Kapitel 29 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als Jo mit zitternden Knien über ihrem Rollator hing und Moritz dabei zusah, wie seine Hände vergeblich nach einem Papiertaschentuch tasteten.
»Greifen Sie in meine rechte Hosentasche«, bat sie, »da sind welche drin. Ich würde es selbst machen, aber ich kann leider nicht loslassen.«
»Verzeihung«, murmelte er und tat, was sie verlangte. Er wischte über sein Gesicht und putzte seine Nase.
»Ich würde ja fragen, ob Sie einen Arzt brauchen, aber Sie sind schon einer«, sagte sie nachdenklich.
»Sie sind die Jurastudentin mit der Oberschenkelhalsfraktur«, erwiderte er und griff unter ihre Arme, um sie ein wenig aufzurichten. »Ich bringe Sie erst mal in Ihr Zimmer.«
Jo nickte schweigend. Sie wollte sich unbedingt mit Moritz unterhalten, aber das würde nicht funktionieren, wenn ihr Körper vorher den Dienst quittierte.
»Ich mache das«, sagte Moritz mit fester Stimme zu der Schwester, die ihn erstaunt anblickte.
»Danke«, sagte Jo erleichtert, als sie wieder auf der Bettkante saß.
»Ich bin im Praktischen Jahr«, vertraute er ihr an. »Chirurgie, das ist nicht immer leicht.«
»Ein harter Job«, sagte sie locker. »Das liegt nicht jedem.«
»Woher wissen Sie das?«, fragte er und klopfte ihr Kopfkissen zurecht. Dann half er ihr, sich wieder richtig ins Bett zu setzen.
Jo blickte ihn an. Er sah ›ihrem‹ Moritz zum Verwechseln ähnlich, allerdings war seine Haut noch faltenfrei und er hatte dunkle Ringe unter den Augen – vermutlich vom Stress. »Ein Bekannter von mir ist Arzt und hat erzählt, dass er sich im dritten Trimester des Praktischen Jahres mit letzter Kraft aus der Chirurgie in die Radiologie gerettet hat. Er wurde ein superglücklicher und erfolgreicher Radiologe.«
»Ich werde mich auch dorthin retten.«
»Wie lange haben Sie noch vor sich?«, fragte sie mitleidig.
»Fünfeinhalb Wochen.«
Jo rümpfte ihre Nase. »Nachtdienste sind übel«, sagte sie fachmännisch. »An Ihrer Stelle würde ich mir ein paar Pillen aus dem Schrank holen, um besser schlafen zu können. Aber setzen Sie sie wieder ab, sobald Sie den CT-Raum betreten.«
Er grinste. »Ihre OP war ziemlich herausfordernd. Sie hatten unseren besten Chirurgen, und der hat geflucht. Aber es ist alles gut verlaufen«, ergänzte er, als er Jos entsetztes Gesicht bemerkte.
Sie schluckte ihren Ekel hinunter. Die Vorstellung, wie jemand an ihr herum metzelte und dabei Schimpfwörter ausstieß, gefiel ihr nicht. »Tut mir echt leid, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe«, antwortete sie und blickte an sich herunter. Die ausgebeulte Jogginghose sah nicht gerade verführerisch aus. »Sobald ich mich halbwegs ordentlich anziehen kann, lade ich Sie zu einem Stück Apfelkuchen ein.«
Er lachte. »Warum Apfelkuchen?«
Sie grinste ihn freimütig an. »Nichts hilft so gut gegen Stress wie ein saftiges Stück Apfelkuchen mit einer Prise tröstlich-zimtigen Weihnachts-Feelings.« Sie griff in die Tasche ihrer Jogginghose und holte das Päckchen Papiertaschentücher heraus. »Hier, die schenke ich Ihnen. Und wenn Ihnen im OP ein lebendes Herz munter entgegenschlägt, denken Sie an mich statt an den fluchenden Chirurgen.« Sie formte mit ihren Händen ein pulsierendes Herz. In ihrem Inneren hoffte sie, dass Moritz diese OP bereits hinter sich hatte, denn er hatte sie in ihrem Traum als sehr belastend beschrieben.
»Sie sind die ungewöhnlichste Patientin, die mir je begegnet ist«, sagte er und atmete tief durch. Dann blickte er auf die Uhr. »In drei Stunden habe ich dienstfrei, wenn nichts dazwischenkommt. Ich hole Sie ab. Lassen Sie die Jogginghose an, die sexy Jeans drückt auf die OP-Wunde.«
Jo hob ihre Hand zum High five. »Deal!«, sagte sie zufrieden.
»Deal«, erwiderte er lächelnd und schlug ein. »Falls es länger dauert, ist Land unter im OP. Ich komme auf jeden Fall, nur eventuell etwas später.«
»Dann denke ich erst recht an Sie.« Jo strahlte.
Moritz ging ein wenig aufrechter, als er ihr Krankenzimmer verließ.
Eine Sache war noch besser als Apfelkuchen: Apfelkuchen gemeinsam mit Moritz Niehaus essen.
Jo lag in ihrem Bett und schwebte wie auf Wolken. Der Schmerz in ihren Muskeln war vergessen. Herr Engel hatte vollkommen falsch gelegen – Moritz war hier und er brauchte sie! Wärme erfüllte ihr Herz. Moritz hatte ihr im Traum zur Seite gestanden, jetzt konnte sie dasselbe für ihn tun. War es nicht wunderbar, wie sich die Dinge zusammenfügten? Zwei Menschen zogen sich gegenseitig aus dem Sumpf.
Jemand klopfte an.
»Herein!«, sagte sie fröhlich. »Oh, Saskia, hi!«
»Wie geht es dir heute?«
»Super, ich habe eben einen total süßen Assistenzarzt getroffen. Er hat mich mit operiert.«
»Erzähl!«
Jo berichtete kurz, was sie alles erlebt hatte, während Saskia ihre Tasche auspackte. »Noch mehr Kopien«, sagte sie. »Mit den besten Grüßen von Max.«
»Das ist ja nett«, sagte Jo unverbindlich. »Ich erinnere mich gar nicht daran, dass er mir an der Uni schöne Augen gemacht hat. Eigentlich erinnere ich mich gar nicht an ihn.«
Saskia zuckte mit den Schultern. »Da ich dachte, dass du die Unterlagen gut gebrauchen kannst, habe ich mich nicht gewehrt«, gestand sie. »Immerhin hat er im Fachbereich ein Wörtchen mitzureden.« Sie blickte Jo an. »Einer unserer Tutoren ist krank geworden, seitdem betreut er eine Übung. Ich will ihn nicht brüskieren.«
Jo nickte. Gleichzeitig ahnte sie, dass Max für sie möglicherweise zu einem Problem werden konnte. Sie sah nachdenklich auf ihre Jogginghose. Am besten war es, wenn sie die Uni nur noch in schlampiger Kleidung betrat, bis er von der Idee Abstand nahm, sie treffen zu wollen.
Eine Zeit lang redeten sie über den Lehrstoff. »Mit Bürgerlichem Recht habe ich immer noch Probleme«, sagte Jo. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, da sie ständig an Moritz denken musste.
Nachdem ihre Kommilitonin sich verabschiedet hatte, starrte Jo auf den wachsenden Berg von Unterlagen. Sie würde ihre Mutter bitten, ihr den Laptop vorbeizubringen. Sie musste sich einen systematischen Lernplan erstellen, um das alles zu bewältigen.
Gerade hatte sie ihr persönliches Wunder erlebt – Moritz war hier. Würde ihr ein zweites Wunder vergönnt sein? Juristen studierten hart, zwei Monate mal eben aufzuholen war nicht leicht. Am Wochenende würde sie sich von ihrer Mutter beraten lassen und dann ihre Strategie ausarbeiten.
Seufzend ließ Jo sich auf ihr Kissen sinken.
Wie war ihr Unfall nur geschehen? Sie konnte sich an nichts erinnern. Nur an den vagen Wunsch, dem Leben entfliehen zu wollen. Aber wer würde vor ein Auto laufen? Das war nicht gerade eine zuverlässige Methode. Außerdem stürzte man einen anderen Menschen mit in die Krise. Nein, das passte nicht mal zu der depressiven Johanna, die sie vor dem Unfall gewesen war. Vielleicht gab es einen Polizeibericht? Bisher hatte noch niemand mit ihr über diese Dinge geredet.
Scham durchflutete sie. Selbst schuld! Immerhin hatte sie sich sämtlichen Gesprächsangeboten verweigert. In ihrem Traum hatte sie Johanna nicht nach dem Unfall gefragt, da sie die Patientin nicht belasten wollte.
Jetzt war sie selbst die Patientin. Dumm gelaufen.
»Dieser blöde Herr Engel!«, schimpfte sie leise. Er hatte ihr nicht nur im Traum eine Amnesie vorgegaukelt, auch jetzt litt sie darunter. Zwar fehlte ihr nicht das ganze Leben, dafür aber die wichtigen Tage kurz vor dem Unfall. Und auch die Erinnerungen an die Uni waren noch flach und wenig detailreich.
So sehr Jo auch ihren Verstand bemühte, es gab keine prägnantes Bild, das sie als ihr Letztes bezeichnen konnte.
»Verdammt«, flüsterte sie. Ihr Leben bestand nur noch aus der Jagd nach Informationen. Doch zunächst gab es Wichtigeres zu tun. Sie musste sich für Moritz halbwegs in Schuss bringen und klingelte nach der Schwester.
»Ich habe ein Date«, erklärte sie der verdutzt dreinblickenden Frau und fuhr durch ihre fettigen Haare. »Gibt es irgendeine Chance für mich, mir in den nächsten zwei Stunden die Haare waschen zu lassen?«
Die Schwester grinste. »Nun, eigentlich machen wir das morgens. Aber ich werde Sie dazwischenschieben, Frau Schmitt.«
Jo strahlte. »Das wäre wirklich zauberhaft!«, verkündete sie enthusiastisch. Ihr Schweigen hatte doch einen Vorteil gehabt. Jetzt, da sie es aufgab, kam man ihr entgegen.
Eine Stunde später lag sie in einer Patientenbadewanne, die eigentlich eine Art Pritsche aus Campingmaterial auf Rädern war. Ihre Narbe am Bein wurde von einer Tüte geschützt und die Schwester, die ihr die Haare wusch, versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln. »Haben Sie einen Freund, der Sie besucht?«, fragte sie.
»So in der Art. Es ist auf jeden Fall sehr wichtig für mich«, gab Jo zurück. Sie wollte nicht, dass Moritz wegen ihr Schwierigkeiten bekam. Andererseits durfte er sich in seiner Freizeit treffen, mit wem er wollte. Es war ja nur ein harmloser Besuch.
Als sie mit geföhnten Haaren in ihrem Bett saß, fühlte sie sich viel besser. Frischer, sauberer. Aufgeräumter.
Sie versuchte, sich auf ein Skript zu konzentrieren, aber das fiel ihr schwer, da sie ständig an Moritz denken musste. Deshalb quälte sie sich schließlich ins Bad und kümmerte sich um ihr Gesicht. Genau wie Moritz hatte sie immer noch hässliche Augenringe. Gab es so etwas wie Komaringe? Sie nahm ihren Toilettenbeutel mit ans Bett und schminkte sich in dem kleinen Handspiegel, den ihre Mutter ihr eingepackt hatte.
Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. Sie sah Jo Vogel jetzt ein bisschen ähnlich. Dann versuchte sie wieder zu lernen.
Ihr Handy klingelte – unbekannte Nummer. »Schmitt?«, meldete sie sich und ließ ihr Skript auf den Schoß sinken.
»Hi Johanna, hier ist Max. Wie geht es dir?«
Jo schluckte. »Woher hast du meine Handynummer?«, fragte sie.
»Die hast du mir gegeben«, sagte er verwundert.
Hatte sie?
»Dann muss das kurz vor meinem Unfall gewesen sein«, erwiderte sie und unterdrückte ein Stöhnen. »Ich kann mich nicht daran erinnern.«
»Oh. Das ist … sehr, sehr schade.« Er schwieg einen Moment lang.
»Dann hilf mir doch auf die Sprünge«, schlug sie vor.
Max räusperte sich und Jos Herz begann zu klopfen.
»Weißt du etwas von meinem Unfall?«, fragte sie. »Haben wir uns vorher getroffen?«
»Also ich habe dich nicht vor den Mercedes geschubst«, sagte er leise.
Bei Jo schrillten jetzt alle Alarmglocken auf. Woher wusste er, dass es ein Mercedes gewesen war? Daraus konnte sie nur schließen, dass er Zeuge war. »Davon gehe ich auch gar nicht aus«, sagte sie rasch. »Trotzdem wären ein paar Informationen echt hilfreich.«
»Was hat man dir erzählt?«, wollte er wissen.
»Ehrlich gesagt habe ich bis gestern den Kontakt weitgehend verweigert«, sagte sie langsam. »Ich hatte genug damit zu tun, in der Realität anzukommen.«
»Ich bin froh, dass du dich so schnell erholt hast.« Seine Stimme klang rau. »Eine Zeit lang sah es gar nicht gut aus, es hieß, du hattest eine Schwellung im Gehirn.«
»Woher weißt du das?«, fragte sie erstaunt. »Es bekommen doch nur Angehörige Informationen.«
»Ich habe mir Sorgen gemacht. Die Nachbarin meiner Mutter arbeitet auf der Intensiv und hat … Dreh ihr bitte keinen Strick draus.«
»Quatsch!«, sagte Jo rasch, obwohl ihr gesamter Körper vor Aufregung pulsierte. »An deiner Stelle hätte ich die Gelegenheit auch ergriffen.« Sie lachte hektisch. »Danke für die Unterlagen, die Saskia mir mitgebracht hat.«
»Ich habe deinen Jahrgang ermuntert, dich zu unterstützen. Du kannst jede Hilfe brauchen, wenn du den Rückstand aufholen willst.«
»Das will ich«, sagte sie rasch.
»Darf ich dich besuchen?«
Plötzlich begann das Handy in ihrer Hand zu zittern. Ganz unerwartet und unkontrolliert. Was war mit ihr los? Und welches Geheimnis hatte Max?
Sie musste darauf eingehen, zumindest zum Schein. Informationen waren wichtig. Doch als sie den Mund öffnen wollte, um etwas von sich zu geben, war ihr Hirn wie leergefegt.
»Bist du noch dran?«, fragte er. Seine Stimme klang lauernd, als sei er ein Schakal auf der Jagd.
»Jaja«, presste sie hervor. »Du, da kommt gerade eine Schwester, ich muss jetzt auflegen. Wir hören uns, okay?«
»Klar«, sagte er rasch. »Und Johanna?«
»Ja?« Ihr Herz war kurz davor, aus ihrem Brustkorb zu springen und davonzulaufen.
»Gute Besserung.«