Kapitel 27 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Als Jo am Morgen von dem Lärm der betriebsamen Station aufwachte, fühlte sie sich schlapp und unausgeschlafen.
Sie stöhnte. Da Max so jung aussah, waren ihre beiden Kater vermutlich noch nicht mal geboren. Der arme Puschel! Der arme Mio!
Ob sie ihnen je begegnen würde? Und ob sie dann die Möglichkeit haben würde, sich um sie zu kümmern? In einer Studentenwohnung konnte man keine Katze einsperren. Puschel würde vor lauter Frust das Zimmer auseinandernehmen und auf den Teppich pinkeln.
Das bedeutete jedoch, dass auch Moritz in der Realität wesentlich jünger sein musste – und diese Hoffnung hielt Jo am Leben.
Sie griff nach ihrem Handy und schrieb eine Liste. Wen hatte sie in ihrem Traumleben alles kennengelernt? Und wer war hier aufgetaucht?
1) Sie selbst war hier. Johanna Schmitt.
2) Max. Vorher gerissener Anwalt, jetzt besuchsfreudiger Uni-Mitarbeiter.
3) Frau Kohl. Die keifende Nachbarin fehlte, das war kein Verlust.
4) Herr Noah, der nette Chef der Kanzlei. Noch nicht in Sicht.
5) Larissa war eine Schulfreundin. Im Traum ebenfalls ihre Freundin.
6) Neele und Dana waren Kommilitoninnen, die sie flüchtig von der Uni kannte.
6) Herr Engel. Sie würde ihm etwas antun, falls sie ihn je traf und körperlich dazu in der Lage war.
Und da war natürlich noch Moritz. Für den brauchte sie keine Liste.
Jo kniff vor Anstrengung die Augen zusammen und rechnete zurück. Wie alt war Moritz noch mal gewesen? Sie hatte ihn nie danach gefragt. So ein Studium dauerte samt Facharztausbildung ziemlich lange.
Und wenn er noch Student war? Jo fühlte, wie ihre Finger kalt wurden. Gerade erinnerte sie sich nämlich daran, dass Moritz an ihrem letzten Tag im Traumleben einen ehemaligen Kommilitonen in Mainz besucht hatte. Sie schluckte. Würde sie ihn in einer anderen Stadt suchen müssen?
»Denk nach«, flüsterte sie sich zu. Max war Mitarbeiter an der Uni Trier. Vielleicht hatte Moritz sein Studium ebenfalls abgeschlossen? Sie hoffte es. Sie betete dafür.
Jo beschloss, es noch mal hier im Krankenhaus versuchen. Sie rümpfte ihre Nase und dachte nach. Mit dem Rollator würde sie es noch nicht schaffen. Und den Rollstuhl hatte eine Schwester wieder weggebracht. Das hatte sie davon, dass sie ungebremst in den Oberarzt hineingefahren war!
Seufzend schwang sie ihr gesundes Bein aus dem Bett und wappnete sich gegen den Schmerz, als das operierte Bein folgte. Sie griff in ihren Nachttisch, holte den Geldbeutel heraus und steckte ihn in ihre Hosentasche.
Mit dem Rollator ging sie bis zur Tür. Da die nach innen aufging, konnte sie sie erst öffnen, als sie mühsam wieder ein Stück zurückrollte und ihren Rollator zur Seite drehte.
Jo biss die Zähne zusammen und quälte sich zum Schwesternzimmer.
»Frau Schmitt!«, rief ein Pfleger und sprang von seinem Computerarbeitsplatz auf.
»Ich brauche einen Rollstuhl«, sagte sie rasch.
Der Mann griff nach einem normalen Stuhl und schob ihn ihr unter. »Kommt sofort.«
Sobald er ihr den Rücken zuwandte, grinste Jo zufrieden.
»Ich bringe Sie zurück in Ihr Zimmer«, sagte der Pfleger eine Minute später und griff unter ihre Arme, um ihr in den Rollstuhl zu helfen.
»Nicht nötig«, sagte Jo, sobald sie in dem gewünschten Gefährt saß. »Wenn Sie so lieb wären, meinen Rollator zurückzubringen, würde das vollkommen ausreichen.« Sie gönnte sich nur einen kurzen Augenblick, um sich an seinem verdatterten Ausdruck zu weiden, bevor sie das Gefährt in Richtung Aufzug manövrierte.
Als sie wieder vor der Rampe stand, musste sie grinsen. Erfreulicherweise sprach ein Besucher sie an und schob sie nach oben.
Heute genehmigte sie sich ihr Frühstück in der Kantine. Sie stellte das Tablett auf den Armlehnen ihres unförmigen Rollstuhls ab und kaufte sich einen echten Cappuccino mit Milchschaum. Die Menschen waren sehr hilfsbereit. Jeder, in dessen Nähe sie rollte, fragte sie, ob er ihr helfen könne. Ein junger Mann (leider der Freund einer Patientin) trug ihr Tablett zu einem Tisch am Fenster und schob einen der Stühle weg, damit Jo dort sitzen konnte.
Zufrieden rührte sie Zucker in den Cappuccino und genoss das liebevoll belegte Körnerbrötchen, das sie sich gekauft hatte. Dieses Tüten-Mischbrot auf der Station ging ihr mächtig auf den Geist.
»Konzentrier dich«, flüsterte sie sich zu. Ihre eigentliche Mission war, Moritz zu finden. Vielleicht hatte er hier im Krankenhaus einen Nebenjob oder er war ein junger, süßer Assistenzarzt. Ärzte mussten auch mal etwas essen. Wer konnte schon ohne Frühstück auf Visite gehen?
Doch Jo hatte kein Glück. Der Schaum in ihrer leeren Tasse war vollständig eingetrocknet und ihr Bein schmerzte wie die Hölle, als sie seufzend beschloss, zurück auf die Station zu fahren.
»Soll ich das für Sie wegbringen?«, fragte eine ältere Frau.
»Das wäre wunderbar, danke.« Jo strahlte die Frau an, ein verdienter Lohn, trotz ihrer Schmerzen.
Sie rollte langsam aus der Kantine, ließ sich von einem netten Mann die Rampe hinunterhelfen und drückte schließlich den Knopf des gläsernen Aufzugs.
Sie musste zweimal warten, weil bereits Menschen drinstanden und für ihren Rollstuhl kein Platz mehr war. Endlich war er frei. Sie wählte den Knopf für ihre Etage und fuhr nach oben.
Was war das?
In letzter Sekunde glaubte sie, den weißen Haarschopf von Herrn Engel zu erkennen, der im Erdgeschoss herumwackelte. Einen Moment lang erwog sie, wieder nach unten zu fahren, doch der Schmerz siegte gegen ihre Neugier. Außer Vorwürfen hatte sie Herrn Engel nichts zu vermitteln. Das konnte definitiv warten. Immerhin war er in ihrem Traum nicht sonderlich hilfreich gewesen. Zuerst war er hinter einer Ecke verschwunden und dann hatte er ihr ohne Vorwarnung gesagt, dass ihre Zeit abgelaufen war.
Im Zimmer stellte Jo den Rollstuhl vor ihr Bett, zog die Bremse an und quälte sich mit einem Stöhnen hinaus. Ihr operiertes Bein schmerzte und das andere Bein war noch zu schwach, um die doppelte Last zu tragen. Trotzdem schaffte sie es irgendwie aufs Bett. Sie lag bäuchlings auf der Matratze und sammelte Kraft für den Aufstieg auf ihren persönlichen Mount Everest.
»Guten Morgen, Frau Schmitt!«
Oh nein! Es war die Psychologin, der sie gerade ihren Patienten-Popo entgegenstreckte. Nun, es gab verschiedene Möglichkeiten, jemandem die Meinung zu sagen, dachte sie grinsend.
Jo schloss kurz die Augen, schwang ihr gesundes Bein aufs Bett und kroch in Richtung Kissen. Bevor die Frau ihr helfen konnte, drehte sie sich um und griff nach ihrer Bettdecke, um sich zuzudecken.
»Wie geht es Ihnen?« Die Frau, deren Namen sich Jo nicht gemerkt hatte, setzte sich neben das Bett. Die kleine Stunt-Einlage ignorierte sie.
»Wissen Sie, was?«, sagte Jo. »Machen Sie doch einfach eine halbe Stunde lang Pause und legen Sie die Füße hoch. Von mir aus auch hier, wenn es sein muss.« Sie rang sich ein Lächeln ab und griff nach ihrem Handy.
»Was lesen Sie da?«, fragte die Therapeutin, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte.
»Strafrecht.«
»Für Ihr Jurastudium?«
»Für den Fall, dass ich wegen Körperverletzung einer Krankenhaus-Mitarbeiterin angeklagt werde.«
»Sie sind wütend.«
»Nehmen Sie mein Angebot an und gönnen Sie sich bei dem schönen Wetter eine Pause. Dieses Gespräch ist jetzt beendet.« Jo verstand, dass sie die Frau nicht loswerden würde, wenn sie weiterhin auf ihre Bemerkungen einging.
Natürlich konnte sie sich kein bisschen konzentrieren, während die Therapeutin alle zwei Minuten etwas sagte. Schließlich holte sie die Kopfhörer aus dem Nachttisch und lud sich eine Playlist mit Songs herunter, zu denen sie ziemlich gut lernen konnte. Endlich, nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, verließ die Psychologin den Raum.
Jo atmete auf, doch keine fünf Minuten später war es Zeit für die Visite. Der Oberarzt bedachte sie mit strengem Blick. »Ihre Ausflüge sind lebensgefährlich«, sagte er, doch seine Mundwinkel zuckten. »Für Sie und für mein Personal.«
»Ich musste einfach mal raus«, erwiderte Jo.
»Trotzdem rate ich Ihnen, damit noch bis nächste Woche zu warten. Es ist Urlaubssaison und unser Personal ist knapp besetzt.«
Jo musste spontan grinsen. »Es tut mir leid«, sagte sie schließlich. »Hoffentlich haben Sie keinen blauen Fleck davongetragen?«
»Nun, ich musste meiner Frau gestern Abend Rede und Antwort stehen«, erzählte er, »aber keine Sorge, ich bin topfit.«
»Dann ist es ja gut«, erwiderte sie. »Immerhin müssen Sie mir irgendwann diese Platte rausoperieren.«
Er zwinkerte ihr zu. »Sie haben Glück, dass ich nicht nachtragend bin.«
»Ich muss Ihnen ein Kompliment zu meinem Bein aussprechen«, sagte Jo. »Sie haben einen super Job gemacht, mit dem Rollator schaffe ich es schon bis zum Stationszimmer.«
»Und ohne Begleitung.« Der Arzt runzelte seine Stirn.
Sie nickte. »Es geht voran.«
Er atmete schnaufend ein und aus. »Nun gut. Vielleicht wissen Sie es ja wirklich besser. Meinen Rat kennen Sie.« Er wandte sich zum Gehen.
»Einen Moment noch, bitte!«, rief Jo.
»Ja, Frau Schmitt?«
»Arbeitet hier im Haus ein Moritz Neumann?«
»Weshalb fragen Sie?«
»Er ist ein Bekannter von mir«, log sie. »Ich habe ihn leider aus den Augen verloren.«
Der Chef wandte sich an seine Assistenzärzte. »Kennt jemand von Ihnen einen Moritz Neumann?«, fragte er.
»Der Nachname könnte auch Neubert oder so sein«, sagte sie verlegen. »Es war eine … flüchtige Bekanntschaft.«
Ein junger Weißkittel brach in ein hartes Lachen aus, das sich sofort in ein Husten verwandelte. Er wurde rot und räusperte sich. »Vielleicht meinen Sie Moritz Niehaus, er ist Arzt im Praktischen Jahr.«
»Niehaus, das kann sein!« Jo war davon überzeugt, dass die Ärzte ihre Halsschlagadern pulsieren sehen konnten.
Der Oberarzt verabschiedete sich lachend von ihr. »Weiterhin gute Besserung«, sagte er gnädig. »Und seien Sie nett zu Ihren Therapeutinnen.«
Jo nickte. Sie hatte jetzt etwas viel Wichtigeres zu tun. Sobald die Weißkittel-Formation verschwunden war, googelte sie Moritz Niehaus.
»Das ist er!«, rief sie, als sie sein Bild auf einer Karriereplattform fand. Er sah jung aus und trug Anzug und Krawatte. »Arzt im Praktischen Jahr«, las sie ehrfürchtig. In ihrem Krankenhaus.
Vor lauter Freude und Glück liefen Tränen über ihre Wangen.
Jetzt musste sie ihn nur noch finden. Das würde sie irgendwie schaffen.
Aber wie fies dieser Herr Engel war! Schmitt wurde zu Vogel, Studer zu Stein, Niehaus zu Neumann. Wenn Puschel irgendwann geboren werden würde, hieß er bestimmt Pascha oder Kuschel.
»Herr Engel, Sie sind ein Herr Teufel!«, rief sie in das leere Zimmer. Sobald dieser Mann mit einem Stück Apfelkuchen in ihrer Nähe auftauchte, würde sie es ihm in die weißen Haare schmieren.
Jo glaubte jetzt fest daran, dass sie Moritz finden würde – aber sie war sich keineswegs sicher, ob sie ihn für sich gewinnen konnte. Obwohl sie ihre Nägel täglich vorsichtig feilte, sah man immer noch, dass sie regelmäßig daran gekaut hatte. Die eingerissene Nagelhaut heilte nur langsam. Und selbst die schönste Jogginghose war nicht gerade sexy. Trotzdem nahm sie sich vor, das Schönheitsprogramm jetzt zu erweitern.
Gleich morgen früh würde sie darauf bestehen, dass ihr jemand die fettigen Haare wusch. Das ging ja gar nicht! Und dann würde sie ein wenig Make-up auflegen und ihre Mutter bitten, ihr noch ein paar hübsche Shirts mitzubringen.
Jos größter Minuspunkt war, dass sie Patientin in einem Krankenhaus war. Als Besucherin wären ihre Chancen bei Moritz wesentlich größer, davon war sie überzeugt. Sie googelte nach Informationen über das Praktische Jahr und fand ein Logbuch, in das die angehenden Ärzte eintragen mussten, wann sie welche Technik gezeigt bekamen oder durchführten. »Da bleibe ich lieber bei Jura«, murmelte Jo, als sie durch die Listen scrollte. Noch schlimmer war lediglich die Vorstellung, wie ein untalentierter Jungmediziner eine dieser Methoden an ihr ausprobierte. Irgendwann tat jeder etwas zum ersten Mal. Außer sie selbst. Jo hatte einen Vertrag ausgearbeitet und als Anwältin gearbeitet, obwohl sie noch nicht mal das zweite Semester hinter sich hatte. Und irgendwie hatte es geklappt.
Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, sich an den Inhalt des Vertrages zu erinnern. Es war um den Bau einer Windkraftanlage gegangen, genauer um den Kauf der Rotorenblätter und um die damit verbundenen Zahlungs- und Lieferbedingungen. Eigentlich nicht so schwer. Sie glaubte, das auch jetzt wieder hinzubekommen – vielleicht nicht in zwei Stunden, sondern in acht.
In den Informationen zum Praktischen Jahr las sie nach, in welchen Abteilungen man diese jungen, engagierten Menschen finden konnte, unter denen sich Moritz Niehaus tummelte.
Sie war so in die Unterlagen vertieft, dass sie den eintretenden Gast zunächst gar nicht bemerkte.
»Guten Morgen, Frau Schmitt.«
Verdammt. Sie blickte zornig auf.
Es war Herr Engel. Und er sagte nur einen Satz: »Sie dürfen den richtigen Augenblick nicht erzwingen.«