Kapitel 14 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Moritz’ früher Aufbruch hatte Jo sehr enttäuscht. Es war gerade mal kurz nach acht! Nachdem sie das Lokal verlassen hatte, war ihr nicht nach einem Spaziergang, also rief sie sich ein Taxi und ließ sich nach Hause bringen.
Dort erlebte sie eine unangenehme Überraschung. Max stand vor ihrer Haustür. Nein, er stand nicht, er lief unruhig auf und ab.
»Warum hast du mich nicht angerufen?«, fragte sie.
»Guck mal auf dein Handy!«, rief er verbittert. »Frau Odens hat am späten Nachmittag mindestens fünfmal versucht, dich zu erreichen, weil wir eine Frage zu deinem Vertragsentwurf hatten.«
»Ach so?« Jo griff in ihre Handtasche und sah nach. »Akku leer«, sagte sie bedauernd.
»Seit wann bist du so unzuverlässig?«, fragte er. »Und weshalb habe ich immer noch keinen Haustürschlüssel, wenn du bei mir ein- und ausgehen darfst?«
Jo verspürte nicht die geringste Lust darauf, dass Max unangemeldet in ihrer Küche auftauchte oder (Gott, bewahre!) in ihrem Bett. Davon abgesehen wusste sie gar nicht, wo sie ihre Ersatzschlüssel aufbewahrte.
Sie ging zum Eingang und öffnete die Tür. »Findest du es klug, so ein Thema ausgerechnet dann zu diskutieren, wenn ich mein Gedächtnis verloren habe?«
»Ach lass doch den Unsinn!«, rief er. »Ich nehme dir diese Nummer nicht ab. Du leidest unter Hochzeitspanik.«
»Der Arzt meinte, dass möglicherweise etwas passiert sei, bevor die Amnesie aufgetreten ist. Haben wir uns am Freitagmorgen gesehen?«
»Du schickst einen fertig ausgearbeiteten Vertrag und behauptest immer noch, dich nicht erinnern zu können?« Seine Stimme hallte durch den Flur. Puschel, der hinter der offenen Küchentür auf Jo wartete, flüchtete durch die Katzenklappe im Wohnzimmer nach draußen.
Schweigend füllte Jo einen Napf und stellte ihn für den hungrigen Kater auf die Terrasse. Dann ging sie zurück zu Max. »Das Fachwissen kam plötzlich zurück. Wenn ich es dir erklären könnte, würde ich es tun, aber ich habe keinen Schimmer, was gerade mit mir geschieht. Organisch ist alles in Ordnung, sie haben mich im Krankenhaus auf den Kopf gestellt.«
»Warum sitzt du bei einem Arzt im Büro?«, fragte Max kalt. Er schnupperte. »Du hast etwas getrunken. Sollte Alkohol bei einer Amnesie nicht tabu sein?«
»Er ist ein Freund«, sagte sie.
»Du erinnerst dich an ihn, aber nicht an mich?«
»Ich habe ihn am Wochenende kennengelernt.«
»Das ist doch eine Ausrede!«
Jo stöhnte. »Ich wünschte, es wäre so.« Sie funkelte ihn wütend an. »Hast du auch nur den blassesten Schimmer, wie es ist, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, wer man ist? Wenn mein Handy nicht auf meinen Fingerabdruck reagiert hätte, hätte ich nicht mal nach Hause gefunden!«
»Du fährst ohne Erinnerung hierher und mähst den Rasen?«
Ja, aus seiner Perspektive klang das alles lächerlich. »Ich habe es einfach getan. Warum, das weiß ich nicht. Aber ich fand es sehr nett, dass du mir den Rasen gemäht hättest.«
»Nur, weil du immer behauptest, dass der Anlasser zu schwergängig ist.«
»Ich musste mehrmals daran reißen«, sagte sie und rieb gedankenverloren über ihre rechte Schulter. »Aber dann habe ich es geschafft.«
»Also hast du mich angelogen.«
»Dazu kann ich nichts sagen, weil ich es nicht weiß.«
»Wenn sich der Gegner eines Klienten so herausreden würde, würdest du ihm die Hölle heiß machen.« Sein Blick hatte etwas Triumphierendes. »Und wenn du wirklich eine Amnesie hättest, wäre es deine erste Pflicht gewesen, Louis zu treffen. Eine Stiefmutter ist wie eine zweite Mutter, das sollte absolute Priorität haben!«
»Und was ist, wenn ich dich nicht anlüge? Wenn ich mich wirklich in einer schwierigen Situation befinde? Wer würde als Erstes daran denken, ein Kind damit zu belasten?«
»Louis ist mein Sohn, er kann mit Schwierigkeiten gut umgehen.«
Jo ignorierte die Vorlage, die er ihr gerade geliefert hatte, denn Max konnte mit ihrer Amnesie kein bisschen umgehen. »Wirst du mich im Stich lassen, sobald ich einen Unfall habe oder krank werde?«, fragte sie stattdessen.
»Das habe ich nicht behauptet.«
»Wie kann ich zu jemandem ziehen, der mir nicht vertraut? Oder ihn sogar heiraten?«
»Wie kann ich dir vertrauen, wenn du dich so merkwürdig verhältst?«, gab er zurück.
»Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg«, fasste Jo zusammen. Am liebsten hätte sie ergänzt, dass sich ihre Wege an diesem Punkt wohl trennten, aber sie biss sich noch gerade rechtzeitig auf die Zunge. Max war ihr Chef und er war schlecht gelaunt. Sie musste mit Bedacht vorgehen, es war schon zu viel Porzellan zerbrochen. Trotzdem konnte sie ihm nicht alles durchgehen lassen. »Du hast genau zwei Möglichkeiten«, sagte sie, »entweder du vertraust mir und unterstützt mich dabei, meine Erinnerungen zurückzugewinnen, oder du drehst dich um und gehst. Bestimmt gibt es ein wichtiges Projekt, das deine Aufmerksamkeit heute Abend erfordert.«
»Frauen!« Max holte tief Luft, als wollte er noch etwas hinzufügen, entschied sich dann aber dagegen, drehte sich um und verließ das Haus. Jo hörte, wie er den Motor seines Audis lauter als notwendig aufheulen ließ.
»Na das war ja ein voller Erfolg«, murmelte sie frustriert. Sie kochte sich eine Tasse Tee und setzte sich ins Arbeitszimmer. Seufzend beantwortete sie die Fragen von Frau Odens und entschuldigte sich für den leeren Handy-Akku. Anschließend verschaffte sie sich einen Überblick über ihre aktuellen Projekte.
Warum regte sich Max so auf, wenn er eigentlich vor Sorge überfließen müsste?
Jo suchte sich die Adresse der Kanzlei heraus, griff nach ihrem Schlüsselbund und fuhr hin. Sie lag in der Innenstadt. Ihr Herz klopfte.
»Nein!«, rief sie entsetzt. Sie kannte diesen Ort. An dem Laternenpfahl vor dem großen Bürogebäude war sie von ihren Freundinnen angekettet worden, um Kondome und Dildos zu verkaufen.
Eine Welle der Scham überflutete sie, als sie auf das Schild ihres Arbeitgebers starrte. Warum hatte sie nicht genauer hingesehen? Und wie konnte sich eine Freundin so etwas Gemeines ausdenken?
Jos Hände zitterten. Sie musste mehrere Schlüssel ausprobieren, bis sie den Richtigen gefunden hatte. Die Kanzlei befand sich im ersten Stock.
»Hallo?«, sagte sie leise, als sie aufschloss und den Flur betrat. Der Geruch kam ihr seltsam vertraut vor.
Jos Füße fanden instinktiv den Weg zu ihrem Büro. Sie öffnete die Tür und sah sich um. Keine Erinnerung. Sie setzte sich hin, fuhr den Laptop hoch (das Passwort war dasselbe wie das des Mail-Servers) und sah sich die zuletzt abgelegten Dateien an. Nichts, das ihr besonders eilig oder dringend erschien. Max hätte sich seinen Aufstand definitiv sparen können.
Irgendetwas stimmte hier nicht! Sie ahnte es, aber sie konnte den Gedanken nicht packen und an die Oberfläche ihres Bewusstseins ziehen.
Jo schaute sich die Ordner an und sah in sämtlichen Schubladen nach – wonach sie suchte, wusste sie selbst nicht.
Schließlich schlich sie zu Max’ Büro und drückte vorsichtig die Klinke hinunter. Abgeschlossen! Was immer er in diesem Raum aufbewahrte, die Kollegen sollten die Informationen nicht zu Gesicht bekommen. Andererseits war er der Chef. Vielleicht bewahrte er Personalunterlagen in seinem Büro auf. Arbeitsverträge, Lohnlisten und solche Dinge.
Plötzlich hatte Jo eine Idee. Sie ging zu dem Schreibtisch seiner Assistentin (den Namen kannte sie nicht, aber den Tisch) und zog an den Schubladen. Die Oberste war abgeschlossen. Aus einem plötzlichen Impuls heraus griff sie nach zwei Büroklammern und bog sie auf. Mit der einen hielt sie das Schloss auf Spannung, mit der anderen stocherte sie darin herum. Plötzlich gab der Mechanismus nach. »Ich habe mannigfaltige Talente«, murmelte sie und nahm sich vor, Moritz davon zu erzählen, dass sie Schlösser knacken konnte.
Sie griff nach einem Schlüsselring und öffnete die Tür zum Büro ihres Verlobten. Die riesige Wand voller Aktenordner entlockte ihr ein Seufzen. Wo sollte sie bloß mit der Suche anfangen? Sie wusste ja nicht mal, was genau sie hier wollte.
Einer der Schränke in diesem Raum war ebenfalls verschlossen. Jo holte ihre beiden Büroklammern und machte sich ans Werk. Doch dieses Schloss war komplizierter aufgebaut als das im Schreibtisch der Assistentin. »Mist!«, murmelte sie. Sie würde ein anderes Mal wiederkommen müssen.
Trotzdem wollte sie die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Sie sah sich die Ordnertitel an und überlegte, was ihr davon bekannt vorkam. Einige Unterlagen schaute sie kurz durch, aber sie fand keinen Hinweis auf etwas, das ihr unangenehmes Gefühl im Bauch rechtfertigte.
Ein Schloss klickte. Jo griff nach dem Schlüsselring, verließ den Raum, zog die Tür leise zu und schloss mit zitternden Händen ab. Auf Zehenspitzen eilte sie zu dem Tisch der Assistentin und legte den Schlüssel wieder in die Schublade.
»Guten Abend Frau Vogel, ich dachte, Sie sind krank?«, fragte ein junger Anwalt.
Am liebsten wäre Jo vor Scham im Erdboden versunken – es war der Mann, der sie von dem Laternenpfahl freigekauft hatte.
»Kein Anwalt darf krank werden«, erwiderte sie und tat ihr Möglichstes, um ihre Aufregung unter Kontrolle zu behalten. Sie griff nach ihrem Portemonnaie. »Ich schulde Ihnen noch etwas«, sagte sie und reichte ihm fünfzig Euro. »Es war so peinlich, ich wollte den anderen den Abend nicht verderben und dann …«
»Machen Sie sich keine Sorgen, ich verstehe das.«
»Danke«, sagte sie. »Danke, dass Sie mich aus dieser Situation befreit haben.«
»Stimmt das, was die anderen sagen?«, fragte er. Jo schätzte, dass er noch keine dreißig Jahre alt war. »Muss ich mich Ihnen ein zweites Mal vorstellen?«
»Leider ja.« Sie nickte. »Meine Erinnerungen an den Job sind wieder da, aber nur teilweise. Ich bin hergekommen, um meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Die Namen der Klienten kann ich mit ihren Fällen verbinden, aber ich würde sie auf der Straße nicht wiedererkennen. Die Kollegen ebenfalls nicht.«
»Ich bin Felix Riemann«, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand. »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
»Ich weiß nicht«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Dann fiel ihr etwas ein. »Gibt es irgendwo Fotos von den Mitarbeitern? Falls ich tagsüber wiederkommen muss, möchte ich mich nicht blamieren.«
»Sie sind doch noch krankgeschrieben«, wunderte er sich.
»Max hat mir klargemacht, dass er meine Krankheit nicht akzeptiert«, erwiderte sie düster. »Er glaubt mir nicht.«
»An Ihren Partner erinnern Sie sich also noch?«
Sie schüttelte den Kopf. »Er stand am Freitagnachmittag plötzlich in meinem Garten.«
»Wow.« Der junge Anwalt betrachtete sie nachdenklich. »Auf unserer Homepage finden Sie die Fotos der Anwälte und der Chefsekretärin«, sagte er.
»Mensch, da hätte ich selbst draufkommen können!« Jo seufzte. »Ich hatte nur nach der Adresse gesucht.«
»Ich finde es bewundernswert, wie Sie sich diesem Problem stellen«, sagte er. »Ich wüsste nicht, ob ich an Ihrer Stelle den Mut hätte, gleich einen Vertragsentwurf zu schicken. Bis auf eine kleine Frage, die Frau Odens an Sie hatte, war es ein Meisterwerk.«
»Danke, danke.« Sie erwiderte sein Lächeln. »Was machen Sie hier um diese Zeit? Haben Sie nicht Feierabend?«
»Anwälte haben nie Feierabend«, sagte er lachend. »Ich habe zu Hause an einem Fall gearbeitet und ein paar Unterlagen vergessen.« Er ging zu einem Schrank und zog einen Ordner heraus. »Den Rest werde ich rasch hier erledigen, wenn ich ohnehin schon mal da bin.«
»Wer ist Ihr Chef?«, fragte Jo.
»Herr Stein«, erwiderte er.
»Oh, den kenne ich noch nicht«, murmelte sie.
Sein entgeisterter Blick irritierte sie. »Max Stein. Wir sind nicht per du.«
»Herrje! Das ist mir jetzt peinlich. Ich kenne seinen Nachnamen, aber irgendwie hatte ich es gerade verdrängt.« Jo Stein, dachte sie. Jo Neumann klang wesentlich sympathischer. »Wie Sie sehen, muss ich noch viel lernen. Und das betrifft auch und insbesondere private Dinge.«
»Er war nicht besonders gut drauf heute.« Der junge Kollege sah sie mitleidig an. »Werden Sie am Montag heiraten?«
Jo zuckte mit den Schultern. »Würden Sie an meiner Stelle einem Mann das Jawort geben, der Ihnen nicht glaubt? Und doch denke ich immer an mein altes Ich, dem ich vielleicht alles verderbe.«
»Sie müssen Ihren Fall irgendwie glaubhaft darlegen und beweisen.«
»Man kann nicht beweisen, dass man etwas nicht weiß«, sagte Jo. »Damit käme ich bei keinem Richter durch. Theoretisch wäre es möglich, dass ich im letzten halben Jahr heimlich Schauspielunterricht genommen habe und Max jetzt nach Strich und Faden an der Nase herumführe.«
Felix Riemann schüttelte den Kopf. »Das passt nicht zu Ihnen. Sie haben mir am Anfang immer geholfen, wenn ich eine Frage hatte – auch im größten Stress. So kaltblütig wären Sie niemals.«
»Tja, einen Fürsprecher für meinen Charakter hätte ich schon mal gefunden«, sagte sie. »Vor dem Stein’schen Gericht wird das leider nicht ausreichen.«
Der junge Mann strich durch seine Haare. »Spontan habe ich leider keine Eingebung, wie ich Ihnen helfen könnte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hört Ihr Lebensgefährte nicht auf Junior-Kollegen.«
»Wie lange sind wir ein Paar?«, fragte Jo.
»Nun, wir im Büro wissen es seit – lassen Sie mich nachdenken – ziemlich genau vierzehn Monaten. Aber es kursierten schon vorher Gerüchte, deshalb denke ich, dass sie deutlich länger liiert sind.«
»Hm.« Jo dachte nach. Sie am Datum ihrer Mails erkannt, wie lange sie zusammen waren. Knappe drei Jahre, wenn sie es richtig in Erinnerung hatte. Es war schwer, in kurzer Zeit so viele neue Fakten zu erlernen.
Warum hatten Max und sie ihre Beziehung so lange geheim gehalten?
»Habe ich Ihnen gegenüber je erwähnt, dass ich mein Haus verkaufen möchte?«, fragte sie weiter.
»Wir reden kaum über Privates, es tut mir leid.«
Jo seufzte. »Ich komme hier nicht weiter, ich sollte schlafen gehen. Vielleicht habe ich ja ein zweites Mal Glück und mein Gedächtnis kommt zurück. Das Jurawissen ist immerhin wieder da, ich hatte schon befürchtet, bald kein Katzenfutter mehr kaufen zu können.«
»Ihr Vertragsentwurf war perfekt, da müssen Sie sich keine Sorgen machen.« Der junge Anwalt sah auf die Uhr. »Ich erledige dann mal die fehlenden Sachen, morgen muss ich um kurz vor acht Uhr hier sein«, erklärte er mit ernster Miene. »Vor dem Chef kommen, nach dem Chef gehen – Sie wissen schon.«
»Ich will Sie nicht weiter aufhalten«, sagte Jo rasch. »Vielen Dank, Herr Riemann.«
»Keine Ursache.«
Nachdenklich fuhr Jo nach Hause. Plötzlich kam sie auf die Idee, im Gartenhaus nach einem Set zum Schlösserknacken zu suchen, weil sie nur auf diese Weise einen echten Nutzen aus dem Werkzeug ziehen konnte, falls sie sich versehentlich aussperrte.
»Meine Intuition scheint zu funktionieren«, freute sie sich, als sie zehn Minuten später die kleinen Stifte mit ihren unterschiedlichen Haken und Ösen in Händen hielt. »Die Frage ist nur, ob sie mir bei Max die richtigen Informationen liefert.« Ihr Blick fiel auf eine Ecke, wo eine leere Flasche stand. »Hier muss ich wohl auch mal aufräumen«, sagte sie und nahm sich vor, das morgen in Angriff zu nehmen.
Wenn sie schon keine Ordnung in ihrem chaotischen Leben schaffen konnte, dann wenigstens in ihrem Haus.