Kapitel 24 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Jo mauerte, was das Zeug hielt. Sie wurde immer besser darin, Ärzte, Schwestern, Therapeuten und Patientenbetreuer zu ignorieren.
Keine Anwältin namens Jo kam herein und schüttete Wasser auf ihr Hemdchen.
Ihre Mutter brachte eine Tasche voll Kleidung, sagte aber nichts über das Chaos, das sie unweigerlich in der kleinen Studentenwohnung vorgefunden haben musste. Sie beschäftigte seit vielen Jahren eine Reinigungskraft – Jo war davon überzeugt, dass sie nicht selbst geputzt hatte. Höchstens hatte sie jemanden damit beauftragt.
»Frau Schmitt«, sagte der Oberarzt eines Morgens zu Jo, »wenn Sie sich uns weiter verweigern, müssen wir Maßnahmen ergreifen.«
Jo interessierte das kein bisschen. Seit vier Tagen war sie jetzt wieder bei Bewusstsein. Heute Morgen hatte man sie auf die Normalstation verlegt. Sie aß nur wenig, aber sie trank viel Wasser, da die Erinnerung an den schrecklichen Durst noch immer in ihr lebendig war.
Teilnahmslos registrierte sie, dass eine Krankenschwester kam und ihre Sachen packte, da man sie in ein anderes Zimmer verlegen würde. Es war ihr egal, von wo aus sie an die Decke starrte.
Immer wieder sah sie Moritz’ Bild vor sich, erinnerte sich an seine Stimme, an seinen Duft. Dieses Muttermal, das sie in ihrer einzigen gemeinsamen Nacht entdeckt hatte. Mit aller Macht versuchte sie, die Eindrücke lebendig zu halten, doch das Gefühl für seine Präsenz wurde allmählich schwächer. Je stärker sie versuchte, ihn festzuhalten, desto schneller entglitt er ihr.
Sie würde nie wieder einen Mann so lieben wie ihn.
Jo ignorierte die plaudernde Pflegekraft und schloss die Augen, als sie über den Gang geschoben wurde. Sie hasste die Blicke der Besucher, die sie ansahen und vielleicht dachten: »So eine junge Frau, was hat sie denn?« Das ging diese Menschen überhaupt nichts an.
»Von hier aus haben Sie einen schönen Blick nach draußen«, sagte die junge Krankenschwester. Sie roch nach Haarspray, irgendwie lecker. Trotzdem behielt Jo ihre abweisende Haltung bei und öffnete auch nicht die Augen.
Die Schwester drückte kurz ihre Hand, sprach noch ein paar Worte und verschwand. Jo atmete auf und blinzelte.
Das Bild an der Wand! Das Fenster!
Hier in diesem Zimmer hatte sie Johanna zum ersten Mal getroffen.
Ihr Herz klopfte heftig. Würde ihr älteres Ich gleich zu ihr hereinspaziert kommen und ihr in einigen Tagen davon erzählen, wie sie sich Moritz angelte?
Ein Stich der Eifersucht durchzuckte sie.
Konnte man sich selbst gegenüber Eifersucht empfinden? Innerlich wappnete sie sich gegen die kalte Dusche. Sie war fest davon überzeugt, dass sie heute noch nass werden würde, es war nur die Frage, wer ihr das Wasser über das Hemdchen kippen würde, das sie immer noch trug, obwohl ihre Mutter T-Shirts und Hosen mitgebracht hatte.
Doch halt! Sie war im Vorteil, da sie von dem bevorstehenden Angriff wusste.
Jo griff nach dem Glas, das die Schwester ihr hingestellt hatte, trank es aus und steckte die dreiviertelvolle Pfandflasche unter ihre Bettdecke. Das Glas legte sie kurzerhand dazu.
Kein Glas, keine Dusche. Natürlich konnte die Person sich den Zahnputzbecher im Bad schnappen, aber sie selbst war nur durch das Glas, das auf dem Nachttisch gestanden hatte, überhaupt erst auf die Idee gekommen, Johanna eins auszuwischen.
Jo stöhnte. Jetzt verstand sie die Studentin, die missmutig im Krankenbett gelegen hatte. Nach ihrer Amnesie war es ihr unverständlich gewesen, warum man so mauern konnte. Die Johanna aus dem Traum hatte es noch vergleichsweise gutgehabt, sie vermisste keinen Moritz und hatte auch nie ein Zeichen der Eifersucht gezeigt, wenn Jo von ihm erzählte. Im Gegenteil, die junge Frau hatte sich mit ihr gefreut.
Jo, die mit gespannter Erwartungshaltung im Bett lag, die Flasche und das Glas auf ihren Beinen warmhaltend, wurde zunehmend unruhig. Wann würde es geschehen? Sie schaute aus dem Fenster und suchte nach Hinweisen. Hatte nicht die Sonne geschienen, als sie Johanna zum ersten Mal besuchte? Ein paar Wolken verdunkelten den Himmel. »Bitte kein schlechtes Wetter«, flüsterte sie, »sonst kommt sie heute nicht.«
Als es eine Viertelstunde später Hunde und Katzen regnete, weinte Jo leise mit. So ein Ärger! Und dann erwischte auch noch die geschniegelte Psychologin sie dabei, wie sie ihre Augen mit der Bettdecke trocknete.
»Gefühle darf man zulassen«, sagte die Frau.
Vergiss es, dachte Jo erbost. Sie würde nicht mit ihr reden. Schon allein deshalb nicht, weil sie auf den Wasserbecher hoffte. Jetzt wollte sie nicht mehr verhindern, dass sie übergossen wurde, nein, im Gegenteil, sie wartete darauf, endlich nass zu werden.
Sobald die Psychologin gegangen war, stellte sie das Glas und die Flasche wieder auf den Nachttisch. Doch der Abend verging, ohne dass etwas passierte. Lediglich das Essen bot ihr eine Überraschung, denn auf ihrem Tablett stand ein Stück Apfelkuchen. Saftiger Apfelkuchen, der schon von weitem nach Zimt duftete.
»Das glaube ich jetzt nicht!«, rief Jo vor Überraschung.
Die Stationshilfe warf ihr einen irritierten Blick zu.
Jo verschwendete keine Sekunde an den Hackbraten mit Fertigsoße und Kartoffelbrei, sondern ließ ihre Gabel in den Kuchen gleiten. Er war kein bisschen trocken und bröselig. Die Äpfel waren vom Zimt ein wenig gebräunt. Sogar geröstete Mandelblättchen lagen darauf, genau, wie sie es sich immer vorgestellt hatte.
Andächtig schob Jo die Gabel in den Mund. Es schmeckte einfach köstlich! Plötzlich rückte sie den Kuchen angewidert weg. Sie wollte keinen dämlichen Apfelkuchen, sie wollte Moritz!
Sie war so frustriert, dass sie den Deckel auf das Essen pfefferte und alles zurückgehen ließ. Lieber wollte sie die ganze Nacht lang Hunger haben, statt einen Apfelkuchen zu vertilgen, der kein Trost dafür war, dass sie Moritz verloren hatte.
In der Nacht lag sie lange wach. Immer wieder betrachtete sie das Bild, den Tisch, die Stühle. Es war der richtige Raum, definitiv. Sogar das Hemdchen, das man auf dieser Station angezogen bekam, hatte das richtige Muster.
Am nächsten Morgen kam eine Physiotherapeutin und begann, sie zu mobilisieren. Jo starrte sie immer wieder an und fragte sich, wie Johanna diese Frau beschrieben hatte.
»Frau Schmitt, aktiv mitbewegen!«, rief die Therapeutin. »Oder soll ich ihr Bein ganz alleine schleppen?«
»Ich habe Schmerzen«, erwiderte sie düster, obwohl das nur ein Teil der Wahrheit war. Gegen den Schmerz, den sie empfand, gab es keine Tabletten.
Jo verweigerte die aktive Mitarbeit und verfiel wieder in penetrantes Schweigen. Auch die Arztvisite und die Besuche der Krankenschwestern ignorierte sie und starrte stattdessen an die Decke.
In Gedanken ging Jo jedes Detail ihres Hauses durch, das sie bewohnt hatte. Sie erinnerte sich an die kleinen Blümchen auf den Tassen, an die Farben, die Möbel und sogar an den Griff der Terrassentür. Jeden noch so winzigen Erinnerungsfetzen kramte sie hervor, um dieses Haus in ihrem Inneren zu bewahren.
Am nächsten Tag war Wochenende und Jos Mutter erschien im Krankenzimmer.
»Wie geht es dir, Johanna?«, fragte sie und holte sich einen Stuhl neben das Bett.
Jo seufzte. Sie wusste, dass sie sich jetzt dem Vortrag über ihr verpatztes zweites Semester stellen musste. »Ich habe die letzten beiden Monate an der Uni geschwänzt«, sagte sie und blickte ihrer Mutter direkt in die Augen.
»Ich weiß, ich habe mit deinen Kommilitonen gesprochen. Sie haben dich wochenlang nicht mehr gesehen.«
»Das ist richtig.« Jo stritt es nicht ab und sie rechtfertigte sich auch nicht.
»Du solltest erst mal gesund werden«, sagte ihre Mutter mit zittriger Stimme. »Dann sehen wir weiter.«
Jo blickte sie überrascht an und schwieg.
»Der Fahrer des Mercedes, der dich angefahren hat, sagt, du seist wie von Sinnen auf die Straße gesprungen.«
»Ich erinnere mich nicht.«
»Zeugen haben seine Aussage bestätigt.«
Jo blickte auf die Hände ihrer Mutter, die den Gurt der Handtasche verzweifelt kneteten. »Bevor du noch mal fragst, ich weiß es wirklich nicht«, wiederholte sie.
»Was ist das Letzte, an das du dich erinnerst?«
»Es war ein wundervoller Traum. Und dann bin ich aufgewacht und hatte einen Schlauch im Hals stecken.«
»Und davor?«
»Naja«, begann sie. »Ich weiß, dass ich in letzter Zeit kaum studiert habe. Ich weiß, dass meine Wohnung ein Dreckloch war, als ich sie verlassen habe. Ich glaube, dass ich einkaufen wollte, aber das ist nur eine Vermutung. Ansonsten habe ich einen erfreulichen Filmriss.«
»Das nennst du erfreulich?«
»Wer will sich schon daran erinnern, wie es ist, von einem Auto angefahren zu werden?«, gab sie zurück.
»Die Ärzte raten zu einer Psychotherapie. Es gibt gute Kliniken in und um München, wir würden dich dort regelmäßig besuchen können.«
»Nein«, sagte Jo unvermittelt. »Wenn ich überhaupt wohin fahre, dann in Urlaub. Das hilft der Seele mehr.«
»Und wenn es wieder geschieht?«
»Was?«
»Herrgott noch mal! Wenn du hier in Trier bist, nicht ans Telefon gehst und versuchst dich umzubringen!«
»Dann würde ich dieses Mal sicher eine andere Methode wählen.«
»Johanna!« Die Stimme klang besorgt und gleichzeitig anklagend.
»Was soll ich darauf antworten?«, fragte Jo. »Ich denke nicht, dass ich es absichtlich getan habe. Ich weiß nur, dass ich vermutlich Hunger hatte. Und ein Dreckloch bewohnte.«
»Du erinnerst dich wirklich nicht.« Eine Träne lief über die Wange ihrer Mutter. »Deine Wohnung war picobello aufgeräumt und geputzt. Bis in den letzten Winkel. Ich …« Die Stimme stockte. »Ich habe nach einem Abschiedsbrief gesucht, aber keinen gefunden.«
»Dieses Indiz spricht eindeutig für meine Theorie«, sagte Jo mit fester Stimme. »Ich hatte Hunger und wollte mir etwas zu essen kaufen.«
»Dein Kühlschrank war komplett leer, es stand nicht mal ein Senfglas darin.«
Jos Herz begann wild zu klopfen. Sie erinnerte sich genau daran, wie sie den gesamten Inhalt von Johannas Kühlschrank nach kurzer Sichtung von Senf, Ketchup und einer Cocktailsauce mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum entsorgt hatte – mit dem festen Vorsatz, rechtzeitig für die Studentin einzukaufen, bevor sie entlassen wurde.
Aber wie konnte das sein? Sie hatte im Koma gelegen – und doch hatte irgendjemand für sie geputzt.
Das aufgeräumte Appartement machte ihr Hoffnung. Vielleicht arbeitete Moritz irgendwo in einer Radiologie in der Umgebung? Jo würde sämtliche Praxen abklappern, bis sie ihn gefunden hatte. Aber würde er sie noch lieben, wenn sie so viel jünger war als er?
»Weißt du, wo mein Handy abgeblieben ist?«, fragte Jo ihre Mutter.
»Das Display ist zerbrochen. Es lässt sich nicht mehr einschalten.«
»Mist. Ich hätte das jetzt echt brauchen können.«
Frau Schmitt lächelte. »Die SIM-Karte ist noch in Ordnung.« Sie erhob sich. »Ich fahre in die Stadt und besorge dir eins.«
»Das würdest du tun?« Vor Rührung musste Jo blinzeln.
Frau Schmitt legte die Hand auf die ihrer Tochter. »Auch wenn wir oft sehr beschäftigt wirken, bist du uns sehr wichtig. Ich dachte, das weißt du.«
Jo wollte einwenden, dass ihr Vater nicht hier war und dass ihre Mutter auch nur am Wochenende kam, aber sie ließ es bleiben. Das Telefon war wichtiger und sie durfte ihre Mutter nicht verstimmen. Das war strategisch unklug.
Ihre Laune stieg, als sie innerlich die Hinweise zusammenzählte, die darauf hindeuteten, dass zahlreiche Teile ihres Traums auch in der Realität existierten. Da waren die geputzte Wohnung, Johannas Krankenzimmer und die Radiologie. Nur leider gab es – das war ein dunkler Schatten – den gottverdammten Apfelkuchen.
»Entschuldige, dass es länger gedauert hat«, sagte ihre Mutter zwei Stunden später. »Ich konnte mich nicht entscheiden und habe deinen Vater angerufen, und der hatte nicht sofort Zeit.«
»Irgendein Telefon tut es schon«, sagte Jo lächelnd.
Ihre Mutter packte einen Karton aus und legte ihn aufs Bett. »Wir wollten dir eine Freude machen.«
Jo schnappte nach Luft. Es war ein glänzendes, schwarzes Handy, die neuste Generation. Das teuerste Modell mit richtig viel Speicherplatz.
Aber das Allerwichtigste war: Es war genau das Telefon, das sie als Jo im Traum besessen hatte!
Ihr vorheriges Gerät war bereits drei Jahre alt gewesen und sie hatte es noch nicht ersetzt, weil sie das Haus ohnehin kaum verließ. Und auch heute freute sie sich nicht über den technischen Schnickschnack, sondern über den Hinweis auf ihr Leben als Jo Vogel.
Ihre Mutter half ihr dabei, das Handy aufzuladen. Dann brachte sie ihr die SIM-Karte. Als Jo das Gerät einschaltete, sah sie auf dem glänzenden Bildschirm ihr Lächeln. Außerdem zahlreiche fettige Haarsträhnen. Falls Moritz hier auftauchte, musste sie unbedingt besser aussehen. Diese schrecklichen Fingernägel, warum hatte sie nur darauf herumgekaut? Sie verstand nicht mehr, wie man seine Nägel derart verunstalten konnte. Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, als sie daran dachte, wie sie Johanna den Nagellack in den Toilettenbeutel gelegt hatte.
Aus Rücksicht auf ihre Mutter legte sie das Handy auf den Nachttisch und unterhielt sich mit ihr über das Wetter und die Trierer Sehenswürdigkeiten. »Ihr solltet mal an der Mosel Urlaub machen«, schlug Jo vor. »Wenn was im Büro ist, seid ihr in spätestens acht Stunden wieder zu Hause.«
Ihre Mutter seufzte. »Weißt du, dein Vater und ich denken schon länger darüber nach, in der Kanzlei kürzer zu treten. Es tut mir unendlich weh, dass wir nicht bemerkt haben, wie schlecht es dir ging.«
Jo seufzte. »Ich habe mir ja auch die größte Mühe gegeben, es zu verbergen. Zuerst dachte ich, dass es vorbei ginge und dann hatte ich ein schlechtes Gewissen und kam nicht mehr raus.« Sie sah ihre Mutter an. »Weißt du noch, wie Papa sich so über Ricarda aufgeregt hat, weil sie jetzt Tierärztin werden will? Er hat gesagt, dass er in dieser Situation keinen Cent mehr für sie ausgeben würde.«
Ihre Mutter begann zu weinen. »Kind! Das war doch nur … Natürlich wünscht er sich, dass du erfolgreich wirst, aber … Am Ende zählt doch nur, dass du glücklich wirst! Er macht sich große Vorwürfe, glaub es mir. Wenn er hört, dass sein unbedachter Kommentar der Grund war, dass …«
»Sag es ihm nicht«, bat Jo. »Ich will ihn nicht noch mehr enttäuschen.«
Frau Schmitt griff nach einem Papiertaschentuch und wischte über ihre Augen. Dann ergriff sie Jos Hand. »Wir beide, du und ich, sollten uns jetzt gegenseitig versprechen, einen Neuanfang zu machen. Papa und ich würden dich niemals im Stich lassen, egal, wofür du dich entscheidest.«
Jo nickte unter Tränen. Ihr tat ihre Mutter von Herzen leid.
Und doch war das alles nicht wirklich wichtig. Alles, worauf sie hoffte, war Moritz.