Kapitel 17 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Ahnte Max, dass sie etwas wusste? Unzählige Fragen quälten Jo, die sich stundenlang in ihrem Bett wälzte. Am Morgen stand sie um fünf Uhr auf und begann, den ersten Stock des Hauses zu putzen. Da sie ohnehin noch zwei Räume durchsuchen musste, konnte sie dabei auch abstauben und die Schränke auswischen. Doch sie fand nichts.
Er war Anwalt und ihr Chef. Es passte so gar nicht zu ihm, dass er in ihrem Garten aufgetaucht war, um den Rasen für sie zu mähen. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Max der häusliche Typ war, der freiwillig gärtnerte.
Möglicherweise hatte er etwas in ihrem Gartenhaus verstecken wollen?
Um acht Uhr am Morgen war sie total verschwitzt, vor Anstrengung und vor Angst. Sie duschte ausgiebig und machte sich für den Besuch bei Johanna fertig.
»Du bist heute nicht besonders gut drauf«, bemerkte die Patientin nach wenigen Minuten Smalltalk. »Dabei dachte ich, dass du mich aufheitern würdest. Ich habe herausgefunden, dass der gutaussehende Assistenzarzt verheiratet ist.«
»Schade. Auf mich wirkst du trotzdem ziemlich munter«, redete Jo sich heraus.
»Sind deine Erinnerungen zurückgekommen?«, fragte Johanna.
Jo schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber ich habe mehr herausgefunden. Und auch wenn du es mir nicht glauben wirst, aber ich würde zu gern mit dir tauschen. Lieber monatelang wie eine Verrückte büffeln, statt ein unlösbares Problem auf dem Tisch zu haben.«
»Es gibt keine unlösbaren Probleme.«
»Wer behauptet das?« Jo lachte hektisch.
»Warum drehen wir den Spieß nicht einfach mal um?«, schlug Johanna vor. »Heute helfe ich dir, mit deinem verzwickten Leben zurechtzukommen.«
»Ich fürchte, da kann mir niemand helfen. Moritz tut sein Bestes, aber auch er ist ratlos.«
»Moritz?« Johannas Augen begannen zu leuchten. »Hast du ihn wieder getroffen?«
Jo nickte. »Er verhält sich wie ein guter Freund – und er will mir helfen, wirklich. Aber ich habe Angst, dass er sich von mir zurückzieht, weil ich so viel Dreck am Stecken habe. «
»Das kann ich mir nicht vorstellen«, erwiderte Johanna. »Wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber du bist kein Arschloch. Einer meiner Tutoren, der ist fies. Es geht das Gerücht herum, dass er die Studenten, die er betreut, zwingt, für ihn Recherchen zu übernehmen. Ich bin froh, dass ich mit dem nichts zu tun habe. Noch nicht. Wer weiß, was das Schicksal noch für mich bereithält.«
»Vielleicht sind Anwälte ja eine besonders gerissene Spezies?«, fragte Jo nachdenklich.
»Meine Eltern sind unglaublich ehrgeizig«, sagte Johanna. »Sie arbeiten Tag und Nacht. Aber sie sind nicht hinterhältig – höchstens vor Gericht, wenn sie für ihre Klienten die Wahrheit ein wenig verdrehen.«
»Und du bist dir sicher, dass du Jura fertig studieren möchtest?«, fragte Jo. »Immerhin könntest du auch eine Bäckerei eröffnen und das weltbeste Apfelkuchenrezept entwickeln.«
Johanna lachte. »Leider kann ich überhaupt nicht backen. Als Studentin geht das auch nur in der Gemeinschaftsküche, in meinem Appartement gibt es nur zwei Kochplatten und eine Mikrowelle. Das weißt du ja.«
»Warum willst du weiter studieren?«, fragte Jo streng. »Du wirst dich durchbeißen müssen, die Frage ist deshalb sehr wichtig.«
Johanna blickte verlegen auf ihre Bettdecke. »Wenn man Menschen zu ihrem Recht verhilft, ist das etwas Gutes. Es ist nicht nur ein Kampf, bei dem der Stärkere gewinnt. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit.«
»Gerade sehe ich das anders«, sagte Jo frustriert.
Johanna richtete sich auf. »Dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo du dir von mir helfen lassen solltest. Morgen darf ich zum ersten Mal aufstehen. Ich verspreche dir, dass ich in einer Woche einsatzfähig bin. Egal, was es ist. Und ein bisschen was verstehe ich auch von Jura, immerhin bin ich in einem Juristenhaushalt aufgewachsen.«
In diesem Moment klingelte Jos Handy. Es war Frau Schnabel. »Ja?«, meldete sie sich eilig.
»Frau Vogel, wie geht es Ihnen? Ich habe noch ein paar letzte Fragen zu Ihrer Hochzeit, damit …«
»Kann ich Sie zurückrufen?«, fragte Jo. »Ich bin gerade bei einem Kunden.« Sie verabschiedete sich und legte auf.
Johanna riss die Augen auf und sah sie fragend an.
»Die Hochzeitsplanerin.«
»Du hast noch nicht abgesagt?«
Jo schüttelte den Kopf. »Sie ist vorgewarnt. Ich wollte damit warten, bis ich meine Situation besser einschätzen kann.«
»Nach dem, was du mir eben angedeutet hast, ist das mittlerweile der Fall«, sagte Johanna ruhig.
Jo wog ihre Optionen ab. Sie konnte niemandem vertrauen, der ihr früheres Ich kannte. Johanna und Moritz waren die einzigen Personen, die sie nach ihrem Gedächtnisverlust kennengelernt hatte. »Ich könnte wirklich Unterstützung brauchen. Ich weiß aber noch nicht, wie deine Hilfe konkret aussehen könnte«, warnte sie die Studentin.
»Dann erzähl erst mal, worum es überhaupt geht«, schlug Johanna vor.
»Max ist ein Heiratsschwindler. Zumindest spricht viel dafür.«
Johanna pfiff durch die Zähne. »Wie hast du es herausgefunden?«, fragte sie.
Jo erzählte von dem belauschten Telefonat, von den Flaschen und flüsternd von den Drogen, die sie unter einem Teppich unter einer Kommode im Gästezimmer versteckt hatte. »Irgendjemand hat einen Schlüssel zu meinem Haus, denn Moritz hat mir bestätigt, dass meine Blutwerte in Ordnung sind. Schweren Alkohol- oder Drogenmissbrauch hätte er gesehen. Und dann diese Mail – Max hat seinem Münchner Kollegen geschrieben, dass er mich unter Druck setzen will.«
»Wer außer deinem Verlobten sollte einen Schlüssel zu deinem Haus haben?«, fragte Johanna. »Sobald er merkt, dass du das Schloss ausgetauscht hast, wird er misstrauisch werden. Du musst es auf deine Amnesie schieben und dich in seinen Augen kränker machen, als du bist.«
Jo runzelte ihre Stirn.
»Das ist doch logisch! Wenn er dich für schwach hält, wird er sich weniger Mühe geben. Sag ihm, dass du unter Verfolgungswahn leidest, dass du nicht mehr schlafen kannst und deshalb mitten in der Nacht die Schlösser von einem Schlüsseldienst hast austauschen lassen, nachdem du die Polizei gerufen hast.« Johannas Augen leuchteten. »Nein, noch besser ist, wenn ich es ihm erzähle. Ich sage, dass ich dein Vertrauen gewonnen habe, berichte von dem Vorfall und bitte ihn, dass er nett zu dir ist und auf dich achtet.«
»Hm.« Jo seufzte schwer. »Das ist so gar nicht nach meinem Geschmack, aber ich verstehe, worauf du hinauswillst.«
»Siehst du, meine Idee ist gar nicht schlecht«, sagte Johanna und trommelte mit den Fingern auf der Bettdecke herum. »Es stellt sich nur die Frage, warum er dir das antut. Du musst irgendetwas herausgefunden haben.« Sie blickte Jo an. »Vielleicht hast du ihm damit gedroht, ihn anzuzeigen und die Hochzeit platzen zu lassen?«
»Wenn ich das wüsste, würde ich es dir erzählen.« Jo lachte laut auf. »Nachdem ich dir gerade eine Straftat gebeichtet habe, würde das den Kohl nicht mehr fett machen.«
»Ich stecke in einer ähnlichen Situation«, sagte Johanna verlegen. »Einer meiner Kommilitonen züchtet auf dem Dachboden seiner Vermieterin Gras. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich vorhatte, ihn zu besuchen und ihn zu bitten, damit aufzuhören.«
»Dann könnte dir dasselbe passieren«, sagte Jo. »Er stopft dein Auto mit dem Zeug voll und ruft die Polizei. Niemand wird dir abnehmen, dass dir die Drogen nicht gehören.«
»An so etwas habe ich auch schon gedacht«, sagte sie nachdenklich. »Er ist total stolz auf seinen Coup, weil die alte Dame im Erdgeschoss wohnt und wegen ihrer Knie schon lange keine Treppen mehr hinaufsteigen kann. Er kauft regelmäßig für sie ein und tut viel für sie. Wenn das Ganze auffliegt, wird er vermutlich behaupten, dass es ihrem Enkel gehört und dass er nichts damit zu tun hat. Irgendwie hat er sich bestimmt abgesichert.«
Jo schüttelte den Kopf. »Riecht das denn niemand?«, wollte sie wissen.
»Ich habe es gerochen«, erwiderte sie. »Genau einmal. Danach nie wieder. Vielleicht war seine Belüftungsanlage ausgefallen. Ich habe ein bisschen zum Thema gegoogelt.«
»Ist es dein Freund?«
Johanna seufzte. »Er hat mit mir geflirtet. Seit ich das mit dem Gras herausgefunden habe, bin ich auf Tauchstation gegangen.«
Jo dachte nach. »Findest du das nicht merkwürdig?«, fragte sie. »Wir sind die Einzigen, die sich an Apfelkuchen erinnern können und jetzt haben wir auch noch fast dasselbe Problem. Und wir stammen beide aus München, unsere Eltern besitzen eine Kanzlei. Außerdem haben wir denselben Vornamen.«
»Wenn Apfelkuchen ein Problem wäre, würde ich mich erschießen.« Johanna lachte. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass du meine ältere Schwester bist. In schöner, erfolgreicher, mutiger, durchsetzungsstärker und …«
»Schluss jetzt!«, bat Jo. »Diese Lobhudelei ist nicht gerechtfertigt.«
»Trotzdem könntest du mir beibringen, wie man sich in dich verwandelt«, sagte Johanna. »Seit meine Laune so in den Keller ging, habe ich nichts mehr aus mir gemacht. Nur noch Jogginghosen getragen, im Bett gelegen … Früher habe ich in meiner Freizeit in Secondhandläden nach besonderen Stücken gesucht, aber die braucht man nicht, wenn man nur im Discounter einkaufen geht.«
Jo zuckte mit den Schultern. »Wärest du in meiner Situation aufgewacht, könntest du jetzt auch so herumlaufen wie ich.«
»Ich würde echt gern mit dir tauschen«, gestand Johanna. »Trotz deiner Probleme.« Sie betrachtete ihre Fingernägel. »Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich sie lackieren soll, aber dann habe ich es getan. Trotzdem wandern sie noch immer ständig zu meinem Mund.«
»Wenn du möchtest, besorge ich dir einen dieser bitter schmeckenden Lacke«, schlug Jo vor. »Oder ich organisiere dir eine Nagelkosmetikerin.«
»Das ist lieb von dir. Ich denke darüber nach.«
»Es hat keine Eile«, sagte Jo. »Wichtiger ist, dass du die Sache mit deinem Bekannten geradebiegst. Ich an deiner Stelle würde als Erstes zu der alten Dame gehen und mit ihr gemeinsam Anzeige bei der Polizei erstatten.«
»Stimmt, das ist eine gute Idee.«
»Allerdings müsste man vorher noch überprüfen, ob dieser Enkel nicht vielleicht beteiligt ist.«
Johanna richtete sich auf. »Wir helfen uns gegenseitig. Du übernimmst meinen Fall, ich deinen. Ich behaupte einfach, eine Freundin von irgendeinem Hobby von dir zu sein und dass ich mir Sorgen mache.«
»Sorry, außer Skiklamotten habe ich noch keine Hinweise auf Freizeitaktivitäten gefunden.« Jo zuckte mit den Schultern. »Und ich laufe wohl gern.«
»So viele Gemeinsamkeiten haben wir dann doch nicht«, sagte Johanna seufzend. »Ich war noch nie joggen, obwohl ich mir schon oft vorgenommen habe, etwas für meine schlaffe Figur zu tun.«
»Sobald du wieder fit bist, kannst du damit anfangen«, schlug Jo vor. »Das sollte das kleinste Problem sein.«
»Da hast du recht«, sagte Johanna. »Obwohl mein innerer Schweinehund sicher weinen wird. Er würde viel lieber Apfelkuchen essen.«
Jo runzelte ihre Stirn. »Du darfst mich gerne für verrückt halten, aber dieses Kuchenproblem macht mir fast mehr Sorgen als Max, weil es nicht logisch erklärbar ist.« Sie blickte nachdenklich aus dem Fenster. »Vielleicht ist das alles hier nur ein Traum und mein Geist hat beschlossen, dass es in einer virtuellen Welt keinen Apfelkuchen gibt.«
Johanna nickte. »Ich verstehe, was du meinst. Aber wenn es ein Traum ist, kannst du ihn beeinflussen. Nimm dir fest vor, morgen Apfelkuchen zu essen, und wenn es dann immer noch keinen gibt, plädiere ich messerscharf für die Realität.«
»Da ist etwas dran«, sagte Jo langsam. »Davon abgesehen habe ich noch nie gehört, dass sich ein Traum über Tage hinzog. Normalerweise erlebt man doch nur einzelne Szenen, oder?«
»So kenne ich das auch«, bestätigte Johanna. »Mach dir um den Kuchen nicht so viele Gedanken. Es gibt genügend andere Sorten, mit denen wir uns den Bauch vollschlagen können.«
»Nicht, dass mir nachher meine schicken Klamotten nicht mehr passen«, sagte Jo besorgt. »Stell dir mal vor, mein altes Ich wird irgendwann wach und ich habe zehn Kilo zugenommen und schaffe keine drei Kilometer mehr. Die wird sich bedanken.«
»Das hier ist kein Traum«, sagte Johanna und rieb über ihren Oberschenkel. »Ich habe nämlich immer noch Schmerzen im Bein.«
Jo kniff sich in den Arm. »Au!«, rief sie. »Du hast recht«, sagte sie schließlich. »Selbst, wenn es ein Traum ist, muss ich mein Leben weiterleben. Denn falls es keiner ist, werde ich mich ärgern, den Karren in den Sand gesetzt zu haben.«
»Das ist die richtige Einstellung!«, lobte Johanna. »Auch im Traum sollten wir für unsere Ziele kämpfen. Wenn wir es dort nicht tun, machen wir es im richtigen Leben auch nicht.«
»Du entwickelst dich noch zu einer Philosophin«, sagte Jo nicht ohne Bewunderung in der Stimme.
»Ich habe sonst nicht viel zu tun«, erwiderte Johanna. »Dass du mir so selbstlos hilfst, gibt mir Auftrieb. Ich will dir etwas zurückgeben. Und ich will so werden wie du.«
»Ohne Erinnerung?« Jo lachte hektisch.
»Nein, eine Frau, die im Leben steht, die offen für die Liebe ist, die sich ein Haus gekauft hat, weil es ihr gefällt, und die trotzdem für andere Menschen da ist. Du hast so viel erreicht, das finde ich klasse. Meine Eltern habe ich nie für ihre renommierte Kanzlei bewundert, weil sie schon immer da war, seit ich mich erinnern kann. Jetzt sehe ich das anders.«
»Du wirst deinen Weg machen«, sagte Jo. »Und wenn dich jemand daran hindert, verklagen wir den einfach.«
»Wofür?«, fragte Johanna.
»Uns fällt schon etwas ein.« Sie grinste. »Wäre das hier wirklich ein Traum, würde ich deine Eltern dafür verklagen, dass sie nicht herkommen, um dich zu unterstützen.«
Johanna blickte aus dem Fenster.
»Was?«, fragte Jo scharf.
»In diesem Punkt habe ich dich angelogen«, gestand die junge Frau verlegen. »Sie wissen noch gar nicht, dass ich im Krankenhaus bin.«
»Wetten, dass sie alles stehen und liegen lassen, um dich zu besuchen?«, fragte Jo.
»Wetten, dass ein wichtiger Fall sie daran hindert?«
»Wir brauchen einen Wetteinsatz«, sagte Jo mit fester Stimme.
Doch Johanna schüttelte nur traurig den Kopf. »Ich will nichts tun müssen, weil ich eine Wette verloren habe. Lieber tue ich die Dinge, weil ich sie für richtig erachte.«
»Da hast du auch wieder recht.«
Auf dem Heimweg war Jo nachdenklich. Johanna hatte ihr gleich zwei Geheimnisse anvertraut. Sie hatte ihre Eltern nicht kontaktiert und ein Bekannter züchtete Drogen auf dem Dachboden seiner Vermieterin.
Die Parallelen zu ihrem eigenen Leben erstaunten sie. Auch Jo hatte noch nicht mit ihren Eltern gesprochen, die Max mit Lügen in Sicherheit wog.
Bald musste sie ihnen alles erklären.