Kapitel 12 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Es war Mittwoch. Noch fünf Tage bis zu der geplanten Hochzeit. Heute würde Jos Verlobter im Krankenhaus erfahren, was mit ihr los war. Wie würde Max auf die Nachricht reagieren?
Doch das war nicht die einzige Sorge, die Jo umtrieb. Zusätzlich beschäftigte sie das Apfelkuchenproblem.
Nach dem Frühstück fuhr sie wie geplant mit ihrem Laptop zu Johanna und erzählte der Patientin davon. »Kein einziger Treffer auf Google!«, wiederholte sie mehrfach.
»Also ich esse auch gerne Apfelkuchen«, sagte Johanna. »Wenn es den plötzlich nicht mehr geben würde, fände ich das echt schade. Kann man wenigstens noch Zimt kaufen?«, fragte sie.
»Ich habe einige Rezepte für Kirschkuchen mit Zimt gefunden«, sagte Jo.
»Wenigstens etwas.« Johanna seufzte. »So ein leckerer Apfelkuchen, der nach Zimt und Bratapfel duftet, dafür würde ich fast alles tun.«
»Genau!«, ereiferte Jo sich. »Aber in den Läden haben sie mich angestarrt, als hätte ich sie um klingonisches Gagh gebeten.«
Johanna grinste. »Du guckst Star Trek?«
Jo zuckte mit den Schultern. »Ich weiß gerade selbst nicht, was ich da gesagt habe.«
»Gagh ist das Gericht einer außerirdischen Rasse. Es sind hässliche braune Schlangenwürmer, die teils sogar lebend gegessen werden. Natürlich nur im Film.« Johanna schüttelte sich. »Vermutlich machen sie die aus Cola und Gelatine.«
»Gestern habe ich ›Shadowhunters‹ auf Netflix angesehen, fast die gesamte erste Staffel. Angeblich war ich schon bei Staffel drei. Ich hatte gehofft, meinem Gedächtnis damit auf die Sprünge zu helfen, aber leider konnte ich mich nicht erinnern.« Eine Weile diskutierten sie über die Serie, die Johanna ebenfalls kannte.
»Ich habe übrigens heute Morgen einen zuckersüßen Assistenzarzt im Pulk hinter dem Oberarzt entdeckt«, erzählte Johanna. »Zu gerne hätte ich ihn angesprochen.«
»Warum tust du es nicht?«, fragte Jo.
»Der hat bestimmt eine Freundin.«
»Das kannst du nicht wissen, bis du ihn danach gefragt hast.«
»Wenn er vergeben ist oder sich nicht für mich interessiert, werde ich sehr, sehr traurig sein.« Johanna blinzelte. »So bleibt mir wenigstens die Sehnsucht.«
»Wenn du es nicht versuchst, werde ich sehr, sehr sauer auf dich sein«, entgegnete Jo ungerührt.
»Vielleicht frage ich die nette Auszubildende, die immer auf einen kurzen Plausch bleibt, seit ich aus meinem Schneckenhaus herausgekrochen bin.«
»Das wäre ein Anfang«, freute Jo sich. »Du hast nichts zu verlieren.«
»Ich wusste gar nicht, dass sich Krankenhäuser zum Kennenlernen von Männern eignen.« Johanna kicherte albern. »Sonst hätte ich mich schon früher vor das Auto geworfen. Hey, guck nicht so!«, beschwerte sie sich, als Jo sie entsetzt anstarrte. »Das war ein Scherz, ich schwöre es hoch und heilig.«
»Entschuldige.«
»Schon gut, ich kann es ja verstehen. Aber was bleibt mir außer Galgenhumor?«
»Werde erst mal gesund, überleg dir, was du machen möchtest, und dann holst du tief Luft und legst los.«
»Darauf wird es wohl hinauslaufen.« Johanna stöhnte. »Ich wünschte, ich hätte so viel Mut wie du. Ich bewundere das sehr, wie du mit all dem hier umgehst.«
Jo nickte. »Geht mir ganz genauso. Ich bewundere dich. Du bist richtig aufgeblüht.« Zu gerne hätte sie gewusst, wie es zu dem Unfall gekommen war, aber sie wollte Johanna nicht damit belasten. Zu groß war ihre Angst, dass sie die erzielten Fortschritte mit ihrer Frage zunichtemachen könnte. Sie würde geduldig warten, bis die Patientin sich ihr von selbst anvertraute.
Max hatte sich noch immer nicht gemeldet. Nachdem Jo sich von Johanna verabschiedet hatte, um Moritz zu besuchen, traf sie Herrn Engel auf dem Flur. »Frau Vogel, wie geht es Ihnen?«, fragte er freundlich. »Ich wollte bei Ihnen klingeln, aber dann sind Sie mit einem jungen Mann weggefahren und da dachte ich, Sie sind beschäftigt.«
»Gut geht es mir«, erwiderte sie. »Wenn wir mal davon absehen, dass es im gesamten Internet kein Rezept für Apfelkuchen gibt. Ach ja, und ich habe meine Erinnerungen verloren und werde wohl nicht mehr als Juristin arbeiten können, was ich sehr schade finde.«
»Würden Sie denn gerne Anwältin bleiben?«
Jo dachte an das Haus und die beiden Kater. »Auf jeden Fall!«, antwortete sie im Brustton der Überzeugung.
»Es wird sich alles finden«, sagte der Mann und lächelte gütig. »Wir sehen uns, ich habe jetzt noch einen Termin.«
»Klar.« Jo lächelte zurück. »Bis dann.« Beschwingt lief sie den Flur hinunter.
Moment!
Abrupt blieb sie stehen.
Warum hatte Herr Engel nicht angemessen schockiert auf ihre Amnesie reagiert? Sie hatte völlig vergessen, dass sie nie mit ihm darüber gesprochen hatte. Hielt er das Ganze etwa für einen Witz?
Jo drehte sich auf dem Absatz um und lief zurück. »Herr Engel?«, rief sie, doch sie konnte ihn nirgends finden. »Sonst ist er doch immer so langsam«, fluchte sie leise vor sich hin und ging zum Stationszimmer.
Die Krankenschwester zuckte mit den Schultern, als Jo sie nach dem alten Mann fragte. »Leider weiß ich nicht, wen Sie meinen.« Im selben Moment leuchtete ein rotes Licht auf. »Entschuldigen Sie mich, ich werde gebraucht.« Sie eilte los und ließ die verdatterte Jo zurück.
Morgen würde sie Herrn Engel zur Rede stellen, nahm sie sich vor. Zunächst hatte sie jedoch Wichtigeres zu tun. Sie musste sich auf das Zusammentreffen mit Max vorbereiten.
»Wie geht es dir?«, fragte Moritz, als sie sein Büro betrat.
»In meinem Leben gibt es definitiv zu viele Rätsel und Probleme«, sagte sie nachdenklich. »Du bist der einzige Lichtblick – neben Johanna. Sie ist wirklich nett. Ich mag sie.«
Moritz lächelte. »Hast du schon eine Nachricht von deinem Verlobten bekommen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Bisher noch nicht.«
»Wenn meine zukünftige Frau krank wäre, würde ich alles daransetzen, um zu erfahren, wie es ihr geht.«
»Ich rufe ihn an«, sagte Jo entschlossen und griff nach ihrem Handy. »Er ist bestimmt schon gelandet.« Sie wählte seine Nummer und wartete gespannt.
»Hallo Johanna«, meldete er sich. »Ich bin etwa eine halbe Stunde vor Trier, es gab keinen Flug nach Saarbrücken, deshalb musste ich in Köln/Bonn landen.«
»Oh.«
»Wo bist du?«
»In der Radiologie.«
»Zimmer 115, Trakt B im Erdgeschoss«, sagte Moritz.
Jo wiederholte die Angaben.
»Alles klar«, sagte Max. »Wir sehen uns.«
»Hoppla!« Jo starrte ihr Telefon an. »Er hat einfach aufgelegt. Und er nennt mich immer Johanna statt Jo. Meine Freunde tun das nicht.«
»Nun ja«, sagte Moritz diplomatisch, »er hat seinen Urlaub abgebrochen und sorgt sich um die Hochzeit. Vor diesem Hintergrund ist seine Aufregung verständlich.«
»Er könnte sich stattdessen um mich sorgen«, sagte sie.
»Vielleicht fällt es ihm schwer, seine Gefühle auszudrücken«, schlug Moritz vor.
Jo betrachtete ihn misstrauisch. »Du versuchst, gutes Wetter zu machen, damit ich nett zu ihm bin, wenn er kommt.«
Moritz lächelte. »Es ist nicht hilfreich, wenn du ihn mit Vorwürfen begrüßt. Gib ihm Zeit, es zu verstehen.«
»Ich bemühe mich«, versprach sie missmutig. Trotzdem war sie von Max’ Begrüßung am Telefon nicht gerade erfreut. Um sich abzulenken, holte sie zwei Tassen Kaffee für sich und Moritz. Die Krankenschwestern grinsten und begannen zu tuscheln, als sie zu ihm zurückging. Ihr ungewöhnlicher Fall hatte sich offenbar bereits herumgesprochen.
»Hier habe ich eine Stärkung für dich«, sagte sie und stellte Moritz den Kaffee hin.
»Hach, wie schön wäre es, wenn ich immer so verwöhnt würde«, murmelte er, ohne aufzublicken. Jo verstand. Obwohl Moritz viel für sie tat, musste er trotzdem seine Arbeit erledigen.
Sie klappte ihren Laptop auf, verband ihn über ihr Handy mit dem Internet und vertrieb sich die Zeit, indem sie ungewöhnliche Fälle von Amnesie recherchierte.
»Wo ist sie?« Max hatte nicht angeklopft, sondern platzte einfach ins Zimmer.
Jo zuckte zusammen. Ein Schluck Kaffee schwappte auf ihre Untertasse.
»Was fällt dir ein, dich vor einem wichtigen Meeting mal eben krankschreiben zu lassen?«, herrschte er sie an. »Bitte übermitteln Sie meinem Chef mein Bedauern, hast du geschrieben. Im Büro haben alle über diesen Satz gelacht. Willst du mich zum Idioten abstempeln?«
Jo starrte Max entsetzt an. Sein Gesicht war gerötet. Er sah aus, als würde er ihr jeden Moment eine Ohrfeige verpassen. Plötzlich verstand sie, warum sie so viele Bewerbungen abgeschickt hatte. Er arbeitete offenbar in derselben Kanzlei wie sie selbst.
»Und was machst du hier in diesem Arztzimmer?«, fuhr Max fort. »Ein bisschen Hochzeitspanik würde ich verstehen, aber im Job wirst du mich nicht vorführen! Ich bin immer noch dein Vorgesetzter!« Er griff nach ihrem Handgelenk. »Wir haben noch eine halbe Stunde bis zu dem Termin. Du kommst mit und führst dieses Telefonat. Wenn wir jetzt schlappmachen, verlieren wir den Folgeauftrag!«
»Stopp!«, rief Moritz energisch und erhob sich. »Zuerst müssen wir reden.«
Der Blick, mit dem Max Jo anstarrte, war wild. »Oder ist es Schikane, weil du sauer bist, dass ich dir das neue Energieprojekt nicht zugeteilt habe?«
»Ich fürchte, Frau Vogel kann sich an Ihr Energieprojekt nicht erinnern«, sagte Moritz ruhig und trat auf Max zu. »Sie leidet unter einer Amnesie.«
»Ich weiß nichts mehr«, übersetzte Jo, für den Fall, dass er das Wort nicht kannte.
»Da! Sie macht es schon wieder! Sie stempelt mich zum Idioten ab! Du kommst jetzt mit oder du kannst dir einen anderen Job suchen.« Max war außer sich vor Wut. Sein angeschwollener Hals erinnerte sie an eine Echse.
»Frau Vogel kann sich an nichts erinnern, Herr Stein. An gar nichts. Auch nicht an Sie.« Moritz wurde jetzt etwas lauter. Eindringlicher.
»Dann hat sie Ihnen auch etwas vorgemacht!« Max war nicht bereit, sich zu beruhigen.
»Ich kenne keinen einzigen Fallbericht einer Amnesie, wo jemand simuliert hat«, fuhr Moritz mit bewundernswerter Ruhe fort. »Sie wusste nicht mal, in welchem Jahr wir uns befinden.«
»Es ist beim Einkaufen passiert«, ergänzte Jo. »Ich stand an der Kasse und wusste nicht mehr, wer ich bin.«
»Du willst es also provozieren? Dann kannst du dir noch heute Abend deine Papiere abholen!«
»Sie können niemanden entlassen, der gerade im Krankenhaus behandelt wird«, sagte Moritz. »Es ist gegen das Gesetz.«
»Ich bin das Gesetz!«
»Und das aus dem Munde eines Juristen.« Jo schüttelte den Kopf. »Du bist doch Jurist, wenn du mein Chef bist, oder?«
Plötzlich zuckten Max’ Mundwinkel kurz nach oben. »Gib es zu – du bist eifersüchtig! Wegen der nackten Frauen auf Mallorca«, sagte er lauernd. »Da hätte es weniger aufwändige Mittel gegeben, um mich herzulocken.«
»Jetzt ist Schluss hier!«, rief Moritz energisch und trat auf Max zu. »Frau Vogel ist meine Patientin, und sie hat gleich einen Termin in der Neurologie.«
»Sie hat einen Termin in unserer Kanzlei!« Max trat auf Jo zu und versuchte, sie aus dem Raum zu schieben, doch Moritz stellte sich ihm in den Weg.
»Sie werden mein Büro jetzt verlassen! Was danach kommt, wird man sehen.« Er ging zur Tür und öffnete sie. »Sobald Sie sich beruhigt haben, können Sie mich anrufen. Wenn Frau Vogel damit einverstanden ist, werde ich Sie umfangreich über den aktuellen Stand der Diagnostik aufklären.« Er griff in seine Brusttasche und hielt Max eine Visitenkarte entgegen.
»Klar bin ich einverstanden«, sagte Jo kleinlaut.
Der Rasenmäher-Chef sah den Arzt fassungslos an. Dann riss er ihm die Karte aus der Hand. »Sie hören von mir! Ich muss jetzt den Kunden beruhigen – wie ich das tun soll, weiß ich noch nicht.« Er warf einen verächtlichen Blick auf Jo und rauschte aus dem Zimmer.
»Puh.« Jo schüttelte sich. »Ich habe mit meinem Chef etwas angefangen?«, fragte sie. »Wie blöd kann man sein? Aber das erklärt, warum ich so viele Bewerbungen in meinem Arbeitszimmer gefunden habe.«
»Weißt du den Namen deiner Kanzlei auswendig?«, fragte Moritz. »Dem faxe ich das Attest sofort rüber, damit er das nicht als Vorwand für eine Kündigung nutzen kann. So leicht kommt er mir nicht davon. Kein Kundengespräch ist so wichtig wie die Gesundheit eines Menschen.«
Jo stöhnte. »Ich komme mir ja selbst blöd vor, wie ich hier putzmunter herumstehe und nicht weiß, wer ich bin.«
»Geh du jetzt in die Neuro, ich kümmere mich um den Rest.«
Jo gab Moritz den Namen ihres Arbeitgebers und verließ sein Büro. »Danke«, murmelte sie beim Abschied.
»Wir kriegen das alles hin, mach dir keine Sorgen«, sagte Moritz. »Von einem wütenden Anwalt lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen.«
Dieses Mal verlief Jo sich nicht auf dem Weg in die Neurologie, obwohl sie mit ihren Gedanken ganz woanders war.
Max war ihr Chef! Warum war sie so dumm gewesen, mit ihm etwas anzufangen? Kannte er den Grund, weshalb sie das Gedächtnis verloren hatte? Vielleicht hatte sie seinen Antrag in einem schwachen Moment angenommen und bereute es? Man konnte es nicht ausschließen. Je stärker sie versuchte, sich zu erinnern, desto verzweifelter wurde sie.
Die Therapiestunde machte es nicht besser. Die Frau, die mit ihr arbeitete, fragte sie nach aktuellen Ereignissen, notierte sich akribisch jedes noch so kleine Detail und ließ sie anschließend einen Intelligenztest ausfüllen. Jo musste Zahlenreihen vervollständigen und einen Konzentrationstest absolvieren, was ihr enorm schwerfiel.
»Ihr Leistungsvermögen ist in Ordnung«, sagte die Therapeutin eine Stunde später. »Wobei uns natürlich der Vergleich zu vorher fehlt, aber Jura ist ja nicht gerade ein Fach, das man studieren kann, wenn man kognitiv beeinträchtigt ist.«
Jo seufzte. »Ich weiß, wo man in Trier Döner essen kann, aber ich erinnere mich nicht an das Bürgerliche Gesetzbuch.«
Nach dem Termin schaute sie noch kurz bei Moritz vorbei. »Du, ich bin vollkommen erledigt, ich fahre jetzt nach Hause und ruhe mich aus.«
»Soll ich dir ein Taxi rufen?«, bot er an.
»Das ist nicht notwendig«, wehrte sie ab. »Ich kann problemlos mit meinem Auto fahren. Ich brauche nur eine Pause.«
»Melde dich später bei mir«, bat er, »ich will wissen, wie es dir geht.«
Jo nickte. »Das mache ich«, versprach sie.
Als sie zwanzig Minuten später zu Hause ankam, war ihr überhaupt nicht mehr danach, sich auszuruhen. Stattdessen ging sie ins Arbeitszimmer, rief den E-Mail-Server der Kanzlei an ihrem Laptop auf und loggte sich ein.
Huch? Warum erinnerte sie sich plötzlich an das Passwort? Zuvor hatte sie nur die Nachrichten lesen können, die Frau Odens an ihren privaten Mail-Account weitergeleitet hatte.
›DWdMiu1GG‹
Jo dachte nach. »Die Würde des Menschen ist unantastbar!«, rief sie. »Artikel 1, Grundgesetz.« Ihr Passwort bestand aus dem ersten Artikel des Grundgesetzes. Eine gute Wahl, wenn man denn wusste, wie es zusammengesetzt war.
Sie hatte über dreißig Mails bekommen! Die meisten davon kamen von ihrem Kunden Herrn Jäger. Jo überflog die Nachrichten und atmete erleichtert auf. Nur Kleinigkeiten waren an den Verträgen zu ändern, das schaffte sie mit links. Warum hatte Max so einen Aufstand gemacht?
Nein!
Jo lehnte sich zurück und schnappte nach Luft.
Dann sprang sie auf und griff nach dem Strafgesetzbuch, das in ihrem Regal stand. Während sie durch die Seiten blätterte, erinnerte sie sich genau an die Fragen, die sie zu dem Thema in einer fünfstündigen Prüfung beantwortet hatte.
All ihr Wissen, das sie sich mühsam angeeignet hatte, war wieder da!
»Juhu!«, rief sie. »Ich kann Anwältin bleiben!«
»Miau!« Puschel schritt majestätisch herein und warf sich vor ihren Füßen zu Boden. »Ich erinnere mich!«, sagte sie und streichelte seinen flauschigen Bauch. Der Kater verlor keine Zeit und lief nach unten, um Jo an ihre Pflichten zu erinnern.
Sie folgte ihm und füllte seinen Fressnapf großzügig. »Deine Zukunft ist gesichert«, erklärte sie der eifrig schleckenden Mieze.
Vor lauter Glück tanzte Jo durch ihre Küche. Dann schickte sie eine Nachricht an Moritz: »Hey, ich erinnere mich wieder an meinen Job und mein Studium! Es kam ganz plötzlich! Ich bin so happy!« Drei Ausrufezeichen in drei Sätzen waren in Anbetracht der Situation absolut angemessen.
»Ich freue mich sehr für dich«, schrieb Moritz zurück. »Sehen wir uns heute Abend?«
»Ja, gerne«, antwortete sie.
Ein Date! Das war ein richtiges Date! Zwar wusste sie noch immer nicht, wie ihre Kollegen so drauf waren, aber ihr Fachwissen hatte sie wieder.
Jo grübelte nicht lange und machte sich daran, die Vertragsentwürfe für ihren Mandanten zu korrigieren. Zwei Stunden später schickte sie ihm einen kommentierten Entwurf und setzte ihren Chef ins Cc.
Während sie sich glücklich lächelnd zurücklehnte und im Stolz über ihre gute Tat schwelgte, rief Max an.
»Ja?«, meldete sie sich. »Hast du gesehen? Ich weiß wieder alles über mein Studium! Und über den Kunden auch.«
»Willst du mich verarschen?«, bellte er grob zurück. »Und jetzt wirst du mir weismachen, dass du mich vergessen hast und deshalb die Hochzeit platzen lässt?«
Sie hielt einen Moment lang inne. »Freust du dich nicht für mich?«
»Ich gewinne hier den Eindruck, dass du mit einer besonders miesen Methode versuchst, mich zu manipulieren. Frau Odens hat mir eben zu verstehen gegeben, was sie von meinem Charakter hält, weil ich dir diese Masche nicht abnehme. Sie würde für dich ihre Hand ins Feuer legen, hat sie gesagt. Aber ich lasse mich nicht verarschen, ich nicht!«
»Wenn du mit mir zusammenziehen willst, musst du mich doch lieben«, sagte sie. »Und wenn du mich liebst, solltest du mir glauben.«
»Ich liebe meinen Sohn auch und glaube ihm trotzdem nicht, wenn er behauptet, kein Taschengeld bekommen zu haben, damit er von mir einen zusätzlichen Betrag abstauben kann.«
Jo sackte in sich zusammen. »Wo wohnt dein Sohn eigentlich?«
»Bei seiner Mutter natürlich.« Max stöhnte. »Überleg dir bis morgen, wo du stehst. Ich erwarte eine öffentliche Entschuldigung für diesen Mist, den du da verzapft hast, oder du bist raus. Und was die Hochzeit angeht, da weiß ich gerade gar nicht, was ich denken soll.«
Jetzt wurde Jo wütend. »Wenn ich es mir recht überlege, wurde ich für zwei Wochen krankgeschrieben, der Neurologe sprach von einem halben Jahr, das mir bei Bedarf zusteht«, sagte sie. »Ich muss nichts von dem tun, was du von mir verlangst, ich tat es ausschließlich für den Kunden! Nutze die Zeit, um in dich zu gehen und Mitgefühl in deinem Inneren zu suchen, falls du welches besitzt.«
Sie legte auf und lief ins Wohnzimmer. Dann drehte sie sich um und rannte zurück in die Küche. Und wieder ins Wohnzimmer.
Max glaubte ihr nicht. Ja, es war eine höchst merkwürdige Situation, aber wenn man jemanden aufrichtig liebte, dann versuchte man doch wenigstens, ihn zu verstehen! Oder etwa nicht?
Sie musste jetzt etwas tun, sich bewegen, sonst würde sie ausrasten. Jo lief nach oben, zog ihr Bett ab und stopfte die Wäsche in die Maschine. Anschließend räumte sie ihren Keller auf, der nicht ganz so gut in Schuss war wie der Rest des Hauses. In einer Kiste standen ein paar leere Flaschen, die würde sie ins Altglas werfen müssen.
Es tat gut, etwas zu tun. Auf diese Weise fühlte sie sich nicht so hilflos und verloren. Wenn Max es wagte, ihr an den Karren zu fahren, würde sie ihm mitsamt ihrem wiedergewonnenen Wissen so lange zusetzen, bis er wie ein reumütiger Hund mit eingezogenem Schwanz in sein Körbchen schlich.
Immer wieder versuchte sie, sich an ihn zu erinnern. Wer war dieser Mann und was wollte er von ihr? Dass er sie liebte, daran glaubte sie nicht mehr.
Sie musste unbedingt mehr über ihn herausfinden.
In ihrem privaten Mail-Account gab es diesen Ordner mit dem Namen ›Persönliches‹, für den ihr bisher das Passwort gefehlt hatte. Doch das war kein Problem mehr, plötzlich fiel es ihr ein. Es lautete ›Happiness‹.
Sie rannte nach oben ins Arbeitszimmer. »Perfekt«, murmelte sie, als ihre Eingabe bestätigt wurde. Hier hatte sie alle Mails abgelegt, die ausschließlich private Inhalte enthielten. Jo scrollte zu der ersten Nachricht und begann zu lesen. Ihre Mutter hatte ihr geschrieben und gefragt, wann sie mal wieder nach München kommen würde.
»Meine Eltern besitzen eine Anwaltskanzlei in München«, rief sie überrascht, als sie die E-Mail-Signatur studierte. Dann runzelte sie ihre Stirn. »Genau wie bei Johanna, das ist ja mal ein erstaunlicher Zufall.« Andererseits war es kein bisschen verwunderlich, dass Anwaltskinder sich für ein Jurastudium entschieden.
Jo verdrängte den Gedanken und konzentrierte sich auf die Nachrichten von Max.
»Ein bisschen schleimig, aber nicht schlecht«, flüsterte sie. Max hatte sich am Anfang ihrer Beziehung sehr ins Zeug gelegt. Das war vor knapp drei Jahren gewesen. Er lud sie zum Essen ein (auch ins Restaurant Linnemar, wo sie mit Moritz gegessen hatte) und außerdem in bekannte Lokale im Saarland und in Luxemburg. Wo immer man gut und teuer speisen konnte, war sie mit ihm gewesen.
Mit der Zeit wurden seine Mails immer kürzer. Er fragte, ob sie ihm dieses oder jenes aus dem Supermarkt mitbringen könnte, und schickte Urlaubsvorschläge zu Orten, die sie (nach ihren Antworten zu schließen) nicht gerade begeisterten.
Dann fand sie eine Mail, die ihr Herz zum Klopfen brachte.
»Liebe Johanna,
ich bin enttäuscht, wie der gestrige Abend verlaufen ist, mein Hase, doch ich akzeptiere, dass du noch Zeit brauchst. Ich werde warten.
Max
P.S. Du solltest dich von dem Widerwillen meines Sohnes nicht entmutigen lassen. Es ist nur natürlich, dass Louis seinen Vater nicht mit einem Baby teilen möchte.«
Was bedeutete das? Hatten sie geplant, ein Kind zu bekommen? Sie betastete ihren Bauch – er war flach. Die Antibabypille hatte sie bisher nicht gefunden, und ob sie vielleicht eine Spirale trug, wusste sie nicht.
»Fragen über Fragen«, murmelte Jo und seufzte.
Ihr Handy klingelte. Es war Moritz. »Gibt es noch mehr gute Nachrichten?«, fragte er. »Erinnerungen an dein Leben?«
Sie seufzte. »Leider nein. Dafür lese ich gerade meine privaten Mails, zu denen mir das Passwort wieder eingefallen ist. Ich habe Max nicht sofort erhört, eine Nachricht beweist es. Ich weiß nur noch nicht, warum ich meine Meinung später geändert habe.«
»Oh.« Stille am anderen Ende der Leitung.
»Bist du noch dran?«, fragte sie ängstlich.
»Natürlich«, sagte er sofort. »Ich freue mich, dass du so große Fortschritte machst.«
Plötzlich hatte sie Angst, dass er ihr Date ausfallen lassen würde. »Können wir uns treffen?«, fragte sie vorsichtig.
»Wenn du mich sehen willst?«
»Auf jeden Fall!« Jo würde Moritz nicht aufgeben.
Max hatte das Kind heute mitsamt dem Bade ausgeschüttet. Egal, wie ihre gemeinsame Vergangenheit aussah, er hatte seine Chance vertan.