Kapitel 6 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
»Bäh, was ist denn hier los?« Jo stolperte einen Schritt zurück und hielt sich angewidert die Nase zu. Brachte diese Johanna nie den Müll raus?
Eigentlich wollte sie nur rasch die Kleidung der Studentin abholen, nachdem sie sich in der Kantine von Herrn Engel verabschiedet hatte. Aber wie es aussah, gab es hier viel zu tun.
Auf der kleinen Küchenzeile direkt hinter dem Eingang türmte sich das schmutzige Geschirr. Eine offene Mülltüte stand auf dem Boden und verströmte hartnäckig Verwesungsgerüche. Im Zimmer herrschte Chaos. Der fast leere Kleiderschrank stand offen, Johannas Kleidung lag kreuz und quer verstreut auf dem Fußboden. Das Bett war natürlich ungemacht. Nur der Schreibtisch sah erstaunlich ordentlich aus – wie bei einer Studentin, die nicht studierte.
Zuerst riss Jo das Fenster auf, hängte sich über die Brüstung und atmete. Als die Luft in dem kleinen Appartement langsam besser wurde, suchte sie nach einer Tasche und begann, Jogginghosen, Shirts und Wäsche hineinzustopfen.
Jetzt verstand sie, weshalb Johanna ihr zu Handschuhen und Mundschutz geraten hatte. Alles in diesem Raum war widerlich.
Als sie fertig war, ging sie ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Der klägliche Seifenrest sah so alt und krümelig aus, dass sie davon Abstand nahm. »Wenn ich in dieser Wohnung hausen müsste, würde ich mich auch vor den Zug werfen wollen«, sagte Jo zu sich selbst. Gerade auf so wenigen Quadratmetern musste man ein bisschen Struktur reinbringen, wenn man nicht verrückt werden wollte.
Nachdenklich trug Jo die Tasche zu ihrem Auto. Wie hatte sie selbst während des Studiums gelebt? War sie auch so eine verlotterte Person gewesen? Das konnte sie sich kaum vorstellen.
Sie warf die Tasche in ihren Kofferraum und fuhr nach Hause. Zu ihrem Erstaunen fühlte sie sich dort schon viel wohler als vor vierundzwanzig Stunden. Vielleicht lag das auch an dem angenehmen Geruch, den sie jetzt noch mehr zu schätzen wusste als zuvor.
Nur die Stimme der keifenden Nachbarin, die durch das gekippte Fenster drang, störte das Idyll. Heute hatte Frau Kohl offenbar ihren Ehemann im Visier. »Im Gegensatz zu meinen Katern versteht der wenigstens Deutsch«, murmelte Jo, während sie in den Keller ging und die Waschmaschine suchte. Sie befand sich samt Trockner hinter der ersten Tür, die sie öffnete.
Sie stopfte die farbige Wäsche in die Trommel und entschied sich nach kurzem Zögern für den längsten Waschgang. Eine knappe Stunde würde nicht ausreichen, um den Mief vieler Wochen zu beseitigen. Dann ging sie nach oben und wusch sich gründlich die Hände.
Morgen würde sie ihre Putzmittel- und Müllbeutel-Vorräte inspizieren und dann dieses Studentenloch auf Vordermann bringen. Sie würde sämtliche Kleidung waschen, das Bett frisch beziehen und vor allem den stinkenden Abfall entsorgen. Hätte sie heute Handschuhe dabeigehabt, wäre Letzteres schon erledigt.
Jo schüttelte sich, um die Bilder in ihrem Kopf loszuwerden. Entschlossen ging sie in ihr Arbeitszimmer. Dort schaltete sie den Computer ein und begann, ihre Dateien zu studieren.
Kurz darauf verflog ihr Enthusiasmus: Sehr zu ihrem Ärger waren ihre privaten Ordner beinahe leer. Offenbar räumte sie nicht nur gründlich im Haus auf, sondern hielt auch die virtuelle Welt in Schuss. Selbst den Inhalt des Papierkorbs hatte sie gelöscht. Nachdenklich betrachtete Jo den Laptop. Er sah ziemlich neu aus, vielleicht hatte sie ihre alten Daten noch nicht darauf übertragen.
Schließlich studierte sie die Notfall-Liste aus dem Briefumschlag. Neben Facebook, Twitter und Instagram hatte sie von jedem Online-Shop, wo sie schon mal bestellt hatte, den Benutzernamen und das Passwort aufgeschrieben.
Zunächst loggte sie sich auf Facebook ein, um ihren Freunden hinterher zu stalken. Sie war dort als Jo Vo angemeldet, also war dies ein privater Account. Kollegen aus der Kanzlei fand sie keine, soweit sie das beurteilen konnte. Dafür aber Max, der sich ganz unkreativ als Max Mustermann präsentierte. Sie öffnete den Messenger und begann zu lesen, von hinten nach vorne.
Nachdem sie zehn Minuten lang immer wieder nach oben gescrollt hatte, wurde sie allmählich ungeduldig. Max hatte in jedem zweiten Satz von seinem geräumigen Haus mit den teuren Möbeln gesprochen und davon, dass sie bei ihm einziehen sollte. Offenbar kannte er seit Wochen kein anderes Thema mehr. Außerdem protzte er mit seinem Reichtum – eine Eigenschaft, die sie spontan anwiderte. »Sorry, Max, aber den Rest lese ich ein anderes Mal«, sagte sie, »ich muss mich jetzt auf meinen Junggesellinnenabschied vorbereiten.«
Sie wollte sich Larissa und ihren Freundinnen zuwenden, aber dann hielt sie inne und scrollte weiter durch die Unterhaltung mit ihrem Verlobten. Was zum Teufel war sein Beruf? Sprachen Männer nicht ständig von ihrer Arbeit, wenn sie auf Frauen Eindruck machen wollten?
Da er so viel Wert auf sein Haus legte, war er bestimmt Architekt oder Bauingenieur. Auf jeden Fall musste er Format haben, weil Jo sich nicht vorstellen konnte, dass ein Bäcker (jeden Tag leckeren Apfelkuchen!) den Mut hätte, eine Juristin zu daten.
Eine Stunde später knurrte Jos Magen, aber dafür hatte sie herausgefunden, wie ihre Freundinnen hießen und was sie mit ihnen verband. Neele und Dana hatte sie beim Joggen kennengelernt. Sie trafen sich jeden Mittwochabend zu einem Waldlauf. Beide schimpften regelmäßig mit Jo, wenn diese den Termin wegen der hohen Arbeitsbelastung mal wieder ausfallen ließ. Larissa lief ebenfalls, aber sie kam nicht zu dem Mittwochstreffen, da sie kürzere Strecken bevorzugte.
Neele hatte sie bereits im Supermarkt kennengelernt. Larissas Stimme kannte sie immerhin vom Telefon. Dana war ihr noch unbekannt. Sie nahm sich viel Zeit, um die Gesichter auf den Fotos zu studieren, damit sie sich nachher nicht blamierte. Leider konnte sie nicht abschätzen, wer zu ihrem Junggesellinnenabschied alles erscheinen würde, da sie zu ihren übrigen Facebook-Freunden nur oberflächlichen Kontakt pflegte.
Sie klappte den Laptop zu und wiederholte noch einmal die PINs ihrer Kredit- und Masterkarten, da sie diese heute Abend auf jeden Fall benötigen würde, um ihre Freundinnen einzuladen. Weil ihr Magen unerbittlich knurrte, schälte sie sich in der Küche eine Banane (leider keinen Apfel) und trat kauend vor ihren Kleiderschrank. Was zog man zu dem eigenen Junggesellinnenabschied an?
Nach kurzem Zögern entschied sie sich für eine helle Jeanshose und eine bunt gemusterte Bluse. Es würde bestimmt ein lustiger Abend werden, da durfte man sich nicht bieder kleiden.
Die Banane hielt nicht besonders lange vor. Als es an der Tür klingelte, freute Jo sich schon auf ein leckeres Abendessen.
»Hallo Larissa!«, grüßte sie ihre Freundin.
»Sehr witzig«, erwiderte die junge Frau. »Larissa sitzt im Auto und telefoniert.« Sie blickte Jo grinsend an. »Bereit für einen unvergesslichen Abend?«
Verflixt! Wenn das nicht Larissa war, dann musste es sich um Dana handeln. »Dana, ich freue mich auf heute Abend«, sagte sie und lachte. Gespannt wartete sie ab. War es der richtige Name?
»Zum Glück kennst du mich noch. Ich hatte schon Angst, dass du dir als Ehefrau standesgemäße Freunde suchen würdest.«
»Solange ich etwas zu Essen bekomme, ist das nicht notwendig«, sagte Jo. »Ich habe nämlich Hunger.«
»Ein bisschen Geduld wirst du haben müssen«, warnte Dana sie, »aber wir haben einen großen Bollerwagen voller schöner Sachen, da sind auch genügend Getränke dabei.«
Jo folgte ihr nach draußen. »Was um Himmels willen habt ihr vor?«
»Nichts. Steig einfach ein«, bat Dana und hielt ihr die Beifahrertür auf. Jo wurde fast auf den Sitz geschoben. Während sie sich anschnallte, sah sie, dass Herr Engel im Garten stand und ihr freundlich zuwinkte. Sie gab sich einen Ruck und hob die Hand.
»Hi, Jo«, sagte die Fahrerin, die dann wohl Larissa war. »Du winkst wie die Königin von England.«
»Eine Braut ist ja auch fast eine Königin«, gab sie zurück. »Zumindest für einen Tag.«
»Aber die Junggesellin ist eine Sklavin«, gluckste Neele vom Rücksitz aus.
»Halt den Schnabel!«, zischte Larissa. »Wir werden einen schönen Abend verbringen. Mach dir keine Sorgen«, fuhr sie fort, »es wird richtig cool werden.«
Plötzlich erinnerte Jo sich daran, dass Neele im Supermarkt mehrere Packungen Kondome gekauft hatte. Dieser Abend würde möglicherweise nicht ganz so verlaufen, wie sie es sich erhoffte.
Larissa steuerte ihren Wagen in die Innenstadt. Vor einem Parkhaus stand eine Gruppe Frauen in rosa T-Shirts. Mit Bollerwagen.
Jo schluckte.
Wie viele Freundinnen hatte sie? Sie würde niemals unbemerkt alle Namen herausfinden. Andererseits rechnete keiner damit, dass sie unter Amnesie litt. Zur Not konnte sie alles auf den Alkohol schieben.
Larissa parkte ein, griff in einen Karton, der hinter dem Beifahrersitz stand, und zog ein rosafarbenes Shirt heraus. »Hier, zieh das an«, sagte sie und zwinkerte ihr zu.
Jo faltete das Kleidungsstück auseinander. ›Ich bin die Braut‹, stand in pinkfarbenen Großbuchstaben darauf.
»Mach schon«, bettelte Dana. »Ich brauche dringend etwas zu trinken.«
Jo unterdrückte ein Seufzen und dachte an ihren knurrenden Magen. Ohne eine gute Grundlage würde sie im Nullkommanichts betrunken sein. Rasch schlüpfte sie in das Shirt, griff nach ihrer Handtasche und stieg aus.
»Braves Mädchen«, sagte Larissa so trocken, dass Jo sie entsetzt anstarrte. Was hatte ihre Freundin nur vor?
Durch das Treppenhaus gingen sie nach unten.
»Woohoo!«, jubelten die rosa bekleideten Frauen und stürzten sich auf Jo. Viele lachende Gesichter, viele Umarmungen. Einige rochen schon nach Alkohol.
Hoffentlich gab es irgendwo in ihrem Haus eine kleine Apotheke. Sie würde morgen bestimmt mit einem heftigen Kater aufwachen.
»Hier, zum Aufwärmen!« Eine Frau drückte ihr ein Fläschchen in die Hand.
»Danke.« Jo schraubte es auf und wartete, bis die anderen auch alle eins erhalten hatten.
»Auf einen unvergesslichen Junggesellinnenabschied!«, rief Larissa enthusiastisch.
Alle jubelten. »Eins, zwei, Prost!«
Jo gab sich einen Ruck und setzte die Flasche an. Eine klebrig-süße Flüssigkeit lief in ihren Mund. Sie mochte keine künstlichen Aromen, aber da musste sie jetzt durch. Also setzte sie ein Lächeln auf und folgte der Gruppe in die Innenstadt. Hungrig schielte sie auf die zahlreichen Imbissbuden, die alle schon geschlossen waren. Vielleicht konnte sie sich unterwegs noch schnell einen Burger kaufen.
Sie atmete auf, als die Gruppe nach rechts abbog und sie kurz darauf die Leuchtreklame einer Fastfood-Kette entdeckte. »Können wir uns eine Tüte voll Cheeseburger besorgen?«, fragte sie. »Ich lade euch ein.«
»Später«, sagte Dana und kicherte. »Wir haben viel zu tun.«
Jo schielte auf die zahlreichen Pakete, die in dem Bollerwagen lagen. »Was habt ihr eigentlich alles dabei?«
»Das ist geschäftlich.« Dana strahlte. Plötzlich verdunkelte sich ihre Miene. »Du machst doch mit, oder? Wir haben uns viel Mühe gegeben.«
»Ja, sicher«, sagte Jo rasch, »ich würde nur gerne schnell etwas essen.«
»Das ist keine gute Idee, dann wirkt der Likör nicht mehr richtig«, widersprach Neele. »Du wirst ein bisschen Motivation brauchen, um unser Programm zu schaffen.«
»Genau!«, rief eine blonde Frau, die schon eifrig dem Alkohol zugesprochen hatte. »Sie muss sich ihr Essen erst verdienen!«
»Ich lade euch ein«, versprach Jo.
Neele grinste. »Keine Sorge, das wirst du. Aber das Geld dafür musst du dir zuerst verdienen.«
Jo stöhnte. »Das nimmt kein gutes Ende«, murmelte sie leise.
»Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende«, entgegnete Dana fröhlich. »Hey!«, rief sie, »Haltet mal an, unsere Braut braucht eine kleine Stärkung!«
Lachend blieb die Truppe stehen. Unter lautem Geschnatter öffneten sie eine weitere Box und gaben Jo dieses Mal gleich zwei der kleinen Likörfläschchen. Sie stellten sich im Kreis um sie herum und feuerten sie an, während sie das Zeug hinunterkippte und verzweifelt auf ein Paar schielte, das gerade mit einer braunen Tüte aus dem Fastfood-Restaurant trat. »Das Zeug schmeckt nicht besser als eben.« Sie schenkte ihren Freundinnen ein schiefes Lächeln.
»Das wird schon werden«, sagte Dana und klopfte ihr fest auf die Schulterblätter.
»Den edlen Wein kannst du kredenzen, sobald du verheiratet bist!«, rief eine Frau, die Jo nicht kannte.
Gemeinsam gingen sie weiter. Auch der Dönerladen lockte keine der feierwütigen Frauen. Jo verfluchte ihre mangelnde Vorbereitung. Statt ihren Kopf mit unnützem Wissen zu füllen, hätte sie lieber ihren Magen füllen sollen. Aus lauter Angst, ein paar Namen nicht zu kennen, hatte sie das Wichtigste vernachlässigt.
Vor einem Laternenpfahl hielt die Gruppe an. »Hier machen wir Station«, sagte Dana.
»Vor einem Bürogebäude?«, fragte Jo.
»Ganz genau!« Dana grinste und schob Jo an beiden Schultern nach hinten. Jemand ergriff ihre Hände, zog sie hinter ihren Rücken und – klick! – schlossen sich Handschellen um ihre Gelenke. Mit Plüschüberzug.
»Ihr seid verrückt!«, rief Jo.
»Es kostet hundert Euro, dich freizukaufen.« Larissa rollte den Bollerwagen näher.
»In meiner Handtasche«, sagte Jo und schielte vor ihren Bauch. »Hol das Portemonnaie heraus, da ist Geld drin.«
»Buuh!«, rief die Gruppe. Alle standen im Kreis um sie herum und lachten.
Larissa bückte sich und hob einen Karton hoch. »Kommen wir zum ersten Verkaufsobjekt«, sagte sie und öffnete die Kiste. »Zehn Packungen frisch gekaufter Kondome, gefühlsecht und atmungsaktiv.«
Alle brüllten vor Vergnügen.
»Atmungsaktiv?«, schrie Dana. »Hoffentlich nicht!«
»Nun – ja, du hast recht.« Larissa stellte den Karton vor Jos Füßen ab. »Jede Packung kostet fünf Euro, das macht insgesamt fünfzig, wenn du sie alle verkaufst. Das Geld sammelst du bitte in deinem BH.«
»Nein!«, rief Jo entsetzt, als die Gruppe sich geschlossen hinter ihr versammelte und sie den Blicken der Fußgänger preisgab.
»Leg los!«, riet Dana. »Desto schneller hast du es hinter dir.«
Jo schaute auf die Schachtel zu ihren Füßen und hätte am liebsten geweint. »Bitte helft mir!«, rief sie, als eine Gruppe junger Männer vorbeikam. »Fünf Euro pro Packung Kondome! Helft mir, damit sie mich freilassen!«
Die Gruppe kam lachend auf sie zu und beäugte die Ware. »Gibt es auch extragroße?«, fragte einer.
»Da musst du nachsehen«, sagte sie und zuckte mit den Schultern. »Mir sind leider die Hände gebunden.« Sie wandte sich an Larissa. »Haben wir auch etwas zu trinken für unsere Kunden?«
Jetzt begannen wilde Verhandlungen. Larissa wollte den Alkohol nicht herausrücken, aber Jo versprach, später für Nachschub zu sorgen. »Die Methode, mit der ich verkaufe, müsst ihr schon mir überlassen!«, rief sie.
Schließlich gab Larissa nach und die Männer kauften fünf Packungen und bekamen fünf Fläschchen gratis dazu. »Wo ist eure Kasse?«, fragte einer, der fünfundzwanzig Euro in der Hand hielt.
Jo seufzte. »Leider in meinem BH.«
Alle grölten. Zum Glück war der Mann nett und schob das Geld unter den Stoff, ohne sie zu arg zu drangsalieren.
»Danke«, sagte sie und schloss kurz die Augen.
»Du schaffst das«, sprach er ihr Mut zu. »Die Hochzeit wird schlimmer.«
Obwohl sie es nie für möglich gehalten hätte, war Jo die geborene Kondomverkäuferin. Schon nach zwanzig Minuten war sie die Packungen alle losgeworden und hatte fünfzig Euro verdient. Fehlten nur noch weitere fünfzig, bis sie die geforderten hundert Euro für ihre Freilassung erarbeitet hatte.
Larissa griff beherzt in Jos Ausschnitt, zählte vor den Augen aller nach und erklärte den ersten Teil der Aufgabe für erfüllt. Wieder leerten alle ein Fläschchen. Larissa drehte eins für Jo auf und klemmte es ihr zwischen die Lippen. »Kopf hoch!«, sagte sie grinsend. Als alle fertig waren, verschaffte sie sich Aufmerksamkeit. »Wir kommen jetzt zu Stufe zwei und ändern die Zielgruppe!« Unter großem Gelächter zog sie eine weitere Kiste aus dem Bollerwagen, die mit fünf Dildos gefüllt war. »Das sind mal Schwänze!«, rief sie und hob einen hoch.
Die neonpinken Dinger waren potthässlich. Sie stanken furchtbar nach Gummi und waren nicht mal verpackt. Niemand würde so ein Teil verwenden. Wer tat ihr den Gefallen und zahlte dafür zehn Euro pro Stück?
Jo versuchte es wieder mit ihrer Bitte um Hilfe, aber dieses Mal hatte sie keinen Erfolg. Die Frauen, die sich die unangenehm riechende, pinkfarbene Ware anschauten, verzogen angeekelt das Gesicht. »Sorry«, sagte eine und zuckte mit den Schultern. »Du hättest dir besser andere Freundinnen ausgesucht.«
Nach einer halben Stunde war noch kein einziger Dildo verkauft. Jo hatte jetzt nicht nur Hunger, sondern auch Durst. Aber außer dem klebrigen Likörzeug bot man ihr nichts an. »Das erhöht die Motivation!«, verkündete Larissa unter dem Gelächter der Gruppe.
Eine ihrer Freundinnen war im Fastfood-Laden gewesen. Sie winkte mit einer aromatisch duftenden Tüte vor Jos Nase herum. »Vielleicht braucht sie nur ein bisschen Motivation?«, rief sie in die Menge.
»Guten Abend.« Ein junger Mann im Anzug näherte sich ihr von der Seite.
»Hallo.« Jo würde diese Erinnerung am liebsten schon jetzt aus ihrem Gedächtnis streichen.
»Was kostet es, Sie freizukaufen?«, fragte er.
»Fünfzig Euro«, sagte Jo seufzend. »Und Sie müssten diese stinkenden Dinger mitnehmen und sie in den nächsten Abfalleimer werfen.«
Der Mann grinste. Er hatte blitzend weiße Zähne und trug blonde Strähnchen. Ein hübscher Kerl, wenn auch viel zu jung für sie. Er zückte sein Portemonnaie. »Ich nehme sie alle.«
Die Frauen jubelten.
»Wer bekommt das Geld?«, fragte er.
Jo erklärte ihm die Vorgehensweise.
»Okay«, sagte er und näherte sich ihr langsam. Irrte sie sich, oder zitterte seine Hand, als er das Geld in ihren BH schob? »Sie können mir das später zurückzahlen, wenn Sie möchten«, flüsterte er.
Jo nickte und hoffte, dass es ein entfernter Bekannter war, der sich demnächst bei ihr melden würde. »Sie sind mein Retter«, sagte sie leise.
Der Mann griff nach den Dildos und bestand auf einer Verpackung. »Ich muss zu meiner Freundin!«, erklärte er Neele, die den Karton an sich presste. Schließlich setzte er sich durch und erhielt neben der Kiste auch noch zwei Fläschchen Likör.
»Eine für dich und eine für deine Freundin!«, rief Neele begeistert.
Endlich löste Larissa die Handschellen. »Hast du gut gemacht«, sagte sie zufrieden. »Wir können weiterziehen.«
»Jetzt werde ich zuerst etwas essen!«, warnte Jo ihre Freundin und rieb ihre Handgelenke. »Meine Geduld ist zu Ende, ehrlich«, ergänzte sie etwas leiser.
Larissa nickte. »Das hast du dir verdient. Was möchtest du haben?«
»Döner«, sagte sie mit fester Stimme.
Zu ihrer Erleichterung begab sich die Gruppe zum nächsten Laden, wo Jo für alle einkaufte. »Für mich mit Käse, bitte. Und mit viel Sauce.« Es war ihr egal, dass sie womöglich ihr rosa T-Shirt ruinierte, ihr Magen war ihr wichtiger. »Und eine Cola!«
Es tat so gut, einen großen Schluck zu trinken und in den Döner zu beißen – als hätte sie noch nie etwas Köstlicheres gegessen. »Hunger ist der beste Koch«, murmelte sie mampfend.
Larissa beäugte sie argwöhnisch. »Seit wann isst du Fleisch?«, fragte sie.
»Eisenmangel«, antwortete Jo kauend. Mist, sie hatte vergessen, dass sie Vegetarierin war!
»Dagegen gibt es doch Tabletten, sagst du immer.«
Jo zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt habe ich einfach nur Hunger. Wenn man etwas auf die Hand essen will, darf man nicht wählerisch sein.«
Larissa betrachtete sie misstrauisch. »Trotzdem«, sagte sie. »Irgendetwas stimmt nicht mit dir. Du bist so anders.« Sie trat näher. »Ist alles in Ordnung? Hast du Probleme?«
»Wer hat keine?«, erwiderte sie und wischte sich den Mund mit einer Papierserviette ab.
»Da hast du recht.« Larissa lächelte. »Wir sollten trotzdem reden. Ruf mich an, wann immer du magst. Ich glaube, du brauchst mich.«