Prolog - Engel und Apfelkuchen
By Mella Dumont
Warum war es hier so dunkel? Und was war passiert?
Johanna glaubte, sich vage an das Quietschen von Bremsen zu erinnern. An den Geschmack von Blut in ihrem Mund.
Bevor sie darüber nachdenken konnte, weckte ein punktförmiges Licht ihre Aufmerksamkeit.
Wie wunderschön!
Die sanft pulsierende Helligkeit entfachte in ihr die Sehnsucht auf die beste Party ihres Lebens.
Zufrieden sah Johanna zu, wie das zart glitzernde Licht allmählich größer wurde. Je näher es kam, desto verlockender wurde sein Anblick. Es schien aus einer schwebenden Flüssigkeit zu bestehen, die sich an ihrer Oberfläche sanft wellte.
Johanna reckte sich, um schneller dorthin zu gelangen, aber etwas störte sie an ihrem Rücken.
Vorsichtig blickte sie über ihre Schulter. Sie hing an einem silbernen Seil! Es glitzerte, war aber weitaus weniger verlockend als das Licht.
Denk nach!
Handelte es sich um eine Nahtoderfahrung? Wenn ja, dann lag sie gerade im Sterben.
Dieser Gedanke beunruhigte sie kein bisschen, im Gegenteil. Sie fühlte sich wie an einem Sonntagmorgen, an dem man offiziell so lange im Bett herumgammeln durfte, bis der Hunger einen vor den Kühlschrank trieb.
Johanna versuchte das Seil zu lösen. Vorsichtig tastete sie hinter ihrem Rücken danach. Leider ließ es sich nicht zerreißen. Sobald sie daran zupfte, gab es einfach nach. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Gefühl in ihren Fingerspitzen. War da vielleicht ein Knoten, den sie entwirren konnte?
So sehr sie sich auch bemühte, sie fand keinen Ansatzpunkt.
Noch einmal blickte sie hinter sich. Das Seil war so lang, dass sie nicht sehen konnte, wo es entsprang. Irgendjemand hielt das andere Ende fest, ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen.
»Bitte, lass mich gehen!«, flehte sie.
Endlich gab das Seil ein wenig nach. Johannas Herz hüpfte vor Freude, als das Licht wieder näherkam.
Ein helles Klingeln ertönte. Es war ein unwiderstehliches Geräusch, als würden abertausend winzige Glöckchen läuten.
»Ja!«, rief sie. »Weiter, weiter!« Nur noch ein halber Meter trennte sie von ihrem Ziel.
Gespannt wartete sie darauf, durch die flüssige Schicht hindurchtauchen zu können, doch nichts geschah. Sie saß fest.
Johanna wartete geduldig ab. Doch als nach mehreren Minuten immer noch nichts geschehen war, wurde sie allmählich ungeduldig. Warum ging es nicht weiter?
Der himmlische Service ließ arg zu wünschen übrig!
Die Zeit verging. Sie versuchte abzuschätzen, wie lange sie schon hier war. Zehn Minuten? Dreißig? Ihre Unruhe wuchs.
Als sie es nicht mehr aushielt, beschloss sie, etwas zu unternehmen. Johanna tastete erneut nach dem Seil und zerrte daran. Es gab ein wenig nach, aber trotzdem kam sie ihrem Ziel nicht näher. Schließlich begann sie zu strampeln und hackte mit der Kante der rechten Hand hinter ihrem Rücken herum, um sich zu befreien.
Plötzlich vibrierte das Seil. Es war ein markerschütterndes Gefühl, das sich in ihren Ohren zu einem fiesen Surren verdichtete. Instinktiv spürte sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. »Das wollte ich nicht!«, rief sie dem Licht zu.
Als sie sich umblickte, sah sie, dass das Seil gerissen war. Mindestens fünfzig Meter flatterten wie eine Fahne hinter ihr her.
Johanna driftete zur Seite weg. »Bitte nicht!«, rief sie. »Es tut mir leid!« Sie hatte einen Fehler gemacht, das spürte sie ganz genau.
Panik ergriff sie. Wenn sie nicht ins Licht ging – und auch nicht zurück in ihr altes Leben – wo würde sie dann landen?
Johanna trudelte und verlor die Orientierung.
Wer war sie?
Und was hatte sie noch mal gewollt?
Sie konnte sich nicht erinnern.