Kapitel 19 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Etwas stimmte mit dem Rasenmäher nicht, davon war Jo jetzt überzeugt. Es war ja schon merkwürdig gewesen, dass Max den Rasen hatte mähen wollen – das passte so gar nicht zu dem arroganten Anwalt, der eine Haushaltshilfe beschäftigte, damit er sich die Finger nicht schmutzig machen musste. Trotzdem ignorierte Jo das schwere Gerät zunächst und ging ins Obergeschoss. Dort gab es im Flur eine Klappe zum Dachboden, die sie bisher nicht registriert hatte, da sie geschickt in die Decke integriert worden war. In einer Ecke fand sie einen Stab mit Haken und zog damit an der kleinen Metallschlaufe. »Mit Leiter, nicht schlecht«, sagte sie zu sich selbst.
Jo kletterte nach oben. Alles konnte Max in ihrer Abwesenheit hier verstecken, sogar ein ganzes Auto in Einzelteilen.
»Gott sei Dank!« Jo atmete auf, als sie den staubigen Raum leer vorfand. Ein Auto hatte hier niemand deponiert. In gebückter Haltung prüfte sie jede Ecke. Sie ging zu einem der Dachfenster, öffnete es und schnappte nach Luft. »Puh!«
Was war das? Ein Faden oder ein Draht? Er führte durch das Fenster auf den Dachboden und war an einem kleinen Nagel befestigt worden.
Vorsichtig zog sie daran. »Das gibt es doch nicht!« Sie reckte sich und starrte nach draußen.
In der Dachrinne lag ein grau eingewickeltes Päckchen! Sie musste mehrmals die Augen zusammenkneifen, um seine Größe abschätzen zu können, da die Farbe perfekt zum Aluminium der Rinne passte.
Danach hatte Max also gesucht! Mit einer Leiter hätte er es sich in ihrer Abwesenheit auch ohne Schlüssel holen können.
»Der hat ja wohl einen Dachschaden!«, rief sie frustriert.
Sie atmete tief durch und zog vorsichtig an der Schnur, damit diese nicht abriss. Das Päckchen hüpfte über die Dachziegel nach oben. »Das ist ein Albtraum«, murmelte sie. Hoffentlich stand die Nachbarin nicht hinter ihren hochspiegelnd verglasten Fenstern und beobachtete sie, um anschließend die Polizei anzurufen.
Jo wollte das Päckchen schon anfassen und öffnen, aber dann entschied sie sich anders, trug es mit spitzen Fingern an der Schnur nach unten in ihre Küche und öffnete es mit Handschuhen. Keine unnötigen Fingerabdrücke hinterlassen, lautete die Devise.
»Was soll das?«, fragte sie sich, als sie die dicken Plastikschichten vorsichtig nacheinander mit einer Haushaltsschere löste. Zum Vorschein kamen viele kleine durchsichtige Tütchen mit bunten Pillen.
»Noch mehr Drogen?« Jo konnte es nicht fassen. »Oder sind das Medikamente?« Allmählich wurde ihr klar, dass der Apfelkuchen ihr kleinstes Problem war. Diese Sachen mussten von Max stammen, auch wenn sie ihm das nicht nachweisen konnte. Sein Blick hinauf zum Dach hatte ihn verraten.
Er konnte sie jederzeit wegen Drogenbesitz verklagen, dann wäre ihre Karriere auf einen Schlag vorbei.
Weshalb war sie diesem Mann auf den Leim gegangen?
Jo schloss kurz die Augen. Es konnten auch Magensäure-Blocker und Vitaminpillen sein. Wenn es ihm nur darum ging, sie unter Druck zu setzen, war das mit einem Besuch in der Apotheke spielend zu erreichen. Zu gerne hätte sie die Inhaltsstoffe bestimmen lassen, aber das war zu riskant.
Die Uhr tickte, sie musste handeln und dafür sorgen, dass sie sämtliche Fallen beseitigte, die er ihr stellte.
Das war so verrückt! Jo hatte gerade erst mit Johanna darüber gesprochen, dass diese auch jemanden kannte, der Drogen auf einem Dachboden versteckte. Weshalb befand Sie sich jetzt in derselben Lage?
Zunächst musste Jo das Päckchen loswerden. Herrn Noah wollte sie nicht um Hilfe bitten, der hatte mit seiner Kanzlei bereits genug zu tun. Und Johanna konnte noch nicht mal richtig laufen. Die junge Frau würde ihr höchstens moralischen Beistand leisten.
Nachdem Jo zehn Minuten lang im Haus umhergetigert war und nachgedacht hatte, traf sie eine Entscheidung, nahm die Pillen aus ihren Tütchen und spülte sie die Toilette hinunter. Da die Kapseln nicht untergehen wollten, saß sie über eine Stunde lang neben der Klobrille und öffnete die Gelatinehüllen. Danach wiederholte sie die Prozedur mit dem Koks.
Hinterher fühlte sie sich total elend. Hoffentlich hatte sie nicht zu viel von dem Dreck eingeatmet!
Die Plastiktüten verbrannte sie zusammen mit viel Papiermüll an der Feuerstelle im Garten.
»Dieser Gestank, das ist ja wohl eine Frechheit, gleich rufe ich die Feuerwehr!«, keifte die Nachbarin aus ihrem Fenster.
Wenn die wüsste, dachte Jo und reagierte nicht. Zwei Minuten später beschloss sie, dass es heikel war, die Drohung zu ignorieren, und rief selbst bei der Feuerwehr an. »Hier ist die Berger Straße 23«, sagte sie, »eine Nachbarin hat mir gerade gedroht, Sie zu alarmieren. Ich möchte nur Bescheid sagen, dass alles in Ordnung ist. Ich wollte ein paar Kartons verbrennen und da hing ein bisschen zu viel Klebeband dran. Kommt nicht wieder vor, versprochen.«
Nachdem das erledigt war, holte sie sich einen Stuhl von der Terrasse, setzte sich hin und wartete, bis der letzte Rest des Feuers verloschen war.
Im Dunkeln zog sie den Rasenmäher aus dem Gartenhäuschen und rollte ihn auf die Fliesen im Wohnzimmer, die sie notdürftig mit einem alten Betttuch schützte. Hauptsache, sie konnte ungestört arbeiten.
Sicherheitshalber ließ Jo sämtliche Rollläden herunter, damit niemand sie beobachten konnte.
Vorsichtig drehte sie den schweren Mäher auf die Seite und suchte mit einer Taschenlampe nach verdächtigen Gegenständen.
»Max muss eindeutig verrückt sein!«, murmelte sie, während sie das rote Metallgehäuse vom Motor herunterschraubte. Allein die Tatsache, dass er so viele Drogen beschaffen konnte, legte nahe, dass er ein echtes Problem hatte. Vielleicht war er in dunkle Geschäfte verstrickt und beriet die Mafia oder eine andere kriminelle Organisation. So oder so – irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht.
»Das gibt es ja nicht!«, rief sie, als sie die Haube abhob. Mit silberfarbenem Tape war etwas an der Innenseite befestigt worden. Sie ging in die Küche, holte sich ein Messer und schabte vorsichtig das Klebeband weg. Sie seufzte. »Noch mehr Drogen!«, rief sie frustriert. Dieses Mal waren es kleine weiße Tabletten. Wenn Max den Rasenmäher mitgenommen und ihn als Beweis vorgelegt hätte, dann stünde die Polizei womöglich schon auf ihrem Grundstück.
Jo baute das Gerät wieder zusammen und überlegte, ob sie es zurück ins Gartenhaus schieben sollte. Da es schon spät war, beschloss sie, es am nächsten Morgen zu erledigen.
Aus irgendeinem Grund war sie felsenfest davon überzeugt, dass sie jetzt alle Verstecke gefunden hatte.
Vielleicht war die Scheidung der Grund für seine finanziellen Probleme? Wahre Liebe fragte nicht nach Geld. Jo hätte ihrem Verlobten helfen können, seine Schulden zu tilgen. Mittlerweile konnte sie sich durchaus vorstellen, dass Max ihre Amnesie verursacht hatte.
Am nächsten Morgen lauerte sie mit einer Tasse Kaffee hinter dem Terrassenfenster und beobachtete das Nachbarhaus. Sie wollte nicht dabei beobachtet werden, wie sie den Rasenmäher aus dem Wohnzimmer schob. Zu ihrem Glück war Frau Kohl ein früher Vogel und fuhr mitsamt einem Arm voller Einkaufstaschen weg. Jo atmete auf und brachte den Rasenmäher wenige Minuten später in das Gartenhaus. Danach lüftete sie lange durch, da das Gerät seinen öligen Duft auf der gesamten Etage verströmt hatte, entsorgte die neu gefundenen Drogen, verbrannte die Verpackung und ging duschen.
Anschließend fuhr sie zu Johanna ins Krankenhaus. Sie musste mit jemandem reden, und sie wollte außerdem versuchen, Moritz in der Mittagspause zu erreichen.
»Wie geht es dir?«, fragte Jo die Studentin, als sie das Krankenzimmer betrat.
»Merkwürdig«, gestand Johanna und zupfte an ihrer Jogginghose. »Du hast mich da auf eine komische Idee gebracht. Seit gestern habe ich ständig das Gefühl, dass mein Leben nur ein Traum ist.«
Jo seufzte. »Mir geht es genauso, ich befinde mich mitten in einem Albtraum.«
»Bei mir ist es ein guter Traum«, erklärte Johanna eifrig. »Ja, ich bin aufgewacht und lag im Krankenhaus, das war mehr als beschissen.« Ihre Augen leuchteten. »Aber seitdem läuft alles besser, als ich es mir je vorstellen könnte. Du warst mein rettender Engel – du hast meine Wohnung geputzt, du hast mir Klamotten gebracht, du warst für mich da und hast mich aufgeheitert. Du machst mir Mut für das Studium, weil du deinen Beruf liebst. Wenn ich nachts wach liege, kann ich mein Glück kaum fassen.«
Jo seufzte. »Dann haben wir doch weniger Gemeinsamkeiten, als ich dachte.« Sie holte tief Luft und berichtete.
»Was hast du mit den Drogen gemacht?«, fragte Johanna besorgt.
»Ich habe alles schwimmen geschickt«, erklärte Jo cool.
»Du hast die Sachen ins Klo gespült?«, fragte Johanna. »Und wenn der Besitzer des Päckchens seine Beute zurückhaben möchte?«
Jo zuckte mit den Schultern. »Eins, zwei, drei – Chance vorbei! Ich hoffe und bete dafür, dass ich alles gefunden habe. Falls es noch mehr gibt, bin ich geliefert.«
»Dir ist schon klar, dass man dich für die Dinge, die du sagst, hier im Krankenhaus behalten könnte?«
Jo seufzte. »Wäre es anders, würde ich nachts besser schlafen. Moritz hat einen Teil der Ware gesehen. Es ist leider kein Scherz.«
»Du solltest mit ihm reden«, schlug Johanna vor.
Jo nickte. »Ich hoffe, ihn in seiner Mittagspause sehen zu können. Deshalb wollte ich unbedingt ein wenig früher kommen.«
»Na dann drücke ich dir die Daumen«, sagte Johanna. »Es wäre einfacher gewesen, wenn du ihn vorher angerufen hättest.«
»Ich wollte ihn nicht beunruhigen.«
Johannas Hand wanderte zu ihrem Mund, dann zuckte sie zurück und seufzte. »Ganz ehrlich, ich denke nicht, dass Moritz das ohne weiteres wegsteckt. Dafür ist er zu feinfühlig und sensibel.«
»Meine größte Angst ist«, bekannte Jo, »dass er nichts mehr mit mir zu tun haben möchte, weil so viele verrückte Dinge in meinem Umfeld geschehen. Entweder hält er mich für psychisch krank oder für eine Mafiabraut. Eine dritte Alternative gibt es nicht.«
»Da ist etwas Wahres dran«, gab Johanna zu. »Trotzdem habe ich bei dir ein gutes Gefühl – ich vertraue dir uneingeschränkt.«
»Leider kann ich dir meine Vertrauenswürdigkeit nicht beweisen. Es wäre sogar möglich, dass ich dein Appartement ausgeräumt habe.«
Johanna schüttelte lächelnd den Kopf. »Eine Kommilitonin war gestern da und hat mir sogar Fotos geschickt, so sauber war alles. Du hast wirklich jeden Winkel gereinigt. Sie hat zum Spaß mit den Fingern hinter die Bücher gefasst, es war alles blitzblank.«
»Ich bin einmal im Kreis mit dem Lappen über alle Möbel«, sagte Jo. »Das ist doch nichts Besonderes.«
»Oh doch«, widersprach Johanna.
»Naja, das eingetrocknete Geschirr und der Müll waren ein bisschen eklig. Aber da du eine schwere Phase durchgemacht hast, verzeihe ich dir das großmütig.«
Johanna schüttelte sich. »Mir wird selbst schlecht, wenn ich daran denke.«
Eine Weile witzelten sie über weglaufenden Kühlschrankinhalt und über die Sauberkeit der Studenten. Doch hinter ihrer fröhlichen Fassade brodelte es in Jo.
So viele Fragen, so viele Merkwürdigkeiten. Und gehörte nicht auch Johanna dazu?
Larissa hatte am Telefon erzählt, dass die Patientin ein besonders schwieriger Fall sei, aber Jo war spielend mit ihr fertig geworden.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Vielleicht litt sie unter einer schweren psychischen Krankheit mit Wahnvorstellungen. Auch wenn Jo nicht gewillt war, einfach aufzugeben und sich in die Psychiatrie einliefern zu lassen, so durfte sie diese Möglichkeit nicht mehr ausschließen.