Kapitel 32 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
»Musst du nicht operieren?«, fragte Jo mit tonloser Stimme.
»Ein Kollege übernimmt die Assistenz beim ersten Eingriff, er braucht die OP für sein Logbuch.« Moritz lächelte. »Ich habe deinen Unfallbericht. Möchtest du wissen, was drinsteht?«
Jo nickte heftig. »Klar!«
»Nun«, begann er und sah sie an. »Du hattest eine Mischung mehrerer Amphetamine im Blut und wurdest auf der Hauptstraße beim Stadtbad von einem Auto angefahren.«
»Ich weiß«, sagte sie kraftlos. »Ich habe meine Positionsdaten gecheckt. Ich war vorher in einem Gebäude mit vielen Wohnungen, aber ich weiß nicht, bei wem. Davor war ich in einem Club.«
»Vermutlich hast du dort etwas eingeschmissen.«
»Meine Mutter hat eben zwanzig Packungen Ritalin in meinem Zimmer gefunden.«
»Bist du verrückt, Johanna?«, fragte Frau Schmitt entsetzt.
»Ich unterstehe der Schweigepflicht«, versicherte Moritz rasch. »Dann hat sich diese Vorhersage auch bewahrheitet?«
Jo nickte unter Tränen. »Mama glaubt jetzt, dass ich deale. Und du hast ja schon gestern angedeutet, dass ich wirr im Kopf sein könnte.«
»Nun, ich habe mittlerweile ein wenig recherchiert und ich glaube dir. Dein Wissen über mich hat mich nachdenklich gemacht.«
»Das müssen Sie mir erklären, Herr Doktor«, verlangte Frau Schmitt kalt.
»Ich bin noch im Praktischen Jahr«, sagte er und holte Luft. Moritz erzählte, was Jo alles über ihn gewusst hatte. »Es ist ausgeschlossen, dass sie das über Freunde oder Bekannte erfahren hat. Es gibt nicht viele Frauen, die mein Muttermal kennen, und mit denen habe ich heute Morgen geschrieben.« Er räusperte sich. »Auch wenn es recht peinliche Unterhaltungen waren, haben mir die Damen versichert, mit niemandem darüber gesprochen zu haben. Sie waren sogar ziemlich irritiert. Und sie leben weit weg von hier und kennen Johanna nicht. Ich habe keinen Grund, an ihren Angaben zu zweifeln.«
»Das ist verrückt«, murmelte Jos Mutter.
»Es hat etwas Göttliches«, erwiderte Moritz und kratzte an seiner Wange. »Die Fakten sprechen für Jo. Sie hat davon geträumt, dass jemand Drogen in ihr Haus geschmuggelt hat. Und genau die haben Sie in der Studentenwohnung gefunden.«
Jo starrte die beiden ausdruckslos an, während sie diskutierten. Moritz ruhig und besonnen, ihre Mutter kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
»Geben Sie Ihrer Tochter eine Chance«, sagte er mit fester Stimme. »Ich glaube daran, dass sich das Ganze aufklären wird.« Er rückte ein wenig näher. »Und selbst wenn sie noch verwirrt sein sollte, so helfen Sie ihr am besten, indem Sie sie vorurteilsfrei unterstützen, auch wenn es Ihnen schwerfällt.«
Frau Schmitt öffnete ihre Handtasche und zog eine Packung Papiertaschentücher heraus. »Dass ich so etwas erleben muss«, murmelte sie fassungslos.
»Ihre Tochter ist knapp mit dem Leben davongekommen, darüber sollten Sie sich freuen«, gab Moritz zurück. »Alles andere sind Probleme, die wir lösen können.«
»Wie lange kennen Sie Johanna, Herr …«
»Niehaus. Und ich kenne Jo seit gestern.«
Frau Schmitt schnaubte. »Von einem Arzt im Praktischen Jahr hätte ich mehr Weitblick erwartet.«
Moritz blieb ruhig und besonnen. »Geben Sie Ihrer Tochter eine Chance«, wiederholte er. »Die Panikattacke, die sie gestern erlebt hat, ist ein Hinweis, dass ihre Erinnerung zurückkommen könnte.«
»Ich brauche ein Foto vom Klingelschild dieses Gebäudes«, sagte Jo. »Ich frage mich die ganze Zeit, ob dieser Max Studer dort lebt, der sich gestern bei mir gemeldet hat.«
Frau Schmitt blinzelte. »Das kann ich gleich erledigen, wenn du mir die Adresse gibst. Nur was mache ich mit den Pillen?«
»Nicht wegwerfen«, riet Moritz. »Es könnten Fingerabdrücke dran sein.«
»Wenn mir jemand schaden will, gibt es keine Spuren«, sagte Jo. »Höchstens meine eigenen Abdrücke. Wie auch immer die da draufgekommen sein könnten«, ergänzte sie rasch.
»Das ist ein Albtraum«, flüsterte Frau Schmitt.
»Bleiben Sie bitte positiv«, bat Moritz. Dann seufzte er. »Ich muss los, der Oberarzt wartet nicht gerne auf seine Assistenten.«
»Danke«, sagte Jo rasch. »Danke für alles.«
»Lass den Kopf nicht hängen, wir kriegen das hin.« Moritz lächelte, schüttelte die Hand von Jos Mutter und verließ den Raum.
»Du hast ihn gestern kennengelernt?« Frau Schmitt wischte mit dem Papiertaschentuch über ihr Gesicht.
»Ich bin in meinem Traum mit ihm zusammengekommen, deshalb kannte ich ihn schon gut. Er mich allerdings nicht.«
»Vielleicht wolltest du dir ein Finanzpolster aufbauen, falls dein Vater dir nach den ersten missglückten Prüfungen die monatlichen Überweisungen streichen würde.«
»Davor hatte ich Angst«, gestand sie. »Aber Drogen? Eher hätte ich mir einen Job gesucht. Das denke ich jedenfalls.«
Frau Schmitt atmete tief durch. »Ich werde jetzt dieses Klingelschild inspizieren. Und dann rufe ich deinen Vater an und bitte ihn um Rat.«
Jo nickte. Ihr Körper fühlte sich seltsam fremd und taub an. Wie konnte ihr schlimmster Albtraum aus dem Koma tatsächlich Realität werden? Hatte Herr Engel nicht davon gesprochen, dass es sich bei dem Drogenthema um Frakturen handelte? Dafür gab es nur eine Erklärung. Das Spiel, das er mit ihr spielte, war noch nicht vorbei. Herr Engel hatte sie angelogen, weil er sich irgendetwas davon versprach.
Eine knappe Stunde später kam Jos Mutter zurück. »Da wohnt tatsächlich dieser Maximilian Studer, er steht mit vollem Namen auf dem Schild!« Entrüstet hielt sie ihrer Tochter ihr Handy hin. »Hier, ich habe ein Foto gemacht. Er hat etwas mit dieser Sache zu tun! Womöglich bist du wegen ihm so hektisch auf die Straße geflohen!«
»Warum hat er mir gestern nicht davon erzählt, als er angerufen hat?«, fragte Jo entsetzt.
»Bestimmt hat er dich mit Drogen abgefüllt.« Ein Schluchzer entwich ihrer Kehle. »Kind, erinnere dich bitte! Dann können wir ihn anzeigen!«
Plötzlich ging es wieder los. Jo begann am ganzen Körper zu zittern.
»Ob man das noch nachweisen kann, falls ihr sexuellen Kontakt hattet?« Frau Schmitt dachte nach. »Es ist viel Zeit verstrichen, du wurdest häufig gewaschen …« Sie griff nach ihrer Handtasche. »Ich rede mit deinem Arzt.« Dann stöhnte sie. »Warum nur habe ich deine Kleidung aus der Unfallnacht schon weggeworfen?«
Jo war froh, dass ihre Mutter sofort mit dem Arzt redete, aber gleichzeitig fühlte sie sich schrecklich allein. Sie stellte sich vor, wie sie vor Max weglief, stolperte, um Hilfe schrie, nicht wusste, wohin …
Es klopfte. Ausgerechnet jetzt musste diese verflixte Psychotherapeutin auftauchen!
»Guten Morgen, Frau Schmitt«, sagte sie freundlich, als sei nichts vorgefallen.
»Nicht schon wieder!«, stöhnte Jo. »Ohne Informationen brauchen Sie sich erst gar keinen Stuhl zu holen.«
»Ich habe gehört, dass Sie gestern eine Panikattacke hatten«, sagte die Frau.
»Haben Sie jetzt Informationen oder nicht?«
»Was möchten Sie denn wissen?«
»Ob ich unter Drogen gesetzt wurde.« Jo holte tief Luft. »Vergewaltigung?«
Die Frau holte sich einen Stuhl. »Ich wollte Sie mit diesem Thema noch nicht belasten.«
»Was?«, rief Jo entsetzt. »Ich wurde also vergewaltigt?«
»Nun, Sie hatten mehrere Hämatome an den Innenseiten der Oberschenkel, deshalb hat ein Gynäkologe Sie zur Sicherheit untersucht. Sie hatten Sex, aber natürlich wissen wir nicht, ob das freiwillig geschah. Die Drogen in Ihrem Blut sind ein Hinweis, wenn Sie allerdings häufiger konsumieren …«
»Ich nehme niemals Drogen, nie, nie, nie!«, schrie sie aus vollem Hals.
»Wissen Sie, wo Sie in der Nacht vor dem Unfall waren?«
»Ja, weil ich meine Positionsdaten überprüft habe. In einem Club und dann bei einem Tutor von der Uni, mit dem ich bisher nichts zu tun hatte.«
»Das passt zumindest zusammen.«
»Sie unterstehen der Schweigepflicht?«, fragte Jo.
»Wenn Sie mich bitten zu schweigen, werde ich das tun.«
»Auch, wenn es um eine mögliche Straftat geht?«
»Haben Sie denn eine begangen?«
»Nein, natürlich nicht! Aber es könnte so aussehen!« Diese Frau raubte Jo den letzten Nerv.
»Ich schweige, wenn Sie es wollen.«
»Ich möchte das, jedenfalls bis klar ist, was passiert ist.«
»In Ordnung.«
Jo holte Luft und erzählte von ihrer kleinen Wohnung und von dem Fund. »Ich will nicht, dass meine Mutter Probleme bekommt«, sagte sie. »Ich habe von Max geträumt und von Drogen, allerdings waren es im Traum Amphetamine und kein Ritalin.« Das Detail mit dem Koks ließ sie weg, das würde die Frau nur verwirren.
»Warum haben Sie sich mir nicht anvertraut?«, wollte die Psychologin wissen.
»Weil ich es nicht wusste?« Jo war stinksauer und aufgeregt zugleich. »Ich muss wissen, ob dieser Max mit mir … Sie wissen schon.«
»Soll ich das für Sie in die Wege leiten?«, fragte die Psychotherapeutin.
»Nur nach Absprache mit meiner Mutter, die ist gerade beim Arzt.«
»Okay. Soll ich hierbleiben oder …«
»Nein! Gehen Sie hin und reden Sie mit ihr! Sofort!«
Jo zitterte am ganzen Körper. Eine schnelle Nummer passte nicht zu ihr. Und doch hatte sie im Traum schon nach wenigen Tagen mit Moritz …
War sie wirklich freiwillig mit Max ins Bett gestiegen? Falls ja, lag das definitiv an den Drogen.
Als ihre Mutter eine halbe Stunde später wiederkam, weinte sie. »Drogen und Vergewaltigung«, murmelte sie. »Ich fasse es nicht.«
»Wir wissen nicht, ob es eine Vergewaltigung war«, sagte Jo, »aber ich schwöre, dass ich noch nie in meinem Leben am ersten Abend mit jemandem … Ich gehöre da eher zur langsamen Sorte.«
Frau Schmitt ergriff die Hand ihrer Tochter. »Das weiß ich doch, mein Schatz.«
»Ich frage mich nur, warum die Psychologin es mir nicht erzählt hat.«
»Sie wollte dir eine Chance geben, langsam ins Leben zurückzufinden und dich selbst zu erinnern. Ich habe sie angeschrien, dass da draußen womöglich ein Täter frei herumläuft. Wenigstens haben sie Proben genommen.«
Jo zitterte.
»Bei dem Cocktail, den du im Blut hattest, ist das das Mindeste«, fuhr ihre Mutter fort.
»Ach Mama! Es tut mir so leid!« Tränen liefen über Jos Wangen.
»Dein Vater wird diesen Typen drankriegen, das schwöre ich dir. Er ist schon auf dem Weg nach Trier.« Sie sah ihre Tochter an. »Nur was machen wir mit dem Ritalin?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht.«
»Ich nehme das Zeug mit ins Hotel, bis dein Vater da ist«, sagte sie. »Vielleicht sind wir heute Abend schlauer.«
Schon wieder klopfte es. Zwei Polizisten betraten den Raum. »Es besteht Verdacht auf eine Vergewaltigung, dem müssen wir nachgehen.«
Jos Mutter wachte am Bett ihrer Tochter, während die Polizisten sich die Positionsdaten auf dem Handy zeigen ließen und Jo zu Protokoll gab, dass Max Studer bei ihr angerufen hatte. »Er hat nicht erwähnt, dass wir Sex hatten«, sagte sie. »Ich erinnere mich nicht mal an ihn, da ich keinen Kurs bei ihm hatte. Das hat mich stutzig gemacht. Er hat mir auch nicht erzählt, dass ich in dem Haus war, wo er wohnt – aber er wusste, dass ich in einen Mercedes gelaufen bin.«
Einer der Beamten nickte. »Die Automarke stimmt«, bestätigte er.
Als Sie mit ihrer Aussage fertig war, kam das Mittagessen. Jo hatte natürlich keinen Hunger. Lustlos stocherte sie in den Kartoffeln herum. Sie aß ein paar Gabeln voll in der Hoffnung, dass das Zittern aufhören würde, aber es half nicht. Die Medikamente, die man ihr anbot, verweigerte sie. »Ich muss wach bleiben«, sagte sie, »hier geht es um mein Leben.«
Später erfuhr sie von ihrer Mutter, dass die Polizei Max Studer zu einer Untersuchung mitgenommen hatte. »Er behauptet, dass ihr einvernehmlich Sex hattet und dass du betrunken warst, so wie er auch. Angeblich seid ihr mit einem Taxi zu ihm gefahren.« Frau Schmitt schnaubte. »Clever, das kann ihm niemand mehr nachweisen. Aber sie machen einen Drogentest. Falls er regelmäßig konsumiert, finden sie es heraus. Und er wird sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten müssen. Dass er dir gegenüber den Mercedes erwähnt hat, hat ihn verraten.«
Als ihr Vater später erschien, bebte das Krankenzimmer. Normalerweise war ihr Papa hart in der Sache, aber besonnen im Auftritt. Doch der Verdacht, der im Raum stand, ließ seine Gesichtshaut dunkelrot anschwellen. »Den kriegen wir, das versichere ich dir.« Die beiden rauschten gemeinsam ab, um zur Polizei zu fahren. »Wir werden dich natürlich vertreten!«
Als Moritz kam, hatte die zittrige Jo jede Menge Neuigkeiten zu berichten.
Verlegen ergriff er ihre Hand. »Es tut mir sehr leid, was da geschehen ist«, sagte er. »Ich wünschte, ich könnte diesen Schmerz von dir nehmen.«
Plötzlich klingelte ihr Smartphone. »Das ist Max!«, rief sie, als sie die Nummer erkannte.
»Schalte den Lautsprecher an, dann hast du einen Zeugen.« Moritz griff ebenfalls nach seinem Handy.
»Hallo?«, meldete sie sich.
»Sag mal, spinnst du? Die haben mich an der Uni abgeholt, vor allen Studenten! Was kann ich dafür, dass du dich nicht mehr daran erinnerst, wie du mich angemacht hast in deinem kurzen Röckchen?«
»Habe ich das?«, fragte sie leise.
»Und wie! Du warst wie eine Klette und dann sind wir mit dem Taxi zu mir. Du wolltest erst weiterfahren und bist dann aber ausgestiegen und da haben wir es eben getan.«
»Das glaube ich dir nicht!«, rief sie. »Ich hatte jede Menge Drogen im Blut und ich habe vorher noch nie etwas genommen!«
»Ich weiß nicht, was du getrieben hast, seit du nicht mehr an der Uni warst«, sagte er gefährlich leise. »Aber eins kann ich dir versichern: Wenn du mir etwas anhängst, mache ich dich fertig! Ich habe da meine Methoden!«
»So?«, fragte sie zurück. »Willst du etwa Drogen in meinem Zimmer verstecken? Dann leg sie nicht neben das Ritalin, das meine Mutter gefunden hat.«
»Das ist eine Unterstellung!«
»Na dann kannst du ja beruhigt sein«, erwiderte sie und legte auf.
Moritz drückte einen Knopf auf seinem Handy. »Ich habe das Gespräch aufgezeichnet. Sicher ist sicher.«
»Und jetzt?«, fragte sie besorgt.
»Er hat dir gedroht, das müssen wir an die Polizei weitergeben.«
»Mein Leben ist ein Albtraum«, sagte Jo und stöhnte. »Ich muss meine Mutter anrufen.«
»Du schaffst das. Wir schaffen das gemeinsam.«