Kapitel 18 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Nach zwei Wochen Recherche hatte Terlu mit Dendys Hilfe einige Zauber zusammengeklaubt, die ungefährlich schienen. Von denen würde wohl keiner eine Explosion verursachen oder eine ungewollte Verwandlung nach sich ziehen. Sie ging ihre Sammlung gerade noch einmal durch, da steckte Yarrow den Kopf in die Werkstatt. »Hast du Hunger?«
Er hatte ein Schneidbrett dabei, über das schützend ein Geschirrtuch gebreitet war. Kaum war er eingetreten, stieg ihr das Aroma von Kräutern in die Nase. »Das riecht ja wunderbar!«, rief sie. »Was ist das?«
»Karotten- und Zucchinibrot. Nach eigenem Rezept.« Er sah verlegen aus, als müsste es deswegen weniger gut sein. »Es schmeckt besser, als man denken würde. Ich hab mich vom Karottenkuchen meiner Tante Rin inspirieren lassen.«
»Ich finde, das klingt super lecker.« Lebte diese Tante wohl auch in Alyssium? Terlu hatte ihm von der Revolution erzählt. Er hatte besorgt ausgesehen, aber darüber reden wollen hatte er natürlich nicht. Stattdessen kochte er nun häufiger Gerichte, die ihn an seine Familie erinnerten.
Sie räumte ein Fleckchen auf dem Arbeitstisch frei, und er stellte das Brett dorthin. Wie das Brot duftete! Es rief ihr den Herbst ins Gedächtnis. Einen Bauernmarkt nach einem guten Jahr mit einer so reichen Ernte, dass im Winter niemand Hunger leiden würde. »Wann hattest du denn Zeit zum Backen?« Mit Lotti und ihren Freunden hatte er unermüdlich daran gearbeitet, die geretteten Pflanzen aus dem tropischen Gewächshaus wieder einzupflanzen. Allein hätte er sicher nicht so viele wieder in die Erde setzen können. Trotzdem war nur ein Bruchteil übrig.
Yarrow zuckte mit den Schultern. »Alle Notfälle sind versorgt. Jetzt müssen sie selbst wieder wurzeln … Dabei kann ich ihnen nicht helfen.« Er schlug das Geschirrtuch zurück. Darunter kam der Brotlaib zum Vorschein, die Kruste goldbraun und oben aufgebrochen. Yarrow schnitt den Laib auf und reichte ihr auf einer Serviette eine Scheibe.
»Danke schön!« Er hatte Kräuter sowie Karotten- und Zucchinilocken eingebacken. Das Brot war saftig wie Kuchen und duftete nach Zimt, Muskat und ein wenig nach süßer Paprika. Wäre es unhöflich oder schmeichelhaft, wenn sie sich die ganze Scheibe auf einmal in den Mund stopfte?
»Warte kurz.« Er zauberte ein Töpfchen und einen Löffel aus einer Tasche. »Mit Honigbutter schmeckt es besser.«
Bereitwillig verteilte sie Honigbutter auf ihrer Scheibe und biss dann ab. Oh! Locker war das Brot, unaufdringlich süß … Und die Kräuter! Sie war nie sicher, welche er verwendete, aber eins war klar: Sie bekam nicht genug davon. Genießerisch schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie, dass Yarrow sie beobachtete. Rasch schaute er fort und schnitt sich selbst eine Scheibe ab.
»Solltest du je eine andere Laufbahn einschlagen wollen, wäre Koch die richtige Wahl. Du wärst hervorragend.«
Er zuckte mit den Schultern. »Es ist doch bloß Brot. Freut mich, dass es dir schmeckt.«
Aber es war eben nicht bloß Brot. Er hatte an sie gedacht, während er es gebacken hatte; war damit durch den Schnee gestapft, um es ihr zu bringen; hatte gehofft, dass es ihr schmecken würde. Und wenn nicht? Dann wäre er zweifellos wieder in seiner Küche verschwunden und mit etwas noch Köstlicherem zurückgekommen. »Bloß ein kleiner Imbiss«, hätte er gesagt. »Bloß Abendessen.« Dabei wäre es vermutlich so etwas wie ein Mandelcroissant mit vollkommenem Überzug, serviert in einem Kürbis, aus dem er einen Schwan geschnitzt hatte … Konnte man einen Schwan aus einem Kürbis schnitzen? Vielleicht eine Ente?
Eine Weile sah sie im Geist eine Parade verschiedener Kürbistiere vorbeiziehen, aber schließlich wandte sie sich wieder ihren Notizen zu. »Ich habe ein paar Sprüche aufgestöbert, die vielleicht helfen könnten.«
Er hörte auf zu kauen. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
»Du hattest Brot dabei.«
»Sprüche sind wichtiger als Brot!«
»Wie könnte irgendwas wichtiger sein als dieses Brot? Und dazu diese Honigbutter …«
»Terlu.«
»Ach ja. Verzeihung … Aber ich mein’s ernst: Sie helfen nur vielleicht! Laiken hat viel experimentiert, und die Zauberzutaten hat er immer gewissenhaft festgehalten. Die Ergebnisse dagegen … nicht so gewissenhaft. Meistens kann ich aus dem, was er beim nächsten Experiment verändert hat, meine Schlüsse ziehen. So habe ich die endgültige Fassung des Gewächshauszaubers gefunden, glaube ich zumindest. Er ist hochkompliziert und umfasst mehrere Phasen. Das Glas wird dadurch gestärkt und gedämmt, die Temperatur und Feuchtigkeit im Inneren stabilisiert. Allerdings muss ich sagen«, sie breitete die Papiere vor sich aus, »dass ich die Verwendung von rwyr-ent in der dritten Zeile fragwürdig finde. Na ja, wie dem auch sei, der Punkt ist folgender: Um weiterzukommen, muss ich selbst ein bisschen experimentieren.«
Er hob ein Blatt auf und betrachtete es.
Sie musste sich auf die Zunge beißen, um ihm nicht zu sagen, dass er es falsch herum hielt.
»Du willst Experimente machen?«
»Am liebsten in einem der zerstörten Gewächshäuser. Könntest du ein abgelegenes für mich aussuchen?« Nur für den Fall, dass sie sich täuschte, was die Auswirkungen der Zauber betraf.
Yarrow nickte und legte das Blatt wieder auf den Arbeitstisch. »Weißt du schon, welche Zutaten du brauchst?«
Sie hatte eine Liste vorbereitet, die sie ihm reichte.
»Was du vorhast … Ist das gefährlich?«
Zauberei konnte immer gefährlich sein, wenn man Fehler machte. Nicht grundlos hatte der Kaiser die Ausübung von Magie verboten. Er mochte in seinem Erlass zu weit gegangen sein, aber Vorsicht war durchaus vernünftig. Deshalb hatte es bei der Verabschiedung der Gesetze auch recht wenig Widerspruch von Gelehrten und anderen Sachkundigen gegeben. Dass die kaiserliche Wache streng gegen Proteste vorgegangen war, hatte sicher auch eine Rolle gespielt. Schaudernd dachte Terlu an das schreckliche Schicksal einiger Demonstranten. Mitten im Sommer hatte man sie in Eis verwandelt und in der Sonne stehen lassen. In der Mittagshitze waren sie allmählich geschmolzen und in die Kanäle geronnen.
»Das wäre möglich.«
Yarrow brummte. »Dann bitte ich Lotti darum, dass sie die sprechenden Pflanzen fernhält.« Er zog seinen Mantel an. »Triff mich im Rosenhaus. Ich bringe die Zutaten mit.«
Sie schlüpfte ebenfalls in ihren Mantel. »Kann ich den Rest Honigbutter behalten?«
»Natürlich.«
»Macht es dir was aus, wenn du das Töpfchen nicht zurückbekommst?«
Yarrow zuckte mit den Schultern. »Mach damit, was du willst.«
»Danke schön.« Sie deckte es ab und steckte es in die Tasche.
Einen Augenblick lang starrte er sie an; sie hatte den Eindruck, dass er zwischen Neugier und seinem Ruhebedürfnis schwankte. »Ist die Honigbutter eine Zauberzutat?«
Das wäre ja mal ein glücklicher Zufall. »Nein. Ich dachte bloß, sie könnte den Drachen schmecken.«
»Du musst sie nicht füttern. Sie haben im Sonnenblumenlabyrinth alles, was sie brauchen. Laiken hat dafür gesorgt, dass sie allein zurechtkommen.«
»Ich weiß … Aber vielleicht freuen sie sich darüber.«
»Na gut.« Er lächelte.
»Was denn?«
»Ach, nichts.«
Sie hätte gern gewusst, was er dachte, konnte es ihm aber nicht vom Gesicht ablesen.
»Sag mir jederzeit Bescheid, wenn du mehr Honigbutter brauchst«, sagte er.
Kurz darauf löste Terlu das Chrysanthemenrätsel an der Tür zum Gewächshaus der kleinen Drachen und ging hinein. »Hallo, Drachen!«, rief sie. Die Kiefern am Eingang des Labyrinths waren bereits zur Seite gewichen. Kaum trat sie hindurch, wandten ihr die Sonnenblumen die Köpfe zu.
An der ersten Abzweigung blieb sie stehen und öffnete das Töpfchen Honigbutter. »Ich dachte, das hier mögt ihr vielleicht, weil euch doch auch die Honigwaben geschmeckt haben.«
Sie hielt das Töpfchen vor sich.
Ein Drache mit silbernen Schuppen zog Kreise über ihr und stieß einen krächzenden Schrei aus. Drei weitere gesellten sich zu ihm.
Sie rührte sich nicht.
Der silberne Drache landete wie ein Raubvogel auf ihrem Unterarm. Seine Krallen gruben sich in ihren Mantelärmel, und sie war froh, dass der Wollstoff so dick war. Ich könnte einen Falknerhandschuh gebrauchen, dachte sie. Vielleicht würde sie einen bestellen, wenn das Handelsschiff das nächste Mal nach Belde kam. Der Drache steckte seine Schnauze in das Buttertöpfchen und leckte mit silbriger Zunge ein wenig auf.
Sofort fing er an, metallisch zu schnurren – beinahe wie eine Katze.
Er flog auf, und ein zweiter Drache mit grün-blauen Schuppen landete auf ihrem Arm, um die Butter zu probieren.
»Ihr könnt ruhig alles nehmen.« Mit der freien Hand hielt ihm Terlu das Töpfchen hin.
Ein zweiter Drache kam herbei, und gemeinsam hoben die beiden das Keramikgefäß in die Luft. In den Dachsparren erwartete sie ein ganzer Schwarm. Die kleinen Drachen gurrten durcheinander; es klang, als plapperten Kinder, bloß verstand man kein Wort. Ob es möglich war, drachisch zu lernen? Das ist eine Frage für später, dachte sie.
Gerade hatte sie sich dem Ausgang zugewandt, da hörte sie es hinter sich zirpen: Der silberne Drache war mit einem roten Stein in den Vordertatzen zurückgekommen. Sie hielt die Hände auf, und er ließ ihn hineinfallen. »Danke schön!«
Erst auf den zweiten Blick sah sie, was er ihr gebracht hatte: einen ungeschliffenen Rubin, so leuchtend rot, als hätte ihm ein Sonnenuntergang seine Farbe verliehen. Ein Schatz aus dem Hort. »Das ist doch nicht nötig …« Sie hielt dem Silberdrachen den Rubin hin.
Der fauchte, als hätte sie ihn beleidigt.
»Verzeihung! Ich werde ihn in Ehren halten, das verspreche ich. Danke!«
Sorgsam verstaute sie den Edelstein, verließ das Labyrinth und wanderte durch verschiedene Häuser zum Rosenhaus. Dort stritt sich Lotti gerade mit Dendy über die richtige Art, Rosenbüsche einzukürzen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie.
»Diese blütenlose Pflanze hier bildet sich ein, man müsse alle Triebe auf drei bis fünf Augen zurückschneiden, so dass an jedem Trieb bloß zwei oder drei Knospen übrig bleiben!« Lotti wedelte mit den farnkrautartigen Blättern, um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen. »Ist das zu fassen?«
Dendy streckte die Sprossachsen, als erwachte er aus einem angenehmen Schläfchen. Auf seine ruhige, langsame Art sagte er: »Die Triiiebe wachsen besser, wenn …«
»Du solltest erst mal lernen, frische Triebe von vergreisten zu unterscheiden!« Lotti schnaufte dramatisch. »Man kann doch nicht einfach aufs Geratewohl loslegen!«
Dendy schniefte. »Ich mache niiie etwas aufs Geratewohl.«
Terlu wusste rein gar nichts über die Pflege von Rosen. Sie hob eine Hand. »Ich möchte einen Zauber ausprobieren. Könntet ihr beiden Yarrow helfen, die anderen sprechenden Pflanzen auf Abstand zu halten? Ich will unbedingt vermeiden, dass irgendwas schiefgeht.«
Hinter ihr sagte Yarrow entschlossen: »Ihr zwei müsst euch allein um die anderen kümmern. Ich gehe Terlu zur Hand.«
Sie wollte ihm sagen, dass das nicht nötig war (und vielleicht sogar mit einigem Risiko verbunden), aber als sie sich zu ihm umdrehte, sah sie, dass er zwei Körbe trug, aus denen Zweige, Blätter, Beeren und Früchte quollen. Er war so beladen, dass sich seine Armmuskeln deutlich abzeichneten. Terlu riss die Augen auf. »Oha, das ist aber viel! Die Liste war doch gar nicht so lang …«
Er wirkte verlegen. »Manche Gattungen haben verschiedene Arten. Ich habe alle mitgebracht, um ganz sicher zu gehen.«
Was für ein toller Mann! Sie hatte Gelehrte gekannt, die weniger gründlich und engagiert gearbeitet hatten als er – und das waren nun wirklich detailversessene Leute! »Du musst nicht mitkommen«, sagte sie endlich. Hoffentlich hatte er nicht gemerkt, dass sie ihn angestarrt hatte! »Ich kann nicht mit Sicherheit vorhersagen, was passieren wird. Lieber bringe ich nur mich selbst in Gefahr. Was, wenn dir was zustößt?«
Er zuckte mit den Schultern. »Und was, wenn dir was zustößt? Wenn ich dabei bin, kann ich dir helfen.«
»Und wenn uns beiden was zustößt?«
Wieder zuckte er mit den Schultern. »Dann retten wir uns gegenseitig.«
Sie lächelte. »Na gut! Das wäre also geklärt.«
Lotti rollte ihre violetten Blütenblätter zusammen. »Bäh, fühlt sich an, als hätte ich Zucker auf den Blättern! Lasst es mal gut sein, ihr zwei.«
»Es ist ein bisschen viiiel«, pflichtete Dendy ihr bei.
Terlu spürte, wie sie errötete. Sie konnte Yarrow nicht anschauen. »Passt ihr beide bitte auf, dass die anderen nicht zu uns kommen?«
»Aber ja«, erwiderte Lotti. »Ab mit euch! Schmachtet euch woanders an.«
Mit glühenden Wangen folgte Terlu Yarrow durch Gewächshäuser voller Blumen, Sträucher, Kletterpflanzen, Bäume und Gemüse. Durchs Tomatenhaus kamen sie auch: Hunderte Tomatenpflanzen in langen Reihen wurden von leuchtend gelben Ringelblumen mit Löwengesichtern und Mähnen aus Blütenblättern bewacht. Yarrow hatte ihr vom Tomatenhaus erzählt, aber die Löwen-Ringelblumen hatte er nicht erwähnt. Sie knurrten, als Yarrow und sie vorbeigingen. Sie hätte sich gern genauer nach ihnen erkundigt, aber er schritt zu rasch aus. Dafür ist später noch Zeit, dachte sie. Für Fragen, Erkundungsgänge und überhaupt … Wenn ich den Zauber perfektioniert habe.
Wenn wir ihn perfektioniert haben? Konnte sie »wir« sagen?
Auf das Tomatenhaus folgte ein zerstörtes Gewächshaus nach dem anderen. Endlich blieb Yarrow stehen. Er sprach nicht gleich, sondern drehte sich erst einmal langsam um sich selbst. Auch sie ließ ihren Blick wandern: über die Risse im Glas, die spröden, vertrockneten Pflanzen, die Spinnweben in der Kuppel und die dicke Staubschicht, die über allem lag wie ein Leichentuch.
Yarrow stellte die Körbe ab. »Dieses Haus haben wir als allererstes verloren. Mein Vater und ich haben es so vorgefunden. Da war alles schon vorbei. Wir dachten, wenn wir nur schneller gewesen wären …« Er brach ab. »Aber wir hätten es nie geschafft.«
Terlu nahm seine Hand. Von der jahrelangen harten Arbeit hatte er Schwielen, aber sonst war seine Haut weich und warm.
Er schüttelte sie nicht ab.
Nach einem Augenblick atmete er tief durch. »Wo fangen wir an?«
Widerstrebend ließ sie ihn los, damit sie ihre Notizen auf dem Boden ausbreiten konnte. Wie gern hätte sie ihn ausgefragt! Nach seinem Vater und dem Rest seiner Familie … Sorgte er sich um sie? Konnte sie ihm irgendwie beistehen? Aber sie hatte versprochen, mit dem Zauber zu experimentieren. Auf die Art kann ich helfen. »Soweit ich das beurteilen kann, hat Laiken diesen Zauber auf alle Gewächshäuser gesprochen. Er ist sehr kompliziert, aber wenn ich ihn richtig einschätze, stärkt er nicht nur das Glas, sondern schafft eine magische Isolation, damit die Bedingungen im Innern nicht gestört werden.«
Yarrow brummte.
»Er versiegelt das Glas.«
»Ach so.«
»Vielleicht«, gab sie zu.
Er hob die Augenbrauen.
Terlu zeigte ihm den Zauber. »Es ist so: Das Wort terilis hat verschiedene Bedeutungen, die vom Kontext abhängen, und ich weiß nicht genau, was passiert, wenn man es mit rwyr verbindet. Das ist im Grunde ein Aktivierungswort … Damit der Zauber die Natur beeinflusst. Es wird häufig im Zusammenhang mit Pflanzen verwendet, weil die Nachsilbe -yr mit Chlorophyll in Verbindung steht. Es sei denn, sie wird mit vi kombiniert, was hier aber nicht der Fall ist. Und deshalb glaube ich auch …«
Dieses Mal ergriff er ihre Hand. Sie hörte auf zu reden und starrte auf ihre lavendelblauen Finger hinab, umfangen von seinen goldenen. Er hat mich noch nie angefasst! Sie dagegen schien ständig an ihm zu hängen. Gerade erst hatte sie seine Hand gehalten! Er ließ es stets geschehen, hatte aber noch nie selbst die Initiative ergriffen. Ein kleiner Unterschied, aber ihr kam er gewaltig vor.
»Ich glaube an dich«, sagte er.
Sie lachte leise auf, den Blick noch immer auf ihre Hände gerichtet. »Ich bin keine studierte Zauberin«, erinnerte sie ihn.
»Das weiß ich.«
»Wenn ich etwas falsch mache …«
»Es geht alles gut.«
Aber das war alles andere als sicher. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie ernst die Lage war. Nicht ohne Grund hatte der Richter ein Exempel an ihr statuieren wollen! Sie konnte nicht garantieren, dass der Zauber keinen Schaden anrichten würde. Vielleicht ist das alles ein fataler Fehler.
»Was auch passiert, ich bleibe hier bei dir«, sagte Yarrow. »Du bist nicht allein.«
Da war Terlu, als schmölze ihr das Herz.
Es stimmte natürlich, der Zauber konnte fehlschlagen – aber gerade deshalb hatte sie ja ein Gewächshaus ausgesucht, in dem bereits alle Pflanzen tot waren! Noch schlimmer konnte es kaum werden. »In Ordnung, wir versuchen es. Wir brauchen Sand, Holunderbeeren, Steinkerne des Weißdorns, einen Farnwedel, eine Primelknospe und eine Hagebutte der Zaunrose.«
Er ging in die Hocke und suchte die Zutaten aus den Körben zusammen.
»Klapp die Deckel zu, sobald du alles hast«, bat Terlu. Sie hatte daraus gelernt, dass sie versehentlich alle sprechenden Pflanzen auf einmal geweckt hatte. Man durfte wirklich keine zusätzlichen Zutaten offen herumliegen lassen!
Er tat wie geheißen.
»Kannst du alles auf einen Haufen legen? Die einzelnen Zutaten sollen sich berühren … Genau so. Danke! Und jetzt … Ich weiß auch nicht … Drück einfach ganz fest die Daumen, dass es klappt, ja?« Terlu holte tief Luft und rezitierte die Worte, die sie sorgfältig aus dem Geheimcode des Zauberers in die erste Sprache übertragen hatte. Sie achtete darauf, die richtigen Silben zu betonen und nicht zu nuscheln. Erst als sie fertig war, atmete sie wieder.
Und schwieg. Yarrow stand an ihrer Seite und wartete mit ihr, geduldig und vertrauensvoll.
Über ihnen verdunkelte sich das Glas der Kuppel. Die Sonne kam nicht mehr durch, und das Gewächshaus versank im Dämmerlicht. Nach und nach erschienen Sterne auf dem schwarzen Glas und breiteten sich funkelnd über den künstlichen Nachthimmel aus.
»Wunderschön«, murmelte Yarrow.
Er hatte recht. Aber … »Das habe ich nun überhaupt nicht erwartet.« Sie drehte sich hierhin und dorthin, um alle Sterne zu sehen. Ein Sommernachthimmel – sie erkannte sogar einige Sternbilder. Eine ihrer Tanten hatte gern die Kinder mit aufs Dach genommen, um mit ihnen in die Sterne zu schauen. Sie hatte ihnen Geschichten erzählt, alte Mythen von Eano und den umliegenden Inseln: von dem Delfin, der die Morgendämmerung begrüßte, der Meerjungfrau, die den Ozean suchte, der Katze, die zweimal um die Sonne flog und Teil des Himmels wurde. Sie deutete auf eine Gruppe Sterne im Osten. »Das da ist die Sonnenkatze!«
»Wieso sind da Sterne?«
Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie den Zauberspruch. An den Worten lag es nicht – keins hatte einen entsprechenden Bezug. »Könnte eine der Zutaten mit der Nacht in Verbindung stehen?«
»Die Primel!«, erwiderte er prompt. »Wir haben eine verwendet, die man auch Schlaflose Schlüsselblume nennt.« Wieder beugte er sich über die Körbe. »Es gibt Hunderte Arten. Ich habe sechs mitgebracht, die häufig vorkommen.« Er öffnete einen Korb und zeigte ihr mehrere sattgelbe Blüten an einem Stiel. »Die Wiesenschlüsselblume, auch Apotheker-Primel genannt.« Dann eine violette Blüte an einem langen Stängel. »Die Etagen-Primel.« Ein kurzer Stiel mit einer großen sonnengelben Blüte: »Die Kissen-Primel.« Ein langer Stiel mit einer Traube himbeerroter Knospen: »Die Rosen-Primel.« Doldenförmig angeordnete hellgelbe Blüten: »Die hohe Schlüsselblume …«
»Welche blüht bei Sonnenschein?«
Er reichte ihr den Stängel mit den sattgelben Knospen. »Die Wiesenschlüsselblume. Im Gegensatz zu anderen Primelarten gedeiht sie auch in voller Sonne.«
Sie gab ihm die Schlaflose Schlüsselblume zurück. »Versuchen wir’s noch mal?«
Er schaute zu den Sternen auf und nickte dann.
Terlu räusperte sich und sprach den Zauber erneut. Das Schwarzblau über ihnen erhellte sich, und die Sterne verblassten. Zitronengelbes Licht breitete sich über das Glas, und zuerst war sie nicht sicher, ob es von draußen hereindrang. Doch bald schon musste sie die Augen zusammenkneifen, so grell wurde es.
»Also nicht die Primula veris.« Yarrow griff wieder in den Korb.
Der dritte Versuch dimmte das strahlende Gelborange. Nun entsprach das Licht gewöhnlichem Sonnenschein. Terlu hielt die Ergebnisse fest – Yarrow hatte die Rosen-Primel gewählt. »Die Frage ist: Haben wir das Glas versiegelt?«
Das war absolut erforderlich, vielleicht sogar der wichtigste Schritt, um die Gewächshäuser wieder nutzbar zu machen. Das gesprungene Glas musste repariert werden, und jedes Haus brauchte einen schützenden Kokon aus Magie, der sowohl die empfindlichen Wände vor Schäden schützte als auch die Bedingungen im Inneren stabil hielt. Wenn das geschafft war, konnte sie darüber nachdenken, wie sie Temperatur, Bewässerung und Feuchtigkeit regulierte, so dass unabhängig vom Wetter draußen Arten aus verschiedenen Klimagebieten gedeihen konnten. Doch zuerst mussten die Häuser selbst wieder in Ordnung gebracht werden.
Yarrow ging zu einer der Glaswände hinüber, und sie folgte ihm. Er legte eine Hand gegen das Glas – das nicht mehr fest war: Wie Wasser floss es erst über seine Finger und dann an den anderen Scheiben hinab. Und im nächsten Moment …
Überall rauschte es, als sich die Wände in Wasserfälle verwandelten.
»Die Zauber!«, schrie Terlu.
Sie rannte zurück zu ihren Papieren auf dem Boden, all den übersetzten Zaubern und Notizen. In Windeseile raffte sie sie zusammen und drückte sie schützend an die Brust.
Dann löste sich das Kuppeldach auf. Terlu quietschte und krümmte sich über den Zaubern zusammen, während Wasser herabstürzte und ihr auf Rücken, Schultern und Hinterkopf prasselte. Yarrow sprang mit aufgespanntem Mantel herbei und schirmte sie ab, so gut es ging. Sie drückte sich an ihn; die Papiere waren zwischen ihnen eingeklemmt. Erst schien der Guss kein Ende nehmen zu wollen, doch schließlich klatschte der Schnee herab, der auf dem Dach gelegen hatte.
Es war vorbei; nur ein stetes Tropfen war noch zu hören. Sie lugte unter seinem Mantel hervor. »Tja, also«, sagte sie mit zitternder Stimme, »das hat noch nicht so ganz geklappt.«
Seine Brust bebte.
Er lachte!
Sie tastete nach den Papieren. Sie waren zerknittert, aber trocken. Die Zutaten hingegen schwammen allesamt in der gewaltigen Lache, in der Yarrow und sie standen. »Ich bin hierfür nicht richtig ausgebildet! Du verdienst einen richtigen Zauberer, keine Bibliothekarin, die sich einbildet, sie könne in Büchern für jedes Problem eine Lösung finden. Es tut mir wirklich leid.«
Er zog sie an sich. »Rede nicht so.«
»Was? Aber ich hab hier alles unter Wasser gesetzt!«
»Du hast einen Versuch gewagt. Sonst hätte das niemand gemacht. Du gibst doch nicht auf, oder?«
»Nein, natürlich nicht.« Eiskaltes Wasser war ihr in die Stiefel gelaufen und hatte ihre Socken durchweicht, aber er hielt sie immer noch im Arm, und er war ganz warm. Als sie zu ihm aufschaute, lächelte er sie an. In seinen grünen Augen stand derselbe Blick, mit dem er sie angeschaut hatte, bevor er gewusst hatte, wer sie wirklich war. Nur wusste er das jetzt, und er kannte sogar ihre kriminelle Vergangenheit! »Moment mal … Du willst, dass ich es weiter versuche? Nach diesem Desaster?«
»Ich hab’s doch gesagt: Ich glaube an dich. Daran hat sich nichts geändert.«
Staunend sah sie ihn an. Sie konnte nicht fassen, wie hoffnungsvoll sein Gesicht war. Noch immer standen sie aneinandergeschmiegt da. Auch er war klatschnass: Wasser tropfte ihm aus dem Haar auf den Mantelkragen und vom Saum auf den Boden. Aber seine Brust war warm und trocken. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie so dringend jemanden küssen wollen. Sie starrte seine lächelnden Lippen an. So nass erinnerten sie an geschmolzenes Gold. Wie würden sie wohl schmecken? »Das ist aber nicht besonders vernünftig, wenn man bedenkt, wie kläglich ich gerade eben gescheitert bin.«
Diesmal spürte sie sein Schulterzucken sogar. »Du hast Magie erschaffen.« Damit ließ er sie los und machte sich daran, die schwimmenden Zutaten einzusammeln. Prompt fror sie. Wäre er doch bei ihr geblieben …
»Wollen wir es morgen in einem anderen Gewächshaus noch einmal versuchen?«, fragte er. »In trockenen Kleidern?«
»Klar.«
Hätte sie sich doch getraut, ihn zu küssen! Aber sie hatte ja unbedingt weiterplappern müssen. Sie half ihm noch, die übrigen Zutaten aufzuklauben, dann eilten sie durch das Wasser auf die Tür zu.