Kapitel 1 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Die Pflanze traf keine Schuld. Darüber waren sich alle einig.
Dennoch hätte Terlu vor Erleichterung beinahe geweint, als der Richter es mit durchdringender Stimme für die offizielle Aufzeichnung verkündete. Seit man sie verhaftet hatte, war das ihre größte Sorge gewesen: Dass Caz zur Verantwortung gezogen werden könnte. Aber er hatte nichts getan! Sie war es gewesen, sie ganz allein, und sie hatte sich die größte Mühe gegeben, das klarzustellen.
Der Gerichtsdiener führte das Spinnenkraut davon, und sie reckte den Hals, um ihnen nachzuschauen. Caz streckte eine Ranke nach ihr aus. Verstohlen legte sie einen Finger an die Lippen und deutete dann auf ihn. Ihren neuen Freund. Die Pflanze, die nun ein Bewusstsein hatte.
Lass dir nichts anmerken! Sie hatte nichts Falsches getan. Verboten mochte es gewesen sein, streng verboten sogar – aber nicht falsch. Bisher hatte sie noch keine Träne vergossen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Jetzt allerdings hätte sie beinahe laut aufgeschluchzt. Nur der finstere Blick des Anklägers hielt sie davon ab – und die Hand der obersten Bibliothekarin auf ihrem Arm, das einzige Zeichen des Wohlwollens ihr gegenüber im ganzen Gerichtssaal.
Rijes Velk neigte sich zu ihr. »Ich kümmere mich persönlich darum, dass für ihn gesorgt ist«, flüsterte sie. »Bei uns hat er ein Zuhause.«
Terlu schluckte schwer.
Reiß dich zusammen!
Steif, aber dankbar nickte sie der obersten Bibliothekarin zu, dann schaute sie wieder zum Richter auf.
Er trug eine bestickte, voluminöse Robe – so verwandelte sich ein skelettdürrer Mann mit Spinnengliedern in eine berüschte Seidenwolke. Terlu erinnerte er an einen Einsiedlerkrebs. Auf ihrer Heimatinsel hatte es am Strand viele gegeben. Ja, ihnen glich er: der knorrige Leib, der in einem prachtvollen Schneckenhaus steckte, und vorn ragten die Scherenbeine heraus. Er thronte auf einem Podium hoch über den Anklagten. Über mir, dachte sie jammervoll.
Er war von Buntglasfenstern eingerahmt, die eine stilisierte Karte des Mondsichel-Inselreichs zeigten. Jedes leuchtende Stückchen Land war von saphirblauen Glasscheiben eingeschlossen. So war der Gerichtssaal nicht von warmem bernsteingelbem Tageslicht erfüllt, sondern von einem bläulichen Schein. Kalt und unfreundlich, wie auch die blaugefärbten Gesichter der Zuschauer, die von der Galerie auf sie herabstarrten. Das alles sollte einschüchternd und überwältigend wirken, und man konnte wohl sagen, dass der Architekt sein Vorhaben meisterhaft umgesetzt hatte.
Wenn der Richter ein Einsiedlerkrebs war, war sie eine Auster, aus ihrer Schale gekratzt und Wind und Wetter ausgesetzt. Sie fummelte an den aufgerollten Ärmeln des Kittels herum, den man ihr gegeben hatte. Er war aus grauer Baumwolle und so abgetragen, dass er ganz weich geworden war. Für sie war er viel zu groß. Wie viele (hünenhafte!) Verbrecher mochten vor ihr schon darin gesteckt haben? Sie konnte sich nur allzu gut vorstellen, wie sie wirkte: wie ein verkleidetes Kind. Bestimmt nicht wie eine erwachsene Frau in den Zwanzigern! Wem mache ich was vor? Wie ein Backenhörnchen sehe ich aus. Sie war klein und mollig, hatte runde Wangen und Lachfältchen in den Mundwinkeln, und ihre großen Augen verliehen ihrem Gesicht stets einen leicht überraschten Ausdruck. Eine gute Verbrecherin gab sie nicht ab. Und Backenhörnchen hatten wohl kaum ein zartlila Fell! Die Haut ihrer Mutter hatte einen kräftigen Blauviolett-, die ihres Vaters einen hellen Rosaton; in Terlus Fall hatte das ein hübsches Lavendelblau ergeben. Es passte wunderbar zu dem Grau des Kittels. Doch so adrett und freundlich sie sich auch präsentierte, auf die Verhandlung schien es nicht den geringsten Einfluss zu haben. Dabei hatte sie sich sogar bemüht, ihre Locken zu zähmen – als würde eine ordentliche Frisur ihre Unschuld beweisen.
Leider war sie nicht unschuldig, denn sie hatte Magie gewirkt. Hatte den Spruch studiert, die Zauberzutaten gesammelt und über der Frage gebrütet, ob es klug war, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Selbstverständlich war sie zu dem Schluss gekommen, dass es das nicht war. Und dann hatte sie es trotzdem getan. Sie hatte Caz erschaffen, ein sprechendes, denkendes Spinnenkraut, damit er ihr im menschenleeren Magazin Gesellschaft leistete. Hatte sich einen Freund herbeigezaubert, weil sie die Einsamkeit nicht mehr hatte ertragen können. In der Stadt hatte sie keine Familie, und in ihren stillen Winkel der großen Bibliothek von Alyssium verirrte sich äußerst selten jemand. Ihr war nur die Wahl geblieben, die furchtbare Isolation zu ertragen – oder aufzugeben. Einzugestehen, dass es ihr nicht gelungen war, ihren Platz in der Welt zu finden. Dass es ein Fehler gewesen war, von zu Hause wegzugehen, und dass ihre Verwandten und Bekannten mit ihrer Einschätzung richtiggelegen hatten: Auf sich gestellt, kam Terlu nicht zurecht.
Sie hatte wirklich nicht geglaubt, dass jemand sich an Caz stören würde.
Niemand war ihretwegen zu Schaden gekommen. Nicht einmal Unannehmlichkeiten hatte sie jemandem bereitet! Und Caz selbst war überglücklich: Sein neues Leben an Terlus Seite gefiel ihm. Doch jener Bibliotheksbesucher, der einen Blick auf das wandelnde Spinnenkraut erhascht hatte, war alles andere als begeistert gewesen.
Magie zu treiben, war nur der Elite der Zauberer gestattet. Die vielen Grimoires in der großen Bibliothek standen nach kaiserlichem Recht einzig diesen Auserwählten zur Verfügung. Der herbeigerufene Ermittler hatte auch im Fall einer niederrangigen Bibliothekarin kein Auge zugedrückt – stattdessen hatte er als Ankläger wortgewandt für ihre Verurteilung plädiert.
Er hätte sich gar nicht so anstrengen müssen. Ein Spinnenkraut, das herumlief und redete, war schließlich ein erdrückender Beweis für ihre Schuld.
Daher war sie auch nicht überrascht, als der Richter erklärte: »Ich erkenne Terlu Perna, ihres Zeichens Bibliothekarin vierten Ranges im zweiten Stock des Ostflügels der großen Bibliothek von Alyssium, der illegalen Zauberei für schuldig. Das Urteil wird sofort verkündet.«
Rijes Velk erhob sich. »Ich bitte um Milde!«
Wie der Richter war die oberste Bibliothekarin in ein Gewand aus bestickter Seide gekleidet, aber im Gegensatz zu ihm stand es ihr ausgezeichnet. Sie war eine elegante Frau. Ihr silbergraues Haar war zu einer Flechtfrisur gebunden, die an die Transennatür des Kinney-Saals erinnerte. Ihre Wangen, schwarz wie Onyx, waren mit goldener Schminke bemalt. Die Symbole standen für ihren Eid: die Geschichte, die Weisheit und das Wissen der Sichelmond-Inseln zu hüten. Terlu wusste, dass Rijes ihre Großmutter sein könnte; andernfalls hätte sie sie für alterslos gehalten.
Es war ihr sowohl eine Ehre als auch unbegreiflich, dass eine derart bedeutende und charismatische Persönlichkeit bei ihrer Verhandlung Fürsprache einlegte – und das eingedenk ihrer unbestreitbaren Schuld!
»Die Bibliothekarin Terlu Perna hatte keine bösen Absichten.« Rijes Velks Stimme klang durch den großen Gerichtssaal, schwang sich bis zur Kuppel auf. »Überdies hat sie keinen Schaden verursacht. Kein einziger Bürger der Stadt wurde verletzt. Niemandes Besitz wurde in Mitleidenschaft gezogen. Nichts ist zerbrochen, wurde gestohlen oder ging verloren. Ihr Fehlurteil hat keine negativen Konsequenzen nach sich gezogen. Daher bitte, ja flehe ich vor diesem Gericht um Gnade. Es ist ihr erstes Vergehen, und sie hat aus ihrem Fehler gelernt. Sie wird nie wieder zaubern, dafür bürge ich!«
Terlu traute ihren Ohren kaum. Es wog schwer, dass die oberste Bibliothekarin für ihr zukünftiges gutes Benehmen die Hand ins Feuer legte. Die Zauberer auf der Galerie regten sich in ihren Logen und raunten, offenbar ebenfalls überrascht.
Mit wallender scharlachroter Robe erhob sich der Ankläger. »Deine Versprechen sind nicht von Belang. Ebenso wenig, welche Absichten die überführte Verbrecherin hatte oder was sie sich für die Zukunft vornimmt. Nein, von Belang ist nur eins: Was andere tun werden, die von dieser Verhandlung hören. Fällt die Strafe zu milde aus – und dafür bürge ich –, dann wird es weitere illegale Zaubereiversuche geben, und nicht alle werden ohne Konsequenzen bleiben. Ich beschwöre das Gericht, all jenen eine unmissverständliche Botschaft zu schicken, die danach trachten, trotz Verbots mit Magie herumzuspielen. Gesetz ist Gesetz! Der Wille des Kaisers ist stark und ungebrochen.«
»Gnade zu zeigen, ist keine Schwäche«, erwiderte Rijes Velk.
»Euer Ehren, die oberste Bibliothekarin scheint zu wollen, dass Ihr die schwelenden Unruhen noch nährt …«
Rijes fiel ihm ins Wort. »Terlu Pernas Fall hat rein gar nichts mit irgendwelchen …«
Scharf debattierten sie, bis der Richter schließlich eine seiner krebsscherenartigen Hände hob. »Ich habe mich bereits entschieden. An Terlu Perna soll ein Exempel statuiert werden, das dem Schutz und der Gesundheit des Inselreichs dient.«
Terlus Mund wurde trocken. Sie klammerte die Hände im Schoß zusammen und knüllte dabei ihren Kittel. Ein Exempel? Was soll das heißen? Was wollen sie mir antun?
»Sie soll in eine Statue verwandelt und in der großen Bibliothek ausgestellt werden, eine Mahnung für alle Bibliothekare, Gelehrten und Besucher, die sich versucht fühlen könnten, das Gesetz zu brechen.«
Eine fassungslose Stille trat ein.
Die Strafe war härter, als Terlu erwartet hatte – viel härter. Ein Zittern überkam sie. Ihr Herz flatterte so schnell wie ein Kolibri.
Die Trommeln tönten, tief und dröhnend – das Zeichen, dass ein Urteil gefällt war. Sie spürte es in den Knochen; jeder Schlag ging durch ihren ganzen Körper.
Lärm brach los. Rijes Velk stürmte auf das Podium zu. Terlu sank in sich zusammen und schlang die Arme um sich. Erst als der Richter sie anbrüllte und scharf zur Ruhe ermahnte, begriff sie, dass sie schrie wie ein sterbendes Kaninchen.
Danach ging alles ganz schnell.
Terlu wurde von zwei Gerichtsdienern aus dem Saal geführt. Sie stolperte zwischen ihnen her, als könnte sie sich nicht richtig erinnern, wie man lief. Das Geschrei war verklungen, als hätte man sie unter Wasser gedrückt. In ihrem Kopf wirbelte ein Gedankensturm, der jedes äußere Geräusch übertönte.
Eine Statue.
Sie, eine Statue!
Wird es weh tun?
Muss ich sterben?
Und wenn nicht … Werden sie mich je zurückverwandeln? Der Richter hatte nichts über die Dauer der Strafe gesagt. Ist es für immer? Aber das war doch nicht möglich, oder? Das wäre zu grausam. Nur: Wäre es anders, hätte der Richter dann nicht einen Zeitrahmen gesetzt? Von einer solchen Strafe hatte sie noch nie gehört! Ebenso wenig allerdings von einem Bibliothekar, der das Magieverbot für Nicht-Zauberer übertreten hatte. In Anbetracht der vielen Grimoires in den Regalen konnte sie sich nicht vorstellen, dass nie jemand in Versuchung geraten war – aber vielleicht war außer ihr noch niemand erwischt worden.
Wäre sie doch bloß vorsichtiger gewesen! Klüger vorgegangen!
Dass sie es gelassen hätte, wünschte sie sich nicht. Denn hätte sie den Zauber nicht gewirkt, so hätte Caz nie das Licht der Welt erblickt – und er hatte sich so darüber gefreut! Unter keinen Umständen würde sie das ungeschehen machen. Hoffentlich würde Rijes Velk ihr Versprechen halten und sich gut um ihren Freund kümmern. Sie wollte, dass er glücklich war.
Die Gerichtsdiener brachten sie in eine achteckige Kammer aus schwarzem Stein. Fenster gab es nicht; die einzige Lichtquelle war ein Kandelaber mit zwölf brennenden weißen Kerzen in der Mitte des Raums. Es roch nach Talg und verbrannten Kräutern. Neben dem Leuchter wartete ein bärtiger Mann mit hohlen Wangen, der eine Schale in den bleichen Händen hielt.
Ein Magier … Und er hatte die Zutaten für einen Zauber bei sich.
Sie begriff sofort, was das bedeutete: Eine Begnadigung stand außer Frage. Niemand würde sich ihrer im letzten Moment erbarmen. Ihre Strafe hatte schon festgestanden, bevor der Richter sie verkündet hatte.
Wie gebannt hing ihr Blick an dem Zauberer.
Sie fühlte sich innerlich zu leer, um noch zu schreien oder zu weinen. Aber sie hätte gern einen Augenblick gehabt, um Rijes Velk zu danken. Sie wusste ihre Warmherzigkeit und Güte wirklich zu schätzen.
»Zieh dich um«, befahl der Zauberer.
Auf einem Stuhl lag zusammengefaltet die blaue Kluft einer Bibliothekarin des vierten Rangs. Sie zögerte nur kurz, dann schlüpfte sie aus dem grauen Kittel und zog die vertrauten Sachen an. Wenigstens musste sie ihrem Schicksal nicht wie eine Verbrecherin gekleidet ins Auge schauen! War auch das Rijes Velks Freundlichkeit zu verdanken, oder sollte Terlu einfach als Bibliothekarin zu erkennen sein?
Unbewegt schaute der Magier sie an. Was würde er wohl tun, wenn sie zu fliehen versuchte? Weit kommen würde sie nicht – zweifellos standen draußen Wachen vor der Tür –, und sie wollte nicht, dass er den Zauber sprach, während sie davonstolperte. Wenn sie schon zu einer Statue werden musste, sollte ihr Gesicht nicht auf ewig angstverzerrt sein. Sie wollte wenigstens versuchen, tapfer zu sein.
»Bleibe ich am Leben?«, fragte sie.
Der Magier zögerte. »Ja.« Dann begann er mit dem Spruch.
Ihr Blut floss langsamer und langsamer, ihr Atem erstarb, und bald konnte sie kein Glied mehr rühren. Sie bestand nun von Kopf bis Fuß aus poliertem Holz. Da kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht nicht die richtige Frage gestellt hatte – aber eine bessere fiel ihr auch jetzt nicht ein.
Solange ich lebe, kann ich hoffen.
Finsternis.
Stille.
Wie ein schwarzes Meer, in dem sie lautlos ertrank. Sie konnte die Augen nicht öffnen. Nein, nicht schließen.
Wo bin ich?
Sie lauschte. Es war nichts zu hören. Kein Atemzug. Kein Herzschlag.
Ein Knarren, dann ein schmaler Streifen Licht. Sie sah Umrisse und Schatten: Regale, eine Kiste, einen Karren. Hinter sich hörte sie gedämpfte Stimmen, die erörterten, wohin man am besten einen Stapel Stühle stellte.
Sie war in einer Abstellkammer!
Sie wollte rufen, die unsichtbaren Menschen auf sich aufmerksam machen, sie bitten, nein, anflehen, mit ihr zu sprechen. Könnten sie nicht vor sie treten, so dass sie sie sah? Wie sie sich danach verzehrte, in ein Gesicht, in jemandes Augen zu blicken! Ein Lächeln zu sehen. Sie wollte sie wissen lassen, dass sie am Leben war, bei vollem Bewusstsein.
Ich bin hier!
Die Tür fiel zu.
Manchmal träumte sie oder träumte beinahe, denn Statuen schlafen nicht. Ihr liebster Traum war der, im Sonnenlicht zu stehen. Musik umwehte sie – ach, Musik! –, und sie schmeckte noch Gebäck auf der Zunge. Oder spürte einen Kuss auf den Lippen. Überall um sie herum waren Menschen, die redeten und lachten, und das war die allerschönste Musik. In der Luft hing der betörende Duft von Rosen.
Doch stets endete der Traum, und das Nichts verschlang sie erneut.
Sie vergaß ihre Angst.
Ihre Wut.
Sogar ihre Trauer.
Aber sie sehnte sich … Oh, wie sie sich sehnte! Nach Sonnenlicht, Atem, einer freundlichen Stimme. Sie träumte, erinnerte sich und trieb durch die Tage. Bald verlor sie jedes Zeitgefühl. Verlor sich selbst.
So stand die Statue in Stille und Finsternis.
Als sie endlich kamen, um sie im nördlichen Lesesaal der großen Bibliothek von Alyssium auf einen Sockel zu stellen, wollte sie ihnen danken.
Wenigstens würde sie nun nicht mehr allein sein!