sagt Elliot, lächelt und verlässt das Vorzimmer. Anmerkungen zum Kapitel 22 Ironiewahrscheinlichkeit 78 Prozent.