Kapitel 13 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Terlu brauchte noch einmal drei Tage und viele Stücke Honigkuchen, um den Code zu entschlüsseln.
Am Morgen des dritten Tages gesellte Yarrow sich zu ihnen in die Werkstatt. Er stellte Terlu eine dampfende Tasse hin. Ein herrlicher Duft stieg ihr in die Nase, und prompt vergaß sie alles andere. »Hast du mir heiße Schokolade gemacht?«
Er nickte. »Das ist keine große Sache … Man muss bloß die Kakaoschoten zum richtigen Zeitpunkt ernten.«
Sie umschloss die Tasse mit beiden Händen. Sie war wunderbar warm! Tief atmete sie ein und glaubte, noch nie etwas so Köstliches gerochen zu haben. Die Schokolade war dunkel, und er hatte Haselnussraspel darübergestäubt. Und was war das? Hmmmmmm, hatte er ein wenig Karamell hineingerührt? Ja, das hatte er!
»Dann muss man die Bohnen fermentieren«, fuhr er fort. »Dazu wickle ich sie in Bananenblätter. Anschließend werden sie geröstet und geschält – am besten mahlt man bloß die Kerne.«
Andächtig nahm sie einen Schluck.
So musste es sein, Abendröte zu trinken, die sich auf alle Wolken gelegt hat! Geschmolzenes Sonnenlicht rann ihr die Kehle hinab.
»Gesüßt habe ich ihn mit Rohrzuckersirup. Man muss das Zuckerrohr kochen, auspressen, den Saft filtern und zu Sirup einkochen – so lange, bis er fast, aber eben nicht ganz karamellisiert ist. Letzten Winter habe ich eine ganze Menge davon gemacht.«
»Zuckerrohr ziehst du auch?« Wieder trank sie. Ach! Ihre Lider sanken herab, und sie spürte, wie die heiße Schokolade sie durchströmte – als hätte sie ihr Blut ersetzt. »Wahnsinn«, murmelte sie. Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, dass Yarrow sie beobachtete. Seine Miene war ganz sanft.
»Hier wächst jede Pflanzenart des Sichelmond-Inselreichs.« Aber dann verblasste sein Lächeln, und seine Schultern sanken herab. »Oder wuchs zumindest früher hier … Nicht alle haben überlebt.«
Wie gern hätte Terlu da gesagt, sie könne alles wieder in Ordnung bringen! Hätte sie doch nur den richtigen Zauberspruch, um seine Probleme zu lösen und den Schmerz aus seiner Stimme zu verbannen … Aber die Gewächshäuser waren mit den verschiedensten Zaubern belegt. Derart komplizierte Magie überstieg ihre Fähigkeiten bei weitem. Nein, an so etwas war nicht einmal zu denken. Sie hatte ein einziges Ziel: die sprechenden Pflanzen zu wecken. Und was das anging, war sie tatsächlich vorangekommen. »Ich glaube, ich weiß jetzt …«
Lotti horchte auf. »Wie du meinen Freunden helfen kannst?«
»Vielleicht.« Schweren Herzens stellte sie die heiße Schokolade beiseite und zeigte ihnen eins der aufgeschlagenen Tagebücher. »Den Eintrag hier hat er um die Zeit verfasst, als Lotti eingeschlafen ist. Daraus geht hervor, dass die anderen sprechenden Pflanzen ihr Bewusstsein tatsächlich nicht eingebüßt haben. Sie schlafen nur, wie Lotti vermutet hat. Ich hatte Angst, sie könnte sich irren, aber es ist wirklich so.«
»Wusst’ ich’s doch!«, jubelte Lotti. »Sie sind alle noch sie selbst!«
»Laiken hat zuerst dich in Trockenruhe geschickt, und dann hat er nach Wegen gesucht, die anderen Pflanzen mittels Magie in denselben Zustand zu versetzen.« Terlu sprach leichthin, wählte ihre Worte aber mit Bedacht. Sie hatte die Tagebucheinträge aus jener Zeit sorgfältig studiert. Es gab keinen Zweifel: Der alte Zauberer hatte Lotti mit Absicht vertrocknen lassen.
»Moment, entschuldige mal! Das stimmt so nicht.« Lotti kam auf das Tagebuch zugehüpft. »Er hat mich nicht in Trockenruhe geschickt. Er hat bloß vergessen, mich zu gießen! Ich brauche nicht so oft Wasser, und da hat er das Zeitgefühl verloren. Er war schon ein wenig verwirrt.«
Die Tagebücher sagten etwas anderes. Laiken hatte detaillierte Aufzeichnungen hinterlassen: Er hatte die Trockenschlafphasen der kleinen Rose nicht nur herbeigeführt, sondern mehr und mehr ausgedehnt. Terlu ließ nicht locker. »Nur du kannst natürlicherweise in Dormanz verfallen. Die anderen sprechenden Pflanzen wären eingegangen, hätte er sie einfach nicht mehr gegossen, und das wollte er nicht. Deshalb hat er sich überzeugt, dass du auch nach längeren Trockenperioden unbeschadet wieder aufwachst. Und dann hat er mit den anderen weiterexperimentiert. Soweit ich sagen kann, hat er vor ungefähr fünfzig Jahren mit dem Projekt begonnen.« Sie warf Yarrow einen Blick zu. Er sah erschüttert aus.
Lotti bebte so heftig, dass ihre gefiederten Blätter raschelten. Sie drückte die Blüte fest zusammen. »Nein! Du täuschst dich. Laiken hat mich geliebt … Er hat uns alle geliebt!«
Vielleicht hatte er das ja auch, auf seine eigene Weise. »Ich glaube, er wollte euch beschützen. Er dachte wohl, wenn ihr schlaft, kann euch nichts geschehen.« Das war die wohlmeinendste Auslegung, zu der sie imstande war. Er hatte Lotti vertrocknen und in einen todesähnlichen Zustand sinken lassen, obwohl er sich stattdessen einfach um sie hätte kümmern können. Dabei hatte er selbst ihr das Bewusstsein verliehen, wie auch allen anderen sprechenden Pflanzen hier.
»Wenn du an die Zeit zurückdenkst, bevor du eingeschlafen bist – woran erinnerst du dich?«, fragte sie sanft.
»Er war selten da.« Lotti hatte ihre Blüte nicht wieder geöffnet. »War immer beschäftigt. Mit den Gewächshäusern.«
»Damals hatte er gerade angefangen, Gärtner zu entlassen«, steuerte Yarrow bei. »Das weiß ich von meinem Vater. Vor fünfzig Jahren wäre beinahe ein kleines Dorf auf Belde entstanden, aber das wollte Laiken nicht. Also durfte niemand mehr zuziehen, nicht einmal durch Heirat. Wer sich vermählen wollte, musste die Insel verlassen. Als mein Vater ein Kind gewesen war, hatte es diese Regel noch nicht gegeben. Im Laufe der Zeit übernahm Laiken mehr und mehr Aufgaben selbst und wurde immer verschlossener.«
»Er hat mich bloß vergessen«, beharrte Lotti kläglich. »Absicht war das nie und nimmer. Das glaube ich einfach nicht!«
»Gut möglich, dass es in deinem Fall ein Versehen war.« Vielleicht hatte er Lotti ja wenigstens wieder aufwecken wollen. Woher sollte Terlu das wissen? Sie war nicht hier gewesen, sondern hatte bloß gelesen, was Laiken niedergeschrieben hatte – und noch lange nicht alles. Wenn Lotti es vorzog, ihren Schöpfer zu idealisieren, sollte sie das ruhig tun. Nicht immer war es gewinnbringend, sich seiner Vergangenheit zu stellen und der Wahrheit ins Auge zu blicken. Manchmal tat es nur weh. Und was nützte es, sich zu grämen? Was geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern. Nur auf die Zukunft konnten sie Einfluss nehmen. Terlu deutete auf einen Zauber, den sie bereits abgeschrieben hatte. »Das hier ist jedenfalls der Spruch, mit dem er die anderen Pflanzen belegt hat. Er hat einige Jahre gebraucht, um ihn zu vervollkommnen, aber schließlich ist es ihm gelungen.«
Yarrow beugte sich über ihre Schulter. Sein Atem roch nach zuckriger Schokolade. »Du sagst also, es ist ein verzauberter Schlaf?«
»Im Grunde ja. Ich habe auch den Gegenzauber gefunden …« Sie tippte darauf. »Zumindest glaube ich, dass er das ist. Laiken hat ihn nie gewirkt, deshalb weiß ich nicht, ob …«
»Wie bitte?« Lotti fuchtelte erschrocken mit den Blättern. »Du glaubst, es ist der Gegenzauber? Du weißt es gar nicht sicher? Und was soll das heißen: Laiken hat ihn nie gewirkt? Willst du meine Freunde mit einem unerprobten Zauber besprechen? Was, wenn du alles nur noch schlimmer machst?«
Darüber hatte sie bereits nachgedacht. »Es gibt kaum Schlimmeres, als so in sich selbst gefangen zu sein.«
»Woher willst du das denn so genau wiss… Oh!« Lotti ließ beschämt die Blüte hängen. »Entschuldige, deine Statuenphase hatte ich ganz vergessen. Es ist bloß … Was, wenn mit dem Zauber was schiefgeht?«
Statuenphase. Was für eine Beschreibung für sechs verlorene Jahre.
»Es ist ein Wagnis.« Terlu blickte in Yarrows grüne Augen, tief wie das Meer. Er stand so nah, dass sie glaubte, in seiner Seele lesen zu können: Hoffnung sah sie darin, Angst, Mitgefühl, Schmerz und Kummer. Aber die Hoffnung überwog alles andere.
»Die Pflanzen könnten sterben«, fuhr sie fort. »Oder sich in irgendetwas anderes verwandeln. Ein Zauberspruch kann auf so vielfältige Weise missglücken … Deshalb ist es ja auch nur den gelernten und geprüften Zauberern gestattet, Magie auszuüben. Aber ich habe Laikens Gegenzauber genau studiert. Ich verstehe, was die Worte bewirken.« Sprache hatte Macht. In den Worten lag des Zauberers Wille; die Sätze fassten ihn zum Befehl. Darum ging es bei der Magie: Mittels Sprache manifestierte sich etwas Gewünschtes in der Welt. Und Sprache verstand Terlu. Zwar mochte sie im Gespräch nicht immer die richtigen Worte finden, doch diesen Spruch – den hatte sie gemeistert, davon war sie überzeugt. Vielleicht nicht felsenfest, aber doch … ziemlich fest.
»Ich vertraue auf dich«, sagte Yarrow.
Der Atem stockte ihr. Noch nie in ihrem Leben hatte jemand etwas derart Schönes zu ihr gesagt!
Ihre Wangen begannen zu glühen, und sie schaute schnell wieder auf den Zauber hinunter. »Wir brauchen bestimmte Zutaten.« Sie zeigte ihm die Liste, die sie angefertigt hatte: eine Apfelblütenknospe, eine noch ungekeimte Eichel, die Pollen einer Narzisse … Es folgte noch ein halbes Dutzend weiterer Pflanzenbestandteile. Bei den meisten konnte sie bloß raten, worum es sich dabei handelte – aber Yarrow würde es wissen.
»Ich kümmere mich darum.«
Nirgendwo sonst wäre es möglich gewesen, alles zusammenzuklauben. Schon gar nicht im Winter! Hatte Laiken die Gewächshäuser deswegen erschaffen? Um immer Zugriff auf alle möglichen Zauberzutaten zu haben? Aber das glaubte sie nicht. In seinen Tagebüchern hatte sie keinen Hinweis darauf gefunden, dass es ihn nach Macht gehungert hätte. Er hatte bloß für seine Pflanzen sorgen wollen. Aber wenn er gewollt hätte … Vielleicht war er deshalb immer misstrauischer und ängstlicher geworden: Er hatte gewusst, was andere Zauberer anstellen könnten, stünden ihnen die Gewächshäuser offen. Wusste der Kaiser nichts von diesem verborgenen Juwel? Und Rijes Velk? Hatte sie Yarrows Brief beantwortet, weil sie Beldes Bedeutung erkannt hatte, oder hatte sie nur ein Problem gesehen, das einer Lösung bedurfte?
Die Flora des gesamten Mondsichel-Archipels, vereint auf einer Insel. Hatte Laiken denn nie darüber nachgedacht, wie viel Gutes er hätte bewirken können? Wenn er der Öffentlichkeit seine Gewächshäuser zugänglich gemacht hätte, anstatt solche Anstrengungen zu unternehmen, ihre Existenz geheim zu halten …
Vermutlich war die Frage: Vertraute man darauf, dass die Leute das Richtige taten?
Yarrow vertraut auf mich.
Sie würde ihn nicht enttäuschen.
»In einer Stunde habe ich alles zusammen.« Yarrow nahm die Liste an sich. Dann deutete er auf ihre Tasse. »Trink deine Schokolade, bevor sie kalt wird.«
Sie trafen sich im Pavillon der schlafenden Pflanzen. Verzauberter Schlaf, dachte Terlu, während sie den Blick über die hübsch verzierten Schmiederegale mit den stillen Topfpflanzen darauf wandern ließ. Klingt erst mal netter als Statuisierung … Aber ist es das auch? Sie bezweifelte es. Träumten die sprechenden Pflanzen? Und wenn ja, wovon? Sie erinnerte sich nur an Fragmente ihrer eigenen Träume, aber alle hatten sich darum gedreht, was sie verloren hatte.
Yarrow hatte einen Korb mitgebracht. Nun stellte er ihn ab, und Lotti sprang hinein. Wie ein kleiner Wirbelsturm schleuderte sie Zutaten über den Rand auf den Kiesweg. »Wir brauchen genug für alle!«
Terlu ließ sich im Schneidersitz neben dem Korb nieder und sah die Sachen durch. »Schon, aber wir sollten erst mal mit einer Pflanze anfangen. Für den Fall, dass es schiefgeht.«
»Wird es nicht«, sagte Yarrow überzeugt.
Terlu begutachtete mehrere Zweiglein mit gelborangen Beeren daran. Das mussten die Sumpfbrombeeren sein. Sie hatte zwar nirgends eine Mengenangabe gefunden, aber es würde bestimmt reichen. »Vielen Dank für den Vertrauensvorschuss, aber ich bin keine Magierin, und das hier ist ein unerprobter Zauber. Alles ist möglich … Vielleicht verwandelt er die Pflanzen ja in Enten!«
»O weh!«, quiekte Lotti. »Bloß das nicht!« Sie schauderte so heftig, dass alle ihre Blätter bebten. »Ich hatte mal ein äußerst unerfreuliches Zusammentreffen mit einer Stockente«, fügte sie finster hinzu.
Yarrow schaute Terlu an. »Klar bist du Magierin.«
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte es ihm doch gesagt! Hatte sie sich nicht klar genug ausgedrückt? Sie war nicht die Zauberin, auf die er gehofft hatte. Es versetzte ihr einen Stich, dass er sich so sehnlich jemand anderen herbeiwünschte.
»Eine Magierin, die sich ihr Handwerk selbst beigebracht hat«, konkretisierte er. »Du beherrschst die erste Sprache und hast dich eingehend mit den einschlägigen Werken beschäftigt. Selbst wenn du das Fach nicht offiziell studiert und bei keinem Zaubermeister gelernt hast, hat das nichts zu bedeuten. Dein Werdegang war eben ungewöhnlich. Du hast trotzdem gelernt, was du wissen musstest. Sag mir eins: Als du den Zauber gesprochen hast, um deinen Spinnenkrautfreund zu erschaffen, hattest du da irgendwelche Schwierigkeiten?«
Nein. Gleich der erste Versuch war geglückt. »Nur weil ich gut vorbereitet war … Na schön, ich sehe, was du meinst. Ich glaube trotzdem, es wäre besser, eine Pflanze nach der anderen zu wecken. Und sei es nur, damit wir uns um jede vernünftig kümmern können.« Sie wusste sehr gut, wie es war, aus einem solchen Zustand geholt zu werden. »Ich will ihnen gern so viel Aufregung wie möglich ersparen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich meine bloß, dass du dich nicht unterschätzen solltest.«
Kurz war sie sprachlos. »Danke …« Er sagte nicht viel, aber wenn er es doch tat, erreichten seine Worte stets ihr Herz.
Lotti wedelte mit den farnkrautähnlichen Blättern. »Jetzt reicht’s aber mit dem Gesülze! Wir haben Pflanzen zu retten!«
Prompt wurde Terlu wieder rot.
Yarrow wich ihrem Blick aus. Still ging er neben ihr in die Hocke und half ihr, die Zutaten zu sortieren.
Lotti sprang aus dem Korb und kletterte auf ein Regal. »Hmm … Wer macht denn mal den Anfang?«
»Am besten ein Freund«, riet Terlu.
Lotti trippelte an einem großen Topf vorbei. »Dann nicht du«, sagte sie zu dem rot belaubten Feuerbusch darin.
Yarrow warf die Zutaten nicht auf Häufchen, sondern reihte alles säuberlich auf: Zweige, Beeren und Nüsse. Sie fühlte sich an die Rituale im Tempel der Sterne erinnert. Dort glaubte man, die heiligen Steine müssten immer wieder zu bestimmten Mustern angeordnet werden, sonst würden die Sterne erlöschen und die Seefahrer vom Kurs abkommen. Terlu hatte die Mythen gelesen, Geschichten voll vergessener Träume und verirrter Reisender, gerettet von der Präzision derer an Land.
»Wie hast du deinen Beruf erlernt?«, fragte sie Yarrow. »Hast du irgendwo Gartenbau studiert oder dir auch alles selbst beigebracht?«
»Ich war nicht an der Universität, wenn du das meinst, aber ich hatte viele Lehrer. Meinen Vater. Meine Großeltern, als sie noch lebten. Eine Menge Tanten und Onkel und noch mehr Cousins und Cousinen. Jeder hatte sein Spezialgebiet.«
Er vermisst sie. Sie hörte es seiner Stimme an. Ob es seinen Verwandten wohl ähnlich ging? Dachten sie manchmal an die Insel und ihr altes Leben hier? Vielleicht warteten sie nur auf eine Einladung. »Du könntest sie fragen, ob sie zum Winterfest kommen wollen!«
Er hob die Augenbrauen. »Die Reise ist zu weit, nur um einmal miteinander zu essen.«
»Es geht ja nicht bloß ums Essen.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Sondern auch um die vielen verschiedenen Kuchen!«
Er grinste. »Honigkuchen.«
»Und Blaubeertorte. Zitronenblechkuchen. Marmorgugelhupf. Und kandierte Orangen. Hast du je kandierte Orangen mit Schokoladenüberzug probiert? Die sind wahnsinnig lecker! Mein Großvater hat die Orangenspalten selbst kandiert, nach einem Geheimrezept, das er nie jemandem verraten hat. Meines Wissens hat er es nicht einmal verschlüsselt aufgeschrieben! Weißt du … Es ist schon komisch, dass Laiken keinen Nachfolger bestimmt hat. Er wollte seine Pflanzen doch so dringend beschützen …«
»Er hat sich eingeredet, er könnte selbst für sie da sein. Für immer und ewig.«
Lotti blieb vor einer Orchidee im Regal hocken. »Wie ist er gestorben?«, fragte sie kummervoll.
»Er hatte einen Unfall. Ist die Stiege im Turm runtergestürzt. So ein großer Zauberer, vielleicht der größte unserer Zeit … Aber er hat sich das Genick gebrochen wie ein gewöhnlicher alter Mann. Mein Vater hat ihn gefunden. Laiken war nicht wie sonst gekommen, um die Orchideen zu versorgen … Außer ihm durfte die aber niemand anrühren. Mein Vater hat erzählt, sein Geist hätte ihn noch stundenlang über die Pflege von Orchideen belehrt.«
»Sie sind recht eigen.« Lotti wandte sich von der ab, bei der sie angehalten hatte, und hüpfte zur Venusfliegenfalle weiter. »Törichter Laiken. Hätte er mich doch nicht einschlafen lassen! Vor dem Sturz hätte ich ihn wohl nicht bewahren können … Aber er hätte wenigstens nicht allein sterben müssen.« Ihre Stimme bebte.
Terlu konnte sich gut vorstellen, wie wütend und traurig Lotti war. Dazu war sie vermutlich wütend über ihre Trauer und traurig über ihre Wut. Ein furchtbares Gefühl der Ohnmacht ging mit dem Wissen einher, dass man keinen Einfluss auf das Schicksal hatte nehmen können. Lotti hatte weder sich selbst noch Laiken retten können.
»Ich sorge dafür, dass du immer genug Wasser hast«, versprach Yarrow.
»Bring mir lieber bei, wie ich mich selbst wässern kann!« Sehnsüchtig fügte Lotti hinzu: »Bitte … Ich möchte wissen, wie man die Pumpe bedient. Ich will nie wieder von jemandem abhängig sein!« So viele Gefühle klangen in ihrer Stimme mit. Sie hat auf Laiken vertraut, und er hat sie verraten. Terlu tat das Herz weh. Lottis und ihre Geschichten glichen einander kaum, aber sie wusste, wie es war, wenn einem die Autonomie genommen, wenn man beiseitegeschoben und vergessen wurde.
»Ich weiß nicht, ob …«, begann Yarrow.
Terlu mischte sich ein. »Du könntest doch ein Seil an den Schwengel binden. Vielleicht mit einem Stein daran? Dann hätte sie es leichter. Sie sollte nicht in Angst leben müssen, dass sie eines Tages wieder im Stich gelassen werden könnte.« So sollte niemand leben müssen.
Er dachte darüber nach und nickte. »Wir finden eine Lösung.«
»Gut!«, sagte Lotti. »Danke, Terlu.« Sie trippelte noch ein Stück das Regal hinunter, vorbei an einem Rittersporn und einer Distel. »Weck bloß nicht die Orchidee zuerst! Wie wär’s mit dem Philodendron? Er ist ein ruhiger Geselle. Still und genügsam, trotz der großen Blätter!«
Yarrow hob den Philodendron vom Regal und stellte ihn vor Terlu auf den Weg. Sie sammelte die Zutaten und schnürte sie mit einem Grashalm zusammen.
»Hast du eine kleine Schaufel?«, fragte sie Yarrow. »Ich will das Päckchen zwischen den Wurzeln vergraben, um den Zauber an sein Ziel zu binden.« Zumindest hatte sie es so verstanden. Sie war sich ihrer Wissenslücken überdeutlich bewusst. Wenn einem kaiserlichen Magier gestattet wurde, mit Zaubern zu experimentieren, hatte er gewöhnlich Jahre des Studiums hinter sich. Und selbst dann wurde er noch von mehreren erfahrenen Magiern überwacht. Was sie vorhatte, konnte man bestenfalls tollkühn nennen. Aber was blieb ihr anderes übrig? Wie konnte sie Lottis Freunde in diesem Zustand belassen, wenn sie die Chance hatte, ihnen zu helfen? Yarrow hatte dasselbe für sie getan.
Jetzt angelte er eine lange, schmale Pflanzenkelle aus einer seiner vielen Taschen, ging in die Hocke und hob ein kleines Loch im Topf aus, darauf bedacht, die Wurzeln des Philodendrons nicht zu verletzen. Sie reichte ihm das Zutatenpäckchen, und er vergrub es. Dann nickte er ihr zu. »Es kann losgehen.«
In der Tat … Alles war vorbereitet.
Sie hatte sich ausführlich mit dem Zauberspruch beschäftigt und keinen Fehler entdeckt. Jede Silbe war am richtigen Platz, und die Worte waren klug gewählt. Terlu beherrschte die Aussprache und war überzeugt, dass die Magie ihre Wirkung tun würde.
Weshalb war sie dann so nervös? Weil ich das Gesetz breche. Schon wieder. Aus freien Stücken.
Auch letztes Mal hatte sie gedacht, es sei die Sache wert und die Konsequenzen würden sicher nicht allzu schwer wiegen – und was war daraus geworden?
Das hier ist ganz was anderes.
Auf der Insel gab es niemanden, der sie melden würde. Yarrow und Lotti waren auf ihrer Seite. Beide wollten – inbrünstig sogar –, dass Terlu den Zauber sprach. Ich bin nicht mehr allein! Und davon abgesehen war es das Richtige. Die sprechenden Pflanzen waren ihres Lebens beraubt. Sie hatte die Macht, es ihnen zurückzugeben, also musste sie es auch tun. Wie oft war sie das alles nun schon durchgegangen? Sie wusste sehr gut, was aus dieser Tat erwachsen konnte. Aber sie hatte ein Versprechen gegeben und würde es nicht brechen, ungeachtet der Konsequenzen. Sie atmete tief durch und schüttelte die Hände aus, um sich zu beruhigen.
Du bist eine richtige Magierin, auch wenn du dir fast alles selbst beigebracht hast.
Und: Was der Kaiser nicht weiß, macht ihn nicht heiß!
Sie kniete sich aufrecht vor dem Philodendron hin. »Myrd vi se hwathan. Myrd dor a chasacan. Myrd rywy. Allecase-ansara …« Die Worte gingen ihr leicht von der Zunge, als hätte sie die erste Sprache von Kindheit an gelernt. Sie hallten in ihrem Kopf wider, ein stummer Chor. Sie konzentrierte sich auf den Philodendron.
Erwache! Es ist an der Zeit. Ich möchte dich kennenlernen.
Sie sprach das letzte Wort des Zaubers.
Der Philodendron regte sich nicht.
Lotti kam näher. »Hat es geklappt?«
»Das weiß ich nicht.« Möglicherweise dauerte es ein wenig, bis die Magie Wirkung zeigte. Sie hatte Yarrow nicht gefragt, wie viel Zeit in ihrem Fall verstrichen war, aber das war ja auch ein ganz anderer Zauber gewesen. Vielleicht brauchte dieser länger? Vielleicht war er aber auch fehlgeschlagen. Hatte sie eine Zutat übersehen? Oder ein Wort falsch entschlüsselt? Unwahrscheinlich. Und die Zutaten waren frisch und von bester Qualität.
Denkbar wäre auch, dass die Pflanzen nicht schliefen – oder zumindest nicht mehr. Wo war der Sitz ihres Bewusstseins? Das wusste sie nicht. Wenn eine Pflanze ihre Blüten und Blätter abwarf und neue trieb, war sie dann noch dieselbe Pflanze? Trugen die Samen das Wissen und die Weisheit ihrer Ahnen in sich? Wenn dies gar keine verzauberten Pflanzen mehr waren, sondern bloß noch die Kinder verzauberter Pflanzen, dann war es vielleicht gar nicht möglich, sie zu wecken …
Auf dem Regal gähnte die Orchidee.