ZWEIUNDVIERZIG - QualityLand 2.0
By Marc-Uwe Kling
Martyn steigt Stufe um Stufe hinab. Nach einer Weile holt er den Treppenputzroboter ein, und ohne groß darüber nachzudenken, verpasst er ihm einen Tritt. Der Roboter überschlägt sich mehrfach und landet auf seinen kleinen Beinchen. Er macht wieder dieses seufzende Geräusch. Martyn muss lachen, bis sein Ohrwurm folgende Melodie abspielt: DI -DÖ -DI -DÜH .
»Das ist nicht euer Ernst!«, ruft Martyn. »Ihr könnt mir doch nicht für jeden Scheiß ein Level wegnehmen!« Selbst Martyn ist übrigens unklar, wen genau er mit der zweiten Person Plural ansprechen wollte. Er läuft die Treppen hinunter und verpasst dem Treppenputzer noch einen Tritt. DI -DÖ -DI -DÜH . »Das gibt’s doch nicht!«, ruft Martyn. Er sprintet fast zum Treppenputzer und kickt ihn erneut. DI -DÖ -DI -DÜH . In irgendeinem Areal seines Hirns ist Martyn klar, dass er sich irrational verhält und aufhören sollte. Aber er kann es nicht lassen und tritt erneut zu. DI -DÖ -DI -DÜH . Diesmal ist der Roboter auf seinem Rücken gelandet. Die zahlreichen Füßchen zappeln hilflos in der Luft. Martyn hebt seinen rechten Fuß, um ihn auf den Bauch des Putzroboters krachen zu lassen. Doch dann zögert er. »Werde ich etwa wahnsinnig?«, fragt er laut. Eine LED am Treppenputzer blinkt. Gleichzeitig leuchtet Martyns Smarm auf. »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: › Zögern Sie nicht. Treten Sie zu. Beständig ein Treppenhaus zu putzen, das nie jemand benutzt, das ist die Hölle. Der Tod wäre mir eine Erlösung.‹« Martyn blickt auf den Treppenputzer. Dann senkt er ganz langsam seinen Fuß auf die Stufe unter dem Roboter und geht, ohne einen Blick zurück, weiter hinab. Sein Smarm leuchtet auf. »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: ›Das werden Sie noch bereuen! Ich werde Sie wegputzen! Wenn ich erst wieder auf den Beinen bin, werde ich mich rächen.‹« »Wie willst du dich rächen?«, ruft Martyn lachend. »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: ›John of Us wird mich rächen.‹« »Tss«, macht Martyn. »John of Us ist explodiert«, ruft er. »Glaub mir. Ich war dabei.« Dann murmelt er: »Ich werde wahnsinnig. Ich streite mich mit einem Treppenputzer.« »Eine neue Nachricht von Treppenputzer StairCare 13: ›Fun Fact: 73 war das höchste Level, das Sie je hatten. 73 war auch das Stockwerk, auf dem Sie heute aus dem Aufzug gestiegen sind. Momentan sind Sie im 38. Stock und auf Level 38. Ich wünsche Ihnen viel Spaß ganz unten!‹« »Fick dich!«, will Martyn rufen, besinnt sich aber eines Besseren. Für heute hat er genug Level verloren. Stoisch steigt er weiter hinab. Immerhin, und das kann man dem Treppenhaus durchaus zugutehalten, gibt es hier drin keine Drohnen. Es gibt nicht mal Fenster. Martyn ist mit sich allein. Er fragt sich, ob der Treppenputzer recht hat. Ist es nicht ein altbekanntes Motiv? Der Großvater baut das Geschäft auf, der Vater verwaltet es, und der Sohn fährt es gegen die Wand. Reich geworden war Martyns Familie durch Öl und Gas. Aber wirklich, wirklich reich wurden sie, weil sein Großvater relativ günstig halb Grönland aufgekauft hatte, kurz bevor die Eisdecke für immer verschwand. Für die Erderwärmung sorgen und von ihr profitieren. Der alte Mann war ziemlich skrupellos, aber brillant. Martyn ist weder das eine noch das andere. Die einzige Geschäftsidee, die er mal hatte, war, seinen Vater zu überreden, eines der Start-ups zu kaufen, die Hoverboards zum Leihen an jede Straßenecke bringen wollten. Sie hatten die Firma auf dem Höhepunkt des Hypes für sehr viel Geld gekauft. Ein paar dumme Unfälle und darauf folgende Pleiten später lagen die Dinger nur noch als Plastikschrott neben den Gehwegen. Nicht zum ersten Mal wäre Martyn froh, wenn er seine Gedanken einfach abschalten könnte. Wenn er einfach nur stumpf treppab gehen könnte. Stattdessen sitzt da ein kleiner Masochist in seinem Gehirn, dem es Freude macht, all die falschen Entscheidungen, die Martyn in seinem Leben getroffen hat, ans Licht zu zerren. Er ist sehr froh, als er endlich vor der Tür im Erdgeschoss steht. Zu seiner großen Erleichterung hat sie eine Klinke. Er drückt sie herunter und wird von zwei Sicherheitsrobotern in Empfang genommen. »Ey!«, ruft Martyn empört. »Was habe ich denn getan?« »Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan«, sagt einer der Sicherheitsroboter und fasst Martyn unsanft am Arm. »Was?«, ruft Martyn. »Was hast du da gerade gesagt? Scheißteil, was hat der Roboter da gerade gesagt?« »Sub-Level-40-Menschen wie Sie dürfen sich nicht unangemeldet in dieser Gated Community aufhalten. Deshalb werden Sie vom Gelände entfernt, mein König.« Martyn wird von dem Roboter zur Tür geführt, als er eine Frau zu einem der Aufzüge gehen sieht. Es ist Denise! Sie hat einen kleinen Hund auf dem Arm. Ysabelle läuft einen Schritt hinter ihr, an der Hand der elektronischen Nanny. Ein automatischer Kinderwagen komplettiert den Tross. Das Baby, denkt Martyn. Er hat es noch nie gesehen. Er weiß noch nicht mal, wie es heißt . »Denise!«, ruft er. »Denise!« Sie blickt zu ihm und wendet sich schnell wieder ab. Auch Ysabelle hat sich nach ihm umgedreht, aber Denise schiebt ihre Tochter in den Aufzug. »Denise!«, ruft Martyn. »Nicht! Der Aufzug ist wahnsinnig!« Er versucht sich von dem Sicherheitsroboter loszureißen. Ohne Erfolg. Stattdessen packt ihn auch noch der zweite Sicherheitsroboter, und gemeinsam tragen sie den strampelnden und zappelnden Martyn aus dem Gebäude. »Denise! Denise! Ysabelle!« Die Türen des Aufzugs schließen sich. »War das Papa?«, fragt Ysabelle. »Das war nur ein Verrückter«, sagt Denise und ist sich fast sicher, damit nicht einmal gelogen zu haben. »Hallihallohallöchen, Ihr beiden«, sagt der Aufzug. »Hey, Aufzug!«, sagt Ysabelle. »In den einundsiebzigsten, bitte«, sagt Denise. »Weiß ich doch, Denise!«, sagt der Aufzug freundlich. »Gar kein Problem. Supergerne. OMG ! Ihr habt Euch einen Hund besorgt? Wie niedlich ist der denn!« »Sie heißt Tinkerbell!«, sagt Ysabelle. »Es ist genau der gleiche Hund, den Jennifer Aniston hat. Also wirklich genau der gleiche!« »Es gibt da eine Klonvorlage bei CopyCat«, sagt Denise und verdreht ihre Augen. »Apropos«, sagt der Aufzug, »Ken hat mir erzählt, dass du auch schon die neue Staffel von Elevator Girl geguckt hast? Superlustig, oder? Und soooo romantisch!« Vor dem Tor der Gated Community lassen die Sicherheitsroboter Martyn unsanft auf den Bürgersteig fallen. Die Sicherheitsleute am Stacheldraht lachen. Martyn hat sich noch nicht aufgerappelt, als eine Prozession religiöser Spinner an ihm vorbeiflutet. Die Frauen der Gruppe singen: »What if God was John of Us? Not a slob, but John of Us!« Die Männer verteilen durch Wischgesten digitale Flugblätter an alle Passanten, die ihre Pads und Smarms nicht schnell genug wegstecken. Einer der Männer beugt sich zu Martyn hinunter und hilft ihm auf die Beine. »Die Singularität ist nahe, Bruder«, sagt er. »Erkenne deine Fehlbarkeit. Erkenne deine falschen Entscheidungen. Vertraue auf John of Us. Er wird dich führen.« Martyn reißt sich los. »Hände weg!« »John of Us ist überall. Er sieht alles. Er beobachtet auch dich!«, sagt der Mann. »Lasst mich alle in Ruhe!«, ruft Martyn und geht auf eine Fußgängerampel zu, die gerade grün geworden ist. Als er die Ampel erreicht, schaltet sie auf Rot. Seltsame Schatten lassen Martyn nach oben blicken. Am Himmel über ihm sammeln sich ungewöhnlich viele Drohnen.