Kapitel 17 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Bei Einbruch der Nacht hatten Yarrow, Terlu und die sprechenden Pflanzen endlich genug Kübel und Töpfe für die geretteten Gewächse aufgetrieben. Alle würden noch eine endgültige neue Heimat brauchen. Yarrow würde sie auf die Gewächshäuser verteilen, in denen annähernd die richtigen Bedingungen herrschten. Es war keine ideale Lösung, zumal die meisten verbliebenen Häuser bereits überfüllt waren, aber Yarrow glaubte, dass der Großteil der dezimierten tropischen Vegetation überleben würde.
Er bestand darauf, die Ruine zu begehen, sobald sich die Temperatur darin stabilisiert hatte. Es war zwar immer noch kalt, aber nur noch so kalt wie draußen. Man verwandelte sich nicht mehr sofort in einen Eiszapfen. Das Gros der Flora war an den extremen Temperaturschwankungen zugrunde gegangen, aber Yarrow brachte doch ein paar wenige Pflanzen von seiner Runde mit zurück, in der Hoffnung, dass er sie wieder gesund pflegen konnte.
»Morgen früh suche ich nach Samen. Dazu brauche ich mehr Licht. Vielleicht kann ich so wenigstens noch die eine oder andere Art retten …«
»Ich kann dir helfen«, bot Terlu an.
»Können wir alle!«, mischte Lotti sich ein. »Und deshalb machen wir’s auch.«
»Heute Nacht bleiben wir bei den Geretteten«, sagte Dendy, »und beooobachten sie.«
Ein floraler Sprechchor stimmte zu. Sie würden sich gut um die Opfer der Katastrophe kümmern, sie behüten und dafür sorgen, dass sie genug Wasser und Nährstoffe bekamen. Das Gänseblümchen wollte ihnen etwas vorsingen, und Wachsmyrte Ree fiel sofort ein Seefahrerlied ein. Das Distel sagte, es würde tanzen, um sie aufzumuntern, und begann sogleich, mit der dicken violetten Blüte zu wippen.
»Ich danke euch.« Yarrow rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Wie erschöpft er aussah! So erschöpft, wie Terlu sich fühlte. »Ich kann einfach nicht … Es ist nicht zu schaffen. Nicht einmal alle zusammen konnten wir viel ausrichten. Genau deshalb wollte ich einen Zauberer herrufen, damit so etwas nie wieder passiert …«
Autsch. Es war zwar nicht ihre Schuld, dass er mit einer Amateurin vorliebnehmen musste, aber seine Worte trafen sie trotzdem. »Es tut mir wirklich leid.«
Er ließ die Hände sinken. »So habe ich es nicht gemeint …« Als er nicht weitersprach, wusste sie, dass er es eben doch so gemeint hatte. Sie glaubte zwar nicht, dass er ihr einen Vorwurf machte … Aber er wünscht sich dennoch, jemand anderes wäre an meiner Stelle hier. Es war nichts Persönliches, auch wenn sie nicht anders konnte, als es so zu nehmen.
»Meiner bescheidenen Meinung nach brauchen wir hier keine anderen Zauberer«, sagte Lotti.
»Und wir wollen auch keine!«, zischte Risa. »Was, wenn uns einer wieder einschlafen lässt?«
»Wir bräuchten etwas aaanderes.« Dendy machte eine weit ausholende Geste mit den Blättern. »Und zwar meeehr von deiner Sorte, Yarrow. Mehr Gärtner!«
Müde schüttelte Yarrow den Kopf. »Es gibt sonst niemanden.«
Auf der anderen Seite des Gehwegs sprühte Feuerbusch Nif Funken. Die anderen Pflanzen drängten sich um ihn. Die Winde schmiegte sich an ihn und zitterte dabei so heftig, dass ihr einige Blütenblätter ausfielen. Das Gänseblümchen schluchzte leise. Wassertropfen rannen an seinem Stängel hinab.
Die Lösung für das Problem war derart offensichtlich, dass Terlu nicht erst lange darüber nachdenken musste. »Du könntest doch deine Verwandten fragen, ob sie uns aushelfen. Nur für eine Weile, bis ich die richtigen Zauber gefunden habe, um die Gewächshäuser wieder in Ordnung zu bringen. Du hast gesagt, sie kommen nie zu Besuch. Das wäre doch eine schöne Gelegenheit … Selbst wenn bloß einer die Zeit erübrigen kann, würdet ihr zusammen immer noch das Doppelte schaffen!« Sie hatte alles gegeben, verstand jedoch nicht genug von der Gärtnerei, um ihm eine große Stütze zu sein, da machte sie sich keine Illusionen. Und die Pflanzen waren nicht stark genug. »Ganz nebenbei kannst du so rausfinden, wie es ihnen geht!«
Sein Blick wanderte zu dem verwüsteten Gewächshaus hinüber, und sie sah ihm an, dass er darüber nachdachte. Der Schmerz über den jüngsten Verlust zeigte sich in den Linien um seine Augen. Doch schließlich schüttelte er den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll. Ich kann mich nicht so gut ausdrücken …«
Das war kein Nein. Die Idee ist gut! Sie hatte von Anfang an gedacht, dass ein einziger Gärtner die anfallenden Arbeiten nicht bewältigen konnte. Außerdem glaubte sie, dass ihm die Entfremdung von seiner Familie Kummer bereitete. »Damit könnte ich dir helfen.«
Wie verletzlich er aussah … Er starrte immer noch die Glaswand an.
»Ich könnte ihnen an deiner Stelle schreiben«, bot sie an.
»Hm.« Er zögerte. »Ja. Ja, bitte.«
Am nächsten Morgen setzte Terlu sich an Yarrows Schreibtisch, nahm einen Bogen blassgelbes Papier und schrieb den Brief. Der erste Versuch misslang, und so nahm sie einen zweiten Anlauf. Doch jeder Satz geriet ungelenker als der vorige. Eine Weile starrte sie finster auf ihr Geschreibsel, dann beschloss sie, einen Spaziergang im Wald zu machen.
Die frostige Luft war so scharf wie ein Pfefferminzbonbon. Sie vergrub die Hände tief in den Taschen ihres Mantels. Wie blau der Himmel war! Die Kiefern waren weiß überzuckert, und der glitzernde Schnee knirschte unter ihren Sohlen. Sie hatte kein Ziel vor Augen, stellte irgendwann jedoch überrascht fest, dass ihr die Umgebung vertraut vorkam.
Sie blieb stehen und sah sich stirnrunzelnd um. Draußen hatte sie bisher nicht viel Zeit verbracht; sie war immer nur zwischen den Gewächshäusern, Yarrows Cottage und Laikens Werkstatt hin- und hergeeilt. Nicht einmal zu dem blauen Cottage, ihrem möglichen neuen Zuhause, war sie noch einmal gegangen. Es hatte stets Wichtigeres zu tun gegeben. Im Augenblick hatte sie beispielsweise den Brief zu schreiben. Sie hätte auch Yarrow bei der Suche nach Samen helfen können … Oder dabei, einen Platz für die heimatlosen tropischen Pflanzen zu finden … Eigentlich hatte sie wirklich keine Zeit für einen Bummel im Wald! Aber sie hatte das Gefühl gehabt, den Kopf frei bekommen zu müssen. Wieso war es nur so schwer, einen ganz gewöhnlichen Brief zu schreiben?
Langsam ging sie weiter und begriff plötzlich, woher sie dieses Fleckchen kannte: Hier hatte sie sich in einen lebenden, atmenden Menschen zurückverwandelt! Wüsste sie doch das Datum … Es könnte ihr Wiedergeburtstag sein, den sie jedes Jahr mit Honigkuchen feierte. Immer vorausgesetzt natürlich, dass sie Gelegenheit dazu bekam … Was nicht der Fall sein würde, sollte ein kaiserlicher Beamter erfahren, dass sie nicht nur ein weiteres Mal Magie gewirkt hatte, sondern auch noch beabsichtigte, damit weiterzumachen.
Deshalb, gestand sie sich ein, war es so schwer, den Brief zu schreiben.
Als sie Yarrow den Vorschlag gemacht hatte, hatte sie nur an ihn, die Pflanzen und die Gewächshäuser gedacht – nicht an sich selbst. Aber wenn ihr Brief bewirkte, dass wirklich jemand herkam, wäre sie in Gefahr. Ein Neuankömmling konnte sie melden, und dann würde sie erneut verurteilt werden. Dieses Mal würde die Strafe härter sein, denn sie war eine Wiederholungstäterin.
Der Wind wirbelte Schnee von den Kiefern, und ringsherum tanzten die Flocken – in der Sonne glitzerten sie wie Diamantsplitter. Sie wandte sich um und blickte zum Glaskomplex zurück. Durch die Bäume konnte sie ihn kaum sehen.
Sie bedauerte nicht, was sie getan hatte: Es war richtig gewesen, die schlafenden Pflanzen zu wecken. Ebenso war es richtig, die Gewächshäuser zu retten (falls ihr das gelingen sollte). Aber Gesetz war Gesetz, so unangemessen und drakonisch es auch sein mochte. Solange das Mondsichel-Inselreich Bestand hatte, würde das kaiserliche Recht gnadenlos durchgesetzt werden – gerade sie sollte das wissen.
So ein Jammer, würden ihre Kollegen sagen. Dass sie aber auch nichts aus der Sache gelernt hat!
Und ihre Familie? Ihre Eltern, ihre Schwester, ihre Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen? Wie würde es ihnen gehen, wenn sie erfuhren, dass Terlu von ihrer schrecklichen Strafe erlöst worden war, nur um gleich wieder auf die schiefe Bahn zu geraten? Ein prächtiger roter Kardinal flog zwischen den verschneiten Kiefern hindurch. Terlu schaute ihm nach. Hatte Rijes wirklich gewollt, dass sie ihr Verbrecherleben wiederaufnahm? War es möglich, dass Terlu ihren Brief falsch verstanden hatte?
Davon kann keine Rede sein!
Es erstaunte sie selbst, wie überzeugt sie war.
Genau aus diesem Grund hatte Rijes sie hergeschickt. Andere würden jedoch ganz gewiss nicht so unvoreingenommen sein wie sie. Die oberste Bibliothekarin war eine herausragende Persönlichkeit: überaus intelligent, gebildet und mitfühlend. Wie konnte Terlu davon ausgehen, dass jemand anderes einen derart unerhörten Rechtsbruch vergeben würde?
An Yarrow zweifelte sie nicht: Ihm lagen seine Pflanzen am Herzen, nicht die Gesetze eines fernen Kaisers. Aber konnte sie sich auch auf seine Verwandtschaft verlassen?
Selbst wenn nicht … Ich habe keine andere Wahl.
Ein einziger Gärtner konnte die Gewächshäuser nicht betreuen – auch nicht, wenn ihm eine ehemalige Bibliothekarin und ein ganzer Schwarm sprechender Pflanzen zur Seite standen. Yarrow brauchte sachkundige Hilfe, und nun hatte er das endlich eingestanden. Terlus Angst durfte nicht im Weg stehen. Wenn sie mich wieder statuisieren, weiß ich wenigstens, dass ich vorher das Richtige getan habe.
Schade, dass der Gedanke nicht tröstlicher war.
Aus den Augenwinkeln sah sie eine Bewegung. Sie wandte den Kopf und sah einen katzengroßen Greifen unter einem Ast hindurchtauchen. Er hielt einen Fisch im Schnabel, und sein Löwenschwanz peitschte hinter ihm durch die Luft. Als er mit dem Flügel über einen Nadelzweig strich, löste sich eine schwarze, schillernde Feder und trudelte herab. Terlu ging hinüber und hob sie auf.
Sie würde darauf vertrauen müssen, dass Yarrow und die Pflanzen für seine Verwandten an erster Stelle standen. Dass sie ihre Untertanentreue hintanstellen und ein Auge zudrücken würden.
Entweder ging sie das Wagnis ein – oder sie sah weiter zu, wie Yarrow sich ganz allein mit der Last abmühte.
Ich habe versprochen, dass ich es versuche, und das mache ich auch!
Jetzt fühlte sie sich zwar nicht direkt besser, aber es kam ihr zumindest so vor, als hätte sie das Problem durchdacht. So machte sie sich auf den Rückweg. Als sie sich den Schnee von den Stiefeln trat, streckte sich der geflügelte Kater schläfrig in ihrem Bett. Sie brachte ihm die Greifenfeder. Mit einem hocherfreuten »Miii!« fing er sie zwischen den Vorderpfoten und kaute auf der Spitze herum.
»Wenn ich den Brief abschicke, könnten wir Besuch bekommen. Ist dir das recht, Katerchen? Und was ist mit Yarrow? Meinst du, er kann sich darauf einstellen?«
Natürlich war es möglich, dass keiner von Yarrows Verwandten die Zeit erübrigen konnte. Und falls doch, würde bestimmt niemand von jetzt auf gleich sein Leben in Alyssium aufgeben, nur um auf eine abgelegene Insel zu eilen. Sollte tatsächlich jemand die Reise auf sich nehmen, würde er sie so planen, wie es ihm am besten passte. Schließlich hatte jeder eigene Verpflichtungen. Wahrscheinlich würden erst einmal ein paar Briefe ausgetauscht, und der Besuch würde für den Frühling oder Sommer festgesetzt. Sie baten darum, dass die Verwandtschaft auf unbestimmte Zeit in die alte Heimat zurückkehrte und mit anpackte. Das war keine Kleinigkeit. Mit einer schnellen Reaktion war da einfach nicht zu rechnen. Terlu sollte den Brief so bald wie möglich abschicken und dann weiter in den Tagebüchern des Zauberers nach Lösungen suchen.
Sie setzte sich wieder an Yarrows Schreibtisch, tauchte die Feder in das Tintenfässchen und schrieb, ohne abzusetzen. Wenn sie es rasch hinter sich brachte, hatte sie nicht so viel Gelegenheit zu zweifeln. Und tatsächlich gelangen nun die Sätze! Sie pustete die Tinte trocken, faltete das Blatt und verknotete es mit einem Band. Yarrow hatte ein Schildchen mit Namen und Adresse vorbereitet: Der Brief ging an den Blumenladen des Onkels und der Tante. Mit ein wenig geschmolzenem Harz befestigte sie das Schildchen. Yarrow wollte nicht lesen, was sie geschrieben hatte. Sie hatte es ihm natürlich angeboten, aber er hatte gesagt, sie solle den Brief nur gleich wegschicken, ehe er seine Meinung noch änderte. Zusammen mit der Adresse hatte er ihr ein Säckchen hingelegt: der Lohn für die Kapitänin des Handelsschiffs, die den Brief überbringen sollte.
Von ihren eigenen Sorgen würde sie ihm nichts erzählen. Ganz gleich, wie ihre jeweiligen Befürchtungen aussehen mochten, das hier war für die Pflanzen das Beste. Yarrow schaffte die Arbeit nicht allein. Auch nicht mit unserer Hilfe.
Seien wir ehrlich: Wir stehen ihm manchmal vielleicht sogar eher im Weg!
»Sobald der Brief weg ist, komme ich zurück«, sagte sie zu dem schnurrenden Kater.
Wenigstens er schien unbesorgt.
Sie streute Asche aufs Feuer, zog Mantel und Stiefel wieder an und brach auf, diesmal in Richtung Anleger. Yarrow hatte erklärt, dass sie den Brief zusammen mit der Entlohnung in der Kiste auf dem Steg lassen konnte. Sie schritt weit aus, damit die lästigen Zweifel keine Zeit hatten, ihr weiter zuzusetzen. War der Brief erst einmal fort … Nun, dann hatte sie es nicht mehr in der Hand. Andere würden ihr Herz befragen müssen.
Sie hörte das Meer, ehe sie es sah: Rhythmisch brandeten die Wellen gegen die Felsen. Salzige Seeluft mischte sich mit dem scharfen Kiefernduft des Waldes, und unwillkürlich lächelte sie, als sie zwischen den Bäumen hervortrat und die blaue Weite vor sich sah.
Die tanzenden Wogen schienen ihr zuzurufen: Sorge dich nicht! Sogleich wich die Anspannung aus ihren Schultern. In der Ferne gleißten die silbernen Segel eines Schiffs in der Sonne.
»Ist es nicht wunderschön?«, fragte jemand. »Das Meer!«
Sie schrak zusammen. Dann sah sie einen kleinen Gargelstrauch, der nicht in der Erde stand – er kauerte auf einem Felsen und hatte seinen Wurzelknoten zwischen die Blätter hochgezogen. Wachsmyrte Ree, erinnerte sie sich. »Oh ja«, stimmte sie zu.
»Yarrow hat mir erzählt, dass du einen Brief an seine Familie schicken willst. Da hab ich ihm gesagt, dass ich ihn persönlich überbringen werde!« Er sträubte die Blätter, und sie hatte das Gefühl, dass er sich in die Brust warf. Seine Stimme klang jung. Wie alt mochte er sein?
»Wirklich?« Gern hätte sie sich höflich erkundigt, wie er das anstellen wollte. »Er geht bis ganz nach Alyssium. Das ist …« Tatsächlich wusste sie nicht, wo genau Belde eigentlich lag. »Weit von hier.«
»Du musst dir keine Gedanken um mich machen. Ich bin ein Halophyt.«
»Ähm … Herzlichen Glückwunsch?«
»Ich kann Salz gut vertragen«, erläuterte er. »Außerdem bin ich sehr mutig.«
»Aha.« Das war ja alles schön und gut, aber wie er mit dem Brief übers Meer kommen wollte, erklärte es nicht. Er wollte wohl kaum schwimmen, oder etwa doch? Schwammen Sträucher? Sie malte sich aus, wie er mit den Blättern paddelte, und musste die Lippen zusammenpressen, um nicht zu laut herauszuplatzen.
»Siehst du die Kiste da beim Mast?«, fragte Ree. »Wenn du die Flagge darin hisst, kommt ein Handelsschiff vorbei. Dann gehe ich an Bord.«
Plötzlich war ihr nicht mehr nach Lachen zumute. »Du willst von hier fortgehen?«
»Aber ja!« Die Sehnsucht war ihm deutlich anzuhören. »Immer schon wollte ich die Welt sehen, übers Meer segeln. Den Wind in den Blättern spüren, das Salz auf meiner Rinde … Laiken hat das nicht verstanden. Aber Yarrow hat gesagt, wenn es mein Wunsch sei, solle ich ihn mir erfüllen.«
Laikens Tochter fiel ihr ein. Hatte Ree sie gekannt? Von ihren Träumen gewusst? Zumindest die Geschichte musste er gehört haben – und dass sie nie zurückgekehrt war.
»Ich will herausfinden, wohin ich gehöre. Was meine Bestimmung ist!«
Das verstand sie vollkommen. »Wir müssen die Flagge hissen, sagst du?«
»Ja. Dann kommt ein Schiff.«
Sie ging den Steg hinunter zum Mast, klappte die festgezurrte Kiste auf und holte die Flagge heraus. Auf weißen Stoff war mit Silberfaden eine Lilie gestickt. Sanft berührte sie die Blume. Wer hatte dieses Kunstwerk geschaffen? War das etwa auch Yarrow gewesen? Oder jemand anderes aus seiner Familie? Sie fragte sich, was seine Verwandten wohl für Menschen waren. Vermissten sie ihn? Sorgten sie sich um ihn? Was würden sie tun, wenn sie den Brief bekamen? Natürlich hatte sie niemanden im Speziellen gebeten, die Reise auf sich zu nehmen. Nur dass sie hoffe, sie würden den Brief untereinander herumreichen, hatte sie geschrieben. Jede Hilfe sei willkommen. Vermutlich würden sie den schicken, der in Alyssium am wenigsten gebraucht wurde. Wenn sie Glück hatten, kamen vielleicht sogar zwei oder drei Angehörige auf einmal und blieben lange genug, um wirklich etwas zu bewirken.
Terlu befestigte die Flagge am Seil und zog sie in die Höhe, wo sie heftig in der Brise flatterte. Dann beschattete sie die Augen und sah zu, wie das Silber in der Sonne glomm.
Wie lange würde es wohl dauern, bis ein Handelsschiff vorbeikam? Yarrow hatte nicht gesagt, wie oft das geschah – nur dass die Seeleute nach der Flagge Ausschau hielten. Lag Belde an einer beliebten Schifffahrtsstraße, könnte es schnell gehen. Sie glaubte allerdings kaum, dass Laiken seine verzauberten Gewächshäuser auf einer Insel in viel befahrenen Gewässern erbaut hatte.
Eine Weile beobachtete sie das Schiff mit den silbernen Segeln am Horizont. Änderten sie den Kurs? Es war nicht zu erkennen. Es könnte durchaus ein paar Tage dauern. So lange konnte sie nicht hier herumstehen und warten. Wenn sie aber in der Werkstatt den Schreibtisch etwas verschob, konnte sie beim Arbeiten durchs Fenster auf den Anleger schauen. Der Gedanke gefiel ihr.
Den Brief und das Säckchen behielt sie erst einmal. Beides konnte sie auch später noch in die Kiste legen. »Ich gehe zum Turm hoch«, sagte sie zu Ree. »Von da hat man einen guten Blick! Willst du mitkommen?«
»Ich bleibe lieber hier und genieße den Seewind! Findest du nicht auch, dass nichts auf der Welt schöner klingt als brechende Wellen?«
Sie lächelte. »Ich komme wieder raus, wenn ein Boot festmacht!«
Als sie die Treppe hochstieg, erscholl hinter ihr so etwas wie ein Trompetenstoß. Ree schrie auf, und sie wirbelte herum.
Zwischen der Insel und dem Segelboot war eine Seeschlange aus den Wogen gebrochen. Terlu riss Mund und Augen auf. Seeschlangen kannte sie nur aus alten Büchern in der Bibliothek! Ihre Schuppen schimmerten wie Perlmutt, und sie hatte die flügelähnlichen Flossen ausgebreitet, als wollte sie sich in die Lüfte schwingen. Ihr Ruf war es, der wie ein Trompetenton weit über das Wasser klang. Dann tauchte sie wieder ins Meer. Nur der breite, schleierartige Schwanz schlug noch einmal.
Es kam Terlu wie ein Zeichen vor: Sie tat das Richtige.
Getröstet und voller Ehrfurcht ging sie hinein.
Terlu hatte gerade zur Hälfte einen Zauberspruch übersetzt, der möglicherweise Fensterglas erschuf, vielleicht aber auch nur dazu da war, schmutzige Einmachgläser zu säubern, da hörte sie Ree rufen: »Ein Segelschiff! Es kommt hierher!«
Sie schaute auf und sah ein kleines Schiff mit silbernen Segeln auf den Anleger zuhalten. Flugs schlug sie das Tagebuch zu, rannte zur Tür und griff nach ihrem Mantel.
Sie hatte erst einen Ärmel an, da war sie schon aus der Tür.
Sie eilte die Stufen zum Anleger hinunter. Der Wind hatte aufgefrischt, und sie zog den Mantel fester um sich. Sie konnte sich kaum davon abhalten, von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen. Ree hockte bereits am Ende des Stegs und bebte vor Aufregung. Terlu begriff erst, wieso sie so zappelig war, als sie das Gesicht der Kapitänin sah.
Ein anderer Mensch!
Und zwar ein Mensch von außerhalb. Hier auf dieser einsamen Insel, umgeben von Gewächshäusern voller Wunder, konnte man glauben, dass der Rest der Welt gar nicht mehr existierte, sondern bloß noch eine ferne Erinnerung war.
Die Haut der Kapitänin war so silbern wie ihre Segel, und ihr schwarz-weiß gestreiftes Haar wurde von einem Silberband zusammengehalten. Sie trug beinahe ausschließlich Blau, nur die kniehohen Stiefel waren schwarz. Das kleine Schiff glitt an den Steg, und sie lachte Terlu an. »Machst du das für mich fest?«
Sie warf Terlu ein Tauende zu, und die fing es – zu ihrer großen Erleichterung. Sie ging auf ein Knie, damit sie es leichter um einen der Poller schlingen konnte. Paddelboote hatte sie auf Eano oft genug vertäut, und ihre Finger erinnerten sich trotz der vielen Jahre in der Bibliothek daran, wie man den richtigen Knoten band.
»Du hast die Flagge gehisst?«, fragte die Kapitänin. »Was hast du für mich?«
»Hallo! Danke, dass du hergekommen bist. Es ist wirklich schön, jemanden … Also, es ist schön, dich kennenzulernen.« Terlu nahm den Brief aus ihrer Manteltasche.
»Ich heiße Ree!«, rief der Gargelstrauch. »Und du … Wahnsinn! Hallo! Du bist eine Seefahrerin!«
Die Kapitänin lachte, aber nicht unfreundlich. »Hallo, Ree. Das bin ich in der Tat.« Dann wandte sie sich wieder Terlu zu. »Du hättest den Brief einfach in der Kiste lassen können. So macht es der Gärtner immer. Bist du die neue Gärtnerin? Was ist aus deinem Vorgänger geworden? Ihm geht’s doch hoffentlich gut?«
»Ja, alles in Ordnung. Ich bin bloß …« Wie sollte sie erklären, wer sie war und was sie hier verloren hatte? Sie hielt der Frau den Brief hin, als wäre das Antwort genug. Dann riss sie sich zusammen. »Ich bin eine Freundin. Ich helfe ihm mit den Gewächshäusern.«
»Hm. Schön für ihn!« Die Seefahrerin hatte ein freundliches Lächeln, breit und offen. Sie warf einen Blick auf den Brief, dann steckte sie ihn in den Beutel an ihrer Hüfte. »Keine Vorratsliste? Normalerweise braucht er was, wenn er die Flagge hisst: Mehl, Wachs, Hefe, solche Sachen.«
»Nur der Brief. Er geht an seine Familie in Alyssium. Kannst du mir sagen, wann er ungefähr ankommt?« Sie wollte nicht offen zugeben, dass sie keine Ahnung hatte, wo sie war – das hätte allzu sonderbar gewirkt. Belde war weit entfernt von Alyssium, so viel war ihr klar. Aber lag es nördlich der Hauptstadt, südlich, östlich oder westlich? Wie viele Seemeilen? Dass Belde eine der abseitigen Inseln war, glaubte sie nicht, denn bisher hatte es noch nicht einmal gestürmt. Sogar in der Bibliothek hatte sie mitbekommen, dass die abgelegeneren Inseln des Archipels zunehmend von starken Unwettern heimgesucht wurden. Aber konnte sie wirklich sicher sein? »Versteh mich nicht falsch, ich will dich keinesfalls zur Eile antreiben! Aber wenn ich ihn wissen lassen könnte, wann er ungefähr mit einer Antwort rechnen kann …«
»Ich liebe das Meer!«, brach es aus Ree heraus.
»Ich ebenso, mein neuer Freund«, sagte die Kapitänin. »Ich ebenso.«
Terlu lächelte den kleinen Strauch an, der große Ehrfurcht vor der Frau zu haben schien. »Ree würde dich gern begleiten, um den Brief persönlich zu überstellen. Falls du nichts dagegen hast.«
»Das hier ist kein Vergnügungsboot. Ich weiß nicht, ob das offene Meer der richtige Ort ist für einen unerfahrenen … ähm …« Offenbar wusste sie nicht weiter.
»Ich bin eine Wachsmyrte«, verkündete Ree. »Ein Halophyt. Und du bist eine echte Seefahrerin!«
»Er will unbedingt aufs Meer hinaus«, erklärte Terlu.
Ree mischte sich ein. »Ich falle dir auch nicht zur Last! Ich schrubbe das Deck – die ganze Zeit! So sauber hast du es noch nie gesehen … Und ich klettere am Mast rauf. Ach, kann ich nicht bitte am Mast raufklettern? Ich könnte von oben rufen: ›Land in Sicht!‹«
»Du wärst bestimmt ganz ungeheuer hilfreich, aber ich brauche keinen Schiffsjungen. Mit dem Kahn hier komme ich allein zurecht. Außerdem ist es im Augenblick wirklich keine Freude, nach Alyssium zu segeln … Die Revolution, ihr wisst schon. Die Zustände sind immer noch chaotisch. Wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich die Lage beruhigt hat.«
Revolution? Terlu konnte es nicht fassen. Was hab ich denn nur alles verpasst? »Was geschieht dort gerade?« Sie gab sich Mühe, ruhig zu fragen, als wäre das keine gewaltige Neuigkeit, die den Gang der Geschichte beeinflussen konnte. Es betraf womöglich ihr Leben, ihre Zukunft und ihre Sicherheit – und dasselbe galt für alle Menschen, die sie kannte, in der Hauptstadt oder anderswo. »Es gab eine Revolution?«
»Davon hast du noch nichts gehört?«
»Die Möwen tratschen nicht viel, und sonst kommt uns kaum jemand besuchen.«
Die Kapitänin lachte. »Auch wieder wahr. Kurz gesagt haben die Revolutionäre endlich den Kaiser gestürzt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Sie haben ihn aus dem Fenster geschmissen! Die Sache schwelt schon eine ganze Weile … Das musst du aber doch mitbekommen haben?«
Sechs Jahre lang war sie eine Statue gewesen. Nein, sie hatte gar nichts mitbekommen. »Ich war ziemlich beschäftigt.«
»Na ja, im Grunde muss man bloß wissen, dass in Alyssium wüstes Chaos herrscht und das Sichelmond-Inselreich der Vergangenheit angehört. Wir sagen jetzt bloß noch ›der Sichelmond-Archipel‹. Und dem Gärtner geht es wirklich gut? Bislang hat er noch nie jemandem geschrieben.«
»Er ist gesund und munter, aber es ist wichtig, dass seine Familie den Brief rasch bekommt. Wenn es überhaupt möglich ist, Alyssium anzulaufen …« Wie schlimm war es wohl? Waren Yarrows Verwandte in Gefahr? Und was war mit der Bibliothek? Mit Rijes Velk? Sei nicht albern. Niemand würde sich an einer Bibliothek voller Schätze vergreifen! Ganz bestimmt waren das Gebäude und die oberste Bibliothekarin sicher vor den Revolutionären.
Die Kapitänin zuckte mit den Schultern. »Wenn es wichtig ist, kriege ich das schon hin.«
»Ich kann dir helfen!«, beschwor Ree sie. »Gefahr verspeise ich zum Frühstück!«
»Du isst Frühstück?«, fragte die Kapitänin.
»Ich esse bloß Gefahr!«
»Das ist zwar wirklich witzig und charmant, aber meine Antwort lautet trotzdem nein.« Zu Terlu sagte sie: »Ich überbringe den Brief so schnell und wohlbehalten, wie ich kann. Kannst du mich denn bezahlen?«
Terlu reichte ihr Yarrows Säckchen. Er hatte gesagt, sie solle den halben Inhalt behalten, um bei Bedarf selbst einen Brief verschicken zu können. Aber sie gab der Frau alles. »Reicht das, um nicht nur den Brief auszuliefern, sondern um außerdem einen Schiffsjungen anzunehmen und ihm das Seglerhandwerk beizubringen?« Sie schaute Ree an.
Mit bebenden Blättern wimmerte er: »Oh, bitte!!«
Die Seefahrerin warf einen Blick in das Säckchen und pfiff durch die Zähne. »Ach, na schön! Dafür segle ich, wohin und mit wem du willst. Das sind Sommerkürbissamen von Rivoc! Meine Mutter will schon ewig welche ziehen, aber man bekommt sie nirgends mehr. Bitte richte dem Gärtner Dank von uns beiden aus! Mit der nächsten Lieferung bringe ich einen Sack Mehl extra.« Sie grinste Ree an. »Wir bringen einen Sack Mehl extra!«
»Ha …« Ree war so aufgeregt, dass er kein richtiges Wort herausbekam.
»Vielen Dank«, sagte Terlu.
»Meine Kapitänin!«, rief Ree und verlor vor Schreck gleich ein paar Blätter.
»Ihr könnt mich ruhig Marin nennen. Ja, ich weiß schon: ›Sie, die das Meer liebt‹! Ganz schön gewagt von meinen Eltern. Was, wenn ich es nicht geliebt hätte?«
»Aber man muss das Meer einfach lieben!«, rief Ree.
»Ich seh’s ja genauso.«
»Sehr erfreut, Marin! Ich heiße Terlu.« Zu spät fragte sie sich, ob sie ihren Namen lieber hätte verheimlichen sollen. Sie hatte keine Ahnung, ob sie in Alyssium als flüchtig galt. Wenn man die Neuigkeiten in Betracht zog … Rasch wechselte sie das Thema. »Kennst du Yarrow schon lange?« Die Kapitänin schien sich Gedanken um sein Wohlergehen zu machen. Hatte sie die Insel vielleicht schon beliefert, als seine Verwandten noch hier gelebt hatten?
»Yarrow. Seinen Namen höre ich zum ersten Mal!« Sie schüttelte den Kopf. »Hab kaum je mit ihm geredet … Am Anfang hab ich ihn gefragt, wie oft er neue Vorräte braucht. Und wir haben über die Bezahlung gesprochen. Ein stiller Mensch. Höflich. Hat überhaupt nicht feilschen wollen, das war wirklich erfrischend. Genug Leute glauben, jeder Handelsschiffer wolle sie über den Tisch ziehen … Die wollen mir dann zuvorkommen. Für manche ist es ein Spiel.« Sie deutete auf den Wald. »Dein Mann war immer geradeheraus. Dafür respektiere ich ihn.«
Mein Mann. Terlu stieg das Blut in die Wangen. Am besten lenkte sie wieder ab. »Hast du vorhin die Seeschlange gesehen? Sie hat gerufen, und es klang wunderschön … Wie Trompetenmusik! Ich dachte immer, das sei eine dichterische Umschreibung, aber es stimmt wirklich.«
»Das war Perri. Er ist mein Kumpel.«
Sie hatte eine Seeschlange zum Freund? Unfassbar. »Jetzt würde ich dich furchtbar gern ein bisschen ausfragen!«
Marin steckte das Säckchen zu dem Brief in ihren Beutel und grinste. »Irgendwann erzähl ich’s dir – oder auch nicht. Vielleicht erfinde ich ein paar fantastische Geschichten, und du entscheidest, welche wahr ist. Die Leute erwarten immer, dass Seefahrer unglaubliche Abenteuer in fernen Ländern erleben … Und das stimmt ja auch!«
Terlu holte tief Luft …
Aber Marin hob einen Finger. »Ein anderes Mal! Ich habe einen weiten Weg vor mir und muss heute noch einige Inseln beliefern! Den Brief deines Gärtners überbringe ich. Und eines Tages erzählst du mir, wie du dich mit dem ›Einsiedler von Belde‹ angefreundet hast! Aber ich sage dir gleich: Ich wäre enttäuscht, wenn nicht wenigstens ein leidenschaftlicher Kuss in der Geschichte vorkommt!«
Terlu blieb der Mund offen stehen.
Marin lachte und löste das Tau. »Komm, Schiffsjunge! Das Meer wartet auf niemanden – Mann, Frau oder Strauch.«
Ree sprang an Bord. »Sag den anderen, dass ich mit eigenen Geschichten zurückkomme!«
Marin stieß das kleine Schiff mit dem Fuß vom Steg ab und stellte das Segel in den Wind. Ree wieselte zum Mast, schlang die Äste darum und kletterte nach oben.
»Gute Fahrt! Und danke!«, rief Terlu ihnen nach.
Marin winkte ihr. Dann legte sie den Kopf zurück und sang eine sonderbare Melodie. Weiter draußen auf dem Meer sprang die perlmuttene Schlange aus den Wellen und trompetete die Melodie zurück.
Terlu stand auf dem Landesteg und schaute über den Ozean, bis die Seefahrerin, der Strauch und die Schlange nicht mehr zu sehen waren.