Kapitel 14 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Im ganzen Pavillon erwachten die Pflanzen.
Der Efeu mit den langen Ranken kletterte aus seinem Topf und schlängelte sich eine Säule hoch. Die Orchidee drehte die schönen rosa-weiß gemusterten Blüten, als wollte sie sich im Gewächshaus umschauen. Ein Gänseblümchen erblühte und streckte sich, während der Rittersporn sich dem Erdboden zuneigte, als wollte er sich ganz klein machen.
Lotti tanzte, die Blüte hoch in die Luft gereckt. »Du hast es geschafft! Sie wachen auf!«
»Aber sie sollten doch gar nicht alle gleichzeitig …«
Weiter kam Terlu nicht, denn plötzlich ging der Feuerbusch in Flammen auf.
»Feuer!«, schrie Lotti.
Yarrow stürzte mit einer vollen Gießkanne herbei und löschte den Busch, der prompt hustete und prustete. Yarrow ging neben ihm in die Hocke. Der Opuntie im Topf nebenan spross eine gelbe Knospe, die mit einem lauten »Iiijee!« erblühte.
Die Chrysantheme stieß einen spitzen Schrei aus.
Der Zauber ist geglückt! Wirklich und wahrhaftig! Allerdings hatte sie erst einmal bloß eine Pflanze wecken wollen. Stattdessen waren nun alle auf einmal munter.
Der Philodendron vor Terlu ergriff als Erster das Wort. »Sooo«, sagte er mit tiefer, schleppender Stimme. Den Vokal dehnte er wie Karamell. »Wir sind nicht tooot. Wie schön!«
Terlu lächelte ihn an. »Hallo! Freut mich sehr! Ich bin Terlu, und das da, bei dem Feuerbusch, ist Yarrow. Lotti kennst du ja sicher noch?«
Aufgeregt hüpfte Lotti heran. »Dendy! Toll, dich wiederzusehen … Ich meine, ich hab dich natürlich schon wiedergesehen, aber du mich nicht, weil du nämlich geschlafen hast! Aber jetzt bist du wach, und ich bin wach, und hier sind wir nun! Du erinnerst dich doch an mich, oder? Lass dir einen Augenblick Zeit, du bist ja gerade erst zu dir gekommen … Ich bin die Auferstehungsrose, die immer mit Laiken zu Besuch gekommen ist, dem Zauberer. Er hat uns erschaffen, weiß du noch? Ihn hast du bestimmt nicht vergessen, und wenn du dich an ihn erinnerst, erinnerst du dich auch an mich!«
Der Philodendron schwieg.
»Oh, hallo! Wunderbar, du bist ja auch wach!« Lotti wuselte auf die Distel zu. Ihre bauchige lila Blüte war beinahe doppelt so groß wie die winzige Rose, ihr Stängel hoch und dornenbewehrt.
Dennoch wich sie zitternd zurück. »Nein, bitte nicht … Tu mir das nicht noch einmal an! Lasst sie nicht in meine Nähe!«
Erschrocken machte Lotti halt. »Du verstehst nicht … Wir haben euch aufgeweckt! Jetzt ist alles gut! Ihr seid bei Bewusstsein, seid endlich wieder voll da! Ist das nicht herrlich?«
Der Rittersporn wimmerte.
Lotti wandte sich der Chrysantheme zu. »Wir sind Freunde. Wisst ihr das nicht mehr?«
»Ich eriiinnere mich an sie«, murmelte Philodendron Dendy so leise, dass Terlu sich vorbeugen musste, um ihn zu verstehen. Seine Blätter wogten, wenn er sprach. »Das tun wir aaalle. Sie war Laikens Erste. Sie … vergisst.«
»Was meinst du damit?«, fragte Terlu.
Der Feuerbusch plapperte vor sich hin. »Oje, ojemine, ich bin ja nass! Aber ich bin doch ein Feuerbusch! Feurig, feurig, feurio! Und gibt es etwa nasses Feuer? Nein! Nein, das ist nicht in Ordnung so … Rein gar nichts ist in Ordnung!«
Die Opuntie brach in lautes, tränenloses Schluchzen aus.
Ungeschickt tätschelte Yarrow die heulende Opuntie an einer stachellosen Stelle, während er mit der anderen Hand die nassen roten Blätter des Feuerbusches mit einem Stofftaschentuch abtupfte. Er wirkte zutiefst verstört. »Warum sind denn gleich alle aufgewacht? Und wieso sind sie so aufgewühlt?«
»Zuerst ist es ein Schreck«, sagte Terlu unsicher. »Wenn man so lange in sich gefangen war …« Die Rückverwandlung in einen Menschen hatte sie jedenfalls ziemlich mitgenommen, und sie war bei weitem nicht so lange eine Statue gewesen, wie die sprechenden Pflanzen geschlafen hatten! Wie sollen wir ihnen bloß sagen, wie viel Zeit vergangen ist? Das wird alles noch viel schlimmer machen! Und was, wenn eine der Pflanzen nach Laiken fragte? Früher oder später würde das unausweichlich geschehen. Hoffentlich konnten sie den Augenblick noch hinauszögern, bis sie sich akklimatisiert hatten. Bestimmt würde es sie hart treffen. Hätte sie doch eine Pflanze nach der anderen wecken können, wie sie es geplant hatten! Was war nur schiefgegangen?
Die Zutaten! Zwar hatte Yarrow das grasverschnürte Päckchen im Topf des Philodendrons vergraben, aber alles andere hatte Terlu offen herumliegen lassen. Bei all dem »Brennstoff« hatte der Zauber viel mehr Kraft entfaltet, als sie beabsichtigt hatte. Was kümmerte es die Worte, welche Zutaten für sie gedacht waren und welche nicht?
Ich bin schuld an diesem Chaos.
Das war der Unterschied zwischen einer studierten Zauberin und einer, die alles aus Büchern gelernt hatte. Ihr hatte kein Lehrmeister je gesagt, was sie unbedingt unterlassen musste.
Der Feuerbusch stimmte ein Wehgeschrei an.
»Yarrow, nun hilf ihnen schon!«, rief Lotti. »Wozu bist du Gärtner? Du musst doch wissen, wie man sich um Pflanzen kümmert!« Dann sprang sie wie ein Floh weiter von Pflanze zu Pflanze und versicherte dabei unablässig, wie glücklich sie sei, mit ihren Freunden wiedervereint zu sein – nur schien sie mit diesem Gefühl allein dazustehen.
Auf einem der hübschen Regale begann eine Wachsmyrte tief und klagend zu singen. Ihre Blätter zitterten, und bald bebte der ganze Strauch nebst Topf. »Ach! Mein Herz, wie sehnt sich’s nach dem Meer, so sehr! Ach, ich begehr, so wild und frei zu sein wie’s Meer, das weite blaue Meer …«
Die Opuntie schluchzte haltlos.
»Die Finsternis!«, schrie die Winde. »Sie ist über uns gekommen!«
Der Efeu kam die Säule herabgeglitten und wickelte sich um den Topf der Opuntie. Die Opuntie schlang einen dicken Arm um eine Efeuranke und beruhigte sich langsam. Die gelbe Blüte schloss sich wieder.
Das brauchen sie jetzt! »Tröstet sie einfach«, riet Terlu. »Sie sind eben verängstigt.« Sie rutschte näher an die Calla-Lilie heran. »Hallo, ich heiße Terlu. Es freut mich so, dass du wach bist!«
Die Calla wandte Terlu ihre Blüte zu. »Ich bin so durstig«, wisperte sie.
»Yarrow, ich glaub, die Pflanzen brauchen Wasser!«
»Damit kann ich dienen!« Er klang erleichtert. Rasch füllte er die Gießkanne und machte damit die Runde. Jeder Pflanze bot er Wasser an. Manche sagten dankbar ja, andere wollten nichts.
Lotti schnatterte immer noch. Unermüdlich erklärte sie den anderen, dass sie aus ihrem Zauberschlaf erweckt worden seien, hurra! Dann bestürmte sie sie mit Fragen. Erinnerten sie sich an früher? An ihre Namen? Und wussten sie noch, wie Lotti Laiken einmal aus Versehen gestört hatte, so dass sein Wasserzauber das halbe Gewächshaus geflutet hatte? Nein? Zum Glück.
»Du bist Laikens Schoßtier«, sagte die Venusfliegenfalle.
»Ich bin doch kein Tier!«, protestierte Lotti.
»Sie war seine erste Kreatiooon.« Dendy kletterte unter Zuhilfenahme seiner Sprossachsen auf den Rand seines Topfes. Mit den Wurzeln formte er einen Erdball. Dann ließ er sich auf den Kiesweg herab. Terlu fiel wieder ein, dass Caz ebenfalls immer Erde in einem Wurzelknoten bei sich getragen hatte. Der Zauber schenkte den Pflanzen nicht nur ein Bewusstsein, sondern erlaubte ihnen auch, sich frei zu bewegen. »Er war seeelten ohne Lotti unterweeegs.«
»Du bist überall mit ihm hingegangen«, sagte die Venusfliegenfalle. »Du warst dabei, als er uns zum Leben erweckt hat. Und auch, als er uns zu diesem … Dämmertod verdammt hat!«
»Tod und Finsternis!«, klagte die Winde.
»Das stimmt nicht!«, quiekte Lotti. »Ich kann gar nicht mit ihm hier gewesen sein, ich war doch in Trockenruhe! Ich habe nichts falsch gemacht.«
Der Efeu schlängelte sich an die kleine Rose heran und umkreiste sie. »Du hast ihm geholfen, uns zu überlisten. Du hast uns angelogen!«
»Ich habe nicht gelogen!«, rief Lotti. »Du lügst!«
»Sie erinnert sich nicht«, mischte Dendy sich ein. »Sie kann wirklich nichts dafüüür.«
»Genau!«, piepste Lotti. »He, Moment mal … Was meinst du damit, ich erinnere mich nicht? Ich war nicht mit Laiken hier! Sag’s ihnen, Terlu! Erzähl ihnen, dass du mich vertrocknet in seiner Werkstatt gefunden hast. Als ich eingeschlafen bin, ging es euch allen noch gut! Und auch mit den Gewächshäusern war alles in bester Ordnung.«
»Immer wenn sie in Ruuuhe war«, sagte Dendy leise, »vergisst sie eine Meeenge.«
Die Wachsmyrte unterbrach ihren Gesang. »Mir ist vergessen unmöglich!«, lamentierte sie. »Bis in meine Träume hinein hat es mich begleitet, mein geliebtes blaues Meer … Salz auf meinen Blättern! Ach, auf meinen Blättern Salz!« Tonlose Schluchzer schüttelten sie so sehr, dass einzelne längliche Blätter von ihren Zweigen abfielen. Das Gänseblümchen hüpfte in seinem Topf näher, um sie zu trösten.
Lotti hastete über den Kiesweg und blieb vor Dendy hocken. »Gar nichts habe ich vergessen! Wir waren Freunde. Das scheint euch entfallen zu sein.«
»Wo ist er?«, fragte die Venusfliegenfalle. »Dein Herr, der große Verräter?«
Der Efeu zischte: »Ja, wir waren Freunde, kleine Rose. Eine Familie sogar. Bis du dich auf seine Seite gestellt hast!«
Die sprechenden Pflanzen schienen Laiken nicht gerade zugeneigt zu sein.
Und Lotti auch nicht.
Terlu wusste nicht, um wen sie sich zuerst kümmern sollte: um Lotti, die agitierten Pflanzen oder um Yarrow, der zunehmend überfordert wirkte. Jahrelang hatte er nur mit seinen eigenen Gefühlen umgehen müssen (und sie gewann den Eindruck, dass er sie einfach nicht groß beachtet hatte), und nun sah er sich plötzlich mit so einem Drama konfrontiert …
Lotti sank in sich zusammen und kniff ihre Blüte zusammen. »Ich verstehe gar nichts mehr. Weshalb seid ihr nur so böse auf mich? Ich habe doch nichts getan! Ihr wart alle noch wach, als ich vertrocknet bin. Ich kann nicht mit Laiken hier gewesen sein!«
»Doooch.« Dendy sprach freundlicher als die anderen. »Du weißt es nur nicht meeehr. Laiken hat dich vorgeschickt. Du hast gesagt, es gehe um einen Bewässerungszauuuber, der unsere Erde feucht halten soll.«
»Du hast uns angelogen«, wiederholte der Efeu. »Lügnerin. Verräterin.« Er wand sich enger um Lotti, schlang seine Ranken um sie, während sie sich immer kleiner machte.
Vom Feuerbusch stieg Rauch auf.
»Bitte«, flehte die Distel Yarrow an. »Lass nicht zu, dass er uns wieder einschlafen lässt!«
Jetzt reicht’s aber! Terlu beugte sich über den Efeu, hob Lotti auf und barg sie an ihrer Brust. Zitternd klammerte sie sich an ihr Hemd. »Ihr macht ihr Angst. Sie erinnert sich doch gar nicht! Stimmt’s, Lotti?«
Die kleine Rose schniefte und schüttelte die Blüte. »An gar nichts! Aber … In meiner Erinnerung sind Lücken. Ich dachte immer … Er hat mich manchmal nicht gegossen, und dann fehlten mir Tage, Wochen, manchmal sogar Monate. Er wurde immer ärgerlich, wenn er etwas wiederholen musste, weil ich es nicht mehr wusste. Aber … Ich würde doch niemanden verraten! Zumindest glaube ich das …« Sie stieß einen Klageschrei aus. »Es tut mir so leid!«
»Hört sich an, als wäre Lotti auch ein Opfer gewesen – wie ihr alle.« Yarrow klang aufgebracht, und auch Terlu spürte Wut in sich aufwallen. Wäre der Zauberer jetzt hier … So durfte man Lebewesen nicht behandeln! Er hatte die Pflanzen erst zu denkenden, fühlenden Geschöpfen gemacht. Dadurch waren sie zu seiner Familie geworden. Und mit der sprang man erst recht nicht so um.
»Wir waren keine Opfer«, murmelte Lotti erstickt in Terlus Hemd. »Er hat uns geliebt. Er hätte uns nie etwas getan! Er wollte uns bloß beschützen.«
Dendy seufzte und wickelte die biegsamen Sprossachsen um seinen leeren Topf. »Das hat er auuuch gesagt, als er den Zauuuber gesprooochen hat. Dass es zu unserem Besten sei.«
»Er ist ein Lügner«, fauchte der Efeu. »Ein dreckiger Lügner!«
»Einer nach dem anderen sind wir eingeschlaaafen«, sagte Dendy.
»Zu unserem Besten! Ha!« Der Efeu schlängelte sich an einer Säule hinauf und hinunter, außer sich. »Er hatte nicht vor, uns je wieder aufzuwecken! Warum sind wir trotzdem wieder wach?«
»Wo ist er?«, fragte die Distel schlotternd. »Kommt er her?«
Die Opuntie schluchzte auf.
Terlu schaute Yarrow an. Es sah nicht so aus, als würde er antworten, daher ergriff sie das Wort. »Nein. Er ist vor ein paar Jahren gestorben. Lotti hat dafür gesorgt, dass ihr Hilfe bekommt. Und sie hat mir die ganze Zeit assistiert. Was sich in der Vergangenheit auch ereignet haben mag, jetzt hat sie euch beigestanden.«
»Für solchen Beistand sind wir daaankbar«, sagte Dendy ernst.
»Er ist tot?« Der Efeu rollte sich auf dem Boden zusammen.
»Er kommt nie zurück?«, fragte die Distel hoffnungsvoll.
»Nie und nimmer«, versprach Yarrow.
Die Winde öffnete alle Blüten gleichzeitig. »Die Finsternis hebt sich!«, rief sie.
Da begriff Terlu. Das müssen sie hören: dass sie in Sicherheit sind! Nun wusste sie, was zu tun war. Sie würde ihnen sagen, was sie selbst gern gehört hätte.
Sie ging durch den Pavillon und sprach mit jeder einzelnen Pflanze. Es drohe keine Gefahr mehr, beteuerte sie. Alles werde in Ordnung kommen. Lotti sagte wenig, wiederholte nur manchmal Terlus Sätze. Yarrow bot noch einmal allen Wasser an und pflichtete ihr ebenfalls bei. Niemand wendet sich gegen euch. Niemand versetzt euch in Schlaf oder fügt euch ein Leid zu. Und niemand bringt euch von hier fort.
Die Sonne ging unter, und die Pflanzen krochen nach und nach in ihre Töpfe zurück. Manche hatten sich tatsächlich ein wenig beruhigt, während andere vor allem erschöpft waren.
Aus ihren Erzählungen schloss Terlu, dass Laiken Angst um sie gehabt hatte. An ihrem letzten wachen Tag hatte er ständig wiederholt, er tue es zu ihrem eigenen Besten – er müsse sie vor jenen beschützen, die sich ihrer bemächtigen und sie für ihre finsteren Zwecke missbrauchen wollten. Wer die geheimnisvollen Schurken waren und was für Ziele sie verfolgten, hatte er nicht näher erläutert. Nur dass er keine Wahl hatte, hatte er gerufen.
»Er kann euch nichts mehr tun«, versicherte Terlu wieder und wieder.
Als alle Pflanzen in ihren Töpfen waren, kehrte Terlu zu dem Philodendron auf dem Kiesweg zurück. Nur er hatte die ganze Zeit Ruhe bewahrt. »Dendy, übersteht ihr die Nacht allein, oder sollen wir lieber bei euch bleiben?«, fragte sie. Sie konnte Lotti in den Turm des Zauberers bringen und dann zurückkommen.
»Ihr zwei passt nicht in einen Tooopf«, gab Dendy zu bedenken.
»Wir können uns ein Lager bauen«, sagte Yarrow.
»Ich bleibe bei ihnen«, bot Lotti an. »Ich schulde es ihnen, auch wenn ich mich nicht erinnern kann. Ich passe auf, und wenn einer von ihnen was braucht, hole ich euch. Vielleicht können sie ja dafür meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen.«
»Bist du sicher?«, fragte Terlu. Die anderen Pflanzen waren nicht gerade freundlich zu Lotti gewesen. »Du könntest auch mit uns im Cottage übernachten. Und morgen früh kommen wir alle wieder her.«
Yarrow ging vor Dendy in die Hocke und sprach leise mit ihm.
»Mir passiert nichts.« Lotti kletterte an Terlus Hosenbein hinab und hüpfte neben den herabhängenden Ranken des Efeus zu Boden. »Es sind ja meine Freunde … Oder zumindest werden sie es wieder!« Das klang schon viel mehr nach ihr.
Terlu und Yarrow ließen Lotti und die übrigen sprechenden Pflanzen nur ungern allein. Auf dem Weg zum Cottage hingen sie beide ihren Gedanken nach und sagten nicht viel. Draußen war es noch kälter geworden: Terlus Atem stieg in weißen Wölkchen vor ihrem Gesicht auf, während sie auf den Wald zueilten.
Drinnen legte Yarrow Holz nach und schürte die Glut. Terlu stand indessen herum und zitterte.
»Glaubst du, sie kommen zurecht?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht«, brummte er.
Als ihr endlich ein bisschen wärmer war, hängte sie ihren Mantel auf und deckte den Tisch, während er die Suppe erhitzte. »Und Lotti? Meinst du, mit ihr ist alles in Ordnung?«
»Die ist hart im Nehmen.«
»Und du? Ich weiß ja, dass … Na ja, nein, ich weiß es nicht. Aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass Laiken dir wichtig war. Jetzt herauszufinden, dass er diesen Zauber gegen den Willen der Pflanzen über sie gesprochen hat …«
»Er hat ihnen ihr Leben gestohlen. Weil er Angst hatte.«
Sie füllte Erdbeer-Pfefferminz-Wasser in zwei Gläser und hoffte, dass er weitersprechen würde. Bestimmt waren seine Gefühle in Aufruhr. Dieser Zaubermeister schien nicht gerade ein liebevoller Mann gewesen zu sein. Trotzdem musste Yarrow eine Art Vaterfigur in ihm gesehen haben, denn immerhin hatte Laiken alles erschaffen, was ihm am Herzen lag. Nun musste er damit leben, dass der alte Zauberer seinen eigenen Geschöpfen solches Leid angetan hatte. Es war kein bloßer Unglücksfall gewesen. Mit Absicht hatte er ihnen die Fähigkeit genommen, zu denken, zu empfinden und am Leben teilzunehmen. Und er hatte nicht vorgehabt, den Bann je wieder von ihnen zu nehmen. Es war nicht einmal eine Strafe gewesen wie in Terlus Fall. Sie waren unschuldig.
»Er hätte sie beschützen müssen«, sagte Yarrow endlich. »Mein ganzes Leben lang … Alle Gärtner auf der Insel hatten sich dieser Aufgabe verschrieben. Und er? Er hatte doch damit angefangen! Deswegen hat er uns angestellt und uns persönlich alles beigebracht!« Er schüttelte den Kopf. »Das hätte er nicht tun dürfen.«
»Es ist in Ordnung, wütend auf ihn zu sein.«
»Das ist zwecklos«, sagte Yarrow. »Er ist tot. Was ich von der Sache halte, ist vollkommen schnuppe.«
Sie stellte die Gläser auf den Tisch. »Mir ist es nicht schnuppe.«
Erschrocken schaute er sie an. Dann nickte er, sagte aber nichts weiter zu dem Thema. »Die Venusfliegenfalle braucht sicher ein paar frische Fliegen. Bestimmte Zauber steuern, welche Insekten in welche Gewächshäuser können. Ich weiß nicht, ob in den Pavillon der sprechenden Pflanzen überhaupt welche kommen. Am besten rede ich morgen mal mit allen, um herauszufinden, wo sie sich am wohlsten fühlen. Die Wachsmyrte scheint das Meer zu vermissen. Ich weiß aber nicht recht, was wir da machen können … Vielleicht sollten wir sie in die Werkstatt bringen? Dann könnte sie es wenigstens immer sehen. Von einem der Gewächshäuser hatte man früher einen wunderbaren Ausblick auf das Meer, aber das hat schon vor langer Zeit den Geist aufgegeben.«
Da fiel Terlu etwas ein.
War es ein guter Einfall? Vielleicht nicht.
»Glaubst du …« Sie brach ab. Sollte sie lieber den Mund halten? Aber das wäre nicht richtig. »Glaubst du, die Pflanzen wissen etwas über Laikens Schaffensprozess? Falls ja, könnten sie mir vielleicht helfen, die Gewächshaussprüche ausfindig zu machen …« Sie sollte nicht einmal daran denken! Gerade erst hatte sie einen folgenschweren Fehler gemacht und nicht vorausgesehen, was die herumliegenden Zutaten bewirken würden.
Andererseits war der Zauber selbst nicht schiefgegangen: Sie hatte die Pflanzen aufgeweckt. War es da nicht im Grunde ein Erfolg?
Also platzte sie damit heraus. »Mit den richtigen Sprüchen könnte ich vielleicht die zerstörten Gewächshäuser wieder hinbekommen!«
Yarrow starrte sie an. »Ist das denn möglich?«
»Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Aber ich könnte es versuchen.«
»Das wäre …« Er schluckte schwer, als steckten die Worte in seiner Kehle fest. »Du hast schon so viel für Lotti und mich getan. Darum kann ich dich unmöglich auch noch bitten!«
»Hast du ja gar nicht«, erwiderte sie. »Ich hab dir von mir aus Hilfe angeboten.«
»Mir ist klar, dass das vorhin nicht leicht für dich war, nach allem, was man dir angetan hat … Wenn du an dieser Stelle aufhören willst, verstehe ich das voll und ganz! Du hast dein Versprechen erfüllt. Mehr könnte niemand von dir erwarten.«
»Aber es gibt noch so viel zu tun!« Außerdem war es nicht so, als hätte sich ihre Lage geändert. Nur er, die Pflanzen und sie waren auf der Insel. Niemand würde sie melden. Und selbst wenn … Es ist sowieso zu spät für einen Rückzieher. Ich habe das Gesetz ja schon gebrochen. »Yarrow, ich möchte es versuchen.«
Da erblühte sein Lächeln wie eine Blume.
Jetzt war sie nur noch überzeugter von ihrem Vorhaben. »Aber diesmal kann ich wirklich nichts versprechen. Ich habe ja keine Ahnung, ob es überhaupt möglich ist!« Wie kompliziert würde der Zauber wohl sein? Und hatte Laiken ihn mit genug Anmerkungen versehen, dass sie ihn verstehen und erfolgreich wirken konnte? Möglicherweise würde sie die ganze Insel im Meer versenken oder einen fleischfressenden Wald erschaffen …
Aber vielleicht kann ich Yarrow auch zurückgeben, was er verloren hat.
Er blickte sie immer noch an, als hätte sie angeboten, ihm den Mond vom Himmel zu holen. »Das ist mir klar! Ich erwarte gar nichts. Aber falls du Nachforschungen anstellen willst, würde ich zuerst mit dem Philodendron reden, Dendy. Er kam mir sehr vernünftig vor. Er könnte einen Einblick in die Arbeit des Zauberers gewonnen haben.«
»Gute Idee.«
»Und Terlu … danke!
Ihr wurde warm ums Herz.
Yarrow schöpfte ihnen Suppe in die Schalen, und sie setzten sich an den Tisch. Gern hätte sie ihn gefragt, wie das Leben auf der Insel gewesen war, bevor die Pflanzen eingeschlafen und die Gewächshäuser verfallen waren. Er hatte doch gesagt, hier sei beinahe ein Dorf entstanden. Dann mussten recht viele Menschen hier gelebt haben. War er damals schon auf der Welt gewesen? War es hier fröhlich zugegangen? Hatte er eine schöne Kindheit gehabt? Und falls ja, wieso störte es ihn dann nicht, dass er nun schon so lange allein war? Vielleicht kann ich ihn ja eines Tages einfach alles fragen, was mir in den Kopf kommt. Noch hatte sie jedoch das Gefühl, sich auf dünnem Eis zu bewegen – als könnte er wieder die Flucht ergreifen, wenn sie ihn zu sehr bedrängte.
Nach dem Essen ging er ins Bad, während sie abspülte; dann ging sie, und er stellte derweil die Suppe weg. Sie wurden beinahe gleichzeitig mit allem fertig und krochen in ihre dicht beieinanderstehenden Betten.
Zu ihrer Überraschung kam er von sich aus auf Laiken zurück. »Wenn ich nur wüsste, warum er sie so schlecht behandelt hat. Sie haben ihm vertraut. Ihn geliebt.«
»Er hatte Angst davor, sie zu verlieren.«
»Aber er hat diese Angst doch erst wahr werden lassen!«
»Die Leute verhalten sich nicht immer logisch. Schon gar nicht, wenn sie leiden.«
Yarrow schwieg. Leise fiel der Schnee vor den Fenstern herab. Das Feuer knisterte und knackte und ließ die Schatten tanzen. Terlu horchte auf Yarrows Atem.
»Ich werde einfach nicht schlau aus ihm«, sagte er schließlich.
»Ich glaube, er war nicht bei guter Gesundheit.« Sie sprach mit Bedacht, war aber eigentlich nicht im Zweifel. Es war die plausibelste Erklärung für Laikens widersprüchliches Verhalten: Er hatte die Gärtner entlassen, die er dringend brauchte; seine geliebten sprechenden Pflanzen zum »Dämmertod« verdammt; in der Abgeschiedenheit mit großem Aufwand seine Aufzeichnungen verschlüsselt; sich nicht darum gekümmert, was nach seinem Tod aus seinem Lebenswerk werden sollte. Keine dieser Entscheidungen war vernünftig gewesen.
Yarrow antwortete nicht, schien aber darüber nachzudenken. Immerhin hieße das, der alte Zauberer wäre nicht grundlos der Grausamkeit verfallen. Jemand hätte ihm zur Seite stehen und immer dann eingreifen sollen, wenn ihn die Angst zu übermannen drohte. Aber vielleicht hatte ihm niemand nah genug gestanden, um die Wesensveränderung zu bemerken. Oder sie war zwar aufgefallen, es hatte aber niemand Rat gewusst.
»Als Kind hatte ich eine Freundin«, sagte sie ins Dämmerdunkel hinein. »Sie war ein paar Jahre älter als ich und brachte mich ständig in Schwierigkeiten. Was sie auch sagte, ich glaubte es ihr. Es sei ihr selbstverständlich erlaubt, in den Vulkankrater zu klettern. Wir könnten ruhig allein mit dem Paddelboot zum Riff hinausfahren. Niemandem würde es etwas ausmachen, wenn wir einen Rochen bei mir zu Hause in der Badewanne schwimmen ließen. Er würde mein Haustier sein! Jedes Kind sollte eins haben, fand sie. Und jedes Mal fiel ich wieder auf sie herein, denn ich vertraute ihr blind und dachte, sie hätte mich so gern wie ich sie. Ich habe sie bewundert und geliebt … Sie war hübsch und feurig, und ich wollte so gern wie sie sein. Eines Tages schwammen wir zu einer der Hafenglocken hinaus. Ich machte mir Sorgen wegen der dunklen Wolken, aber sie schwor Stein und Bein, sie würden sich verziehen.« Terlu verstummte und dachte daran zurück, wie Odile sie immer wieder zum nächsten Abenteuer überredet hatte. Gefährtinnen seien sie, beste Freundinnen. Sie hatte Terlus Mut gelobt. Und mit Odile zusammen hatte Terlu sich tatsächlich mutig gefühlt, ja sogar feurig, als könnte Odiles Wesen auf sie abfärben.
»Aber sie haben sich nicht verzogen«, mutmaßte Yarrow.
»Nein.« Sie erinnerte sich noch gut an das schreckliche Unwetter, das dann losgebrochen war. »Sie hoffte offenbar, dass ihre Eltern ihr zu Hilfe kommen würden. Sie waren beide sehr beschäftigt. Ihre Mutter war die Heilerin des Dorfes, und ihr Vater saß im Rat. Sie waren immer für andere da, nur für Odile schienen sie nie viel Zeit zu haben. Deshalb versuchte sie in einem fort, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.«
»Und wie ging es aus?«
»Meine Schwester hat uns das Leben gerettet. Als sie mich nirgends finden konnte, lief sie zu meiner Tante, der besten Seefahrerin weit und breit. Die kam uns holen. Odile hatte viel Wasser geschluckt, beinahe hätte sie es nicht geschafft. Ihre Eltern erfuhren erst am nächsten Tag davon: Sie waren da gerade bei einem Nachbarn und halfen, eine trächtige Kuh in den Stall zu bringen. Nach dieser Geschichte erlaubten meine Eltern mir nicht mehr, mich mit Odile zu treffen. Zumindest nicht ohne Aufsicht.« Terlu wusste noch sehr gut, was ihr am meisten weh getan hatte: Odile hatte sie offenbar gar nicht vermisst. Sie hatte von da an einfach ein anderes Kind in ihre waghalsigen Unternehmungen hineingezogen. Schließlich hatte sie die Aufmerksamkeit ihrer Eltern doch noch errungen: Sie war ins Heim des Ratsvorsitzenden eingebrochen und hatte ein Heiligtum des Dorfs gestohlen, einen Kopfschmuck, den sie dann frech zur Frühjahrstagundnachtgleiche getragen hatte. Dafür war sie eingesperrt worden, und ihre Eltern waren gezwungen gewesen, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. »Jetzt habe ich vergessen, wieso ich davon angefangen habe!«
»Manchmal enttäuschen einen die Leute«, sagte Yarrow.
»Genau. Nein, anders! Manchmal leiden die Leute unter etwas, und man merkt es nicht, weil man so sehr zu ihnen aufschaut. Ich glaube, Laiken war nicht der, für den du ihn gehalten hast, und konnte auch nicht sein, was du gebraucht hättest. Er hat nicht immer die richtige Entscheidung getroffen.«
Yarrow blieb stumm.
»Beispielsweise hätte er die sprechenden Pflanzen nicht mit einem Schlafzauber belegen dürfen.«
Er brummte zustimmend.
»Und er hätte auch deine Verwandten nicht fortschicken sollen.«
Keine Antwort.
»Du könntest sie fragen, ob sie zurückkommen wollen«, schlug Terlu zögerlich vor. Sie wollte ihn wirklich nicht unter Druck setzen, aber … Sie fehlen ihm doch! Mir fehlt meine Familie auch … Hätte sie nicht solche Angst, ihre Eltern, ihre Schwester und alle anderen Verwandten in Gefahr zu bringen, würde sie nach Hause schreiben! Wahrscheinlich. Wenn sie ehrlich war, hatte sie noch größere Angst davor, wie sie auf einen Brief von ihr reagieren würden.
Er seufzte schwer. »Sie haben jetzt alle ihr eigenes Leben.«
Woher wollte er wissen, dass sie nichts mehr mit Belde zu tun haben wollten? Vielleicht warteten sie nur darauf, dass die Rückkehr möglich wurde. Vielleicht vermissten sie die Gewächshäuser. Vielleicht vermissten sie ihn. »Aber …«
Er unterbrach sie. »Wir sollten ein bisschen schlafen. Bald wird es schon wieder hell, und wir haben einiges zu tun.«
Terlu biss sich auf die Zunge. Sie wollte, sie hätte nichts gesagt. Was nützten ihm ihre Theorien über einen Mann, den sie nie getroffen hatte? Laiken hatte eine große Rolle in seinem Leben gespielt, nicht in ihrem. Was wusste sie schon? Bestimmt tut es ihm jetzt leid, dass er nicht über Nacht bei den Pflanzen geblieben ist.
Nach einer Weile sagte er: »Danke für das, was du heute getan hast.«
»Es ist ganz anders gelaufen, als ich dachte. Das tut mir ehrlich leid.« Der ganze Aufruhr war vermeidbar gewesen. Hätte sie wie geplant eine Pflanze nach der anderen geweckt, wäre die Erfahrung nicht so verstörend gewesen – weder für die Pflanzen selbst noch für Lotti und Yarrow.
»Du hast versprochen, sie zurückzuholen, und das hast du auch getan.« Er rollte sich auf die Seite, um sie anschauen zu können. Flackernder Feuerschein spielte über sein Gesicht. Sie konnte nicht anders, als ihm tief in die Augen zu schauen. Grün wie die Kiefern waren sie, und im warmen Licht leuchteten Flecken darin, so golden wie seine Haut. Was würde er wohl tun, wenn sie ihn berührte? Er könnte zurückschrecken. Sie behielt die Hände eisern unter der Decke.
»Morgen gehe ich weiter Laikens Zauber durch. Wenn Dendy mir wirklich helfen kann, würde das die Sache natürlich enorm beschleunigen. Vielleicht können die anderen Pflanzen dir in den Gewächshäusern zur Hand gehen? Du solltest nicht alles allein machen müssen.«
»Aber sie sind gerade erst wieder zu sich gekommen«, wandte er ein. »Da kann ich sie doch nicht gleich einspannen!«
»Vielleicht wäre es schön für sie, sich nützlich zu fühlen. Du könntest sie fragen, ohne zu viel zu erwarten. Lass sie wissen, dass sie auch nein sagen können. Vielleicht überraschen sie dich.«
»Haben sie längst«, murmelte er.
Das war wohl nicht zu leugnen.
»Dasselbe gilt übrigens für dich.«
Kurz glaubte sie, er würde den Abgrund zwischen ihnen überbrücken und sie berühren. Aber er blieb, wo er war, und sie traute sich nicht, die Hand nach ihm auszustrecken.