Kapitel 33 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Am Abend brachte die Krankenschwester Jo eine Schlaftablette. »Bei all dem, was heute vorgefallen ist, sollten Sie die nehmen«, riet sie. »Und machen Sie sich keine Sorgen wegen der Wache.«
Nachdem Moritz die Sprachaufnahme den Polizeibeamten vorgespielt hatte, wurde sofort ein Schutz für Jo organisiert.
Sie glaubte nicht daran, dass Max es wagen würde, mitten in der Nacht im Krankenhaus aufzukreuzen. Was sollte er hier tun? Sie umbringen? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen.
Ihre Mutter und ihr Vater hatten das Ritalin gemeinsam an die Beamten übergeben und ihre Aussage gemacht. Die Drogenfahndung würde über die Chargennummern versuchen herauszufinden, woher das Medikament stammte. »Da werden wohl einige Studenten in nächster Zeit Probleme bekommen«, hatte der Beamte zu Jos Mutter gesagt. »Der Nachschub ist gestrichen.«
Jo ließ die Schlaftablette auf dem Nachttisch liegen. Sie dachte nach. Eigentlich musste man sich nach einer Vergewaltigung schlecht fühlen, aber sie empfand eher eine merkwürdige Art der Erleichterung.
Endlich kannte sie den Grund für die Probleme, die ihr zugestoßen waren. Der Traum, den sie erlebt hatte, verschaffte ihr eine erweiterte Perspektive, so dass sie nicht in Verzweiflung ertrank. Außerdem war da noch Moritz, dessen Zuversicht ihr Kraft schenkte. Erneut wunderte sie sich, dass der junge Arzt keine Angst davor hatte, sich ihren Problemen zu stellen.
Am nächsten Morgen kam ihre Mutter ohne anzuklopfen hereingestürzt. »Das glaubst du mir nie!«, rief sie. »Heute Morgen um vier Uhr wurde Max Studer dabei erwischt, wie er versucht hat, die Tür deines Appartements zu öffnen!«
»Was?«, fragte Jo entsetzt.
»Und nicht nur das! Er hatte Drogen dabei, vermutlich Amphetamine, die werden gerade in einem Labor analysiert. Genug für eine Freiheitsstrafe!«
»Dann war mein Traum doch keine Spinnerei«, rief sie. »Er hat mich vor dem gewarnt, was mir bevorstand.«
»So sieht es aus.« Ihre Mutter nickte heftig. »Ich werde jetzt erklären müssen, warum ich das Ritalin mitgenommen habe, aber das kann ich auf den Stress schieben. Das wird nicht so schlimm werden. Immerhin haben wir das Medikament keine zwölf Stunden später abgegeben.«
Jo war entsetzt. »Ich kann es nicht fassen. Warum?«
»Er wollte deine Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Drogen im Blut, Drogen in der Wohnung – damit wäre deine Aussage wegen der Vergewaltigung vollkommen verwässert gewesen.«
»Das Problem ist, dass ich immer noch nicht weiß, ob ich wollte oder nicht.«
»Er hat dir Substanzen verabreicht, das wird jeder Richter in deinem Sinne interpretieren. Damit hat er dir die Chance genommen, dich frei zu entscheiden.«
»Auch wieder wahr.« Jo seufzte. »Meine Güte, ohne meinen Traum hätte sich das niemals aufgeklärt. Ich hätte Moritz nicht gefunden, ich hätte dich nicht in meine Wohnung geschickt und ich hätte …«
Frau Schmitt trat ans Bett und ergriff die Hand ihrer Tochter. »Ich bin froh, dass dir das Leben ein zweites Mal geschenkt wurde. Ich habe über eine Woche lang an deinem Bett gesessen und gehofft. Dann bin ich kurz nach München, um Kleidung zu holen und ein paar Dokumente zu unterzeichnen, und du wurdest wach. Ich mache mir Vorwürfe, dass du ganz allein warst, als du zu Bewusstsein kamst.«
»Ach was«, erwiderte Jo, »ehrlich gesagt war es gut so. Ich war noch so gefangen von meinem Traumleben, wahrscheinlich wäre ich garstig zu dir gewesen. Ich habe meinen ganzen Studienfrust auf euch projiziert. Und als Papa sich über Ricarda ärgerte, bekam ich Angst. Dabei hatte ich selbst entschieden, Jura zu studieren. Ich habe es nur unterwegs vergessen.«
»Wir sind ehrgeizig.« Frau Schmitt blinzelte. »Das bleibt bei Juristen nicht aus, ohne Ehrgeiz schafft man es nicht. Ich hätte mich besser um dich kümmern müssen, als ich bemerkte, dass du einsilbig wurdest und nicht mehr oft ans Telefon gegangen bist. Warum habe ich mich nicht ins Auto gesetzt und bin zu dir gefahren?«
»Das hätte ich ja auch tun können.« Jo zuckte mit den Schultern. »Hab ich aber dummerweise nicht.«
»Wir machen das Beste daraus. Und wenn du etwas anderes studieren willst, kriegen wir das auch hin. Papa wird es schon einsehen.«
»Das will ich aber nicht!«, rief Jo rasch. »Im Traum war ich Anwältin und ich mochte meinen Beruf. Ich habe sogar Verträge ausgearbeitet.«
»Du kannst dir Zeit nehmen, um darüber nachzudenken. Geh in dich und überlege, was dir wirklich wichtig ist. Das allein zählt.«
Als ihre Mutter sich verabschiedet hatte, um mit ihrem Vater noch ein paar Dinge zu regeln, lag Jo lange auf ihrem Bett und starrte an die Decke. So viel war passiert. Auch wenn sie ständig sauer auf Herrn Engel gewesen war, so hatte sie dem alten Kauz ziemlich viel zu verdanken.
»Nein!«, rief sie, als der Mann plötzlich in ihr Zimmer wackelte. »Jetzt, wo alles vorbei ist, kommen Sie wieder?«
»Jetzt, wo alles beginnt«, korrigierte er freundlich.
»Diese Weisheiten sind nicht sehr hilfreich, ich hätte ein paar handfeste Antworten gebraucht.«
Er holte sich einen Stuhl und setzte sich an ihr Bett. »Was möchten Sie denn wissen?«
»Warum gab es nirgendwo Apfelkuchen?«
Herr Engel blickte sie lächelnd an. »In der Welt, in die wir Sie transferiert haben, kann man alles erreichen, wenn man sich anstrengt. Es gibt für jedes Problem eine Lösung. Aber eine Kleinigkeit, die unserem Klienten besonders am Herzen liegt, verwehren wir konsequent.«
»Warum?«, wiederholte Jo perplex.
»Weil man auch in einem nahezu perfekten Leben nie alles haben kann, was man möchte«, erklärte er ernsthaft.
»Das ist doch Quatsch!«
»Es war wichtig, dass Sie nicht zu fest mit der Traumwelt verwachsen. Das ist auch der Grund, warum ich häufig in Ihrer Nähe aufgetaucht und verschwunden bin. Zweifel helfen dabei, in das wirkliche Leben zurückzufinden.«
Jo runzelte ihre Stirn. »Das Verhalten von Max war am unrealistischsten. Doch genau das hat sich als wahr herausgestellt.«
»Ist es nicht wunderbar, wie Ihr eigenes Unterbewusstsein Ihnen bei der Lösung Ihrer Probleme geholfen hat?«
»Ich war das?«, fragte sie entgeistert.
Herr Engel nickte. »Max’ Verhalten in diesem Club hat Sie dazu inspiriert.«
»Ich erinnere mich aber nicht daran.«
»Das ist auch gar nicht wichtig«, sagte er bestimmt. »Konzentrieren Sie sich auf Ihre Zukunft, Frau Schmitt.«
»Die Zukunft«, murmelte Jo und blickte ihn an. »Gibt es diesen Ort wirklich, an dem ich war?«
»Sie können ihn sich erschaffen. Oder Sie wählen einen anderen Weg. Wichtig ist allein, dass Sie ihn mit vollem Herzen gehen.«
Diese New-Age-Philosophie interessierte Jo nicht. »Und meine beiden Kater?«
»Die sind noch nicht geboren. Aber sie werden Ihnen begegnen. Und wenn Sie sie in Ihr Leben aufnehmen möchten, bekommen Sie die Gelegenheit dazu.«
»Ich hoffe mal, dass das klappt. Und das Haus? Gibt es das auch ohne Nachbarin?«
Herr Engel grinste. »Sie können ein anderes Haus wählen. Oder eine andere Stadt. Alles ist möglich.«
»Dann treffe ich Puschel und Mio nicht«, sagte Jo.
»Wenn Sie exakt diesem Leben nachjagen, das wir Ihnen gezeigt haben, begehen Sie einen schweren Fehler.«
»Das Wichtigste habe ich ja bekommen«, sagte Jo und lächelte. »Sie haben mich ganz schön hintergangen, als Sie mir sagten, dass ich nicht nach Moritz suchen soll!«
»Sind Sie sicher?«, fragte er zurück.
Jo dachte nach. Sie fühlte sich verwirrt. »Wollten Sie erreichen, dass ich ihn in diesem Wäscheraum treffe?«
Herr Engel zwinkerte ihr zu. »Einer meiner besonderen Geniestreiche. Warum nicht zwei Menschen zur rechten Zeit zusammenbringen, damit sie sich gegenseitig helfen? Unsere Kapazitäten sind begrenzt, da müssen wir manchmal improvisieren. Es war wichtig, dass Sie Moritz in seiner verletzlichsten Phase trafen – das hätten Sie mit Ihrer Entschlossenheit beinahe verhindert.«
Jo nickte. »Ich verstehe aber immer noch nicht, weshalb ich so leicht zu motivieren war. Also als Johanna, meine ich. Ein Becher Wasser hat schon ausgereicht, damit sie mit mir geredet hat. Und ein paar Tage später haben wir über Serien und Dates geplaudert.«
Herr Engel schmunzelte. »Wer sollte Ihnen besser helfen können als Sie selbst in Ihrer nicht-depressiven Version? In einem Lebensabschnitt, der Ihnen die Kraft gab, sich Mut zu machen?«
»Dann habe ich mich quasi selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen?«
»Mit ein wenig Starthilfe – ja.«
»Was sind Sie eigentlich wirklich? Ein Engel namens Herr Engel?«
»Wichtig ist nicht mein Name, sondern allein mein Tun.«
»Reden alle Engel so unverständliches Zeug? Wo sind Ihre Flügel? Eigentlich hätte ich gedacht, dass Sie wie eine junge Frau aussehen und nicht wie ein Opa aus der Fernsehwerbung.«
»Ihre Schlagfertigkeit wird Ihnen als Anwältin später gute Dienste leisten.«
»Wie viele gibt es von Ihnen? Und wie viele Fälle bearbeiten Sie?«
»Das Universum führt keine Statistik für zahlenliebende Klienten.«
»Das ist schade. Mich hätte der Aufbau Ihrer Organisation interessiert. Wie viele Kollegen, Klienten, Chefs …«
Herr Engel erhob sich. »Ich mag Ihren Humor. Leider muss ich wieder los.«
»Zu wem denn? Hier im Krankenhaus?«
»In Südamerika ist ein Jugendlicher vom Lama gefallen«, sagte er.
»Sprechen Sie mehrere Sprachen?«, fragte Jo.
Plötzlich begannen die Haare des alten Mannes zu leuchten. Das Licht wurde immer heller, bis diese wasserartige Oberfläche entstand, die Jo damals bei der Nahtoderfahrung beinahe berührt hatte. Für einen kurzen Moment sah sie alles – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sah ihre beiden Kater, die gemütlich auf einem Kratzbaum chillten, während ein Baby in einer Wiege schlief und ein kleiner Junge, der Moritz zum Verwechseln ähnlich sah, ungeduldig an ihrem Hosenbein zerrte.
Jo sah einen Familienurlaub, sie sah ihre Eltern als Oma und Opa im Garten mit Kindern spielen. Sie sah auch Tränen, Frust und den üblichen Familienzwist. Aber sie sah ebenfalls ihre Anstrengungen, aus ihrem Leben das Beste zu machen.
Das Licht verschwand. Jo blinzelte. »Lebe ich noch?«, flüsterte sie irritiert.
»Auf jeden Fall.« Moritz stand in der Tür zu ihrem Krankenzimmer und blickte ziemlich verdattert drein. »Ich habe den alten Mann gesehen. Und eine Art Portal wie im Kinofilm.«
»Dann bin ich froh, dass ich einen Zeugen habe«, erwiderte sie – schwach, müde und erschöpft von all den Bildern, die ihren Kopf durchdrungen hatten.
Jo war sich nicht sicher, ob das gut für sie war. Hatte sie jetzt noch Spielraum für eigene Entscheidungen? Und würde ihr Leben anders verlaufen, wenn sie in Las Vegas heiratete, statt in einer Kirche?
»Ich weiß nicht, wie ich nach diesem Erlebnis gleich bei der Gallenblasen-OP assistieren soll«, sagte Moritz nachdenklich.
»Vergiss es einfach«, riet sie ihm. »Wir können später darüber nachdenken, wenn dein Leben ruhiger geworden ist.«
Er strich über sein dichtes Haar. »Das klingt vernünftig.«
»Mach dir keine Sorgen«, riet sie ihm. »Das mit der Gallenblase wird schon werden.«
»Klar«, erwiderte er zerstreut.
»Komm her«, bat sie und reckte sich. Als er sich über sie beugte, hielt sie sich an seinen Schultern fest und küsste ihn.