Kapitel 20 - The Enchanted Greenhouse - Ein Schimmer der Hoffnung
By Sarah Beth Durst
Noch nie war sie so geküsst worden: als wäre sie das wertvollste Juwel auf den Sichelmond-Inseln. Seine Lippen waren warm und weich und schmeckten nach Honig – wie konnte er gleich nach dem Aufwachen nach Honig schmecken? Er drückte sie so fest an sich, dass sie durch den Stoff der dünnen Hemden seinen Herzschlag spürte. Aber sie wollte ihm noch viel näher sein …
Da gab es einen dumpfen Schlag gegen die Tür. »Yarrow!«, rief Lotti draußen. »Terlu!«
Sie lösten sich voneinander.
Im nächsten Augenblick war Yarrow aus dem Bett. Terlu war zumute, als wäre ein Eimer Schnee über ihr ausgeleert worden. Yarrow riss die Tür auf und fragte: »Was ist los? Ist was mit den Gewächshäusern? Versagt das nächste? Welches?«
»Nein, nein, das ist es nicht.« Lotti kam hereingehüpft und schüttelte ein wenig Schnee von ihren Blättern. »Oh weh! Der Kater!«
Terlu fiel halb aus dem Bett, so eilig hatte sie es, Emeral abzufangen, der sich auf die kleine Rose stürzen wollte. Sie kraulte ihn und trug ihn zum Eiskasten hinüber. Als sie ihm Rebhuhn anbot, vergaß er über das unverhoffte Frühstück die sprechende Pflanze.
»Sag mir, was los ist«, bat Yarrow. Er warf die Nachtsachen ab und schlüpfte in seine Arbeitskleidung: eine schwere Hose mit vielen Taschen und ein warmes Hemd. Terlu bemühte sich nach Kräften, nicht daran zu denken, wie es sich angefühlt hatte, sich an ihn zu schmiegen – der Augenblick war vorbei, und sie hatte keine Ahnung, ob es noch einmal so ein »Versehen« geben würde. Ob er das überhaupt wollte.
Lotti seufzte dramatisch. »Es geht um die anderen Pflanzen.«
»Sind sie verletzt?«, fragte Yarrow.
»Nein.«
»Wieder eingeschlafen?«
»Auch nicht.«
Yarrow knöpfte sein Hemd zu, und Terlu wäre gern stark genug gewesen, nicht verstohlen zu ihm hinüberzuschielen. Sein goldenes Brusthaar verjüngte sich zwischen seinen Muskeln. Sie räusperte sich.
»Sind sie gemein zu dir? Ich könnte mit ihnen reden.«
»Das ist es nicht. Sie singen!«
Yarrow war gerade dabei, den Gürtel zu schließen. Nun hielt er inne und schaute die kleine Rose stirnrunzelnd an. »Ach, die meinst du … Die sollen singen! Laiken hat sie so erschaffen.«
»Nee, nicht die verzauberten musikalischen Blumen, die sind super. Es geht um die anderen! Meine Freunde! Die singen mit, und bei aller Liebe: Es ist grauenhaft! Na ja, Dendy kriegt’s hin, aber er ist der Einzige!«
Yarrow brummte. »Das ist nicht gerade ein Notfall.«
Lotti sank bühnenreif in sich zusammen. »In meinen Augen schon. Oder eher in meinen Ohren!«
»Hast du überhaupt Augen und Ohren?«, fragte Terlu neugierig. Sie hatte Lottis Blätter nicht genau inspiziert, um herauszufinden, ob die Auferstehungsrose sich von gewöhnlichen Pflanzen unterschied. Soweit sie sehen konnte, hatte Lotti keine Sinnesorgane. Ihre Blütenblätter wogten beim Sprechen, aber das waren ja keine Lippen. Machte sie das mit Luftvibrationen? Terlu schaute Yarrow ganz bewusst nicht wieder an, obwohl er jetzt fertig angezogen war.
Lotti schwenkte die Blätter. »Offensichtlich nicht! Allerdings habe ich das absolute Gehör, im Gegensatz zur großen Mehrheit meiner Mitpflanzen.«
Terlu rief sich den Zauber ins Gedächtnis, mit dem sie damals Caz erschaffen hatte. Wenn sie sich nicht täuschte, war das Wort ansara vorgekommen. Die Wurzel bedeutete »leben«, aber nicht im Sinne von »atmen« und »sein« – dafür war rwyr da. Es ging eher ums Erleben. Vielleicht hatte die Magie deshalb die fünf Sinne in den Pflanzen erweckt …
»Und was soll ich deswegen unternehmen?«, fragte Yarrow milde.
»Nehmt mich heute mit«, flehte Lotti. »Ich hab den anderen gesagt, dass ihr meine Unterstützung bei der Zauberei braucht. Terlu, bitte lass mich helfen! Ich mache alles: sortiere die Zutaten, halte deine Notizen hoch … Ich hock mich sogar still in die Ecke und tue so, als wäre ich gar nicht da – ganz wie du willst!«
Terlu warf Yarrow einen fragenden Blick zu, aber er schien darauf zu warten, dass sie eine Entscheidung traf – als zählte ihre Meinung in der Sache mehr. Er interessiert sich für meine Ansichten. Misst ihnen Wert bei. Ihr wollte niemand sonst einfallen, der je …
»Augenblick mal – hab ich euch bei irgendwas unterbrochen?«, fragte Lotti plötzlich. Sie hüpfte heran, ließ sich vor ihnen nieder und faltete ihre Blätter wie viele Paar Hände. »Was habe ich verpasst? Schießt mal los! Ich will alles wissen!«
Terlus Gesicht brannte. »Was solltest du unterbrochen haben? Es gibt nichts zu erzählen.« Lass dich nicht ablenken, Terlu Perna! Sie hatte die sprechenden Pflanzen nicht dabeihaben wollen, damit ihnen nichts passierte, falls etwas schiefging. Aber heute wollte sie mit einem Fragment des Zaubers experimentieren. Die Magie würde schwächer sein und auf einen bestimmten Punkt konzentriert … Vielleicht konnten sie Lotti da ruhig mitnehmen? Es war ja nicht so, als müsste Terlu aus irgendeinem Grund mit Yarrow allein sein … »Aber hör mal … Du wolltest doch Zeit mit den anderen sprechenden Pflanzen verbringen. Stört dich wirklich die Singerei? Oder geht es eigentlich um was anderes?«
Lotti ließ die Blätter hängen. »Sie verstehen nicht, dass Laiken mir fehlt. Ihnen gegenüber war er anders. Ich … Ich brauche bloß mal einen Moment für mich.«
Da hätte Terlu sie am liebsten in den Arm genommen. Was Laiken auch für ein Mensch gewesen sein mochte, welche Probleme und Fehler er auch gehabt hatte – Lotti hatte er viel bedeutet. Natürlich fehlte er ihr! »Wenn du versprichst, still zu sein, während ich den Zauber spreche …«
»Klar doch, ich bin still wie ein Mäuschen! Eigentümlicher Ausdruck eigentlich: Mäuse quieken und rascheln, und ihre Krallen scharren auf dem Boden, wenn sie …«
»Ich ziehe mich nur rasch an, dann können wir los.« Terlu ging ins Bad, um sich zu waschen und in einen warmen Wollrock und eine dicke Bluse zu schlüpfen; Yarrow hatte mittlerweile einen ordentlichen Stapel Kleider für sie zusammengetragen. Sie nahm sich einen Augenblick, um tief zu atmen und darauf zu warten, dass das kräftige Magenta aus ihren Wangen wich. Es war doch bloß ein Kuss!, sagte sie sich streng. Und vermutlich bleibt es bei einem.
Als sie aus dem Bad kam, redete Lotti immer noch. Gerade schilderte sie mit einigem Entsetzen die musikalischen Experimente ihrer Freunde: Offenbar versuchten einige, Verse für die Melodien der singenden Pflanzen zu ersinnen, und die Reime waren schauderhaft.
Terlu zog Stiefel und Mantel an und steckte den Zauber ein, an dem sie bis tief in die Nacht gearbeitet hatte. Es war ein kurzer Spruch – drei Zeilen, mehr nicht. Und vielleicht würde er ohne den Kontext des großen Gewächshauszaubers gar nicht wirken … In dem Fall bestünde für Lotti erst recht keine Gefahr.
»Trag mich!«, verlangte die kleine Rose, und Terlu hob sie auf.
»Können wir einen Mörser mitnehmen?«, fragte sie Yarrow. »Ich glaube, dieses Mal sollten wir die Zutaten zerstoßen und zu einem Brei mischen. Wenn ich kleinere Zauber versuche, muss ich die Magie lenken.« Wenigstens glaubte sie das – und ihre spärlichen Erfahrungen und alles, was sie gelesen hatte, schienen die Theorie zu untermauern.
Er holte Mörser und Stößel aus einem Küchenregal und verstaute beides im Korb (die Zutaten hatten jetzt in einem Platz). Dann hielt er ihr ein Brötchen hin, das vom Abendessen übrig geblieben war. »Frühstück?«
»Danke.« Kurz strichen ihre Finger übereinander; sie starrte auf ihre Hände hinab – seine golden, ihre lavendelblau – und fragte sich, ob er wohl dasselbe empfand wie sie. Doch als sie den Blick hob, hatte er sich schon halb abgewandt, um die Tür zu öffnen.
Draußen war es kalt und roch nach Meer.
»Willst du vielleicht, äh … darüber reden?«, fragte er. »Über vorhin?«
Vor Lotti? »Lieber später?« Oder lieber gar nicht. Falls er nur sagen wollte, dass es ein Fehler gewesen war, würde sie es vorziehen, wenn sie das Thema links liegenließen. Erst einmal. Wenigstens bis sie seine Lippen nicht mehr auf ihren spürte.
»In Ordnung«, sagte Yarrow.
Lotti schien ihnen gar nicht zugehört zu haben. »Das Gesinge habe ich ja noch ertragen«, klagte sie weiter. »Aber dann ging die Dichterei los! Habt ihr eine Ahnung, wie viele Wörter sich auf ›blau‹ reimen? So viele. So, so viele!«
Yarrow führte sie zu einem weiteren abgelegenen toten Gewächshaus.
Dort nahm er Stößel und Mörser aus dem Korb und kümmerte sich um den Brei, während Terlu sich in den Spruch vertiefte. Lotti hüpfte von einem vertrockneten Beet zum nächsten. »Waren die Pflanzen hier einmalig?«, fragte sie.
»Auf Belde schon«, antwortete Yarrow. »Aber soweit ich weiß, sind sie auf den Inseln des Mondsichel-Archipels nicht ausgestorben. Sie zu verlieren, war eine Tragödie, aber es hätte schlimmer kommen können.«
»Kannst du Samen bestellen und sie hier wieder ansiedeln?«, fragte Lotti.
»Wenn wir die zerstörten Häuser repariert kriegen, dann ja.«
»Gut. Laiken hat die Gewächshäuser nämlich als Heiligtum betrachtet – und als Sicherheit. Sollte die Flora überall zerstört werden, würden wenigstens die Pflanzen hier überleben.«
»Offenbar hatte er keine hohe Meinung von den Menschen«, stellte Terlu fest.
»Pflanzen hat er geliebt«, sagte Lotti.
Sie hatte er vertrocknen lassen und die anderen sprechenden Pflanzen gegen ihren Willen in einen verzauberten Schlaf versetzt. Seiner Liebe hätte Terlu nicht ausgesetzt sein wollen. Nein, unter Liebe stellte sie sich etwas anderes vor … Schau Yarrow nicht an, befahl sie sich selbst.
Er warf ihr einen Blick zu. »Bist du so weit?«
Nein!
»Ja.« Sie nahm den Brei entgegen und ging zur nächstbesten Fensterwand hinüber. Alle Scheiben waren gesprungen. Sie suchte sich eine aus, tauchte den Zeigefinger in den Brei und schmierte ihn über einen verästelten Riss.
»Sei vorsichtig«, mahnte Yarrow hinter ihr. »Schneide dich nicht!«
Es bestand keine Gefahr: Das Glas war nicht gesplittert, also gab es auch keine scharfen Bruchkanten. Er sorgt sich um mich. Das muss etwas bedeuten! Oder hatte er sie etwa nur geküsst, weil sie eben gerade da gewesen war? Sie glaubte es nicht, brachte es aber auch nicht über sich, ihn zu fragen. Stumm verteilte sie den Brei, bis sie nichts mehr übrig hatte.
Jetzt die Worte.
Es war ein einfacher Zauber: Ein Substantiv mit Deskriptoren, die das Ziel festlegten, ein Verb (»stärken« mit der Konnotation »heilen«) und schließlich die Aufforderung an die Magie, über das Verb zum Substantiv zu fließen. Darin bestand die Zauberei: Man musste die wilde, unfassbare Magie auf einen vorher festgelegten Pfad locken. Sie hatte nicht besonders viel über Zaubertheorie gelesen: Das waren trockene Texte, gewöhnlich darauf ausgelegt, in Vorlesungen behandelt zu werden, und da sie nicht an der Fakultät für Zauberei eingeschrieben gewesen war, hatte sie sie nur überflogen. Sie war vor allem an der Rolle der Sprache interessiert gewesen. In der poetischen Präzision lag große Schönheit.
»Terlu?«, fragte Yarrow.
»Verzeihung.« Sie holte tief Atem und sprach dann die Worte:
Svaniga vi rayna,
Ami pri nessava,
Biana te biana me vi pri rinaka.
Stille folgte.
»Das war’s schon?«, fragte Lotti.
»Sch!«, machte Yarrow.
»Das war’s«, bestätigte Terlu. »Möglicherweise klappt es nicht ohne Laikens ganzen …«
Das Glas knisterte wie Eis. Der Brei begann, in einem warmen Gelborange zu leuchten. Blubbernd sickerte er ins Glas, in dem sich ein gelber Dunst verbreitete.
Der Sprung heilte, während der Dunst sich verflüchtigte. Kurz darauf war die Scheibe makellos glatt und klar. Terlu berührte sie. Ihre Handfläche kribbelte.
Es war bloß ein einziges Fenster. Aber es hat geklappt!
Lachend drehte sie sich um. »Habt ihr gesehen? Ich weiß, ich weiß … Besonders aufregend war das nicht. Und es ist bloß ein Sprung von Tausenden – ach was, Zehntausenden. Wenn man bedenkt, wie viele Gewächshäuser beschädigt sind, werden wir auf diese Art und Weise viele Wochen brauchen, aber …«
»Es ist ein Wunder«, sagte Yarrow bestimmt.
Terlu bekam prompt heiße Wangen.
»Du bist das Wunder«, fügte er hinzu.
Sie musste die Augen niederschlagen. »Wenn wir noch mehr Brei machen …«
Er nickte und sammelte Zutaten in den Mörser. Unterdessen ließ Terlu den Blick durch das Gewächshaus wandern: Durch jede Scheibe zogen sich Risse, bis hoch zur Glaskuppel. »Lotti, was hältst du davon, ein bisschen zu klettern?«
»Ich bin beinahe eine Kletterpflanze!«
»Schaffst du es bis in die Kuppel?«
»Guck nur gut zu!«
Sie würden Hand in Hand arbeiten: Yarrow rührte den Brei an, Lotti kletterte an den Wänden hinauf und schmierte ihn auf die Sprünge, und Terlu sprach jedes Mal die Worte.
Das wird was!
Wieder begann sie mit dem Zauber, stolperte aber über eine Silbe: Statt »nessava« kam »nessavara« heraus. Anstatt sich zu schließen, verzweigte sich der Sprung wie die Adern eines Blattes. Lotti, die von einem Dachsparren hing, drehte ihr die Blüte zu; hätte sie Augen gehabt, hätte sie Terlu böse angestarrt.
Terlu konzentrierte sich und wiederholte den Spruch.
Danach machte sie keine Fehler mehr.
Schließlich fühlte sich ihre Kehle so rau an wie Sandpapier. Es war wirklich ungünstig, dass sie in einem fort sprechen musste. »Teepause?«, krächzte sie.
Lotti rief aus den Dachsparren: »Ich könnte auch ein bisschen verschnaufen. Und was trinken!«
Yarrow legte den Kopf zurück, als wollte er die verbliebenen Sprünge im Glas zählen. Sie hatten kaum ein Sechstel des Gewächshauses geschafft. Wenn sie dieses Tempo beibehielten … Wir sind nicht schnell genug! Ganz bestimmt dachte er dasselbe. Aber er sagte: »Die Zutaten sind beinahe alle. Es ist der richtige Moment für eine Pause.«
Gemeinsam gingen sie zurück. Yarrow brachte sie ins warme, duftende Rosenhaus. Dort ließ sich Terlu auf eine kleine, von rosaroten Blüten überhangene Bank sinken. Yarrow füllte einen Eimer mit frischem Wasser und brachte ihn Lotti.
Die kleine Auferstehungsrose ließ sich mit einem Seufzen hineingleiten. Mit den Blättern hielt sie sich am Rand fest. »Ach, ist das herrlich!«
»Wie viele Zutaten haben wir denn noch?« Das letzte Wort bekam Terlu nicht richtig heraus. Sie schluckte.
»Schone deine Stimme.« Yarrow wandte sich dem verzauberten Ofen zu und holte von irgendwo dahinter einen Kessel hervor. »Rosentee?«
Sie nickte.
Stumm saß sie da. Während Yarrow darauf wartete, dass das Wasser kochte, eilte er geschäftig hierhin und dahin und schnitt an verschiedenen Rosenbüschen herum. Sogar Lotti in ihrem Eimer war ausnahmsweise still. Aus einem der anderen Gewächshäuser wehte schiefer Gesang heran.
Der Kessel pfiff, und Yarrow brühte Tee aus Hagebutten und Rosenblättern auf. Als er ihr eine Tasse brachte, wollte sie ihm danken, aber er legte ihr sanft einen Finger vor den Mund.
»Ruh dich aus.«
Sie war versucht, seine Hand zu küssen, aber er zog sie zu rasch wieder zurück. Vielleicht hätte sie sich sowieso nicht getraut. Sie hob die Tasse und atmete den aufsteigenden Dampf ein. Natürlich roch er köstlich nach Rosen, aber sie erschnupperte auch noch etwas anderes … Ein Gewürz? Sie hatte nicht gesehen, wie er die Teemischung zubereitet hatte, wollte aber ihre Stimmbänder nicht weiter beanspruchen und nachfragen, also nippte sie einfach an ihrer Tasse. Einer der fernen Sänger versuchte sich an einem hohen Ton – nicht gerade erfolgreich. Terlu verzog schmerzlich das Gesicht.
»Brr, kann die nicht mal jemand zur Räson bringen?«, fragte Lotti.
Prompt erscholl ein neuerliches Kreischen von zweifelhafter Musikalität.
Terlu nahm noch einen Schluck Tee. Er war so heiß, dass er ihr beinahe die Kehle verbrannte, tat ihr aber wohl. Bald schon fühlte sie sich besser. Doch wie lange würde sie durchhalten, wenn ihre Stimme schon am ersten Tag versagte? »Wir brauchen Hilfe«, sagte sie heiser. Sie schluckte und versuchte es dann noch einmal. »Zu dritt schaffen wir das nicht.«
»Niemand hat auf deinen Brief geantwortet«, erwiderte Yarrow. »Entweder sie wollen nicht zurückschreiben oder sie können nicht. Tatsache ist, dass niemand herkommt.«
»Das kannst du nicht wissen! Vielleicht braucht bloß das Handelsschiff lange …« Natürlich konnte er recht haben. Vielleicht hatte Marin seine Familie gar nicht gefunden. Möglich, dass die Unruhen in der Stadt sich ausgebreitet und auch vor dem Blumenladen seines Onkels und seiner Tante nicht haltgemacht hatten … Aber diese Befürchtung sprach sie lieber nicht aus. Schließlich konnte es genauso gut sein, dass Marin aufgehalten worden war! An dieser Erklärung würde sie festhalten, bis sie einen Beweis für das Gegenteil hatte. »Tatsache ist, dass wir nicht wissen, ob jemand herkommt oder nicht.«
Er schnaubte.
»Ich dachte, wir könnten die Pflanzen um Hilfe bitten.«
Nun brummte er, aber das klang weit weniger skeptisch. Er dachte darüber nach.
Es würde großes Missfallen erregen, käme an die Öffentlichkeit, dass sie unschuldige Geschöpfe in ihre illegalen Aktivitäten hineingezogen hatte. Andererseits stand ihr das Wasser ohnehin längst bis zum Hals: Zuerst hatte sie die Pflanzen geweckt und dann, als wäre das nicht schon genug, einen Zauber studiert, angepasst und viele Male gewirkt. Konnte es wirklich noch schlimmer werden? Yarrow und Lotti hatte sie ja schließlich schon zu ihren Komplizen gemacht.
Sollte ein kaiserlicher Ermittler herausfinden, was ich hier treibe …
Hoffentlich waren sie alle zu sehr mit der Revolution beschäftigt, um auch nur einen Gedanken an eine unbedeutende ehemalige Bibliothekarin auf einer entlegenen, beinahe verlassenen Insel zu verschwenden. Vielleicht hatten die Revolutionäre die Behörde ja aufgelöst? Das wäre allerdings unverschämtes Glück.
Wie dem auch sei, sie würde sich jetzt nicht abwenden. Gab es einen Weg, Lottis Freunde schuldlos zu halten? Was, wenn sie nur die Zutaten sammelten, aber die Worte nicht sagten? Aber dann würde sie den Zauber weiterhin selbst sprechen müssen, und ihr Problem wäre nicht gelöst. Ich sollte sie einfach fragen. Ihnen die Entscheidung überlassen. Sie durfte ihnen nur nichts verschweigen.
»Wenn sie trotz allem helfen wollen …« Yarrow schien zum selben Schluss gelangt zu sein.
»Ich rede mit ihnen«, beschloss Terlu.
»Du solltest dir lieber erst mal Ohrstöpsel holen«, riet Lotti.
Terlu wanderte mit ihrer Tasse ins angrenzende Gewächshaus. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, brach Lärm über sie herein: Die verzauberten Blumen sangen wunderschön, drangen jedoch kaum durch das Gegröle, das eher an die Kampfschreie wütender Waschbären erinnerte.
Efeu Risa baumelte von einem Dachsparren. Sif hielt Gänseblümchen Cyna in den Ranken und schaukelte sie wie ein Kind auf dem gefährlichsten Spielplatz der Welt. »Höher! Höher!«, krähte sie.
Feuerbusch Nif schoss Funken in die Luft, als wollte er ein Feuerwerk nachahmen. Venusfliegenfalle Sut versuchte, die Funken mit seinen Fangeisen zu erwischen. Die Calla spornte die beiden noch an.
In der Mitte des Gewächshauses hatte Dendy die Blätter erhoben, wiegte sich und sang mit seiner beruhigenden, angenehmen Stimme:
»Am Morgen, wie ist da der Himmel so blauuu
Und überall singende Vögel ich schauuu
Gar hoch steigen sie, denn sie wissen genauuu,
Der Ozean, aaach, der ist ebenfalls blauuu!«
Zwar erinnerte das Ganze ein wenig an eine Zirkusvorstellung, aber so schrecklich war es auch wieder nicht. Dendy war ein tiefer Bariton, und die verzauberten Blumen säuselten im Chor dazu …
Da fielen plötzlich lauthals drei der anderen sprechenden Pflanzen ein, eine schiefer als die andere: »Blau, so blau!« Das Distel unterlegte das Ganze mit einem schrillen Arpeggio. Kein bekanntes Instrument hätte solche Töne hervorbringen können. Der Rittersporn trillerte disharmonisch.
Terlu schauderte. Ich nehm’s zurück! Das ist wirklich und wahrhaftig grauenhaft. »Ähm, Dendy?«
Er sang weiter, während der vielblumige Chor die Harmonien zu seiner Melodie herausschrie (die so gar nicht harmonisch gerieten):
»Die Fischchen schwimmen darunter so schlauuu,
im Ozean, und der ist wuuunderbar blauuu!«
Sie hob die Stimme. »Dendy?«
»Hmmm?« Er unterbrach sich. »Oh, hallo, Terlu, du schöne Frauuu. Heee! Das reimt sich auch! Wie wäre es mit einem Liiied über dich und deine Augen, so blauuu?«
»Sie sind violett. Es tut mir leid, deine kreative Arbeit zu unterbrechen, aber wir könnten deine Hilfe brauchen … Und die der anderen auch, wenn sie dazu bereit sind.«
Nif ließ eine beachtliche Flamme in die Luft schießen, und die Venusfliegenfalle löschte sie.
»Beachte sie gar nicht weiter«, sagte Risa. »Red weiter!«
Also erzählte sie ihnen von ihrem Zauber: dass er das Glas reparierte, die Prozedur aber quälend langsam vonstattenging. Sie hatten herausgefunden, dass es keine Rolle spielte, wie viel Brei sie für einen Sprung verwendeten. Jeder Zauber wirkte nur bis zur nächsten Verästelung, was bedeutete, dass viele Scheiben mehrfach behandelt werden mussten. »Es ist der erste Schritt, um die Gewächshäuser wieder instand zu setzen. Ist das Glas wieder heil, können wir uns als Nächstes darauf konzentrieren, die einzelnen Häuser magisch zu dämmen und Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu regeln.« Doch wenn sie die Tage damit verbrachte, Sprünge im Glas zu schließen, konnte sie ihre Recherche nicht fortsetzen. »Aber ihr müsst es euch wirklich gut überlegen! Nach kaiserlichem Recht ist es ausschließlich studierten Magiern gestattet, Zauberei zu betreiben. Es ist verboten, und sollte man uns dabei erwischen, könnte das ernste Konsequenzen haben. Sollte euch mulmig dabei sein, lehnt bitte ab! Das verstehe ich vollkommen. Eigentlich sollte ich euch gar nicht darum bitten.«
Die sprechenden Pflanzen krakeelten nicht mehr, sondern tuschelten nur noch. Lediglich die verzauberten Blumen und Bäume sangen weiter, leise und lieblich. Risa setzte das Gänseblümchen auf dem Boden ab, und der Feuerbusch erstickte die letzten Funken.
»Denkt in Ruhe darüber nach.« Terlu zog sich einige Schritte zurück. Sie wollte den Pflanzen nichts aufzwingen. Wenn es sein musste, konnte sie allein weitermachen. »Ihr müsst euch nicht gleich jetzt entscheiden …«
»Ich kann nicht für die aaanderen sprechen«, erklärte Dendy. »Aber ich bin dabeiii.«
»Es ist wirklich nicht ungefährlich«, warnte sie.
Dendy stellte die Blätter auf. »Wir alle haben das Gewächshaus uuuntergehen sehen. Wenn ich kann, dann möchte ich auch helfen!«
Die anderen Pflanzen wuselten heran und stimmten lautstark zu.
Winde Zyndia richtete sich hoch auf und verkündete: »Für Licht und Leben!«
Die anderen jubelten.
»Für Ruhm und Liebe!«, rief sie.
Der Jubel brandete wieder hoch.
Terlu lächelte. So viel Enthusiasmus hatte sie nicht erwartet. Sie hatte gedacht, dass ihr vielleicht ein paar beispringen würden … Aber sie wirkten alle fest entschlossen.
»Für …«, setzte Zyndia wieder an.
»Das reicht jetzt, meine Liebe«, sagte Farn Mirr. »Aber: Ja, wir machen mit!«
»Ihr dürft euch die Sache aber nicht glamourös vorstellen. Und sie wird bestimmt einige Zeit in Anspruch nehmen … Es gibt so viele kaputte Gewächshäuser, und in jedem hat das Glas Hunderte, wenn nicht Tausende von Sprüngen. Ihr würdet eure Freiheit, sogar euer Leben für eine langweilige Aufgabe riskieren.«
»Eine noootwendige Aufgabe«, sagte Dendy. »Nicht waaahr?«
»Das stimmt natürlich. Die Gewächshäuser können nur wieder bepflanzt werden, wenn es uns gelingt, sie herzurichten.«
Efeu Risa schlängelte sich an Terlus Bein bis zum Knie hoch. »Dann machen wir es! Es ist schön, wach und am Leben zu sein, aber wir wollen auch einen Beitrag leisten. Außerdem«, Sif glitt wieder zu Boden und rollte sich zusammen, »ist mir die Singerei zuwider!«