Kapitel 20 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Jo verließ Johanna ein wenig früher als geplant und setzte sich auf einen Sessel in der Krankenhaus-Lobby, um in Ruhe nachzudenken. Sie öffnete die Notizen-App ihres Handys und erstellte eine Liste:
Dieses Leben ist nur ein Traum, …
… weil es keinen Apfelkuchen gibt und nur Johanna und Herr Engel Apfelkuchen zu kennen scheinen.
… weil es sich gerade in einen unrealistischen Albtraum verwandelt.
… weil Johannas Laune sich zu schnell gebessert hat.
… weil Max sich nicht wie ein Mann verhält, der mich liebt.
… weil Moritz ein wunderbarer Mensch ist, den ich am liebsten sofort heiraten würde, obwohl wir uns erst seit wenigen Tagen kennen.
Sie starrte das spiegelnde Display ihres Telefons an. Gab es in Träumen Handys?
Jo atmete tief durch. Sie hatte das Problem, das sie beschäftigte, eingekreist. Nicht bei Max musste sie nach einer Lösung suchen, nein – vielleicht war dieser Herr Engel der Schlüssel. Ihr kauziger Nachbar, der immer wieder in ihrem Leben auftauchte.
Sie ging zum Schwesternzimmer und fragte nach dem alten Mann, doch die diensthabende Stationsleitung kannte ihn nicht. Dann zog Jo ihr Handy aus der Tasche und rief Larissa an.
»Hey, endlich meldest du dich mal!«, wurde sie begrüßt. »Ich frage mich seit Tagen, ob dir eine Laus über die Leber gelaufen ist.«
»Nein, ich habe nur Stress«, erwiderte Jo rasch, »das hat mit dir nichts zu tun. Entschuldige.«
»Das weiß ich doch.« Larissa räusperte sich. »Wie geht es dir?«, wollte sie wissen. »Hast du dich schon entschieden?«
»Ich habe gleich ein Date, jedenfalls hoffe ich das«, sagte Jo.
»Ich dachte, Max ist auf Mallorca?«
»Ich fahre nicht zweigleisig. Nicht wirklich jedenfalls.«
»Das passt auch nicht zu dir.« Larissa klang plötzlich streng.
Wie dumm, dass Jo den Charakter ihrer Freundin nicht kannte! Es war schwierig abzuschätzen, was sie erzählen konnte.
»Eigentlich rufe ich wegen Herrn Engel an«, sagte sie. »Kannst du mir seine Telefonnummer geben?«
»Herr Engel?«
»Ich meine den älteren Herrn, der sich hier um Patienten kümmert. Der auch mein Nachbar ist.«
»Wenn es dein Nachbar ist, dann geh doch einfach hin und frag ihn selbst«, schlug Larissa vor.
»Du hast recht«, sagte sie. »Aber ich bin gerade nicht zu Hause und habe eine Frage. Das geht doch schnell – oder störe ich dich bei etwas Wichtigem?«
»Du störst nicht. Aber kann es sein, dass du da etwas verwechselst?«, fragte Larissa. »Ein Herr Engel ist nicht in unserem Verein, das wüsste ich, schließlich pflege ich die Mitgliederliste.«
»Kannst du trotzdem für mich nachsehen?«, bat Jo. »Es ist mir sehr wichtig.«
»Moment.« Zu ihrer Erleichterung hörte sie, wie Larissa anfing zu blättern. »Dohm, Edel, Ehrings, Fabrizio, Fernando … Tut mir leid, kein Herr Engel zu finden. Es hätte mich auch gewundert. Bevor du fragst, die Liste ist von vor drei Tagen, also noch ganz neu.« Larissa schwieg einen Moment lang. »Ich hatte gehofft, dich endlich als Vereinsmitglied zu gewinnen, nachdem du bei der jungen Frau Schmitt so erfolgreich warst.«
»Sei ehrlich, die war gar nicht wirklich depressiv, oder?«, fragte Jo.
»Wie kommst du denn darauf?« Larissa klang misstrauisch.
»Weil sie so schnell aufgetaut ist«, sagte Jo rasch. »Ich führe das nicht auf meine umwerfenden psychologischen Fähigkeiten zurück.«
»Vielleicht hattest du Glück«, räumte Larissa ein, »aber glaub mir, vor dir saß eine Psychologin eine Woche lang jeden Tag an ihrem Bett und ist keinen Millimeter weitergekommen.«
»Okay, danke«, erwiderte Jo. »Ich muss jetzt los, wir reden später, ja?«
»Wirst du Mitglied in unserem Verein?« Larissa war noch nicht bereit, sie so schnell aus der Unterhaltung zu entlassen.
»Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, wie stressig mein Job in nächster Zeit wird«, versuchte sie, Zeit zu gewinnen.
»Das sagst du immer«, entgegnete Larissa. »Der Job, der Job, der Job. Bist du mit deinem Arbeitsplatz verheiratet?«
Jo gab sich einen Ruck. »Samstags könnte ich ein wenig Zeit aufbringen. Dann würde ich morgens den Patienten besuchen und ihm nachmittags eine Zahnbürste oder ein neues Shampoo vorbeibringen.«
»Na das ist doch ein Wort!«, freute Larissa sich. »Ich schicke dir das Formular zu.«
»Tu das.« Jo seufzte innerlich. Hoffentlich hatte sie sich da nicht mehr aufgeladen, als sie bewältigen konnte.
Sie verabschiedete sich von Larissa, steckte ihr Handy weg und kniff sich in die Wangen. Dann lief sie zu Moritz’ Büro.
»Hallo, Jo!«
Mit einem breiten Lächeln drehte sie sich um. Ihr Lieblings-Radiologe trat auf sie zu. »Hi! Ich war auf der Suche nach dir.« Sie nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest.
»Darf ich dich in die Kantine einladen?«, fragte er. »Ich habe Hunger.«
»Darauf habe ich gehofft.« Tausend bunte Blubberblasen stiegen in ihrem Inneren auf. All die Sorgen, all die Merkwürdigkeiten, die sich in ihr Leben drängten, konnten Jo mal gernhaben. Jetzt zählte nur eins: Sie, Moritz und eine wunderschöne gemeinsame Zeit.
Während des Essens erzählte sie von dem Chef ihrer Kanzlei und wie nett er gewesen war. »Er ist verständnisvoll und sympathisch«, sagte sie begeistert. »Dass Max möglicherweise nach München wechseln will, hat ihn geschockt, aber er wird sich darauf vorbereiten.« Sie sah ihn neugierig an. »Und wie läuft es bei dir?«
»Ganz gut«, erwiderte er. »Momentan denke ich häufig an den Tag zurück, wie ich während meiner Zeit in der Chirurgie fast so weit war, alles hinzuwerfen. Eine Zufallsbegegnung half mir, mich wieder auf mein Ziel zu fokussieren.«
»Und weshalb beschäftigt dich das so sehr?«, fragte sie interessiert nach.
»Seit ich dich kennengelernt habe, glaube ich wieder an das Schicksal«, sagte er verlegen. »Besser kann ich es nicht erklären.«
Jo schluckte. War er etwa drauf und dran, ihr seine Liebe zu gestehen? »Ich werde morgen Abend mit meinen Eltern reden und die Hochzeit anschließend absagen.«
Moritz strahlte. »Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das erleichtert.«
»Ich habe genug Beweise gesammelt, um meine Entscheidung vor meinem alten Ich vertreten zu können«, erklärte sie ernsthaft. »Das war mir wichtig. Man zerschlägt kein Porzellan, das einem nicht gehört.«
»Das verstehe ich.«
»Und jetzt lass uns über etwas anderes reden«, bat sie. »Erzähl mir von dir. Wo möchtest du in fünf Jahren beruflich stehen?«
Moritz lächelte. »Langfristig würde ich gerne in einer Radiologiepraxis arbeiten, das wäre mein Traum.«
»Du findest bestimmt eine super Stelle«, sagte Jo. Um nicht über sich reden zu müssen, fragte sie Moritz weiter aus. Über seine Freunde, seine Lieblingsbeschäftigung neben dem Laufen und über seine Kochkünste.
»So sehr ich ein gutes Essen zu schätzen weiß«, sagte er, »aber leider bin ich kein begnadeter Koch. Vielleicht mache ich demnächst mal einen Kurs, wenn ich ein wenig Zeit finde. Dann muss ich meine Freunde nicht immer zu Wein und Snacks einladen.«
»Ich bin mir nicht sicher, was ich auf diesem Gebiet draufhabe«, erwiderte sie und runzelte ihre Stirn. »In meinem Gefrierschrank gibt es ziemlich viele Fertiggerichte.«
Moritz lachte. »Klingt nach einer beschäftigten Anwältin.«
Sie seufzte. »Ich fürchte, das ist so. Ich habe schon daran gedacht, mir langfristig einen Job in einer normalen Firma zu suchen. Eine Kommilitonin von mir arbeitet in einem Pharmaunternehmen in der Nähe von Frankfurt und ist jeden Abend um 17:30 Uhr zu Hause.«
»Wann triffst du diese Freundin wieder?«, fragte er und starrte auf sein Tablett.
Jo schluckte. »Ich … ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, woher ich das mit der Freundin weiß.«
Moritz legte seine Hand auf ihre. »Deine Erinnerungen kommen wieder, da glaube ich ganz fest dran. Du hast gerade bewiesen, dass es so ist.«
Jo schnaufte. »Puh, jetzt ist mir ganz flau im Magen.«
Er lächelte sie an. »Alles wird gut. Es ist normal, dass du dich ein bisschen desorientiert fühlst.«
Sie kratzte sich verlegen am Arm. »Ich hoffe, dieses Drama nimmt bald ein Ende. Ich möchte mich nämlich lieber auf die Gegenwart konzentrieren als auf die Vergangenheit.«
»Ist das ein Kompliment?«, fragte er lachend.
Sie nickte. »Das ist es«, sagte sie leise.
»Ja, Frau Beer, das machen wir«, hörte sie eine Stimme.
Jo drehte den Kopf und sah, wie Herr Engel gerade ein Tablett in den Geschirrwagen schob.
»Einen Moment bitte«, bat sie Moritz, stand auf und drängte sich an den Ärzten vorbei, die in ihrer Nähe Platz genommen hatten. »Entschuldigung«, sagte sie und rannte los. »Herr Engel! Warten Sie!«
Herr Engel blickte sich um, winkte ihr ein wenig linkisch zu und verschwand.
»Moment!«, rief Jo und beschleunigte ihre Schritte. Dabei ignorierte sie die schimpfenden Kantinenbesucher, die von ihrem Ansturm nicht gerade erfreut waren. Endlich holte sie ihn ein. »Warten Sie, ich muss mit Ihnen reden!«
Widerwillig blieb er stehen. »Frau Vogel, schön, Sie zu sehen, aber heute habe ich leider keine Zeit. Wir sehen uns morgen, ich verspreche es Ihnen.«
»Nur fünf Minuten!«, bat sie. »Die Sache mit dem Apfelkuchen lässt mir keine Ruhe.«
Er zuckte mit den Schultern. »Dieser junge Mann, den Sie gerade verlassen haben, ist Ihnen doch sicher wichtiger als ein Stück Kuchen?«
»Ja, natürlich, aber …«, begann sie.
»Wir sehen uns, Frau Vogel.« Herr Engel lächelte und wackelte weiter.
Jo stand da und blickte ihm verdattert nach. Ach was, dachte sie. Moritz würde fünf Minuten auf sie warten. Sie lief wieder los.
Wo war er hin? Herr Engel war um die Ecke abgebogen, aber in dem langen Flur war niemand zu sehen.
»Verdammt«, zischte sie. Sie rannte noch ein Stück, blickte sich um, aber der alte Mann war verschwunden.
»Jo?« Moritz kam auf sie zu.
»Entschuldige, dass ich abgehauen bin, ich …«
»Komm.« Er legte seinen Arm um ihre Schultern und ging mit ihr zurück zu ihrem Tisch.
»Es ist nur so«, versuchte sie zu erklären, »ich kenne nicht viele Menschen, und Herr Engel ist mir hier im Krankenhaus begegnet. Er ist außerdem mein Nachbar. Ich wollte mit ihm reden und … naja, er hatte wohl keine Zeit.«
»Das tut mir leid«, sagte Moritz. »Vielleicht kannst du heute Abend bei ihm klingeln.«
»Das werde ich tun«, erwiderte sie und lachte, »aber er meinte, wir sehen uns in den nächsten Tagen. Und es war auch nicht wichtig.«
Er betrachtete sie aufmerksam. »Dafür bist du aber ganz schön gerannt.«
»Da hast du auch wieder recht.« Jo seufzte. »Jetzt habe ich dir dein Mittagessen verdorben.«
»Ach was«, tröstete er sie, »es ist alles in Ordnung.«
Gemeinsam setzten sie sich wieder. Jo starrte auf ihren halbvollen Teller. Sie hatte keinen Appetit mehr, wollte sich aber ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen. Also aß sie tapfer für den Hunger, der kommen würde.
»Sehen wir uns später noch?«, fragte Moritz. »Ein Freund von mir spielt Trompete in einer Jazzband und hat heute Abend einen Auftritt.«
»Super!« Jo strahlte.
»Magst du Jazz?«
Sie kratzte sich am Ohr. »Das werde ich nachher herausfinden, schätze ich. An meinen Musikgeschmack erinnere ich mich noch nicht.«
»Darf ich dich wieder abholen?«
Jo nickte. »Sehr gern. Ich freue mich darauf.«
Als Moritz sich von ihr verabschiedete, hing ihr Himmel voller Geigen. Sie hatte ein Date! Ein richtiges, echtes Date, mit Ausgehen und Essen und … vielleicht auch mehr?
Max konnte sie mal kreuzweise! Morgen würde sie in Ruhe mit ihren Eltern reden und dann die Hochzeit absagen.
Nächste Woche war sie eine freie Frau.
Eine freie Frau, die sich auf ihr Leben freute.