Kapitel 7 - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Wenn Jo geglaubt hatte, nach dem peinlichen Kondom- und Dildoverkauf das Schlimmste hinter sich zu haben, so hatte sie sich geirrt. Der Bollerwagen war immer noch gut gefüllt und die einhundert Euro, die Jo verdient hatte, waren nach zwei Kneipenbesuchen bereits ausgegeben.
»Sorry, meine Liebe, aber das reicht noch nicht«, sagte Dana grinsend und reichte Jo mehrere Kondomschachteln. »Für dieses Lokal fehlen uns noch fünf Euro, um den Wirt zu bezahlen – und ehrlich gesagt habe ich schon wieder Durst.«
Zum Glück viel das Verkaufen Jo leicht. Die bereits angetrunkenen Gäste unterstützten sie gerne. Doch dann gab Neele ihr einen Karton mit Billigvibratoren, die Larissa in China bestellt hatte.
»Ich habe keine Lust mehr!«, seufzte Jo. »Das macht echt keinen Spaß.«
»Wir haben auch noch Dildos im Angebot, falls du die bevorzugst«, erwiderte Larissa ungerührt. »Ab nächster Woche darfst du eine konservative und langweilige Ehefrau sein.«
Neele begann zu hicksen. »Herrje«, sagte sie, »beeil dich mal lieber, beim Trinken geht das wieder weg.«
Jo griff nach der Kiste. »Hoffentlich ist Max diesen Aufwand wert.«
Neele näherte sich ihr vertraulich. »Es ist keine Schande, eine Hochzeit abzusagen. Billiger als die Scheidung kommt es allemal.« Sie kicherte. »Als Anwältin müsstest du das eigentlich wissen.«
»Warum sollte ich deiner Meinung nach kneifen?«, fragte Jo, die hoffte, etwas mehr über Max zu erfahren. Vielleicht hatte sie einer ihrer Freundinnen ihr Herz ausgeschüttet?
»Weil du uns seit Wochen vorjammerst, dass sein Sohn dich nicht ausstehen kann?«, fragte Neele. »Und weil Max sich in letzter Zeit so komisch verhält und weil du ihn verdächtigst, auf Mallorca fremdzugehen?« Sie hickste noch einmal kräftig.
»Okay«, sagte Jo, deren Herz heftig klopfte. »Und warum sollte ich ihn dann doch heiraten?«
»Vielleicht, weil Max die Hochzeit von einem Profi planen lässt und sämtliche Kollegen und Kunden eingeladen hat?« Neele kratzte sich am Kopf. »Es würde ihm beruflich schaden, wenn du ihn kurz vor knapp sitzen lässt.«
»Ich könnte einfach behaupten, krank geworden zu sein.«
Neele kicherte. »Fang aber bitte nicht heute damit an, sonst verdirbst du uns den ganzen Spaß.«
»Hier wird nicht getuschelt!«, rief Larissa energisch. »Jo, erledige deinen Job. Auf geht’s. Die Vibratoren kosten fünf Euro pro Stück.«
»Eingekauft haben wir sie für einen Euro fünfzig«, ergänzte Neele. »So ein Junggesellinnenabschied bringt einen ordentlichen Gewinn.«
Jo griff nach dem Karton. »Der ist ganz schön schwer!«
»Sind ja auch dreißig von den Dingern«, sagte Neele.
»Dreißig?« Jo war entsetzt. Es war erst halb elf und momentan sah es so aus, dass noch viele peinliche Stunden vor ihr lagen.
Doch hatte sie eine Wahl? Wollte sie die Freundinnen der alten Jo wirklich verprellen? Wenn sie jetzt ausstieg, würde sie es vielleicht später bereuen.
Entschlossen marschierte sie auf den ersten Tisch zu. »Guten Abend«, grüßte sie die gemischte Gruppe. »Sehen Sie meine durstigen Freundinnen?«
»Die sind uns sofort aufgefallen«, sagte eine Frau mit roten Wangen. »Ist es sehr schlimm?«
Jo nickte. »Ein ganzer Bollerwagen voll von Dingen, die ich verkaufen soll.« Sie senkte ihre Stimme. »Gerade sind kleine Vibratoren aus China dran.« Sie stellte die Kiste ab und holte einen heraus. »Zum Glück sehen sie wie Lippenstifte aus.« Sie seufzte. »Ich hatte heute schon Schlimmeres im Angebot.«
»Ist wenigstens die Batterie enthalten?«, fragte ein Mann lachend.
Jo zuckte mit den Schultern und betätigte den kleinen Knopf an der Unterseite. Der Vibrator surrte munter drauf los – um sofort sein Leben auszuhauchen. »Ähm, der ist wohl defekt«, murmelte sie verlegen.
»Lassen Sie mich mal sehen«, bat der Mann und schraubte ihn auf. »Ah, nur ein Wackelkontakt.« Er bog ein kleines Metallteil zurecht und setzte ihn wieder zusammen. »Sehen Sie, läuft.«
»Danke«, sagte sie erleichtert. »Sie kosten fünf Euro pro Stück. Wobei sie eigentlich nur einen Euro fünfzig wert sind, wie mir berichtet wurde.«
Sämtliche Gäste am Tisch brachen in Lachen aus.
»Ich weiß, wie das ist«, sagte die Frau, die Jo am nächsten saß. »Mein Junggesellinnenabschied ist gerade mal ein halbes Jahr her und ich kann es einfach nicht vergessen.« Sie schüttelte sich angewidert und griff nach ihrem Geldbeutel. »Ich nehme einen.« Sie blickte sich in ihrer Gruppe um. »Wer noch?«
»Alle!«, rief eine andere Frau. »Auch die Männer.«
Unter großem Gelächter konnte Jo sechs der kleinen Biester verkaufen. Jedes wurde akribisch geprüft.
Mit der Kiste auf dem Arm ging sie lächelnd zu Larissa und händigte ihr dreißig Euro aus. »Reicht das, um die Rechnung zu bezahlen?«, fragte sie.
Larissa schüttelte den Kopf. »Sorry, wir haben gerade die nächste Runde bestellt.«
Jo schluckte ihre Enttäuschung tapfer hinunter und ging zum nächsten Tisch. »Guten Abend«, begann sie erneut.
»Hallo!« Ein dunkelblonder Mann, der mit dem Rücken zu ihr saß, drehte sich zu ihr um.
Jo erstarrte. Es war der Radiologe aus dem Krankenhaus!
Ihr wurde schwindelig. Wie peinlich war das denn? Und wie sollte sie es ihm erklären?
»Ich helfe nur der Braut«, log sie, »ich schicke sie gleich zu euch.« Sie hielt den Karton fest vor ihre Brust gepresst, wo in fetten Lettern die Wahrheit draufstand, und trat die Flucht an.
Larissa blickte ihr fragend hinterher.
»Ich muss hier raus, sofort!« Ohne den Karton loszulassen, verließ Jo das Lokal. Sie lief einige Schritte und blieb dann stehen. Sollte sie zurückgehen und es Moritz erklären? Oder sich ein Taxi nach Hause rufen?
Plötzlich stand Larissa hinter ihr. »Was ist los?«, fragte sie freundlich.
»Da ist jemand, den ich kenne. Es … Es ist unangenehm und es geht nicht. Ich will nicht zurück.«
Larissa seufzte. »Und ich hatte mich schon gewundert, dass du das Programm bisher weitgehend klaglos mitgemacht hast.«
»Das ist wirklich eine Überraschung.« Plötzlich stand Moritz Neumann vor ihr und nahm ihr den Karton ab. »Du bist die Braut!«, sagte er verblüfft.
Jo nickte beschämt. »Ich …«, begann sie, aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie es erklären sollte.
»Du findest mich drinnen«, sagte Larissa, ließ sich die Vibratoren von dem Arzt geben und verschwand.
Moritz sah Jo schweigend an.
»Ich …«, versuchte sie einen erneuten Anlauf, aber ihre Stimme versagte. »Können wir das morgen Abend besprechen?«, fragte sie und starrte auf den gepflasterten Boden. Jemand hatte ein rosafarbenes Kaugummi ausgespuckt, das sich bereits festgetreten hatte.
»Der Tisch ist reserviert, ich gehe auch gerne mit einer Braut essen«, erwiderte er. »Falls der Bräutigam nichts dagegen hat.«
»Der ist auf Mallorca.« Jo zuckte hilflos mit den Schultern.
Moritz lächelte. »Mach dir einfach keinen Kopf«, schlug er vor. »Wir gehen aus und unterhalten uns nett. Alles ganz seriös.«
»Danke«, flüsterte sie.
»Wie viel von dem Zeug musst du noch verkaufen?«
»Mehr, als ich verkrafte.«
»Dann solltest du mit deinen Freundinnen reden und sie bitten, den restlichen Abend umzugestalten. Ich sehe doch, wie fertig du bist.«
Jo zuckte mit den Schultern. »Das ist nicht so einfach.«
»Wenn es wahre Freundinnen sind, werden sie es verstehen. Wenn nicht, suchst du dir besser Neue.«
»Vielleicht hast du recht.« Sie sah ihn kurz an und schlug ihre Augen nieder. »Ich weiß nur nicht, ob ich den Mut dazu habe.«
»Wie wirst du in vier Wochen darüber denken?«, fragte er. »Wie hast du letzte Woche darüber gedacht?«
»Gute Frage.« Jo hatte nicht den leisesten Schimmer, was ihr altes Ich darüber dachte. Aber hatten die anderen nicht mehrfach ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck gebracht, dass sie bisher alles mitgemacht hatte? Es war ein Hinweis darauf, dass ihr altes Ich mit diesem Abend womöglich nicht einverstanden war. Würde sie sich für ihr Verhalten schämen, sobald sie ihr Gedächtnis zurückerlangte?
Es war nicht auszuschließen. Es war sogar ziemlich wahrscheinlich.
Jo seufzte. »Danke. Ich gehe jetzt da rein und lasse den Bollerwagen aus dem Programm streichen.«
»Eine kluge Entscheidung.« Moritz lächelte sie mitleidig an. »Du schaffst das schon. Man kann auch feiern, ohne die Braut zu blamieren.« Er legte seinen Arm auf ihre Schulter und ließ ihn sofort wieder fallen, als hätte er sich verbrannt. »Viel Glück, Jo.«
»Danke.« Sie gingen gemeinsam nach drinnen.
»Da bist du ja!«, rief Neele und schwankte auf sie zu. »Wir haben Du-hurst!«
»Ich weiß«, entgegnete sie.
»Was ist los?« Larissa runzelte ihre Stirn.
»Ich habe mich an einen Laternenpfahl fesseln lassen und mich ganz schön blamiert«, erwiderte sie. »Der restliche Abend gehört mir. Ihr könnt mit mir feiern, ich lade euch ein, aber ich lasse mich nicht mehr demütigen.«
Larissa atmete tief durch. »Okay«, sagte sie schließlich. »Du hast dir eine Auszeit verdient.«
»Der Bollerwagen wird gestrichen«, bekräftigte Jo mit fester Stimme.
»Mensch, wir haben uns echt viel Mühe gegeben!«
»Das habe ich auch«, erwiderte sie. »Wenn ihr wahre Freundinnen seid, bringt ihr das Zeug jetzt weg und feiert mit mir. Ansonsten bestelle ich mir ein Taxi und fahre nach Hause.«
»Ehrlich gesagt bin ich davon ausgegangen, dass du schon früher austicken würdest«, sagte Neele seufzend.
»Ich ticke nicht aus, ich bitte euch lediglich, einen schönen Abend mit mir zu verbringen.« Jo wischte über ihre Augen, die feucht geworden waren. »Ich gehe jetzt zur Toilette und ihr entscheidet euch. Für die Freundschaft – oder für den Bollerwagen.« Sie drehte sich um und quetschte sich an einer Clique vorbei in Richtung der sanitären Einrichtungen. Dort schloss sie sich in einer Kabine ein und atmete tief durch.
Moritz hatte recht. Auch bei einem Junggesellinnenabschied musste eine Braut nicht alles tolerieren. Es war nicht fair, wenn die anderen sie als Spielverderber hinstellten und den Abend ausnutzten, um sich auf ihre Kosten zu amüsieren.
Als sie nach wenigen Minuten zurückging, erwartete Larissa sie an der Tür. »Manja und Dana bringen gerade den Bollerwagen weg, wir schreiben ihnen, wo sie uns finden.« Sie blickte Jo ruhig an. »Ich lege die Gestaltung des restlichen Abends in deine Hände.«
Sie nickte. »Das ist gut«, sagte sie mit rauer Stimme. »Lasst uns Tapas essen gehen und feiern.« Ein paar Oliven oder ein Stückchen Käse würden sicher alle genießen.
»Guter Plan«, erwiderte Larissa und übernahm es, die enttäuscht dreinblickenden Frauen von der Programmänderung zu überzeugen.
Gemeinsam zogen sie los. Die Stimmung war merklich abgekühlt. Obwohl Jo zu ihrer Entscheidung stand, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Andererseits fragte sie sich, warum die Frauen es lustig fanden, sie mitten in der Stadt vor einem Bürogebäude an einen Pfahl zu ketten. Vielleicht musste sie sich wirklich neue Freundinnen suchen. Es gab doch bestimmt noch mehr Laufgruppen in Trier, denen sie sich anschließen konnte.
Als sie das Tapas-Restaurant erreichten, waren alle Tische besetzt. Jo bestellte eine Runde Cocktails für alle und hoffte, dass der Alkohol helfen würde, die Situation in den Griff zu kriegen. Obwohl ihr davon schwindelig wurde, leerte sie tapfer ihr Glas und bestellte eine weitere Runde.
Eine Stunde später wurde endlich ein Tisch frei, als eine große Gruppe die Bar verließ. Jo griff nach Danas und Larissas Handgelenken und zerrte sie dorthin, bevor jemand anderes den Platz erobern konnte. Nachdem der Tisch abgeräumt war und alle saßen, kehrte allmählich wieder Leben in die Frauen. Sie bestellten massenweise Tapas und genossen die spanischen Köstlichkeiten.
»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du gar nicht heiraten willst«, sagte Neele und hickste.
Jo lächelte. »Mir bleibt noch eine gute Woche, um mich zu entscheiden.«
»Wow«, murmelte Larissa. »Du denkst wirklich darüber nach? Das hätte ich jetzt nicht gedacht.«
»Wir waren gestern zusammen aus, Max und ich«, sagte sie, »und irgendwie war der Abend so gewöhnlich. Es war kein bisschen romantisch, wie er sein blutiges Steak vor meinen Augen zersägt hat.«
»Das macht er immer, um dich zu provozieren«, sagte Neele düster. »Ich habe ein Foto von dir geschossen, als du in den Döner gebissen hast. Wenn du magst, kannst du es ihm schicken.«
»Lass mal«, bat Jo, »was ich esse, entscheide ich immer noch selbst. Und Max isst, was er möchte.«
»Obwohl er weiß, dass du kein Blut sehen kannst?«, fragte Larissa.
War das so? Als sie sich eine Blutabnahme vorstellte, verspürte sie leichte Übelkeit.
Jetzt verstand sie, warum sie nicht ins Krankenhaus gefahren war. Sie hatte Angst! Dort würde man sie gleich als Erstes zur Ader lassen.
Plötzlich hatte sie eine Idee. »Lasst uns doch einfach abstimmen«, schlug sie vor. »Wer für die Heirat ist, hebt die rechte Hand, wer dagegen ist, die Linke.«
»Du spinnst!«, rief Dana.
»Ich finde das witzig!«, sprudelte Neele hervor und hob sofort die linke Hand. »Sorry, aber da er mich nicht leiden kann, mag ich ihn auch nicht. Er hält mich für zu vorlaut. Ich bin kein guter Umgang für dich.«
Jo blickte sich um. Immer mehr Frauen trafen ihre Wahl. Es dauerte einen Moment, bis sie alle durchgezählt hatte. Neun Frauen. Viermal rechts und damit für die Hochzeit. Fünfmal links.
Etliche murmelten so etwas wie »Tut mir leid« oder »Sorry, Jo …«
»Ich habe mir extra ein teures Kleid gekauft!«, rief eine Rothaarige, die ihre rechte Hand fast bis zur Decke streckte.
Jo schluckte. Wenn diese Frau nur wegen ihres Kleides bei der Trauung erscheinen wollte, dann stand es sechs zu drei.
Ihre Freundinnen waren mehrheitlich gegen Max.
Wenn das mal nicht eine Erkenntnis war.