Kapitel 23 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Geräusche. Schritte. Eine Hand an ihrem Arm. Kälte.
Wie groß war die Chance, eine fehlerhafte Bluttransfusion zu überleben?
Was war geschehen? Sie lag auf der Seite. Stimmen. »Frau Schmitt? Sind Sie wach?«
Etwas drehte sie wieder auf den Rücken. Schon wieder Kälte.
Irgendwann wurde Jo bewusst, dass ein merkwürdiger Druck in ihrem Hals sie störte. Es war ein beengendes Gefühl, als würde jemand eine Hand auf ihre Kehle legen.
Sie wollte atmen und stieß auf Widerstand. Sobald sie die Augen öffnete, wurde sie von einem gleißend hellen Licht geblendet.
Durst. Sie hatte unendlich großen Durst. Ihr Mund war trocken, sie konnte die Zunge nicht richtig bewegen.
Ihr Körper war bleischwer, ihr Geist verspürte unerträgliche Unruhe. Irgendetwas war hier falsch!
»Frau Schmitt, hallo!«
Wer sprach da? Ihr wurde wieder kalt. So schrecklich kalt. Etwas Eisiges drückte auf ihre Brust. Ein Schütteln.
Sie versuchte, die Stimmen zu verstehen, aber die Worte erreichten ihren Verstand nicht.
Endlich wurde es wieder warm.
»Langsam!«, sagte jemand. »Ganz ruhig.«
Sie dämmerte weg.
Das musste ein Traum sein. Immer wieder träumte sie von diesen Stimmen, von jemandem, der ihr etwas über das Atmen sagte. Piepsen, Schritte, Geräusche.
»Frau Schmitt? Wir werden jetzt den Beatmungsschlauch entfernen.«
Hände, die sich an ihr zu schaffen machten. Durst. Unendlich viel Durst.
Ein leichtes Würgen.
»Wie geht es Ihnen, Frau Schmitt? Haben Sie Schmerzen?« Eine Frau streichelte Jos Hand und redete auf sie ein.
Jo blinzelte.
»Haben Sie Schmerzen?«, wiederholte die Frau. Jo nahm ein Lächeln wahr.
Sie lauschte in ihren tauben Körper hinein. Plötzlich musste sie husten. »Durst«, krächzte sie.
Wasser befeuchtete ihre Lippen. Sie wollte daran saugen, aber die Flüssigkeit erreichte ihre Kehle nicht.
Irgendwann überkam sie der dankbare Schlaf.
Als Jo aufwachte, lag der Raum im Halbdunkel.
»Frau Schmitt?«
Jo schluckte. Sie hasste den Namen ›Schmitt‹ aus vollstem Herzen. Ihr Hals war staubtrocken. Für ein Glas Wasser hätte sie alles gegeben. Alles. »Durst.«
Jemand befeuchtete ihre Lippen. Doch in ihrer Kehle, die dankbar jeden Tropfen aufgesaugt hätte, kam nichts an. Sie hustete.
Plötzlich überkam sie eine Erinnerung. Ihr war im Supermarkt schlecht geworden. Hatte Moritz den Notarzt alarmiert?
»Wo ist Moritz?«, fragte sie mit rauer Stimme. Es kostete sie ihre ganze Kraft.
»Ist das ein Verwandter von Ihnen?«, fragte die Frau.
»Moritz Neumann«, krächzte sie. »Radiologe.«
Die Frau schwieg. »Moment«, sagte sie schließlich.
Warum war Moritz nicht an ihrem Bett? Die Schwester hatte bestimmt vergessen, ihm zu sagen, dass sie aufgewacht war.
Oder lag sie in einem Luxemburger Krankenhaus? Nein, das konnte nicht sein, denn man hatte sie ja mit Johanna Schmitt verwechselt.
Wie Moritz sie wohl ansehen würde, wenn er sich über ihr Bett beugte?
Jo wurde ein wenig mulmig zumute. Sie hob ihre Hand und versuchte, durch ihre Haare zu fahren.
Was war das? Ihre Fingernägel waren unlackiert und kurz geschnitten. Nein, sogar abgeknabbert. Kraftlos ließ sie ihren Arm fallen. Hatte sie nicht eben noch hübsch lackierte Nägel gehabt?
Ob man sich eine Kosmetikerin auf die Intensivstation kommen lassen konnte? Der Gedanke erheiterte sie für einen kurzen Moment.
»Frau Schmitt?« Wieder streichelte die Frau ihre Hand. Jo blinzelte. »Bei uns in der Radiologie gibt es keinen Moritz Neumann.«
Was? Sie schloss die Augen. Das passte alles nicht zusammen. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Jo ließ die Pflege über sich ergehen, die Arztbesuche, bei denen man ihr Fragen stellte, die sie nicht beantworten konnte, die besorgten Blicke des Oberarztes. Allmählich wunderte sie sich, warum nicht wenigstens Max bei ihr vorbeischaute. Immerhin hatte sie ihr Portemonnaie dabeigehabt und war damit leicht zu identifizieren. Jedes bekannte Gesicht wäre ihr recht.
Jo dämmerte weg.
Irgendwann wachte sie wieder auf. Es war hell. Sie fühlte sich etwas klarer im Kopf und versuchte, die Eindrücke der vergangenen Stunden zu sortieren. Sie hatte gehört, dass sie wie Johanna unter einem Oberschenkelhalsbruch litt, aber sie verstand nicht, wie sie sich diesen im Supermarkt zugezogen haben konnte. Dass ihr Kopf durch den Aufprall gelitten hatte, empfand sie hingegen als logisch. Bestimmt war sie gegen eines der Metallregale an der Kasse geknallt.
Warum meldete Moritz sich nicht? Es gab doch nur drei Krankenhäuser in Trier, weshalb telefonierte er die nicht ab?
Hoffentlich ging es ihren Katzen gut. Wie viel Trockenfutter hatte sie ihnen hingestellt?
Unruhig hörte sie mit an, wie ihre Bettnachbarin auf die Normalstation verlegt und ein Unfallopfer nach seiner OP zu ihr herein gerollt wurde. Um sich abzulenken, lauschte sie den Ärzten und Schwestern, die um das Leben der Person kämpften. Irgendwann wurde es leise im Zimmer. Dann hörte sie weinende Menschen.
Gab es ein deprimierenderes Geräusch?
Mit geschlossenen Augen suhlte Jo sich eine Weile im Selbstmitleid. Wann würde es endlich Abend werden? Sie war davon überzeugt, dass Moritz sie nach Dienstschluss besuchen würde.
»Johanna! Kind, was machst du denn für Sachen?« Eine Frauenstimme. Seltsam vertraut.
Jo öffnete die Augen. »Mama?«, flüsterte sie.
Plötzlich wurde ihr Kopf von einem heftigen Surren erfasst. Eine Welle, höher als ein Gebäude, schlug über ihr zusammen.
»Nein!« Die Welle enthielt Bilder und Erinnerungen. An das versiffte Zimmer, an ihr schlechtes Gewissen. An die Kommilitonen, an die Uni.
Sie hatte versagt.
Die Bilder reichten jetzt weiter in ihre Vergangenheit zurück. Das Abitur, mit Fleiß und Ehrgeiz bestanden. Ihre Freunde, die überall in Deutschland studierten und nicht solche Versager waren wie sie.
Ihr Vater, wie er sich abfällig über eine Bekannte von ihnen geäußert hatte, die ihr Jurastudium abgebrochen hatte. »Ricarda will jetzt Tierärztin werden!«, hatte er gerufen. »Von mir bekäme sie dafür keinen Cent!«
Ihr erster Tag am Gymnasium. München. Die Aufregung, mit der S-Bahn zur Schule zu fahren. Ihre beste Freundin Larissa, die in Bayreuth studierte. Die bei jedem Telefonat begeistert von ihrem Studium erzählte, während Jo von der Menge des Lehrstoffes erdrückt wurde.
Die Grundschule. Sie war ein glückliches Kind gewesen, immer behütet von Martha, ihrer englischen Nanny. Der Tag, an dem Martha kündigte, weil sie zu ihrem Freund in die Nähe von Coburg zog. Die Schule, wo sie Larissa kennengelernt hatte.
»Johanna, mein Kind? Hörst du mich?« Ihre Mutter klang verzweifelt. »Ich habe alles in der Kanzlei stehen und liegen gelassen, um sofort zu dir zu kommen.«
Der feste Druck ihrer Hand – Jo registrierte ihn nur am Rande. Etwas viel Wichtigeres beschäftigte sie. Etwas Schreckliches.
Sie war nicht Jo Vogel.
Sie war Johanna. Johanna Schmitt.
Moritz würde nicht kommen. Wahrscheinlich gab es ihn nicht mal.
Verzweiflung überspülte sie.
Zu gerne hätte sie das Seil ihres Lebens an jemand anderen in diesem Krankenhaus weiter gereicht, aber das war ihr nicht vergönnt.
Das grelle Licht verschwand. Jo empfing die Dunkelheit um sich herum wie einen guten Freund. Alles war besser als die Wahrheit.
Die schreckliche Wahrheit.
Irgendwann wachte sie auf, weil sie husten musste. Warum konnte man nicht einfach aufhören zu atmen?
Sie blinzelte und sah sich um. Eine Krankenschwester hängte gerade eine neue Infusion an. Draußen war es dunkel, ihre Mutter war weg.
»Frau Schmitt, Sie sind wach. Haben Sie Schmerzen?«
»Nein.« Immer wieder tauchte Moritz’ Bild vor ihrem inneren Auge auf. Sie vermisste ihn. Würde er sie auch vermissen? Gab es die Welt, in der sie ihn geliebt hatte? Oder war alles nur ein Traum gewesen?
Jo war dankbar, als sie wieder einschlief und dem Durst und ihren schlechten Gefühlen entkam. Wenn schon nicht der Tod ihr Freund sein konnte, dann wenigstens sein kleiner Bruder, der Schlaf.
»Frau Schmitt! Guten Morgen!«
Ihr Leben befand sich in einer unendlich öden Wiederholungsschleife. Blinzeln, Fragen von Krankenschwestern, Blicke von Ärzten, Erinnerungen, wegdämmern. Und dann alles wieder von vorne.
Wo war die fröhliche Jo hin, die sich auf ihr Date mit Moritz gefreut hatte?
Eine Träne rollte ihre Schläfe hinab.
Das Leben lag wie eine lange und öde Straße vor ihr. Jo schloss die Augen und hoffte, dass es bald zu Ende sein würde. Sie trauerte um Moritz, sie trauerte um ihre beiden Kater, um ihr im Stich gelassenes Studium.
Wer würde den Dreck als Erster zu sehen bekommen, den sie in ihrem Zimmer hinterlassen hatte?
Warum war sie überhaupt nach draußen gegangen? Jo erinnerte sich nicht daran. Die wahrscheinlichste Annahme war, dass sie Hunger gehabt hatte und sich etwas zu essen kaufen wollte.
»Guten Tag, Frau Schmitt.« Eine Frau betrat den Raum und setzte sich an ihr Bett. »Ich bin Frau Psycho und will herausfinden, ob Sie irre sind.« Eine saubere, aufrechte, geschniegelte Blonde mit langen, zu einem satten Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren lächelte sie an.
Nein, das hatte sie natürlich nicht gesagt, aber Jo hatte es so für sich übersetzt.
Die konnte sie mal! Keines ihrer Probleme würde sie dieser geschniegelten Frau anvertrauen.
Jo drehte ihren Kopf weg und schwieg verbissen.
Die Aufrechte blieb eine Weile, sprach sie mehrmals an, notierte etwas auf ihrem Klemmbrett, verabschiedete sich mit einem Händedruck, den Jo nicht erwiderte, und verschwand.
Das Schlimmste an ihrer Situation waren nicht die Schmerzen, sondern der unerträgliche Durst. Man gab ihr einen Schluck Wasser und einen Tupfer, aber sie durfte lediglich ihre Lippen damit benetzen und ein wenig daran saugen.
Mitsamt ihrem Bett wurde Jo zu zahlreichen Untersuchungen geschoben, die sie alle über sich ergehen ließ. Die Ärzte hatten besonderes Interesse an ihrem Kopf. Die Details interessierten sie nicht besonders. Dass mit ihrem Hirn etwas nicht stimmte, wusste sie auch ohne Diagnostik.
In der Radiologie machte ihr Herz einen unerwarteten Satz. Diesen Raum – den kannte sie! Moritz hatte sie hier untersucht. Sie erinnerte sich noch genau an die Farbe der Wände und an die Geräusche der Apparate.
»Ist Dr. Neumann da?«, fragte sie die Krankenschwester krächzend.
»Wer?« Ein verständnisloser Blick.
»Dr. Moritz Neumann.«
Die Mundwinkel der Frau zuckten kurz. »Hier gibt es keinen Doktor Neumann.«
Jo gab auf. Wenn Moritz nicht existierte, gab es auch die beiden Kater nicht. Nur Frau Kohl würde sie nicht vermissen.
Als sie wieder in ihrem Zimmer lag, kam der Oberarzt, setzte sich mit ernster Miene neben ihr Bett und erläuterte ihr, was für ein Wrack sie war. Oberschenkelhalsbruch, Prellungen, schwere Kopfverletzungen. »Wir mussten Sie ins künstliche Koma versetzen, Frau Schmitt. Zehn Tage lang.«
Zehn Tage. Exakt die Zeit, die sie in der Apfelkuchen-freien Traumzone erlebt hatte. So gerne wäre sie dortgeblieben. Hatte sie sich ihren Traummann und ihr Traumleben zusammen gesponnen? Warum war Max so ein Stinkstiefel gewesen? Wenn schon träumen, dann bitte mit Moritz und ohne Verrückte.
Aber konnte das sein? Weshalb erinnerte sie sich an das Untersuchungszimmer in der Radiologie? Nachdem der Arzt verschwunden war, grübelte Jo lange über dieser Frage.
Eine Frau betrat den Raum. »Guten Tag, Frau Schmitt, mein Name ist Frau Beer, ich bin Mitglied der Initiative Patientenbetreuung.«
Jo stöhnte. »Selbst, wenn Sie mir Wasser aufs Hemdchen kippen, werde ich nicht mit Ihnen reden!«, sagte sie und wandte sich ab.
»Frau Schmitt, wie kommen Sie denn auf diese Idee?«, fragte die Frau irritiert.
Jo antwortete nicht. Da sie sich beharrlich gegen weitere Kontaktversuche sperrte, zog Frau Beer mit ihrem patenten hellgrünen Kittelchen bald wieder von dannen.
Gut so, dachte Jo. Sie wollte allein sein und schmollen. Über das Leben und über ihren Verlust.
Das Universum hatte sie an einem großen bunten Lolli lecken lassen und ihn weggezogen, als sie gerade danach greifen wollte.